Aufmerksamkeitsökonomie und die allwissende Müllhalde im Seminarraum

Mit ganz frischen Eindrücken von einem Blockseminar bin ich neulich über eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk Lükes Buch „Digitale Gesellschaft“ gestolpert. Die Studierenden, heißt es dort, hätten durch das Internet die Möglichkeit, live in der Vorlesung zu überprüfen, ob das, was die Dozentin vorne erzählt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: „Früher hätte man dafür in Bibliotheken gehen, sich Bücher bestellen und Fachzeitschriften durchblättern müssen. Heute ist zumindest eine oberflächliche Gegenprüfung binnen weniger Sekunden möglich“ (ebd. S. 79). Dieses Beispiel soll illustrieren, welche Chancen das Netz im Bereich der höheren Bildung bietet. Ich habe zwar keinen Hang zu medienpessimistischen Einstellungen, frage mich aber, ob die Autoren den Fragen, vor die Studierende und Lehrende gerade gestellt werden, damit gerecht werden. Reicht es aus, die Fakten zu überprüfen, die man vorgesetzt bekommt? Welche Probleme stellt die hochgelobte „unmittelbare Verfügbarkeit von Wissen“ uns im Lehrbetrieb?

Konzentration und Anerkennung
Meiner Erfahrung nach nutzen viele Studierenden ihre Laptops nicht (nur) für Liverecherchen und Mitschriften, sondern sind bei facebook, chatten und machen allgemeine Lebensverwaltung. Das darunter die Konzentration eingeschränkt wird liegt eigentlich auf der Hand. Dass die meisten, auch wenn sie anderes behaupten, an die Grenzen der eigenen Multitaskingfähigkeit stoßen, zeigt sich anhand der Qualität der Seminardiskussionen. Ich kenne das ja von mir, denn bei Netzkonferenzen ist es ja eh sozial akzeptiert, während eines Vortrages auf einen Display zu schauen. Dann schreibt eine mal schnell einen Tweet zum Thema oder liest eine DM und schwupp ist sie weg, die Aufmerksamkeit.

Für die Menschen, die Vorne stehen und etwas erzählen bedeutet das natürlich auch etwas. Gegen eine Wand zu sprechen ist keine schöne Erfahrung. Wenn Studierende Referate halten müssen sie auf aufmerksame Blicke und Signale des Verständnisses verzichten. Manchen gelingt es, Teile des Publikums zu fesseln, andere, zum Bespiel ein trockeneres Thema erwischt haben oder deren Sprache nicht gut verständlich ist (Akzent, Lautstärke, starke Aufregung usw. – auch hier werden Machtverhältnisse reproduziert) haben ein höheres Risiko, dass keine/r zuhört. Das hilft natürlich nicht dabei, den eigenen Vortragsstil zu verbessern und entspannter an Referate ranzugehen. Es entsteht außerdem eine Situation, wo die Studierenden denken müssen, dass sie diese Referate nur als Zeitfüller und für die Dozentin halten.

Im schlimmsten Fall ist die Seminarsitzung dann für die Katz, denn ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ergeben sich auch keine kritischen Nachfragen, aus denen gute, kontroverse und weiterführende Diskussionen entstehen können. Es bleibt bei einer oberflächlichen und frontalen Vermittlung von Wissen, solange keine disziplinarischen und didaktischen Geschütze aufgefahren werden.

Die Unordnung des Wissens
Ein weiteres Problem, dass mir aufgefallen ist, ist der zum Teil oberflächliche Umgang mit Wissen, der durch den ständig verfügbaren Zugang zum Netz hervorgerufen wird. Ich hatte in meinem letzten Seminar eine Aufgabe gestellt, die die Studierenden in Gruppen bearbeiten sollten. Es ging darum, Argumente für und gegen ein politisches Konzept zusammenzutragen und anschließend im Plenum vorzustellen. Ich erhoffte mir, dass die Studierenden in der kleineren Gruppe das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten und hoffte, dass die unterschiedlichen Argumentationen eine weiterführende Diskussion anregen würden. Zuvor hatte ich eine Einführung in das Thema gegeben sowie Lektüre zur Verfügung gestellt. Ich beobachtete den Verlauf der Gruppenarbeit einer Gruppe und stellte fest, dass die Studierenden sich zunächst mit individueller Recherche an ihren Rechnern beschäftigten, um dann einige Punkte zusammenzutragen, sich darüber aber auch nicht weiter auszutauschen, und sich schließlich wieder dem Netz zu widmen. Es fand keine Diskussion statt, kein Durchdenken der Frage und des politischen Konzeptes, keine eigenständige Strukturierung und Abwägung von Argumenten. Mir wurde klar, dass sie diesen Arbeitsauftrag als Rechercheauftrag verstanden hatten und nicht als Anregung, sich mit einem Gegenstand der Sitzung selbstständig auseinander zu setzen.

