Anti-Genderismus – Besprechung auf feinschwarz.net


In modernen Gesellschaften gibt es immer wieder Kämpfe um kulturelle Hegemonie, um die „Leitkultur“, die von allen beachtet werden soll. Auch die Auseinandersetzungen um Sexualität und Geschlecht sind als Teil dieses „Kulturkampfes“ zu identifizieren. Hinter Gender und Anti-Genderismus stehen die Verunsicherungen einer Gesellschaft, deren Veränderung zwar nicht steuerbar ist, die aber doch einen hohen Bedarf an Orientierung mit sich bringt. Es geht um Verunsicherungen durch prekär gewordene Arbeitsverhältnisse ebenso wie um Kämpfe um kulturelle Definitionshoheiten, die gegenwärtig geführt werden – samt ihren Aporien und Selbstwidersprüchen.

Quelle: Anti-Genderismus – feinschwarz.net

Der hier besprochene Band enthält einen Beitrag zu „Anti-Genderismus im Internet: Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes“, den ich zusammen mit Anna-Katharina Meßmer geschrieben habe.

Netzpolitik verstehen

Die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt lädt ein, zu einem Diskussions- und Filmabend über die Netzpolitik. Gemeinsam mit Politikern und Netzaktivisten soll diskutiert werden, welchen Platz Netzpolitik in der politischen Bildung haben kann. Zudem wird eine Filmdokumentation der letzten netzpolitischen Brüsselfahrt gezeigt, sowie eine Episode der britischen Serie „Black Mirror“. Gäste: Petra Sitte (MdB, Die Linke), Matthias Graner (MdL, SPD), Tobias Wangermann (Konrad-Adenauer-Stiftung) und Kathrin Ganz (TU Hamburg-Harburg). Moderation: Jule Eikmann (Breitband, Deutschlandradio Kultur). Eintritt frei.

10. Februar 2016, 19-21 Uhr im Puschkino in Halle an der Saale.

Forschungsjournal Soziale Bewegungen: Zwischen Sichtbarkeit und Anonymität – Protest, Bewegung und digitale Kultur

Im Anschluss an die Tagung „Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten“ im November letzten Jahres ist gerade eine Schwerpunktausgabe des Forschungsjournals Soziale Bewegungen erschienen. Jana Ballenthien, Alex Hensel, Christoph Höft und Maren Ulbrich, mit denen ich die Tagung zusammen organisiert habe, waren Mitherausgeber_innen der Ausgabe. Von mir ist ein Artikel drin und ich bin sehr happy darüber, dass der Text auch online ist: Zehn Jahre Netzbewegung. Konflikte um Privatheit im digitalen Bürgerrechtsaktivismus vor und nach Snowden (PDF). Lesenswert ist das Heft aber vor allem auch aufgrund der anderen Beiträge, die mit unterschiedlichen theoretischen und analytischen Zuhängen eine ganze Bandbreite von Protestphänomenen in digitalen Öffentlichkeiten abdecken. Ricarda Drüeke beschäftigt sich zum Beispiel mit feministischer Hashtag-Aktivismus, es gibt einen Text von Miriam Grohmann, Layla Kamil Abdul-salam und Eva L. Wyss zu Selfie-Protesten und eine sehr interessante Analyse von Carsten Ochs zum Selbstdatenschutzdiskurs. Herauszuheben ist auch ein Sammelinterview mit Antje Schruppe, yetzt und Stephan Urbach u.a. (PDF). Das Inhaltsverzeichnis, Abstracts und alles weitere auf der Website des FJSB.

Secret Sister: Ein Schneeballsystem

Seit Oktober geht eine Aktion durch die Sozialen Netzwerke, die Geschenke Geschenke Geschenke verspricht. Secret Sister funktioniert so: Wer mitmacht, schickt einer anderen Secret Sister ein Geschenk im Wert von bis zu 10 Dollar oder Euro. Sie kann sich dann (angeblich) darauf freuen, von anderen Sisters bis zu 36 Geschenke zugeschickt zu bekommen, muss dazu allerdings sechs weitere Mit-Sisters in das System rekrutieren. Wie Wichteln, nur mit besserem Return of Investment. Unter dem Hashtag #secretsister werden auf Twitter und Instagram jetzt die Fotos von frisch ausgepacktem Nagellack und anderen Dingen gepostet und die Beschenkten sind ganz gerührt.

