Anti-Genderismus – Besprechung auf feinschwarz.net


In modernen Gesellschaften gibt es immer wieder Kämpfe um kulturelle Hegemonie, um die „Leitkultur“, die von allen beachtet werden soll. Auch die Auseinandersetzungen um Sexualität und Geschlecht sind als Teil dieses „Kulturkampfes“ zu identifizieren. Hinter Gender und Anti-Genderismus stehen die Verunsicherungen einer Gesellschaft, deren Veränderung zwar nicht steuerbar ist, die aber doch einen hohen Bedarf an Orientierung mit sich bringt. Es geht um Verunsicherungen durch prekär gewordene Arbeitsverhältnisse ebenso wie um Kämpfe um kulturelle Definitionshoheiten, die gegenwärtig geführt werden – samt ihren Aporien und Selbstwidersprüchen.

Quelle: Anti-Genderismus – feinschwarz.net

Der hier besprochene Band enthält einen Beitrag zu „Anti-Genderismus im Internet: Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes“, den ich zusammen mit Anna-Katharina Meßmer geschrieben habe.

Bewegung/en

Heute in der Post: Die gerade erschienene Sonderausgabe der Zeitschrift GENDER mit den Beiträgen zur 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Der Band enthält eine Reihe von Beiträgen zum Thema Bewegung/en, darunter auch ein Beitrag von mir über „Bewegte Subjektpositionen: Konflikte und Verschränkungen von Netzbewegung und Netzfeminismus“. Das Heft ist zugänglich über Fachbibliotheken und den Buchhandel.

Bauschke-Urban, Carola; Both, Göde; Grenz, Sabine; Greusig, Inka; König, Tomke; Pfahl, Lisa; Sabisch, Katja; Schröttle, Monika; Völker, Susanne (Hrsg.) Bewegung/en. Beiträge zur 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien, GENDER Sonderheft/Special Issue, Band 3.

Forschungsjournal Soziale Bewegungen: Zwischen Sichtbarkeit und Anonymität – Protest, Bewegung und digitale Kultur

Im Anschluss an die Tagung „Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten“ im November letzten Jahres ist gerade eine Schwerpunktausgabe des Forschungsjournals Soziale Bewegungen erschienen. Jana Ballenthien, Alex Hensel, Christoph Höft und Maren Ulbrich, mit denen ich die Tagung zusammen organisiert habe, waren Mitherausgeber_innen der Ausgabe. Von mir ist ein Artikel drin und ich bin sehr happy darüber, dass der Text auch online ist: Zehn Jahre Netzbewegung. Konflikte um Privatheit im digitalen Bürgerrechtsaktivismus vor und nach Snowden (PDF). Lesenswert ist das Heft aber vor allem auch aufgrund der anderen Beiträge, die mit unterschiedlichen theoretischen und analytischen Zuhängen eine ganze Bandbreite von Protestphänomenen in digitalen Öffentlichkeiten abdecken. Ricarda Drüeke beschäftigt sich zum Beispiel mit feministischer Hashtag-Aktivismus, es gibt einen Text von Miriam Grohmann, Layla Kamil Abdul-salam und Eva L. Wyss zu Selfie-Protesten und eine sehr interessante Analyse von Carsten Ochs zum Selbstdatenschutzdiskurs. Herauszuheben ist auch ein Sammelinterview mit Antje Schruppe, yetzt und Stephan Urbach u.a. (PDF). Das Inhaltsverzeichnis, Abstracts und alles weitere auf der Website des FJSB.

CFP: Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten – Grassroots zwischen Autonomie, Aufschrei und Überwachung

Ich bin derzeit, neben allerlei anderem, mit der Planung einer Tagung beschäftigt, die Ende November 2014 in Göttingen von Statten gehen wird. Der Call for Papers ist gerade angelaufen und geht noch bis zum 20. Juni. Ich bin gespannt auf die Einreichungen. Den Call und weitere Infos zu diesem Projekt findet ihr auf digitale-oeffentlichkeiten.de.

