Archive for Queer

nrrrdz000022: ein_geladen

nrrrdz logoIm Gegensatz zu anderen Podcast brauchten wir heute keinen Wecker, um auf genau eine Stunde zu kommen. Wir starten ins neue Jahr mit einem Rückblick auf den 30C3. Ungeplant landen wir bei einer Diskussion über die Frage, für wen der Ort funktioniert und warum es trotz der bottom-up Strukturen schwierig ist, den Kreis der derjenigen, die sich zu dieser Party eingeladen fühlen und dort ohne zusätzlichen Aufwand eine gute Zeit haben können, zu erweitern. Zuletzt sprachen wir übrigens in Nrrrdz000011 über den 27C3. Zum Schluss gibt es noch einen Hinweis auf das zweite Dine & Discuss der Hamburg Geekettes.

Leider knistert es auf der Aufnahme :( Tut uns leid!

Links zur Folge:

  • Review zum Projekt ChaospatInnen von einer der Organisatorinnen
  • Hamburg Geekettes Dine & Discuss #2 am 28.1.14
  • Der Computer kann alles Januar 2014 mit noch mehr zum 30C3
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    Download (mp3, 28,8 MB, 60 Minuten)

    nrrrdz000020: mesh-up

    nrrrdz logoEine zombieesque Folge 20: Der Podcast lebt noch. Wir starten mit dem Vorhaben, uns in Zukunft weiterhin selten, dafür aber regelmäßig zu Wort zu melden. In der heutigen Folge sprechen wir über Chelsea Manning und den Editwar, der dazu gestern auf der deutschsprachigen Wikipedia zu erleben war. Marlen berichtet von der Open Tech School, wo sie als Coach ein App Summer Camp für Schülerinnen begleitet hat, und von den Hamburg Geekettes, die gerade im Entstehen sind. Zum Schluss bleiben wir aktivistisch und in Hamburg, wo gerade ein großes Freifunknetz mit vielen Knoten aufgebaut wird.

    Links zur Folge:

  • Wikipedia-Eintrag zu Chelsea Manning
  • Helga bei Femgeeks: Wann hört die unwürdige Behandlung von Chelsea Manning auf?
  • Doku zu Trans* in US-Gefängnissen: Cruel and Unusual
  • Webseite der Open Tech School und JavaScript for Absolute Beginners Workshop
  • Hamburg Geekettes Facebook-Page, dort mit Infos zum Kickoff-Meeting am 12. September
  • Kathrins Artikel zu Freifunk und das Interview mit Aktivisten von Freifunk Hamburg
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    Download (mp3, 34,3 MB, 75 Minuten)

    Heute erschienen: Feministische Netzpolitik

    Heute ist eine Studie erschienen, die ich Ende letzten Jahres im Auftrag des Gunda-Werner-Institut Berlin geschrieben habe: Feministische Netzpolitik. Pespektiven und Handlungsfelder (PDF).

    Als Feministin, die sich mit Netzpolitik und der Netzbewegung beschäftigt, habe ich mich schon oft gefragt, welche der netzpolitischen Themen und Forderungen aus feministischer Sicht besonders wichtig sind und was in diesem Sinne gute Netzpolitik ausmacht. Getreu dem Motto „my Netzpolitik will be intersectional or it will be bullshit„1 macht es mich skeptisch, wenn von „openness“ und „Freiheit“ die Rede ist, ohne dass die Positionen benannt werden, von denen aus das geschieht.

    Entsprechend gefreut habe ich mich über den Auftrag des GWI, die feministischen Ansätze zur Netzpolitik einmal systematisch zusammenzustellen und durchzudenken. Es ging darum, zu untersuchen, welche Anknüpfungspunkte es im Bereich Netzpolitik aus einer queer-feministischen Perspektive gibt und welche Themenbereiche sich für politische Interventionen hin zu einer gerechteren Teilhabe auf Grundlage queer-feministischer Ansätze besonders eignen. In den Fokus genommen habe ich schließlich fünf Themenfelder: Den Zugang zum Internet, die Regulierung von Inhalten, Fragen des Eigentumsrechtes, Privacy und Datenschutz sowie Kommunikationsverhalten und kommunikative Gewalt im Netz.