Anyone interested in a Holiday Gift exchange? I don’t care where you live – you are welcome to join. I need 6 (or more) ladies of any age to participate in a secret sister gift exchange. You only have to buy ONE gift valued at $10 or more and send it to one secret sister and you will receive 6-36 in return!
Let me know if you are interested and I will send you the information!
TIS THE SEASON! and its getting closer. COMMENT if You’re IN and I will send you a private message.

Öffentliche Postings dieser Art machen Lust, teilzunehmen. Die Instruktionen gibt es dann per Privatnachricht, vermutlich mit Adressen (mich würde interessieren, wie diese aussehen). Secret Sister ist ein klassisches Schneeballsystem, auch Pyramidensystem genannt, bzw. eine Unterform davon: Der Schenkkreis. Das ist nichts Neues. Ich erinnere mich noch daran, dass eine Nachbarin immer wieder versucht hat, meine Mutter für solcherlei Projekte zu gewinnen. Damals ging es um Geschirrhandtücher(!) und Kinderbücher.

Das Problem mit Schneeballsystemen ist, dass sie schnell an die Wand fahren. Diejenigen, die das Ding gestartet haben oder früh eingestiegen sind, nehmen die Geschenke mit, während die unteren Reihen sich abrackern, um weitere Mitstreiterinnen zu gewinnen, am Ende aber leer ausgehen.

Mathematisch funktioniert das so (Potenzen!)

6^0 = 1 (Die erste Person sucht sich 6 Mitspieler_innen)
6^1 = 6 (Diese gewinnen jeweils wieder 6 Mitspieler_innen)
6^2 = 36 (usw.)
6^3 = 216
6^4 = 1296
6^5 = 7776
6^6 = 46.656
6^7 = 279.936
6^8 = 1.679.616
6^9 = 10.077.696
6^10 = 60.466.176
6^11 = 362.797.056
6^12 = 2.176.782.336 (> 2 Milliarden)
6^13 = 13.060.694.016 (> Weltbevölkerung)

Ich vermute, dass es in den ersten sechs Reihen ganz gut läuft und dann schwieriger wird. Wer neu einsteigt, weiß natürlich nicht, an welchem Punkt in der Kette sie das tut. Spätestens in Reihe 12 sind die Lady-Internetnutzer_innen der Welt alle dabei und in Reihe 13 braucht das Spiel 13 Milliarden Teilnehmer_innen, also fast die doppelte Weltbevölkerung.

Schneeballsysteme in Form von Geschäftsmodellen oder Bargeld-Schenkkreisen sind in vielen Ländern illegal – wie zum Beispiel Snopes.com für die USA erklärt. Bei Geschenken von geringem Wert wie in diesem Spiel dürfte die Teilnahme in Deutschland juristisch unproblematisch sein, denn wirklich viel zu verlieren gibt es letztlich nicht. Allerdings wird vor Identitätsdiebstahl gewarnt.

Ich persönlich wundere mich ehrlich gesagt darüber, warum viele bei dem Versprechen, eine Sache zu geben und 36 dafür zurück zu bekommen, nicht skeptisch sind. Ehrlich gesagt finde ich es auch ein bisschen greedy, aber gut, das legt uns der Kapitalismus (Vorsicht: Abbildung enthält verkürzte Kapitalismuskritik) auch nahe. TIS THE SEASON! Aber tut euch einen Gefallen und wichtelt lieber one to one.

nrrrdz000025: schlusspunkt

nrrrdz logoEs ist so weit: Die letzte Folge nrrrdz. Vor ziemlich genau sechs Jahren haben wir die Idee in die Tat umgesetzt, einen feministischen Podcasts über Internet und Technik zu machen. Seitdem hat sich einiges verändert – nicht nur in unserer beider Leben, sondern auch was Podcasts und Netzfeminismus angeht. In der letzten Folge machen wir deshalb keine neuen Fässer auf, sondern blicken ein bisschen zurück und verabschieden uns ganz herzlich von allen Hörer_innen. Und weil wir sie in der Folge nicht erwähnt haben, an dieser Stelle noch mal einen besonderen Dank an @sv, die das Intro für Nrrrdz gemacht hat. o/

 
Download (mp3, 33,4 MB, 72 Minuten)