Aufmerksamkeitsökonomie und die allwissende Müllhalde im Seminarraum

Mit ganz frischen Eindrücken von einem Blockseminar bin ich neulich über eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk Lükes Buch „Digitale Gesellschaft“ gestolpert. Die Studierenden, heißt es dort, hätten durch das Internet die Möglichkeit, live in der Vorlesung zu überprüfen, ob das, was die Dozentin vorne erzählt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: „Früher hätte man dafür in Bibliotheken gehen, sich Bücher bestellen und Fachzeitschriften durchblättern müssen. Heute ist zumindest eine oberflächliche Gegenprüfung binnen weniger Sekunden möglich“ (ebd. S. 79). Dieses Beispiel soll illustrieren, welche Chancen das Netz im Bereich der höheren Bildung bietet. Ich habe zwar keinen Hang zu medienpessimistischen Einstellungen, frage mich aber, ob die Autoren den Fragen, vor die Studierende und Lehrende gerade gestellt werden, damit gerecht werden. Reicht es aus, die Fakten zu überprüfen, die man vorgesetzt bekommt? Welche Probleme stellt die hochgelobte „unmittelbare Verfügbarkeit von Wissen“ uns im Lehrbetrieb?

Konzentration und Anerkennung
Meiner Erfahrung nach nutzen viele Studierenden ihre Laptops nicht (nur) für Liverecherchen und Mitschriften, sondern sind bei facebook, chatten und machen allgemeine Lebensverwaltung. Das darunter die Konzentration eingeschränkt wird liegt eigentlich auf der Hand. Dass die meisten, auch wenn sie anderes behaupten, an die Grenzen der eigenen Multitaskingfähigkeit stoßen, zeigt sich anhand der Qualität der Seminardiskussionen. Ich kenne das ja von mir, denn bei Netzkonferenzen ist es ja eh sozial akzeptiert, während eines Vortrages auf einen Display zu schauen. Dann schreibt eine mal schnell einen Tweet zum Thema oder liest eine DM und schwupp ist sie weg, die Aufmerksamkeit.

Für die Menschen, die Vorne stehen und etwas erzählen bedeutet das natürlich auch etwas. Gegen eine Wand zu sprechen ist keine schöne Erfahrung. Wenn Studierende Referate halten müssen sie auf aufmerksame Blicke und Signale des Verständnisses verzichten. Manchen gelingt es, Teile des Publikums zu fesseln, andere, zum Bespiel ein trockeneres Thema erwischt haben oder deren Sprache nicht gut verständlich ist (Akzent, Lautstärke, starke Aufregung usw. – auch hier werden Machtverhältnisse reproduziert) haben ein höheres Risiko, dass keine/r zuhört. Das hilft natürlich nicht dabei, den eigenen Vortragsstil zu verbessern und entspannter an Referate ranzugehen. Es entsteht außerdem eine Situation, wo die Studierenden denken müssen, dass sie diese Referate nur als Zeitfüller und für die Dozentin halten.

Im schlimmsten Fall ist die Seminarsitzung dann für die Katz, denn ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ergeben sich auch keine kritischen Nachfragen, aus denen gute, kontroverse und weiterführende Diskussionen entstehen können. Es bleibt bei einer oberflächlichen und frontalen Vermittlung von Wissen, solange keine disziplinarischen und didaktischen Geschütze aufgefahren werden.

Die Unordnung des Wissens
Ein weiteres Problem, dass mir aufgefallen ist, ist der zum Teil oberflächliche Umgang mit Wissen, der durch den ständig verfügbaren Zugang zum Netz hervorgerufen wird. Ich hatte in meinem letzten Seminar eine Aufgabe gestellt, die die Studierenden in Gruppen bearbeiten sollten. Es ging darum, Argumente für und gegen ein politisches Konzept zusammenzutragen und anschließend im Plenum vorzustellen. Ich erhoffte mir, dass die Studierenden in der kleineren Gruppe das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten und hoffte, dass die unterschiedlichen Argumentationen eine weiterführende Diskussion anregen würden. Zuvor hatte ich eine Einführung in das Thema gegeben sowie Lektüre zur Verfügung gestellt. Ich beobachtete den Verlauf der Gruppenarbeit einer Gruppe und stellte fest, dass die Studierenden sich zunächst mit individueller Recherche an ihren Rechnern beschäftigten, um dann einige Punkte zusammenzutragen, sich darüber aber auch nicht weiter auszutauschen, und sich schließlich wieder dem Netz zu widmen. Es fand keine Diskussion statt, kein Durchdenken der Frage und des politischen Konzeptes, keine eigenständige Strukturierung und Abwägung von Argumenten. Mir wurde klar, dass sie diesen Arbeitsauftrag als Rechercheauftrag verstanden hatten und nicht als Anregung, sich mit einem Gegenstand der Sitzung selbstständig auseinander zu setzen.