Dadurch kommt es auch vor, dass die Studierenden mit Stichwörtern um sich werfen, ohne sie sinnvoll einzuordnen. Gegenüber meiner Erfahrung an der Uni ist das eine andere Haltung gegenüber Wissen, bei der es um das Abrufen von Fakten aus der allwissenden Müllhalde Internet (google + wikipedia) geht, nicht aber um das Durchdenken von Problemen, der Entwicklung von Forschungsfragen entlang von Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten und Lösungsvorschlägen.

Lessons Learned?
Ich habe mir vorgenommen, diese Frage in zukünftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion darüber zu führen, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verknüpfen und was Wissen für sie im Kontext des Seminares bedeutet. Ich muss mir noch überlegen, wie das genau von statten gehen kann, aber es wird nichts schaden.

Unsicher bin ich mir noch, wie ich mit der Nutzung von Laptops im Seminar umgehe. Die Entwicklung, die Uni als verlängerte Schule anzugehen und sie zu einer Anstalt der Disziplin umzubauen, finde ich nicht gut. Dazu tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel die Klassenstruktur, die durch die Jahrgänge und Module im BA/MA-System oft entsteht und die den Bruch zwischen Schule und Uni verwischt. Ich halte auch nichts von Anwesenheitspflicht und Semesterobergrenzen. Wenn Leute keine Zeit, Lust oder an dem Tag nicht die Nerven dazu haben, ein Seminar zu besuchen, sollen sie lieber was anderes machen statt die Zeit abzusitzen. Im Seminarraum wünsche ich mir aber Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Interesse und Diskussionsfreude. Es gibt gute Methoden, um zum Beispiel das Niveau der Vorbereitung zu verbessern. Aber muss ich Aufmerksamkeit letztlich durch Verbote erzwingen? Einerseits wäre das im Interesse eines besseren Lernklimas, das für alle Seiten am Ende des Tages befriedigender ist. Andererseits sind das erwachsene Menschen, die selbst wissen bzw. lernen sollten, ob es ihnen was bringt, Seminare an sich vorbeirauschen zu lassen.

Während das Problem in meiner Studienzeit und auch in Seminaren, die ich seit dem gegeben habe, nicht aufgekommen ist, hat diese neue Erfahrung mir zu Denken gegeben und mich interessiert brennend, wie das anderswo gehandhabt wird und wie andere Studierende und Lehrende darüber denken. Ich bin auf der Suche nach Austausch und Anregungen.

10 Gedanken zu „Aufmerksamkeitsökonomie und die allwissende Müllhalde im Seminarraum“

  1. Die Frage ob das erwachsene Menschen sind ist glaub ich eines der Probleme, schließlich werden sie nach einem Schulsystem in die Universität geworfen, dass genau auf der Verbotsstruktur basiert, die du gerne vermeiden würdest. Daher glaube ich, dass gewisse Rückgriffe auf diese Normsetzung nötig sind, möglicherweise auch im Konsensverfahren indem ein Verhaltenskodex für das Seminar gemeinschaftlich aufgestellt wird.
    Daneben kam mir beim lesen der Gedanke, dass das Problem Rechercheauftrag vs. Diskutieren und Nachdenken, weniger an dem Arbeitsauftrag lag als vielmehr an der Struktur digitalen Wissens in google und wikipedia, da dort irgendwie alles als nicht zu diskutierender Fakt verbreitet wird. Diese Haltung, dass bestimmte Konzepte anhand von Theorien und Forschungsfragen gedanklich durchgearbeitet werden müssen, muss erst in den Studierenden hervorgerufen werden.

