Archive for Feminismus

Pille danach bald in Deutschland rezeptfrei?

Wendung in Sachen #wiesmarties. Foto von Stephen Chipp (CC BY-NC 2.0)

Wendung in Sachen #wiesmarties. Foto von Stephen Chipp (CC BY-NC 2.0)

Heute Abend meldet die Süddeutsche „Pille danach“ wird in Deutschland rezeptfrei. Yeah! Beim Lesen der Meldung kommen aber schon erste Fragen auf: Wie jetzt, nur ellaOne? Und was ist mit den anderen Präperaten? Und ist die ellaOne Pille danach nicht die teurere Variante?

Ich habe mich auf die Schnelle auf die Suche nach Quellen gemacht, um zu verstehen, was da auf EU-Ebene passiert ist und wie das die deutsche Gesundheitspolitik beeinflusst, die sich, dank CDU, bislang einer Freigabe der Pille danach verweigert hat.

Bisher war die Lage in der EU so, dass für Präperate auf Levonorgestrel-Basis keine Rezeptpflicht bestand. In 24 Ländern war die LNG-Pille-danach bisher frei in der Apotheke erhältlich, in Deutschland und sieben anderen Ländern nicht. Die Ulipristalacetat-haltige ellaOne® war bisher in der EU grundsätzlich rezeptpflichtig.

Der Herstelle von ellaOne, Laboratoire HRA Pharma, hat nun beantragt, die Rezeptpflicht fallen zulassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat das Sagen darüber, welche Medikamente in EU rezeptpflichtig sind und welche nicht. In einer Presseerklärung vom 21.11.2014 vermeldet die EMA: EMA recommends availability of ellaOne emergency contraceptive without prescription“. Die Entscheidung muss jetzt aber noch von der Kommission bestätigt werden: „This CHMP recommendation will now be sent to the European Commission for a legally binding decision.“

Wie betrifft das nun Deutschland?
Vorweg: Soweit ich es verstehe, ist eine durch die Kommission bestätigte EMA-Entscheidung EU-weit bindend, wäre da nicht Richtlinie 2001/83/EG. Nach Titel II, Artikel 4(4) dürfen Mitgliedsstaaten „den Verkauf, die Lieferung und den Gebrauch von empfängnisverhütenden oder schwangerschaftsunterbrechenden Arzneimitteln verbieten oder einschränken“ (S. 14 und an der Stelle ein Dank an @literalschaden für den Austausch dazu). Das heißt, dass Deutschland der Entscheidung nicht zwingend folgen muss.

Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Die Rezeptpflicht der LNG-Pille wurde in Deutschland bisher mit der Rezeptlicht der ellaOne begründet. Die Pharmazeutischen Zeitung schreibt:

Kritiker begründen ihre Ablehnung gegen eine Freigabe von LNG bislang jedoch unter anderem mit der Rezeptpflicht für Ulipristal. Ihr Argument: Frauen, die nicht zum Arzt, sondern lieber gleich in die Apotheke gehen, seien bei alleiniger Freigabe von Levonorgestrel auf nur ein Präparat festgelegt – unabhängig davon, ob es für sie das am besten geeignete Arzneimittel ist.

Dieses Argument fällt jetzt weg, wenn die EU sagt, dass beide Präperate ohne Rezept in der Apotheke verkauft werden können. Und nun kommmt’s:

*trommelwirbel*

… Gesundheitsminister Gröhe scheint dieser Logik tatsächlich zu folgen. Laut SZ hat er „schon Ende vergangener Woche […] die Freigabe eines weiteren Präparats mit dem Wirkstoff Levonorgestrel in Aussicht gestellt.“

Infolge der Entscheidung der EMA können jetzt also beide Formen der Pille danach in Deutschland rezeptfrei werden: Die teurere ellaOne und die etwas preiswerteren Präparate auf LNG-Basis. Für die reproduktive Selbstbestimmung von Leuten, die schwanger werden können, wäre das ein wichtiger Schritt. Wir sollten den nun anstehenden Entscheidungsprozess aber weiterhin genau beobachten – auch im Hinblick auf die Frage, ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen (das machen sie bisher nur bei unter 20-Jährigen) oder nicht.