Weitere Links:
Zeitschrift des Frauenrats (Ausgabe 3/2015): Total digital – oder: wem gehört das Netz?

nrrrdz000024: räume gestalten

nrrrdz logoIn der dritten Folge des Jahres (und damit haben wir schon mehr als 2013 geschafft!) geht es um Lauffeuer. Silke hat versucht, Leute dazu zu bringen, sich beim freien und dezentralen Netzwerk Friendica anzumelden und Marlen hat sich auf den Versuch eingelassen. Außerdem geht es um Marlens Krypotgraphischen Salon, ihre Reise nach Atlanta, die Play14 und die Informatica Feminale. Wir streifen kurz das Gamergate und am Ende gibt es einen Veranstaltungstipp für November: Die Tagung Politisches Handeln in Digitalen Öffentlichkeiten in Göttingen.

Weitere Links:
Silke Meyer: Drei Monate #lauffeuer: Glimmt es noch?
Laurie Penny: Why We’re Winning: Social Justice Warriors and The New Culture War

 
Download (mp3, 57,3 MB, 125 Minuten)

Netzpolitik, Mad-Men-Style? Framing und Strategie angesichts der Totalüberwachung

Auf der re:publica war ich dieses Jahr nur als Zaungast. Ein paar Vorträge habe ich mir im Stream angeschaut, darunter einen größeren Teil von Sascha Lobos Rede zur Lage der Nation. Lobo beschäftigt sich damit, wie Politik und Zivilgesellschaft auf das seit den Snowden-Leaks bekannte Ausmaß an Überwachung reagieren sollen. Die Antwort in Kürze: Mehr Druck auf die deutsche Politik ausüben. Mehr Geld an die netzpolitischen Vereine spenden, damit die das organisieren können. Außerdem brauchen wir die richtige Sprache, um unsere Wut ausdrücken zu können.

Lobos Darbietung, dieses merkwürdige Meta-Ebenen-Charisma in maximaler Rollendistanziertheit, interessiert mich nicht. Lobo taugt aber als Anlass, um über die zivilgesellschaftliche Netzpolitik nach Snowden nachzudenken.

Wie sprechen wir über die NSA, PRISM, die Welt nach und auch vor Snowden? Die NSA ist nicht der einzige Geheimdienst, PRISM nicht das einzige Überwachungsprogramm und die Welt vor Snowden war ja keine andere als danach. Außerdem ist die Sache keine Affäre. Eine Affäre wäre ein Skandal, bei dem einzelne Akteur*innen ein falsches Spiel in einem ansonsten stimmigen System getrieben haben. Ein Skandal, den es es aufzuklären gilt, wo man identifizieren muss, wer seinen Hut nehmen muss, vielleicht noch ein oder zwei neue Gesetze verabschieden, um Machtmissbrauch in Zukunft zu verhindern und dann ist es gut. Die NSA-Geschichte scheint mir größer als das zu sein.

Der Zustand des Systems als Ereignis

Lobo erkennt dieses Problem und macht sich auf die Suche nach neuen Frames. „Spähattacke“ zum Beispiel. Das klingt nicht nur merkwürdig, sondern passt genauso wenig. Anatol Stefanowitsch schreibt, dass Angriffs-Frame sei ungeeignet, weil sich diese Sache nicht wie ein Angriff anfühlt. Das sehe ich auch so, und ich würde sogar noch weiter gehen: Die Totalüberwachung ist kein Ereignis, sondern ein Zustand. Die Totalüberwachung ist genauso wenig ein Angriff wie der Fordismus eine Fließbandattacke war.

Thunderbird assembly line
Ford Thunderbird Assembly Plant, 1965 | Wikimedia Commons CC-PD-Mark PD Old

Ich halte Totalüberwachung für den Begriff, der diesen Zustand am besten auf einen Namen bringt.

Als eine, die mit Bewegungsforschung zu tun hat, finde ich es erstmal interessant, warum sich plötzlich alle für Frames (und auch für Narrative) interessieren. Der Begriff Framing wird in den Sozialwissenschaften verwendet, wenn es darum geht, wie Menschen über die Welt da draußen kommunizieren. Bei Wikipedia steht sogar Realität. Er ist nützlich, um zum Beispiel zu untersuchen, wie Soziale Bewegungen in ihrer Kommunikation darüber sprechen, wo das Problem liegt („diagnostic frame“), was zu tun ist („motivational frame“) und was werden soll („prognostic frame“, nach Benford/Snow). Das Problem am Framing-Begriff ist aus meiner Sicht aber, dass er den Eindruck erweckt, man könnte erfolgreiche Frames am Reißbrett entwickeln.