Dadurch kommt es auch vor, dass die Studierenden mit Stichwörtern um sich werfen, ohne sie sinnvoll einzuordnen. Gegenüber meiner Erfahrung an der Uni ist das eine andere Haltung gegenüber Wissen, bei der es um das Abrufen von Fakten aus der allwissenden Müllhalde Internet (google + wikipedia) geht, nicht aber um das Durchdenken von Problemen, der Entwicklung von Forschungsfragen entlang von Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten und Lösungsvorschlägen.

Lessons Learned?
Ich habe mir vorgenommen, diese Frage in zukünftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion darüber zu führen, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verknüpfen und was Wissen für sie im Kontext des Seminares bedeutet. Ich muss mir noch überlegen, wie das genau von statten gehen kann, aber es wird nichts schaden.

Unsicher bin ich mir noch, wie ich mit der Nutzung von Laptops im Seminar umgehe. Die Entwicklung, die Uni als verlängerte Schule anzugehen und sie zu einer Anstalt der Disziplin umzubauen, finde ich nicht gut. Dazu tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel die Klassenstruktur, die durch die Jahrgänge und Module im BA/MA-System oft entsteht und die den Bruch zwischen Schule und Uni verwischt. Ich halte auch nichts von Anwesenheitspflicht und Semesterobergrenzen. Wenn Leute keine Zeit, Lust oder an dem Tag nicht die Nerven dazu haben, ein Seminar zu besuchen, sollen sie lieber was anderes machen statt die Zeit abzusitzen. Im Seminarraum wünsche ich mir aber Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Interesse und Diskussionsfreude. Es gibt gute Methoden, um zum Beispiel das Niveau der Vorbereitung zu verbessern. Aber muss ich Aufmerksamkeit letztlich durch Verbote erzwingen? Einerseits wäre das im Interesse eines besseren Lernklimas, das für alle Seiten am Ende des Tages befriedigender ist. Andererseits sind das erwachsene Menschen, die selbst wissen bzw. lernen sollten, ob es ihnen was bringt, Seminare an sich vorbeirauschen zu lassen.

Während das Problem in meiner Studienzeit und auch in Seminaren, die ich seit dem gegeben habe, nicht aufgekommen ist, hat diese neue Erfahrung mir zu Denken gegeben und mich interessiert brennend, wie das anderswo gehandhabt wird und wie andere Studierende und Lehrende darüber denken. Ich bin auf der Suche nach Austausch und Anregungen.

Keine Bären auf dem Ponyhof

Der Erklärbär. Ein Wesen, dass Leute an die Hand nimmt, die kritische Interventionen in Sachen Rassismus, Sexismus, Transphobie, Abelism und co. nicht auf Anhieb verstehen, weil sie zu voraussetzungreich formuliert sind und/oder die eigenen Abwehrmechanismen den Weg versperren. Der Erklärbär ist kuschelig, verbreitet Harmonie, ist geduldig und kann gut erklären, ohne unbekannte Begriffe und komplizierte Sätze. Der Erklärbar hat diese guten Eigenschaften, weil er von struktureller Dominanz nicht betroffen ist. Er ist ja ein Bär. (Die kleine Antispezizistin in mir ruft: „As if!“) Ich muss euch was erzählen: Es gibt diesen Bären gar nicht. Wir sind alle im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, durch die wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Es gibt darum keinen neutralen Standpunkt, der von oben auf das Geschehen schauen kann, es gibt nur die unbekümmerte Ignoranz des Unmarkierten.

Jetzt wird es wieder heißen: „Unmarkiert? Was issn das für ein überheblicher Akademikersprech?“

Um etwas benennen zu kennen braucht es Sprache und Wissen. Auch das ist nicht neutral, sondern von diesen Machtverhältnissen, um die es gerade geht, geprägt. Einige PoC, Frauen, Queere Leute, Menschen mit Behinderung (diese Kategorien schließen sich alle nicht gegenseitig aus und die aufgezählten Kategorien können auch nicht vollständig sein) haben sich in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeit erkämpft, in bestimmten gesellschaftlichen Räume wie der Wissenschaft oder den Medien Positionen einzunehmen. Sie mussten sich dieser Institutionen bemächtigen, um ihre Belange überhaupt artikulieren zu können und gehört zu werden. Daraus jetzt einen Strick zu drehen ist eine harte Nummer.