nrrrdz000022: ein_geladen

nrrrdz logoIm Gegensatz zu anderen Podcast brauchten wir heute keinen Wecker, um auf genau eine Stunde zu kommen. Wir starten ins neue Jahr mit einem Rückblick auf den 30C3. Ungeplant landen wir bei einer Diskussion über die Frage, für wen der Ort funktioniert und warum es trotz der bottom-up Strukturen schwierig ist, den Kreis der derjenigen, die sich zu dieser Party eingeladen fühlen und dort ohne zusätzlichen Aufwand eine gute Zeit haben können, zu erweitern. Zuletzt sprachen wir übrigens in Nrrrdz000011 über den 27C3. Zum Schluss gibt es noch einen Hinweis auf das zweite Dine & Discuss der Hamburg Geekettes.

Leider knistert es auf der Aufnahme :( Tut uns leid!

Links zur Folge:

  • Review zum Projekt ChaospatInnen von einer der Organisatorinnen
  • Hamburg Geekettes Dine & Discuss #2 am 28.1.14
  • Der Computer kann alles Januar 2014 mit noch mehr zum 30C3
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    Download (mp3, 28,8 MB, 60 Minuten)

    #dcka im Oktober 2013: Netzpolitik nach der Bundestagswahl, BND, Cybersexism und GTA

    logo des der computer kann alles podcastNach einer kurzen und vorproduzierten Folge im September waren „Der Computer kann alles“ diese Woche wieder live auf Sendung. Die Oktober-Folge gibt’s jetzt bei freie-radios.net zum runterladen – wie immer ohne Musik.

    Wir sprachen über die Piraten und Netzpolitik nach der Bundestagswahl, den Internetwahlkampf der SPD (Spoiler: Dit war nix. Wir sagen warum.), den Bundesnachrichtendienst, der wenig überraschend auch bei einigen deutschen Providern mithört, ein LOL-Katzenfestival in Nordirland und Laurie Pennys neues Essay „Cybersexism“. Den gibt’s leider nur als Ebook bei Amazon; er wird aber nächstes Jahr als Teil ihres neues Buches erscheinen. Alternativ könnt ihr euch ihren Vortrag zu Cybersexism anschauen. Außerdem hat Heino GTA 5 gespielt und findet, dass es „nicht mehr lustig“ ist.

    Die nächste Sendung hört ihr am 13. November vom 17 bis 19 Uhr auf FSK, später auf freie-radios.net und im Podcast Feed.

    nrrrdz000020: mesh-up

    nrrrdz logoEine zombieesque Folge 20: Der Podcast lebt noch. Wir starten mit dem Vorhaben, uns in Zukunft weiterhin selten, dafür aber regelmäßig zu Wort zu melden. In der heutigen Folge sprechen wir über Chelsea Manning und den Editwar, der dazu gestern auf der deutschsprachigen Wikipedia zu erleben war. Marlen berichtet von der Open Tech School, wo sie als Coach ein App Summer Camp für Schülerinnen begleitet hat, und von den Hamburg Geekettes, die gerade im Entstehen sind. Zum Schluss bleiben wir aktivistisch und in Hamburg, wo gerade ein großes Freifunknetz mit vielen Knoten aufgebaut wird.

    Links zur Folge:

  • Wikipedia-Eintrag zu Chelsea Manning
  • Helga bei Femgeeks: Wann hört die unwürdige Behandlung von Chelsea Manning auf?
  • Doku zu Trans* in US-Gefängnissen: Cruel and Unusual
  • Webseite der Open Tech School und JavaScript for Absolute Beginners Workshop
  • Hamburg Geekettes Facebook-Page, dort mit Infos zum Kickoff-Meeting am 12. September
  • Kathrins Artikel zu Freifunk und das Interview mit Aktivisten von Freifunk Hamburg
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    Download (mp3, 34,3 MB, 75 Minuten)

    Heute erschienen: Feministische Netzpolitik

    Heute ist eine Studie erschienen, die ich Ende letzten Jahres im Auftrag des Gunda-Werner-Institut Berlin geschrieben habe: Feministische Netzpolitik. Pespektiven und Handlungsfelder (PDF).