  2. Denke ich zurück, stelle ich fest, dass es mich sehr gestört hätte, wenn die Studierenden in meinen Veranstaltungen durchgängig ihren Rechner benutzt hätten. Natürlich leidet darunter die Konzentration, und der intellektuelle Austausch, für den ein Seminar da ist, findet nicht statt (oder nicht auf dem eigentlich möglichen Niveau). Ich hätte mich auch als Lehrender, der in die Vorbereitung und Durchführung Zeit und Engagement investiert, nicht anerkannt gefühlt. Die Haltung, mit der manche Studierende dieser Kritik begegnen, ärgert mich. Das Lehrpersonal solle halt seinen Job machen, die Studierenden hätten für die Veranstaltung über ihr persönliches Fortkommen hinaus (das womöglich nur darin besteht, den „Schein“ zu bekommen), keine Verantwortung für die VA. Das ist nicht nur deshalb falsch, weil Lehre (wie in meinem Fall) schlecht oder gar nicht entlohnt wird. Es offenbart auch eine ziemlich läppische Konsumhaltung, die sich mit der oft gleichzeitig vorgetragenen Kritik an „Verschulung“ und „Frontalunterricht“, kurz: mit der Forderung nach mehr Autonomie für die Studierenden nicht verträgt.

    Ich will aber nicht sagen, dass diese Haltung dominiert. Im Gegenteil. Ich glaube aber nicht, dass permanente, d.h. über klar bestimmte Aufgaben hinausgehende Computerbenutzung in der VA studentischer Autonomie nützt oder umgekehrt, dass ein Verbot sie effektiv einschränkt. Anders als Beckedahl und Lücke leuchtet es mir nämlich nicht ein, warum Recherche während des Seminars stattfinden muss; geschweige denn das „Gegenprüfen des Forschungsstandes“, das ja wohl eher mehrere Tage oder sogar Wochen in Anspruch nimmt als fünf Minunten Wikipedia-Surfing. Das Seminar ist idealerweise das Forum, in dem die Studierenden sich regelmäßig zusammenfinden um sich unter Anleitung über ihre Erkenntnisfortschritte und -probleme auszutauschen, die ihnen außerhalb der wöchentlichen 90 Minuten „zugestoßen“ sind. Leider entspricht die Wirklichkeit oft nicht diesem Ideal. Aber das bedeutet nicht, dass die Studis ihr Alleindenken in die VA verlegen sollen. Stattdessen soll man sie ruhig zur Recherche und Lektüre ermutigen — allerdings in Vor- und Nachbereitung der Veranstaltung.

    Ich muss vielleicht nachtragen, dass sich meine Lehrerfahrung auf zwei Veranstaltungen mit einer übersichtlichen Teilnehmerinnenzahl beschränkt. In größeren VAs mag es sein, dass Computerbenutzung weniger auffällt und deshalb nicht so sehr stört. Andererseits stellt sich gerade bei vielen Teilnehmer/innen das Trittbrettfahrer-Problem verschärft: Warum, denkt die einzelne Studierende, soll ausgerechnet ich zur Diskussion beitragen, wenn hier fünfzig andere Personen sitzen, die ebenfalls den Laden schmeißen könnten?

  3. hm, ich unterrichte sowi und gender studies und irgendwie sitzt da kaum jemand mit laptop oder ipad, ganz selten mal. und aktiv in die seminargestaltung habe ich das auch noch nie einbezogen. aber auch ich bemerke einen laxen umgang mit recherche- oder arbeitsaufträgen, obwohl ich mehrfach betone, dass wikis und google keine literaturdatenbanken sind…wenn du eine gute lösung gefunden hast, berichte bitte – ich bin gespannt!

  4. Deckt sich mit meinen Erfahrungen (Informatik/Wirtschaftsinformatik). Ich sehe nur tiefere Beschäftigung, wenn ich diese über die Aufgabenstellung erzwinge.

    Wir sind hier dazu übergegangen (wenn irgendwie möglich) solche Teilfragen in eine „große“ Aufgabe zu integrieren, deren Lösung am Ende präsentiert und verteidigt werden muss. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Veranstaltung klein genug ist.

    Es liegt wohl wirklich am fehlenden Bruch Schule/Uni. Ich versuche das ein wenig zu stressen, in dem ich in Übungen nur auf Fragen von Studierenden reagiere und Stoff nicht selbst portiniere und aufbereite (was auch irgendwie blöd ist).

    Es ist ein bisschen vergleichbar zu etwas, das Kristian Koehntopp mal erzählte: Früher gabs auf Schulungen in in Firmen viele Teambuilding-Massnahmen. Nach nem Schulungstag bildete man Gruppen und sass z.B. in Kneipen zusammen mit einer Liste aus Fragen. Der Austausch über die Quizfragen sollte Zusammenhalt aufbauen/stärken. In Zeiten des Smartphones sind die Zettel nach 5 Minuten erledigt. Genauso sieht es mit Fragen an Unis aus: Die Uni ist der Weg zum Abschluss, die Fragen sind die Hürde, die es zu überspringen gilt. Reine Faktenfragen (auch Zusammenstellung dieser) sind halt schnell gegoogelt und damit geistig abgehakt. Ich denke dass der Arbeitsauftrag da schon ein wenig den Geist auf die falsche Schiene bringt.