Sich mit struktureller Dominanz, Privilegien und dem, was das mit mir selbst macht zu beschäftigen ist kein Ponyhof. Das Leben auf der anderen Seite der Hegemonie aber erst recht nicht. Wenn es um Gerechtigkeit gehen soll, müssen wir den Ponyhof verlassen. Dabei sind Abwehrreaktionen an der Tagesordnung. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, wo ich versuche, Gründe dafür zu finden, warum mein Verhalten oder meine Gefühle rational sind und nichts mit der Dominanz meiner Position zu tun haben. Ich ertappe mich dabei, die Irrationalität auf der anderen Seite zu suchen. Ich erkenne nicht immer sofort an, dass andere mehr Erfahrungen haben, die Welt wirklich anders erleben müssen und entsprechend Strategien entwickeln, die ich erstmal merkwürdig finde. Ich bin froh, Leute in meinem Umfeld zu haben, mit denen ich mich zu solchen Themen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen kann. Aber was mir auch hilft ist der innere Dialog zwischen mir und dem Anderen. Das können politische Haltungen oder konkrete Personen aus meinem Umfeld sein. Die wissen das gar nicht. Ich habe meinen inneren Scheiterhaufen, meine innere Do., meine innere Lantzschi, die innere Antideutsche und noch ganz viele mehr. Mit denen kann ich mich auch auseinandersetzen, ohne konkreten Personen mit meinen halbdurchdachten Abwehrreflexen auf die Nerven zu gehen. Ich wünsche mir, dass Leute sich auch mal im inneren Dialog üben, statt wütig über den Ponyhof zu rennen, um sich einen Erklärbären zu fangen.

mainstreaming the _

Ich sehe ihn seit einiger Zeit nicht mehr nur in queer-feministischen Texten und auf Flyern, sondern auch in unszenig daherkommenden Wohnungsgesuchen an Straßenlaternen. Ich bin mir nicht sicher, ob die performative Bedeutung, die Steffen Kitty Hermann dem linguistischen gender_gap ihrer Zeit verliehen hat, allen, die den _ nutzen bekannt ist, oder ob das _ einfach für cooler befunden wird als das olle Binnen-I. Aber sei’s drum … (Oder wie seht ihr das?)
Neustes Fundstück: In der Rezension von Andreas Fischer-Lescano (Professor für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Uni Bremen) zur Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ von Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg heißt es:

Zu Guttenbergs Argumentation mäandert vor sich hin und zermürbt die Leser_innen durch seitenlanges Politsprech und die Nacherzählung rechtspolitischer Diskussionen im Konvent. (…) Zu Guttenberg bedient sich bei einer ganzen Reihe von Texten und Autor_innen, ohne die Fremdzitate lege artis kenntlich zu machen. (…) Im hinteren Bereich der Arbeit, wo zu Guttenberg die Notwendigkeit des Gottesbezuges in Verfassungen thematisiert und laizistischen Vertreter_innen vorwirft, dass sie ein Vakuum schaffen, in dem Fundamentalismen aller Art gegenüber dem Humanismus und der Aufklärung leichtes Spiel haben, gibt es weitere urheberrechtlich problematische Passagen.1

  1. Andreas Fischer-Lescano: Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg, Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. In: Kritische Justiz, Nr. 1/2011, S. 112–119 (PDF). [?]

Stilblüte

Wenn Vorurteile klar erkenntlich überspitzt und sterilisiert dargestellt werden und diese Einsicht zusätzlich durch filmtheoretische Betrachtung gestützt werden kann, kommuniziert der Film die Absurdität des Gezeigten und beschreibt damit sein differenziertes Gegenteil. (Quelle, Kontext)

Plus: Durch die Etablierung von Männertagen hat der AStA sich gegen Diskriminierung an der Uni Hamburg eingesetzt.

Inszenierung von Privilegien

Wenn (weiße) Student_innen ungewöhnlich früh an der Uni sind und den Reinigungskräften begegnen, denken sicher viele für einen Moment darüber nach, wie ihre Universität – die zumindest in meiner (möglicherweise veralteten) Vorstellung – nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensraum vieler Studierender ist, eigentlich funktioniert. Unter welchen Bedingungen und zu welchen Löhnen Leute die Räume gereinigt werden, während Studierende noch selig schlafen und was eigentlich der Grund dafür ist, dass bestimmte Leute das Bild in den Hörsälen und Seminarräumen prägen, während man andere nur früh am Morgen ihrer Arbeit nachgehen sieht. Bei anderen wiederum scheinen solche Begegnungen Phantasien des wilden, unzähmbaren Afrika auszulösen. Anlässlich eines skandalösen „Image-Films“ des Hamburger Uni-AStA hat die AG Queer Studies heute ein Statement veröffentlicht. Dort findet ihr auch viele Links zum Anlass des Protestes.