    Als Feministin, die sich mit Netzpolitik und der Netzbewegung beschäftigt, habe ich mich schon oft gefragt, welche der netzpolitischen Themen und Forderungen aus feministischer Sicht besonders wichtig sind und was in diesem Sinne gute Netzpolitik ausmacht. Getreu dem Motto „my Netzpolitik will be intersectional or it will be bullshit„1 macht es mich skeptisch, wenn von „openness“ und „Freiheit“ die Rede ist, ohne dass die Positionen benannt werden, von denen aus das geschieht.

    Entsprechend gefreut habe ich mich über den Auftrag des GWI, die feministischen Ansätze zur Netzpolitik einmal systematisch zusammenzustellen und durchzudenken. Es ging darum, zu untersuchen, welche Anknüpfungspunkte es im Bereich Netzpolitik aus einer queer-feministischen Perspektive gibt und welche Themenbereiche sich für politische Interventionen hin zu einer gerechteren Teilhabe auf Grundlage queer-feministischer Ansätze besonders eignen. In den Fokus genommen habe ich schließlich fünf Themenfelder: Den Zugang zum Internet, die Regulierung von Inhalten, Fragen des Eigentumsrechtes, Privacy und Datenschutz sowie Kommunikationsverhalten und kommunikative Gewalt im Netz.

    Der akademische Forschungsstand berücksichtigt soziale Ungleichheit bisher hauptsächlich beim digital divide, also im ersten Themenbereich. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass zu all diesen Feldern aus feministischer Sicht etwas zu sagen ist und auch schon viel beigetragen wurde. Überrascht hat mich das vor allem beim Themenbereich Eigentumsrechte. Mir war neu, dass es feministische Auseinandersetzungen mit dem Urheberrecht gibt und ich fand es spannend zu lesen, wie hier eine Kritik daran formuliert wird, bestimmte Formen von Kreativität zu verwerten.

    Besonders deutlich geworden ist mir aber die Bedeutung des Themas Kommunikationskultur und kommunikativer Gewalt. Aus netzpolitischen Debatten wird es, gerade auf der aktivistischen Seite, in der Regel ausgeblendet. Ich vermute, dass die Befürchtung zu groß ist, dass man damit Tür und Tor für (angeblich immer schon zum Scheitern verurteilte) staatliche Regulierungsmaßnahmen öffnen würde. Allerdings bedeutet das für Betroffene oft, dass ihnen (victim blaming) der Rückzug ins Private angeraten wird. Aus feministischer Perspektive bin ich dafür, Privacy/Datenschutz und eine politische Bearbeitung des Themas kommunikative Gewalt nicht zu vermischen.

    Ich freue mich, wenn welche von euch Lust haben, in die Studie reinzulesen und ihre Ideen dazu mit mir teilen. Vom GWI aus wird es wahrscheinlich in den nächsten Monaten noch einige Impulse dazu geben, worauf ich sehr gespannt bin.

    1. In Anlehnung an den von Flavia Dzodan geprägten Satz: „My feminism will be intersectional or it will be bullshit“. []

    Who’s Open in Public?


    Foto von So gesehen./Stefan Bucher auf Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

    Heute ist Open In Public Day 2013. Irgendwelche Typen (und anscheinend auch wenige Frauen) twittern unter dem Stichwort #oipd13 wie sie ihre Zähne putzen, Tee kochen und in der Uni sitzen. Der Tag

    soll den Menschen den Wert gemeinsamer, offener und freier Daten und Kommunikation illustrieren. Anstatt uns in der Angst, unsere Daten könnten in die Öffentlichkeit gelangen, in unseren auf Streetview blockierten Häusern zu verstecken, zeigen wir unser Leben der Öffentlichkeit.