In einem digitalen Bewegungsraum, der offensichtlicher noch als die Welt da draußen aus Zeichen besteht, ist es äußerst verlockend, die Lösung in der Sprache zu finden. Ich will auch gar nicht ausschließen, dass es möglich ist, das Wissen über Frames zweckgerichtet anzuwenden. Das machen Werbeargenturen und Wahlkampfstrateg*innen ja auch. Vielleicht könnte es eine netzbewegte Peggy Olson schaffen, aus der Totalüberwachung einen schönen -ismus zu machen, der die Sache auf den Punkt bringt.

Ich habe aber den Eindruck, dass diese all zu sprachfixierte Denke dazu verleitet, andere, ebenso wichtige Aspekte auszublenden. Zum Beispiel die Frage nach der Strategie und nach der Organisation. Auf diesen Aspekt hat mich Felix Schwenzels rp14-Vortrag gestoßen, der einen Vergleich zur US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zieht. Schwenzel berichtet von einem Foto, das der Bürgerrechtsbewegung seiner Lesart nach den entscheidenden Push gab, der letztlich zum Erfolg, der Unterzeichnung des Civil Rights Act von 1964 führte. Das ist der Traum vom ultivmativen Kommunikationsakt. Schwenzel erwähnt auch die Organisationsleistung, die zu dem Ereignis führte, das hier fotografisch festgehalten wurde – aber nur am Rande. Hinter dem Foto stehen Strategiedebatten, Konflikte innerhalb der Bürgerrechtsbewegung, Workshops zu nonviolence und anderen Widerstandsformen. Der zivile Ungehorsam der Bürgerrechtsbewegung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde in Anbetracht der gegebenen politischen Situation und einer Analyse von Rassismus geplant und praktisch eingeübt.

Diagnose und Kritik

Und damit sind wir wieder bei Lobo. Auch er weiß, dass es nicht reicht, den richtigen Begriff zu finden. Es muss auch Organisierung her, und – diesen Aspekt betont er besonders – es müssen Ressourcen mobilisiert werden. Er fordert sein Publikum darum auf, Geld an die Digitale Gesellschaft zu spenden, damit diese im Namen der Netzgemeinde politischen Druck ausüben können: „Wir sind eine Lobby.“ Das ist eine Möglichkeit.

Bisher habe ich „Lobby“ einfach für den falschen Begriff gehalten. Aber nach Lobos Rede dachte ich mir, okay, dann soll die Netzbewegung halt einen auf ADAC machen. Dazu müsste sie dann aber auch eine Dienstleistung anbieten. Zum Beispiel eine Hotline für Computerprobleme. Der virtuelle Engel. Und die Mitgliedsbeiträge könnten dann eingesetzt werden, um mit den richtigen Leuten in Berlin und Brüssel essen zu gehen.

Zum heutigen Zeitpunkt ist es aus meiner Sicht offen, ob die Netzgemeinde sich wieder stärker in Richtung einer Netzbewegung entwickelt, in der es um Identität, um gemeinsames Handeln, um eine gemeinsame Praxis geht, oder ob sie zur Lobby der Internetnutzer*innen wird. Das ist in erster Linie eine Frage der Organisierung und der Strategie, aber hat auch etwas mit Frames zu tun, und zwar mit dem diagnostic frame.

Warum sind wir in der Situation? Wer hat Interesse daran? Ich habe meine Zweifel daran, dass die Totalüberwachung in dieser Welt ein Irrtum ist, der durch politischen Druck korrigiert werden kann. Zumal der Druck der zivilgesellschaftlichen Lobby letztlich nichts anderes ist als die Behauptung, hinter den Ressourcen ballten sich Wähler*innenstimmen mit einer gemeinsamen Agenda. Was raus kommt, wenn der hegemoniale Block die eigenen Forderungen aufnimmt, wird sich in den nächsten Jahren hier und da zeigen. Weniger staatliche Überwachungsinfrastruktur wahrscheinlich nicht.

tl;dr: Die Suche nach der richtigen Sprache ist wichtig, denn sie kann uns aber zeigen, wo die Analyse der Lage zu kurz greift. Die Beschäftigung mit Organisation und Strategie ersetzt sie aber nicht, und um über Organisation und Strategie zu diskutieren, brauchen wir eine ordentliche Analyse.