    Der akademische Forschungsstand berücksichtigt soziale Ungleichheit bisher hauptsächlich beim digital divide, also im ersten Themenbereich. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass zu all diesen Feldern aus feministischer Sicht etwas zu sagen ist und auch schon viel beigetragen wurde. Überrascht hat mich das vor allem beim Themenbereich Eigentumsrechte. Mir war neu, dass es feministische Auseinandersetzungen mit dem Urheberrecht gibt und ich fand es spannend zu lesen, wie hier eine Kritik daran formuliert wird, bestimmte Formen von Kreativität zu verwerten.

    Besonders deutlich geworden ist mir aber die Bedeutung des Themas Kommunikationskultur und kommunikativer Gewalt. Aus netzpolitischen Debatten wird es, gerade auf der aktivistischen Seite, in der Regel ausgeblendet. Ich vermute, dass die Befürchtung zu groß ist, dass man damit Tür und Tor für (angeblich immer schon zum Scheitern verurteilte) staatliche Regulierungsmaßnahmen öffnen würde. Allerdings bedeutet das für Betroffene oft, dass ihnen (victim blaming) der Rückzug ins Private angeraten wird. Aus feministischer Perspektive bin ich dafür, Privacy/Datenschutz und eine politische Bearbeitung des Themas kommunikative Gewalt nicht zu vermischen.

    Ich freue mich, wenn welche von euch Lust haben, in die Studie reinzulesen und ihre Ideen dazu mit mir teilen. Vom GWI aus wird es wahrscheinlich in den nächsten Monaten noch einige Impulse dazu geben, worauf ich sehr gespannt bin.

    1. In Anlehnung an den von Flavia Dzodan geprägten Satz: „My feminism will be intersectional or it will be bullshit“. []

    Who’s Open in Public?


    Foto von So gesehen./Stefan Bucher auf Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

    Heute ist Open In Public Day 2013. Irgendwelche Typen (und anscheinend auch wenige Frauen) twittern unter dem Stichwort #oipd13 wie sie ihre Zähne putzen, Tee kochen und in der Uni sitzen. Der Tag

    soll den Menschen den Wert gemeinsamer, offener und freier Daten und Kommunikation illustrieren. Anstatt uns in der Angst, unsere Daten könnten in die Öffentlichkeit gelangen, in unseren auf Streetview blockierten Häusern zu verstecken, zeigen wir unser Leben der Öffentlichkeit.

    Ich könnte jetzt ein Foto von mir machen, wie ich mich beim morgendlichen Yoga verrenke. Dann würden irgendwelche Typen kommen und befinden, hässliche fette Kühe wie ich sollten ihr Internet mit solchen Bildern verschonen. Oder sich das mal abspeichern, man weiß ja nicht, wann’s mal einen Anlass gibt, abzuhassen. Ich lasse es lieber. Happy #oipd13 anyone!

    Das führt uns also wieder zurück zu der Frage nach Post-Privacy und Privilegien. Neulich twitterte ich komprimiert und unverständlich zu diesem Thema: „mehrfachprivilegierte machen selbstexperimente, betreiben dadurch aber normalisierung, weil sie unmarkierte positionen haben #inanutshell“.