    Ich könnte jetzt ein Foto von mir machen, wie ich mich beim morgendlichen Yoga verrenke. Dann würden irgendwelche Typen kommen und befinden, hässliche fette Kühe wie ich sollten ihr Internet mit solchen Bildern verschonen. Oder sich das mal abspeichern, man weiß ja nicht, wann’s mal einen Anlass gibt, abzuhassen. Ich lasse es lieber. Happy #oipd13 anyone!

    Das führt uns also wieder zurück zu der Frage nach Post-Privacy und Privilegien. Neulich twitterte ich komprimiert und unverständlich zu diesem Thema: „mehrfachprivilegierte machen selbstexperimente, betreiben dadurch aber normalisierung, weil sie unmarkierte positionen haben #inanutshell“.

    Ich zielte damit ab auf die zahlreichen „Post-Privacy-Exerimente“, die in der Regel von deutschen, weißen, able-bodied Cis-Männern mit Mittelschichshintergrund durchgeführt werden. Alle Standorte öffentlich zugänglich machen (exemparisch woistsixtus.com), sich ein Jahr lang ständig vorm Rechner fotografieren, sowas. Da man nicht vollkommen unreflektiert rüber kommen will, heißt es, man sei sich selbstverständlich seiner Privilegien bewusst und nähme sozusagen eine Vorreiterrolle ein, um im Selbstexperiment (mutig voran!) die Wege der Zukunft auszuloten, die uns alle zu einer besseren Gesellschaft führen könnten. Exemplarisch @tante:

    Ich kann das durch meine privilegierte Stellung nicht nur tun, ich sehe das sogar als meine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest so lange, bis alle meine Privilegien abgeschafft sind (was leider so schnell nicht zu schaffen ist).

    Was übersehen wird: Der mehrfachprivilegierte Mann ist in dieser Gesellschaft die unmarkierte Norm. Seit Jahrhunderten ist er das Universelle. Das, was wir meinen, wenn wir von „Mensch“ reden. Nicht das Andere. Und genau darum besteht die Gefahr, dass die postprivaten Selbstexperimente nicht als etwas Partikulares angesehen werden, was eine bestimmte Gruppe von Menschen betreibt, sondern als neuer, für alle gültiger gesellschaftlicher Standard. Die Praxen normalisieren sich, wenn sie diese Gruppe von Menschen betreiben. Es werden z.B. Geschäftsideen dazu entwickelt und erwartet, dass alle mitmachen. Wer das nicht will, muss sich zunehmend aktiv dagegen wehren und ist dann die Spaßverderber_in, die sich nicht fotografieren lassen möchte.

    Sollten wir also lieber den Data Protection Day feiern, der heute ebenfalls ist? Jein. Datenschutz ist wichtig. Aber Teilhabe an Öffentlichkeit ist es auch. Die Spackeria twitterte vor ein paar Tagen, dass #aufschrei ein Post-Privacy-Mem sei. Wenn man unter Mem nicht „etwas lustiges mit gifs“ versteht, sondern eine Idee, die durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt wird, stimmt das ja. #aufschrei kann, wie auch #609060, als Post-Privacy-Mem gelesen werden, dass eine umkämpften, emanzipatorische Idee verfolgt. Es ist der Versuch einer solidarische Praxis.

    Meine Forderung zum #oipd13 ist also: Solidarisiert euch. Unterstützt Kämpfe um die Teilhabe an Öffentlichkeit für alle. Aber tut das nicht, indem ihr euch einbildet, die Avantgarde zu sein. Tut das nicht, in dem ihr solche Kämpfe vereinnahmt und euch nebenbei Machtpositionen sichert (es winken Buchverträge und Vortragshonorare!). Schreitet nicht voran. Für Menschen, die regelmäßig mit Übergriffen, rassistischen Beleidigungen, abschätzigen Blicken, Barrieren und anderem Dominanzgehabe konfrontiert sind, ist es eine Errungenschaft, open in public zu sein und eine Stimme zu haben. Für mehrfachprivilegierte Männer ist es eine Selbstverständlichkeit.

    tl; dr: Was @map sagt.