Barrierefreiheit

Die AG Queer Studies beschäftigt sich seit längerem in der Vortragsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ mit den Schnittpunkten von Queer und Disability Studies. Im vergangenen Januar wurde beispielsweise gemeinsam mit dem Zentrum für Disability Studies, beispielsweise ein Workshop mit Robert McRuer (Vortragsmitschnitt) und Heike Raab zu diesem Thema veranstaltet. Da es für unsere Arbeit wichtig ist, Theorie und Praxis nicht als getrennte, widersprüchliche Sphären zu denken – wir gehen vielmehr von einer Praxis der Theorieproduktion aus –, sind die Themen Barrierefreiheit und Zugänglichkeit zunehmend in den Fokus gerückt. Dabei geht es nicht nur um rollstuhlgerechte Gebäude, sondern zum Beispiel auch darum, wie auch von Hörbehinderung betroffene und kulturell gehörlose Menschen an universitären Veranstaltungen teilnehmen können.

Gemeinsam mit dem Zentrum für Disability Studies und iDeas haben wir nun eine Initiative gestartet, damit die Veranstaltungen des Allgemeinen Vorlesungswesens, also u.a. unsere Vorlesungsreihe, barrierefreier wird. Die Universität Hamburg soll Mittel bereitstellen, damit wir und andere Veranstalter_Innen Gebärdensprachdolmetscher_Innen und Schriftmittler_Innen einsetzen können. Bitte unterstützt unsere Petition hier und verbreitet den Aufruf weiter.
Im Folgenden dokumentieren wir den Aufruf, der auf http://www.ipetitions.com/petition/barrierefreiheitunihh/ unterstützt werden kann:

Sehr geehrter Präsident Prof. Dr. Lenzen,

das Allgemeine Vorlesungswesen an der Universität Hamburg hat mit öffentlichen Vortragsreihen seit seinem Bestehen dazu beigetragen, den BürgerInnen der Stadt Hamburg einen Einblick in Wissenschaft und Forschung zu verschaffen. Jedoch ist es einer ganzen Gruppe von Menschen zumeist verwehrt, den Vorträgen zu folgen, da sie schwerhörig, ertaubt oder gehörlos sind. Sie benötigen DometscherInnen für eine Übersetzung in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und SchriftmittlerInnen, um die Vorträge verstehen zu können. (1) Selbst von Behinderung betroffene Studierende haben häufig Schwierigkeiten für diese Vorlesungen Unterstützung zu bekommen, da die Veranstaltungen keine Pflichtveranstaltungen im Sinne ihrer Studienordnung sind. Somit können viele Personen nicht von den Vorlesungsreihen profitieren und sich weiterbilden.
Die UN-Konvention für die Rechte der Menschen mit Behinderungen, die auch von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde, verpflichtet die Vertragsstaaten in Artikel 24, „dass Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner tertiärer Bildung, (…), Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden.“ (2)
Wir fordern Sie hiermit auf, grundsätzlich unabhängig von etwaigen individuellen Nachteilsausgleichen geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die den Zugang von behinderten Menschen zur Universität Hamburg sicher stellen und es insbesondere allen Menschen ermöglichen, an den Veranstaltungen des Allgemeinen Vorlesungswesens teilzunehmen. Hierzu gehört auch die bedarfsgerechte Finanzierung von entsprechenden Hilfen wie Dolmetschdiensten und SchriftmittlerInnen. Wir bitten Sie darum, lassen Sie den Empfehlungen „Eine Hochschule für Alle“ der Hochschulrektorenkonferenz Taten folgen, setzen Sie sich für die Barrierefreiheit ein, und erhöhen Sie damit die Attraktivität der Veranstaltungen des Allgemeinen Vorlesungswesens auch für behinderte Menschen.


1 Welche Assistenzform benötigt wird, hängt vom jeweiligen kulturellen Hintergrund ab: Lautsprachlich sozialisierte von Hörbehinderung betroffene Menschen benötigen Schriftmittlung, kulturell gehörlose Menschen Dolmetschung in Deutscher Gebärdensprache.
2 http://www.netzwerk-artikel-3.de/attachments/093_schattenuebersetzung-endgs.pdf
Viele Grüße

Eure AG Queer Studies