    Ich zielte damit ab auf die zahlreichen „Post-Privacy-Exerimente“, die in der Regel von deutschen, weißen, able-bodied Cis-Männern mit Mittelschichshintergrund durchgeführt werden. Alle Standorte öffentlich zugänglich machen (exemparisch woistsixtus.com), sich ein Jahr lang ständig vorm Rechner fotografieren, sowas. Da man nicht vollkommen unreflektiert rüber kommen will, heißt es, man sei sich selbstverständlich seiner Privilegien bewusst und nähme sozusagen eine Vorreiterrolle ein, um im Selbstexperiment (mutig voran!) die Wege der Zukunft auszuloten, die uns alle zu einer besseren Gesellschaft führen könnten. Exemplarisch @tante:

    Ich kann das durch meine privilegierte Stellung nicht nur tun, ich sehe das sogar als meine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest so lange, bis alle meine Privilegien abgeschafft sind (was leider so schnell nicht zu schaffen ist).

    Was übersehen wird: Der mehrfachprivilegierte Mann ist in dieser Gesellschaft die unmarkierte Norm. Seit Jahrhunderten ist er das Universelle. Das, was wir meinen, wenn wir von „Mensch“ reden. Nicht das Andere. Und genau darum besteht die Gefahr, dass die postprivaten Selbstexperimente nicht als etwas Partikulares angesehen werden, was eine bestimmte Gruppe von Menschen betreibt, sondern als neuer, für alle gültiger gesellschaftlicher Standard. Die Praxen normalisieren sich, wenn sie diese Gruppe von Menschen betreiben. Es werden z.B. Geschäftsideen dazu entwickelt und erwartet, dass alle mitmachen. Wer das nicht will, muss sich zunehmend aktiv dagegen wehren und ist dann die Spaßverderber_in, die sich nicht fotografieren lassen möchte.

    Sollten wir also lieber den Data Protection Day feiern, der heute ebenfalls ist? Jein. Datenschutz ist wichtig. Aber Teilhabe an Öffentlichkeit ist es auch. Die Spackeria twitterte vor ein paar Tagen, dass #aufschrei ein Post-Privacy-Mem sei. Wenn man unter Mem nicht „etwas lustiges mit gifs“ versteht, sondern eine Idee, die durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt wird, stimmt das ja. #aufschrei kann, wie auch #609060, als Post-Privacy-Mem gelesen werden, dass eine umkämpften, emanzipatorische Idee verfolgt. Es ist der Versuch einer solidarische Praxis.

    Meine Forderung zum #oipd13 ist also: Solidarisiert euch. Unterstützt Kämpfe um die Teilhabe an Öffentlichkeit für alle. Aber tut das nicht, indem ihr euch einbildet, die Avantgarde zu sein. Tut das nicht, in dem ihr solche Kämpfe vereinnahmt und euch nebenbei Machtpositionen sichert (es winken Buchverträge und Vortragshonorare!). Schreitet nicht voran. Für Menschen, die regelmäßig mit Übergriffen, rassistischen Beleidigungen, abschätzigen Blicken, Barrieren und anderem Dominanzgehabe konfrontiert sind, ist es eine Errungenschaft, open in public zu sein und eine Stimme zu haben. Für mehrfachprivilegierte Männer ist es eine Selbstverständlichkeit.

    tl; dr: Was @map sagt.

    Feministische Brüche und feministische Archive: „Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht“

    Wie versprochen nun also der follow-up-post zum Vortrag über die Lesben/Frauen-Archive in der digitalen Welt ein paar Themen der Diskussion und Überlegungen dazu.

    Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Mit meinem Vortrag wollte ich unter anderem einen Einblick geben, wie Feminismus im Netz Öffentlichkeit herstellt, Beziehungen stiftet und Interventionen ermöglicht. Ich habe versucht, Metaphern dafür zu finden, was Twitter für uns bedeutet und betont, dass es auch für uns, die wir soziale Medien täglich nutzen, alles andere als trivial ist, sich darin zurecht zu finden. Aber es ist eben trotz der Informationsflut und der Unsicherheit, wie Beziehungen in der virtuellen Welt zu gestalten sind, auch unglaublich reizvoll. Daran anschließend habe ich mir die Frage gestellt, welche Bedeutung die Verortung in vorangegangenen feministischer Politiken für uns, die wir im Netz feministisch umherschwirren, hat. Als Beispiel habe ich u.a. Somlu’s Text über das Frauenwiderstandscamp im Hunsrück genannt, der eine sehr alte und bekannte Diskussion über Kinder und Mütter mit aktuellen Diskussionen um Kinder und Heteroprivilegien beim Gendercamp verknüpft. Ich argumentierte, dass solche Blogposts hilfreich für aktuelle feministische Diskussionen sein können, weil Feminismus eben auch heißt, wahrzunehmen, wofür vor uns gekämpft wurde, wer gekämpft hat, worüber gestritten wurde und welche Praxen darin entwickeltet worden sind.