    nrrrdz000019: hate is in the air

    nrrrdz logo

    Wir sind wieder da! Eigentlich waren wir nie weg, nur haben wir es ein paar Monate lang nicht geschafft, uns zum nrrrdzen zusammen zu setzen. Wir hoffen auf jeden Fall, nicht rauszufliegen, wenn ihr zum Jahresende eure Podcastabos aufräumt.
    Wir greifen ein Thema auf, das gerade in der Luft liegt: Die Probleme der Kommunikationskultur im Netz im Allgemeinen und hasserfüllte Angriffe auf Feminist_innen im Besonderen. Wir überlegen, was Handlungsstrategien und Mittel für Empowerment sein können. Außerdem reden wir App.net, die kostenpflichtige Twitteralternative und die Frage, warum nicht viel mehr Dienste kostenfrei und offen sind und von Stiftungen getragen werden. Zum Schluss gibt es wieder einen Podcast-Tipp: Besondere Umstände von Antje Schrupp und Benni Bärmann.

    Links:
    TED Talk von Anita Sarkeesian
    Medienelite: Wie wollen wir im Netz füreinander Verantwortung tragen?
    High on Clichés: Trollen, Mobbing, Stalking – feministisches Bloggen im Jahre 2012
    Leah Bretz, Kathrin Ganz und Nadine Lantzsch: Hatr.org – Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen (erschien in „Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum“ von Andreas Kemper, Münster, 2012)
    Sascha Lobo: Netzhass ist gratis

     
    Download (mp3, 50,5 MB, 90 Minuten)

    Feministische Brüche und feministische Archive: „Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht“

    Wie versprochen nun also der follow-up-post zum Vortrag über die Lesben/Frauen-Archive in der digitalen Welt ein paar Themen der Diskussion und Überlegungen dazu.

    Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Mit meinem Vortrag wollte ich unter anderem einen Einblick geben, wie Feminismus im Netz Öffentlichkeit herstellt, Beziehungen stiftet und Interventionen ermöglicht. Ich habe versucht, Metaphern dafür zu finden, was Twitter für uns bedeutet und betont, dass es auch für uns, die wir soziale Medien täglich nutzen, alles andere als trivial ist, sich darin zurecht zu finden. Aber es ist eben trotz der Informationsflut und der Unsicherheit, wie Beziehungen in der virtuellen Welt zu gestalten sind, auch unglaublich reizvoll. Daran anschließend habe ich mir die Frage gestellt, welche Bedeutung die Verortung in vorangegangenen feministischer Politiken für uns, die wir im Netz feministisch umherschwirren, hat. Als Beispiel habe ich u.a. Somlu’s Text über das Frauenwiderstandscamp im Hunsrück genannt, der eine sehr alte und bekannte Diskussion über Kinder und Mütter mit aktuellen Diskussionen um Kinder und Heteroprivilegien beim Gendercamp verknüpft. Ich argumentierte, dass solche Blogposts hilfreich für aktuelle feministische Diskussionen sein können, weil Feminismus eben auch heißt, wahrzunehmen, wofür vor uns gekämpft wurde, wer gekämpft hat, worüber gestritten wurde und welche Praxen darin entwickeltet worden sind.


    Disability Zines Exhibit by Barnard Library Zine Collection on Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

    Erzählungen über das, was war, sind immer auch dazu da, etwas darüber zu sagen, was heute ist. Sich kritisch in Geschichte zu verorten heißt deshalb meiner Ansicht auch, diese zu dekonstruieren, also auf ihre Entstehungsbedingungen zu befragen. Zu fragen, warum heute etwas auf eine bestimmte Weise erzählt wird und wie Macht mit dieser Erzählung verwoben ist. Ich habe vor allem von meinen Historiker_innen-Freund_innen und ihrer Arbeit gelernt, dass Archive für dieses Unterfangen von großem Nutzen sein können, wenn sie vielfältig und von kundigen Spezialist_innen erschlossenen und aufbereiteten Quellen und Materialien zur Verfügung stellen.