    Allerdings kann man leider auch nicht immer „gute“ Fragen stellen.

  5. Danke, jetzt fühle ich mich nicht mehr so allein ;-) Ich finde mich in vielem, was ihr schreibt wieder. @Melanie in gender studis habe ich bisher diese erfahrung auch noch nicht gemacht, was ich u.a. darauf zurück führen, dass die leute immer froh waren, dass sie mal ein seminar zu dem thema besuchen konnten. bei dem jetzigen seminar kann ich nicht einschätzen, warum die leute es gewählt haben („klang interessant“). aber das ist ja auch ok.
    @tante das mit der größeren aufgabestellung klingt interessant, ich weiß aber noch nicht, was das in meinem kontext sein könnte. ich war bisher davon ausgangen, dass die hausarbeit (oder ein längeres essay) als prüfungsleistung am besten ist, weil es die möglichkeit gibt, sich intensiv mit einem thema zu beschäftigen. das kann natürlich dazu führen, dass 95 % des stoffes ignoriert wird, weil man denkt, für die hausarbeit eh nur einen kleinen ausschnitt zu brauchen. klausuren wiederum finde ich zu verschult, viele kleine essays sind sehr stressig. ich kann mir vorstellen, dass ihr dann eher mit praktischen projekten arbeitet, aber in meinem bereich kann ich das noch nicht gut übertragen. werde aber drüber nachdenken.

  6. In meinem besten und interessantesten Seminar dieses Semester (Geschichte) hat uns der Dozent in der zweiten Sitzung einfach gebeten, Laptops und Handys während der Sitzungen in der Tasche zu lassen. Leuchtete auch allen Teilnehmer*innen ein, denn es ist wirklich viel angenehmer, ohne Bildschirme miteinander zu sprechen und zu diskutieren. Ich sitze selber viel vor dem Laptop, aber für 90 interessante Minuten lasse ich das gerne bleiben :)

    Deswegen würde ich diese unkomplizierte Herangehensweise auch weiterempfehlen!

  7. Das scheint wirklich ein Phänomen zu sein, was stark Studienfachabhängig ist.
    Als Doktorandin habe ich im Rahmen des Studium Generale eine Vorlesung zur Kunst- und Kultirgeschichte moderner Architektur gehört. Das ganze fand in einem riesigen Hörsaal mit 200 Studierenden statt und die meisten hatten ihren Laptop dabei, auf dem sie rumsurften, photoshopten, etc. Oder auch in ihren Skizzenbüchern rumkritzelten. Das hat mich als Hörerin (die keinen Schein brauchte, pure Anwesenheit hat genügt für meine Kreditpunkte) extrem abgelenkt und deshalb sehr genervt! Ich habe keine Ahnung, wie die „richtigen“ Studierenden ihre Prüfungsvorleistung geschafft haben.
    Auf der anderen Seite habe ich gleichzeitig eine Übungsassistenz für Ingenieursstudierende gemacht, wo ich an der Tafel einen vorher ausgeteilten Übungszettel vorgerechnet habe. Da gabs keine Laptops, sondern die haben alle eifrig handschriftlich (!) mitgeschrieben. Allerdings gab es auch wenig Fragen, was mich auch gestört hat, weil ich so nie wissen konnte, was sie verstanden hatten und wo ich vielleicht nochmal besser erklären hätte müssen.
    Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass mich auch als Zuhörerin die anderen Studierenden mit ihren Laptops sehr abgelenkt und gestört haben, hätte ich überhaupt kein Problem damit, als Dozentin die Dinger zu verbieten. Es gibt eine sinnvolle Begründung dafür, die nicht alleine darin begründet ist, dass sie die Dozentin stören sondern eben auch andere Studierende ablenken.

    Was den größeren Kontext angeht, den @tante vorgeschlagen hat: Ich glaube schon, dass das auch im theoretisch-geisteswissenschaftlichen Bereich funktioniert. Das Seminar hat ja schließlich einen inhaltlichen Rahmen und nicht jede Seminarsitzung ist inhaltlich in sich abgeschlossen, oder? Da sollte es doch möglich sein, Aufgaben so zu stellen, dass sie mehr ganzheitlich gedacht werden müssen, mit dem Fokus dann immer auf das Thema der aktuelle Sitzung. Würde auch bei den Referaten die Aufmerksamkeit erhöhen, wenn man die Studierenden auffordert, durchaus Bezug zu den vorherigen Referaten zu nehmen. Aber vielleicht habe ich auch eine falsche Vorstellung von deinem Seminar.

