Arbeit verpeilt, aber entspannt

Ich gehöre nicht hundertprozentig zu den Anhänger_innen des LOBO („lifestyle of bad organisation“), zeige aber hin und wieder solche Tendenzen. Alle paar Wochen muss also eine neue To-Do-Liste her oder die Gedanken kreisen um Getting Things Done-Konzepte. Falscher Ansatz: In „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdiziplin“ (rowohlt) raten Kathrin Passig und Sascha Lobo dazu, sich nicht über die eigene Disziplinlosigkeit zu ärgern, und auf keinen Fall zu versuchen, diese mit Selbstdisziplin zu bekämpfen. Stattdessen sollte sich diese unpraktische Welt um uns herum verändern, und wir können kreative Workarounds entwickeln, um die negativen Folgen der Prokrastination zumindest einzudämmen.

Ich suchte im Buchhandel vergebens auf dem Wirtschaftsstapel nach „Ding geregelt kriegen…“, weil ich es mit Holm Friebe und Thomas Ramges „Marke Eigenbau“ assoziiere. Das ist natürlich Quatsch: Auf dem Psychologie-Tisch wurde ich fündig, und da gehört Selbsthilfeliteratur ja auch hin. buchcoverPassig/Lobos Ansatz ist tatsächlich originell. Er verabschiedet sich vom Arbeitsethos, passt aber in unsere Zeit. Sich auf diesen Blickwinkel einzulassen könnte tatsächlich für seelische Entlastung und dann irgendwie doch wieder mehr Produktivität sorgen, und die netten Anekdoten und möglicherweise sogar hilfreichen Kniffe sind sowieso lesenswert.

Mir scheint, als verfolgen die ZIA-Leute mit einigen ihrer Veröffentlichungen ein konzertiertes Projekt einer Neubestimmung von Arbeit und Leistung. Im Fall von „Wir nennen es Arbeit“ sagt der Name schon alles, in „Marke Eigenbau“ wird die These aufgestellt, im 21. Jahrhundert dehne sich Individualisierung darauf aus, „wie wir arbeiten, produzieren, Geld verdienen und uns unseren Tag einteilen“, und von letzterem handelt das neue Buch von Passig und Lobo. Bei mir hatte die Lektüre dieser Schrift gegen die Selbstdiziplin einen ganz interessanten, paradoxen Effekt: Ohne jede äußere Notwendigkeit bin ich die ganze Woche über in den frühen Morgenstunden aufgestanden. Aber ich habe als Kind auch mit extremer Aufgedrehtheit auf einschläfernde Fieberzäpfchen reagiert.