    Als ich die Frauenwiderstandscamps erwähnte murmelten einige im Publikum so etwas wie „ah ja, genau“. Ich erwähnte, dass ich bis zu diesem Blogpost noch nichts davon gehört hatte. In der Diskussion knüpften mehrere Frauen daran an und meinten, dass die Lesben/Frauenarchive, in denen sie arbeiten, voll mit Quellen dazu sind.

    Da waren wir an dem Punkt, der die Diskussion beherrschen sollte: Gibt es einen Bruch zwischen der zweiten Frauenbewegung und der heutigen und geht dieser mit einem ähnlichen Verlust von Wissen und Geschichte einher, wie der Bruch zwischen der ersten und der zweiten Frauenbewegung? Und was bedeutet das für die Lesben/Frauen-Archive und Bibliotheken?

    Eine Teilnehmerin fasste es zusammen: „Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht.“

    Es ging also nicht darum, dass die jungen Frauen* heute unpolitisch seien, sondern um die fehlenden Verbindungen zwischen den feministischen Generationen, die – auch das wurde angemerkt – sich nicht immer am Alter festmachen lassen. Eins kann sich das vielleicht als zwei Netzwerke vorstellen, wo die Punkte untereinander jeweils stark verbunden sind, es mehrere Zentren mit besonders vielen Verbindungen gibt, wo es aber zwischen den beiden Netzwerken nur wenige Verbindungen gibt. Das hat meiner Ansicht nach weniger etwas damit zu tun, dass die Themen, die uns beschäftigen, heute ganz andere wären. Ich nehme es eher als eine andere Akzentuierung wahr, wobei einige Grundfragen, gerade die der innerfeministischen Debatten, tatsächlich relativ konstant bleiben. Kämpfen wir im kapitalistischen System oder dagegen? Institutionalisiert oder autonom? Welche Rolle spielt das Begehren? Wer sind (legitime) Bündnispartner_innen? Wer ist das „wir“ des feministischen Projektes? Wie verhält sich Feminismus als politisches Projekt zum Kampf gegen Rassismus und zu anderen politischen Bewegungen? Außerdem muss die Erzählung der sich ablösenden Frauenbewegungen, der feministischen Wellen, auch kritisch befragt werden — daran hat mich Marlen zum Glück noch mal erinnert. Zwar erscheint es mir nützlich, einen Begriff für die Peaks zu haben, also für die Zeiten, wo viel passiert, wo sich Intensität des Diskurses verstärkt. Aber es besteht eben auch die Gefahr, erstens das Dazwischen unsichtbar zu machen und zweitens den Peaks auf einen bestimmten Nenner zu bringen, der die Vielschichtigkeit und die Konflikte ausblendet, die den intensiven Diskurs erst erzeugen. Denn wenn alle das gleiche zu sagen hätten, würde ja gar nicht so viel gesprochen werden.

    Zu den Erzählungen, die ich über die zweite Frauenbewegung kenne, gehört, dass die Protagonistinnen erst im Laufe der Zeit ihre Vorläuferinnen bzw. deren Texte entdeckt haben. Ich glaube, da haben wir es heute schon mit einer anderen Situation zu tun: Wir wissen zumindest, dass es die neue Frauenbewegung gab. Sie ist besser dokumentiert und hat sich in die Kulturproduktion eingeschrieben. Es gibt immer mal wieder einen Arte Themenabend. Es gibt Bücher, Verlage, Bibliotheken und Archive, wo eins fündig wird. Es gibt Gender Studies, wo in der Regel die Möglichkeit besteht, sich mit dem Thema eingehender zu befassen.