  8. Sehr interessantes Thema und Beiträge. Ich bin froh auf diesen Artikel gestoßen zu sein.

    In meinen Seminaren verhalten sich ein paar Studenten änhlich (Laptops auf, Konzentration weg) aber es gibt auch sehr interessierte Studierende. Leider fördert die BA/MA Struktur den Zustand des „Interesse haben“, also aus einem Zweck ein bestimmtes Fach zu sutdieren und einen Abschluss zu erlangen. Es geht immer weniger um das „interessiert sein“, also gemeinsam sich einer Aufgabe widmen und nach Erkenntnis streben. Ein tolles Buch zu diesem Thema ist „Jenseits der Exzellenz“ von Masschelein/Simons.

    Ich versuche das Seminar sehr auf die Bedürfnisse der Studierenden auszurichten, also, sie dort abzuholen, wo sie gedanklich stehen und von dort aus das Thema weiter zu entwicklen, bzw. die Theorie zu verknüpfen/anzuwenden. Es ist sehr schwierig eine Balance zwischen begeistern und interessiert-sein zu finden. Ich möchte nicht autoritär agieren, aber auch nicht zum akademischen Animateur werden. Es sollte um beidseitiges Interesse an der Sache gehen.

    Diese Haltung zu entwickeln/fördern bedarf es einer Beschäftigung mit dem Thema. Gerade am Anfang des Semesters kann man gut über die Eigenverantwortung des Lerndenn sprechen, gegenseitige Verantwortung den Kommilitonen gegenüber und Lehr-Lern Situationen. Man sollte die Gedanken fördern, die sich mit der eigenen Haltung, dem Interesse und der Verantwortung als Studierender beschäftigen. Eine Lösung habe ich aber noch nicht gefunden.

  9. Ich habe mir vorgenommen, diese Frage in zukünftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion darüber zu führen, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verknüpfen und was Wissen für sie im Kontext des Seminares bedeutet

    <3
    Das klingt für mich, der solche Fragestellungen nur aus (studierendeninternen) unibrennt-Kontexten kennt, wunderbar.

    Da ich auf einer rein naturwissenschaftlich-technischen Uni studiere, deren sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer überhaupt erst in den 1970er durch Studierende in die Studienpläne reinreklamiert wurden, gibt es bei uns wenig Seminare, die leider meistens auch nur so heißen und eher "Übungen" oder Vorbesprechungen zu schriftlichen Arbeiten gleichen, meine Erfahrungen sind also begrenzt.

    "Wissen während der Vorlesung überprüfen" kenne ich, teilweise auch von Lehrenden nachfragt. ("Wie die Pflanze auf Botanisch heißt fällt mir gerade nicht ein, Sie da, googeln sie das doch mal!") Es fällt mir aber schwer einzuschätzen ob ich, wenn ich mir etwas nachschaue, nicht den Aufbau der Vorlesung, bei dem die_der Lehrende sich ja was gedacht haben kann (oder wird, hoffentlich!), nicht für mich selbst zerstöre und eventuelle Denkprozesse gar nicht mehr nachvollziehen kann. Manchmal finde ich es aber sehr nützlich (oder einfach interessant), mir fehlende Bebilderung zu suchen.

    Nur für's Protokoll: Mit Block und Stift kann ich mich aber genauso gut ablenken wie mit Facebook und Twitter.

    Ich weiß nicht, wie häufig die Studierenden, mit denen zu tun hattest, schon Seminar absolviert haben – ich habe das Gefühl, dass diese Form der Lehrveranstaltung (in Österreich) immer mehr verschwindet.

  10. Ich studiere Anglistik und bei uns sitzt nur ganz selten mal jemand mit Laptop im Seminarraum, die meisten Anwesenden folgen zumindest oberflächlich betrachtet dem Seminar.

    Eine Schwierigkeit der bloßen unhinterfragten Internet-Recherche ist meiner Ansicht nach auch, dass im Internet im Prinzip jeder alles mögliche behaupten kann, man also zu vielen Themen auch auf falsch oder sehr verzerrt dargestellte Sachverhalte stößt. Ich denke, dass Laien und auch Studenten da oft nicht wahre von unwahren Darstellungen unterscheiden können, wenn sie die Artikel nicht überprüfen und miteinander durchdiskutieren.

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