    Disability Zines Exhibit by Barnard Library Zine Collection on Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

    Erzählungen über das, was war, sind immer auch dazu da, etwas darüber zu sagen, was heute ist. Sich kritisch in Geschichte zu verorten heißt deshalb meiner Ansicht auch, diese zu dekonstruieren, also auf ihre Entstehungsbedingungen zu befragen. Zu fragen, warum heute etwas auf eine bestimmte Weise erzählt wird und wie Macht mit dieser Erzählung verwoben ist. Ich habe vor allem von meinen Historiker_innen-Freund_innen und ihrer Arbeit gelernt, dass Archive für dieses Unterfangen von großem Nutzen sein können, wenn sie vielfältig und von kundigen Spezialist_innen erschlossenen und aufbereiteten Quellen und Materialien zur Verfügung stellen.

    Als ich die Frauenwiderstandscamps erwähnte murmelten einige im Publikum so etwas wie „ah ja, genau“. Ich erwähnte, dass ich bis zu diesem Blogpost noch nichts davon gehört hatte. In der Diskussion knüpften mehrere Frauen daran an und meinten, dass die Lesben/Frauenarchive, in denen sie arbeiten, voll mit Quellen dazu sind.

    Da waren wir an dem Punkt, der die Diskussion beherrschen sollte: Gibt es einen Bruch zwischen der zweiten Frauenbewegung und der heutigen und geht dieser mit einem ähnlichen Verlust von Wissen und Geschichte einher, wie der Bruch zwischen der ersten und der zweiten Frauenbewegung? Und was bedeutet das für die Lesben/Frauen-Archive und Bibliotheken?

    Eine Teilnehmerin fasste es zusammen: „Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht.“

    Es ging also nicht darum, dass die jungen Frauen* heute unpolitisch seien, sondern um die fehlenden Verbindungen zwischen den feministischen Generationen, die – auch das wurde angemerkt – sich nicht immer am Alter festmachen lassen. Eins kann sich das vielleicht als zwei Netzwerke vorstellen, wo die Punkte untereinander jeweils stark verbunden sind, es mehrere Zentren mit besonders vielen Verbindungen gibt, wo es aber zwischen den beiden Netzwerken nur wenige Verbindungen gibt. Das hat meiner Ansicht nach weniger etwas damit zu tun, dass die Themen, die uns beschäftigen, heute ganz andere wären. Ich nehme es eher als eine andere Akzentuierung wahr, wobei einige Grundfragen, gerade die der innerfeministischen Debatten, tatsächlich relativ konstant bleiben. Kämpfen wir im kapitalistischen System oder dagegen? Institutionalisiert oder autonom? Welche Rolle spielt das Begehren? Wer sind (legitime) Bündnispartner_innen? Wer ist das „wir“ des feministischen Projektes? Wie verhält sich Feminismus als politisches Projekt zum Kampf gegen Rassismus und zu anderen politischen Bewegungen? Außerdem muss die Erzählung der sich ablösenden Frauenbewegungen, der feministischen Wellen, auch kritisch befragt werden — daran hat mich Marlen zum Glück noch mal erinnert. Zwar erscheint es mir nützlich, einen Begriff für die Peaks zu haben, also für die Zeiten, wo viel passiert, wo sich Intensität des Diskurses verstärkt. Aber es besteht eben auch die Gefahr, erstens das Dazwischen unsichtbar zu machen und zweitens den Peaks auf einen bestimmten Nenner zu bringen, der die Vielschichtigkeit und die Konflikte ausblendet, die den intensiven Diskurs erst erzeugen. Denn wenn alle das gleiche zu sagen hätten, würde ja gar nicht so viel gesprochen werden.