    An ironhard archive with flowers. Foto von Aureusbay auf Flickr. CC BY-NC 2.0

    Trotzdem fehlt es vielfach an Wissen und an Verbindungspunkten. Und vielleicht auch am Interesse, sich eingehender miteinander zu beschäftigen. Vielleicht sind es also die Beziehungen, die fehlen, oder die gemeinsamen Orte. Bibliotheken und Archive könnten ja solche Orte sein. Im Publikum bemerkte eine, dass die Institutionen mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müssten, um für „Jüngere“ – damit meine ich diejenigen, die den jüngeren/neueren Netzwerken angehören – relevant zu sein. Ich habe überlegt, was das konkret heißen könnte. Der erste Punkt wäre sicherlich, sichtbarer zu sein, das Internet stärker einzubeziehen werden und die Netzwerke auszuweiten. Zum Beispiel mal rausfinden, welche Emailverteiler in der jeweiligen Stadt genutzt werden. Zweitens könnten die Institutionen stärker an aktuelle Debatten anknüpfen und die Verbindungslinien herstellen. Drittens – Raumpolitiken – finde ich es prinzipiell ok, wenn sich die Räume nicht (immer) als „open for all genders“ verstehen. Aber sind das dann unausgesprochen Cis-Lesben/Frauenräume? Die Ein-/Ausschlusspraxen müssten aus meiner Sicht erstens klarer benannt werden, zweitens aber auch überdacht werden.

    Von der anderen Seite her gedacht, frage ich mich aber: Muss uns immer alles auf dem Silbertablett präsentiert werden? Wie ist es um das Interesse und Geschichtsbewusstsein derjenigen bestellt, die solche Orte nicht wahrnehmen? Ist das überhaupt eine geteilte Erfahrung von „jüngeren“ Feminist*innen? Für welche der „älteren“ sind die Bibliotheken und Archive auch noch nie interessant oder zugänglich gewesen?

    Und dann gibt es noch den Gedanken, dass es Brüche auch aus Gründen sind, dass sie notwendig und produktiv sind. Die Erfahrung, die es bedeutet, einen Diskussionsprozess selbst durchgemacht zu haben, lässt sich wahrscheinlich durch Bücher und Erzählungen nicht ersetzen. Und die Effekte solcher Diskurse verstärken sich ja auch dadurch, dass sie wiederholt werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass Frauen*, die bestimmte Debatten schon vor 30 Jahren geführt haben, nur bedingt Interesse daran haben, dass ihnen frisch „Bekehrte“ mit ihrer Begeisterung die Ohren abkauen. Umgekehrt haben die „Jüngeren“ vielleicht auch keine Lust, wenn die „Älteren“ immer sagen, „ach, das haben wir früher auch schon diskutiert und ihr werdet schon noch sehen, dass …“

    Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion weiter entwickelt. Ich bin sicher, dass die Lesben/Frauen-Archive an der Sache dran bleiben und über Anknüpfungspunkte und neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit verstärkt nachdenken. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die aktuellen feministischen Strömungen und gerade auch die Netzaktivistischen demnächst an einen Punkt kommen, wo das Bedürfnis danach wächst, die eigene Arbeit auch längerfristig zu dokumentieren und festzuhalten. Wir können uns ja nicht darauf verlassen, dass sich das Internet alles merkt, dass wir alle Texte, Meme und Shitstorms auch in zwei oder zwangzig Jahren noch finden können. Spätestens dann müssen wir noch einmal darüber nachdenken, wie sich das Digitale archivieren lässt und ob wir unsere Sachen den Firmenarchive von Google, Twitter und Facebook überlassen wollen. Wir sollten also mit denjenigen ins Gespräch kommen, die Ahnung von Archiven haben.

    Zum Weiterlesen: „Einzelkämpfer_innen oder Kollektive? Auch eine Generationenfrage“ von Lantzschi.

    Die Archive ins Netz und das Netz in die Archive?

    Am letzten Freitag war ich in Kassel auf der Jahrestagung der deutschsprachigen Lesben/Frauenarchive und –bibliotheken (Dachverband ida), die von der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung organisiert wurde. Auf der Tagung wurde unter anderem über „Zugangswege zu und Vernetzung von Quellen zur Geschlechtergleichstellung“ gesprochen. Ich war eingeladen, dazu einen Vortrag zu halten, in dem es zum einen um die Frage ging, warum die Lesben/Frauen-Archive und –Bibliotheken das Internet mehr nutzen und auch in den Sozialen Netzwerken in Erscheinung treten sollten und wie sie das umsetzen könnten. Zum anderen ging es darum, ob sie zukünftig auch feministische Blogs, Diskussionen und Aktionen aus dem Internet archivieren sollen.