Besten Dank an die Korrekturleserinnen!

Eine Notiz zu Gabriel & Google: Wie es in den hegemonialen Block hineinschallt, so schallt es heraus

Vorgestern stellte Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender und Bundeswirtschaftsminister, in der FAZ eine Art netzpolitische Agenda vor. „Unsere politischen Konsequenzen aus der Google-Debatte“ spricht vier Punkte an, die nicht alle schlecht sind. Das mit den Steuerschlupflöchern sollen sie ruhig mal in Angriff nehmen. Zu den kartellrechtlichen Fragen, die hier aufgemacht werden, kann ich nichts sagen. Als Diskursanalytikerin fällt mir allerdings auf, dass Google immer mehr zum Sündenbock für die Bedrohung durch das Digitale schlecht hin wird. Für Gabriel, den Chef der Hartz-4-Partei, der mit der Vorratsdatenspeicherung gut hätte leben können, ist Google nämlich eine große Bedrohung „persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit“.

Es ist interessant, wie Elemente des Netzbewegungsdiskurses in diesem Text re-artikuliert werden. Ein Beispiel: „Die Aufforderung, in unseren Schulen Programmiersprache zum Pflichtfach zu machen, ist alles andere als absurd. Ihre Kenntnis bestimmt jedenfalls mehr über die persönliche Autonomie im digitalen Zeitalter als die Kenntnis antiker Sprachen.“ That’s what johl said.

In Bezug auf die Frage, wer aber der Gegner ist, verschiebt sich hier etwas. Für die Netzbewegung ist Google nicht per se der Gegner. Es sind auch nicht die kapitalistischen Verwertungsinteressen per se. Da gibt es – für die meisten zumindest – akzeptable und böse (zum Beispiel die „Contentindustrie“). Der Gegner ist immer auch der Staat, aber auch dies nicht per se. Was solche Grundsatzfragen angeht, ist die Netzbewegung als Summe ihrer einzelnen Teile, die unterschiedliche oder auch keine Positionen vertreten, schwach auf der Brust.

Wenn die Netzbewegung Forderungen an den hegemonialen Block stellt, greift dieser sie auf und setzt die Forderungen in entsprechender Weise um. Der Staat kann dann nicht mehr Gegner sein. Wer „wir“ sind und wen es zu bekämpfen gilt, wird umgebaut. In diesem Fall kommt eine Netzpolitik im Konsens mit den nationalen und europäischen Industrieinteressen, im Schulterschluss mit Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Alex Springer, und unter großem Lob der FAZ („Sternstunde des politisch relevanten Feuilletons“) hinten raus. Kein Wunder, dass, wie Patrick Beuth auf Zeit Online feststellt, Netzneutralität und die Telekom in diesem Text nicht zur Sprache kommen.

Wie es in den hegemonialen Block hineinschallt, so schallt es heraus.

Dawn of Midi: Post-Digital

Gestern habe ich eine nicht ganz neue Folge von Radio Lab gehört, in der es um Dawn of Midi ging. Das ist ein Akkustikensemble aus Brooklyn. Ich hatte seit langem mal wieder dieses Gefühl. Wenn Musik mir neuartig vorkommt und mich interessiert, statt nur zu erinnern. Und ich habe den Begriff Post-Digital verstanden: Die Kultur nach der digitalen Kultur, die durch das Digitale denkbar wurde, aber sich nicht mehr um das Digitale selbst dreht. Das Album Dysnomia (2013) ist bei Youtube abspielbar.

CFP: Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten – Grassroots zwischen Autonomie, Aufschrei und Überwachung

Ich bin derzeit, neben allerlei anderem, mit der Planung einer Tagung beschäftigt, die Ende November 2014 in Göttingen von Statten gehen wird. Der Call for Papers ist gerade angelaufen und geht noch bis zum 20. Juni. Ich bin gespannt auf die Einreichungen. Den Call und weitere Infos zu diesem Projekt findet ihr auf digitale-oeffentlichkeiten.de.