    Die Diskussion, die sich an meinen Vortrag anschloss, fand ich außerordentlich interessant und ich habe mir fest vorgenommen, darüber auch etwas zu bloggen. Das mache ich dann aber in einem zweiten Post. Hier kommen jetzt erst einmal das Vortragsmanuskript Die Archive ins Netz und das Netz in die Archive? Lesben/Frauenarchive in der digitalen Welt (PDF) und die Prezi zum Durchklicken.

    Übergriffigkeit als ‚boys fun‘ beim ZDF

    Ich musste heute mal wieder meinen Unmut zum Ausdruck bringen und habe eine Mail ans ZDF geschrieben. In einer Sendung namens „neoparadis“ wurde einfach mal eine Frau von einem Moderator (andeutungsweise) begrabscht, als lustiger Spaß zwischen Kumpels. Worum es genau geht, könnt ihr bei derspringendepunkt.tumbler.com nachlesen. Dort findet ihr auch einen Link zum Youtube Video mit der Sendung.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ich wende mich an Sie, um meinen Protest gegen die Sendung “neoparadise” vom 4.10.2012 zum Ausdruck zu bringen. Ich muss an dieser Stelle nicht genauer auf den Inhalt eingehen, weil Sie mit Sicherheit schon eine Reihe von Zuschriften zu dieser Sendung bekommen haben. Nur so viel: Ich finde es schrecklich, wenn sexuelle Übergriffigkeit auf diese Weise verharmlost wird, wenn sich über die Gefühle von Opfern Lustig gemacht wird und so getan wird, als müssten Frauen das halt locker nehmen und wegstecken können. Ist ja nur Spass, eine lustige Wette zwischen Kumpeln, die sich zwar irgendwie merken, dass das „eklig“ ist, aber dann doch rumkumpeln und sich gegenseitig für ihre witzige Aktion auf die Schulter klopfen. Nein, ist es nicht.

    Im Übrigen tut es nichts zur Sache, ob die Frau tatsächlich berührt worden ist oder nicht. Für die ZuschauerInnen war das nicht erkennbar. Der Frau zu nahe gekommen ist der Moderator so oder so. Grenzüberschreitendes Verhalten nennt man das.

    Es schränkt die Freiheit von Frauen ein, jederzeit damit rechnen zu müssen, dass ihre körperliche Integrität missachtet wird. Diesen Zustand, wie in der Sendung gesehen, unkritisch zu reproduzieren, halte ich für absolut fahrlässig. Mich hat erschreckt, dass anscheinend die gesamte Redaktion bei dieser Sache versagt hat.

    Ich verbleibe mit der Empfehlung an die beteiligte Redaktion bzw. Produktionsfirma, ein Antisexismustraining durchzuführen und den verantwortlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt im Sender zum Thema zu machen. Es ist bitter notwendig.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Kathrin Ganz

    Update: Mir wurde heute Abend die Standardantwort zugeschickt, die auch der springende Punkt erhalten hat. Darauf habe ich noch mal geantwortet:

    Vielen Dank für ihre Antwort. Das wäre doch nicht nötig gewesen! Schließlich handelt es sich darum um eine Standardmail, die ich bereits aus dem Internet kenne. Das Argument, dass es in der Szene nicht zu einer tatsächlichen Berührung gekommen ist, konnte ich in meiner ersten Email darum schon vorwegnehmen. Hätten Sie meine Email gelesen, wäre Ihnen das sicher aufgefallen. Auch war mir bekannt, dass das Einverständnis der Messehostess eingeholt worden ist. Meine Kritikpunkte bleiben also bestehen.

    Falls es beim ZDF noch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem kritisierten Inhalt geben sollte, bitte ich Sie, mich darüber zu informieren, ob der Sender etwas zu unternehmen gedenkt, dass dergleichen zukünftig nicht wieder geschieht. Das ist mir wichtiger als schnell ein Feedback auf meine Email zu erhalten, die aus einer bereits bekannten Standardantwort besteht.

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