    Zu den Erzählungen, die ich über die zweite Frauenbewegung kenne, gehört, dass die Protagonistinnen erst im Laufe der Zeit ihre Vorläuferinnen bzw. deren Texte entdeckt haben. Ich glaube, da haben wir es heute schon mit einer anderen Situation zu tun: Wir wissen zumindest, dass es die neue Frauenbewegung gab. Sie ist besser dokumentiert und hat sich in die Kulturproduktion eingeschrieben. Es gibt immer mal wieder einen Arte Themenabend. Es gibt Bücher, Verlage, Bibliotheken und Archive, wo eins fündig wird. Es gibt Gender Studies, wo in der Regel die Möglichkeit besteht, sich mit dem Thema eingehender zu befassen.


    An ironhard archive with flowers. Foto von Aureusbay auf Flickr. CC BY-NC 2.0

    Trotzdem fehlt es vielfach an Wissen und an Verbindungspunkten. Und vielleicht auch am Interesse, sich eingehender miteinander zu beschäftigen. Vielleicht sind es also die Beziehungen, die fehlen, oder die gemeinsamen Orte. Bibliotheken und Archive könnten ja solche Orte sein. Im Publikum bemerkte eine, dass die Institutionen mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müssten, um für „Jüngere“ – damit meine ich diejenigen, die den jüngeren/neueren Netzwerken angehören – relevant zu sein. Ich habe überlegt, was das konkret heißen könnte. Der erste Punkt wäre sicherlich, sichtbarer zu sein, das Internet stärker einzubeziehen werden und die Netzwerke auszuweiten. Zum Beispiel mal rausfinden, welche Emailverteiler in der jeweiligen Stadt genutzt werden. Zweitens könnten die Institutionen stärker an aktuelle Debatten anknüpfen und die Verbindungslinien herstellen. Drittens – Raumpolitiken – finde ich es prinzipiell ok, wenn sich die Räume nicht (immer) als „open for all genders“ verstehen. Aber sind das dann unausgesprochen Cis-Lesben/Frauenräume? Die Ein-/Ausschlusspraxen müssten aus meiner Sicht erstens klarer benannt werden, zweitens aber auch überdacht werden.

    Von der anderen Seite her gedacht, frage ich mich aber: Muss uns immer alles auf dem Silbertablett präsentiert werden? Wie ist es um das Interesse und Geschichtsbewusstsein derjenigen bestellt, die solche Orte nicht wahrnehmen? Ist das überhaupt eine geteilte Erfahrung von „jüngeren“ Feminist*innen? Für welche der „älteren“ sind die Bibliotheken und Archive auch noch nie interessant oder zugänglich gewesen?

    Und dann gibt es noch den Gedanken, dass es Brüche auch aus Gründen sind, dass sie notwendig und produktiv sind. Die Erfahrung, die es bedeutet, einen Diskussionsprozess selbst durchgemacht zu haben, lässt sich wahrscheinlich durch Bücher und Erzählungen nicht ersetzen. Und die Effekte solcher Diskurse verstärken sich ja auch dadurch, dass sie wiederholt werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass Frauen*, die bestimmte Debatten schon vor 30 Jahren geführt haben, nur bedingt Interesse daran haben, dass ihnen frisch „Bekehrte“ mit ihrer Begeisterung die Ohren abkauen. Umgekehrt haben die „Jüngeren“ vielleicht auch keine Lust, wenn die „Älteren“ immer sagen, „ach, das haben wir früher auch schon diskutiert und ihr werdet schon noch sehen, dass …“

    Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion weiter entwickelt. Ich bin sicher, dass die Lesben/Frauen-Archive an der Sache dran bleiben und über Anknüpfungspunkte und neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit verstärkt nachdenken. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die aktuellen feministischen Strömungen und gerade auch die Netzaktivistischen demnächst an einen Punkt kommen, wo das Bedürfnis danach wächst, die eigene Arbeit auch längerfristig zu dokumentieren und festzuhalten. Wir können uns ja nicht darauf verlassen, dass sich das Internet alles merkt, dass wir alle Texte, Meme und Shitstorms auch in zwei oder zwangzig Jahren noch finden können. Spätestens dann müssen wir noch einmal darüber nachdenken, wie sich das Digitale archivieren lässt und ob wir unsere Sachen den Firmenarchive von Google, Twitter und Facebook überlassen wollen. Wir sollten also mit denjenigen ins Gespräch kommen, die Ahnung von Archiven haben.

    Zum Weiterlesen: „Einzelkämpfer_innen oder Kollektive? Auch eine Generationenfrage“ von Lantzschi.

    Teilhabe durch neutrale Plattformen? Über die Piraten, die Quote und LQFB

    Für die Artikelreihe „Was ist der Streit Wert?“ des Gunda-Werner-Instituts habe ich mal wieder mit der parteiinternen Geschlechterpolitik der Piraten beschäftigt. Ich habe versucht, die Diskussionen um Postgender, den Frauenanteil und die Quote differenziert zu betrachten. Am Ende formuliere ich so etwas wie einen Featurerequest. Aber das könnt ihr ja dort nachlesen.

    Über den Commentman, der in den Kommentaren noch mal Postgender als die Bekämpfung von Gender Mainstreaming einordnet, habe ich schmunzeln müssen: „Die Genderdiskussion ist extern an die Partei herangetragen worden von politischen Extremisten.“

    Geschichte wird gemacht (CRE 196)

    CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der größten Reichweite gehört, hat sich dem Thema Feminismus (CRE 196) angenommen. Zu Gast in der über drei Stunden langen Sendung war Katrin Rönicke, die im Gespräch mit Tim Pritlove über ihren feministischen Werdegang, die Geschichte der Frauenbewegung und verschiedene geschlechterpolitische Fragen Auskunft gab. Wie zu erwarten war, gab es nicht nur die üblichen feminismuskritischen Wortmeldungen, sondern auch kritische Anmerkungen aus der (pro-)feministischen Bubble. Sofakissen hat sich in seiner Raummaschine schon darüber ausgelassen, dass er den Feminismus-CRE als sehr männerkompatibel und flauschig wahrgenommen hat, was er daran festmacht, dass zum Beispiel das Thema Gewalt ausgeklammert wird.

    Das ist mir beim Hören auch aufgefallen. Es gab aber noch eine andere große Leerstelle, auf die hinzuweisen ich wichtig finde. Die Debatten, die unter Stichworten wie „Differenzen zwischen Frauen“ oder „Intersektionalität“ bekannt sind, werden in der Sendung nämlich völlig ausblendet. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Katrin Rönicke ihr Verständnis der „dritten Welle“ beschreibt. Was im Podcast rüber kommt: Eine jüngere Generation stellt fest, dass die alten Probleme noch immer nicht (alle) gelöst sind: Sexismus, Vereinbarkeit, Karriere. Also wird Feminismus neu aufgerollt, ein paar Sachen müssen aber über Bord geworfen werden (z.B. die Ablehnung von Pornographie und BDSM, die Männerfeindlichkeit). Die Feministinnen der dritten Welle sind „kooperativer“ als die der Zweiten. Das ist durchaus eine verbreitete Deutung von zeitgenössischem Feminismus, unterschlägt aber mindestens zwei Punkte.

    Zum einen: Intersektionalität kommt nicht vor. Die Diskussion um Mehrfachunterdrückung, sich überschneidende Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen sozialen Positionierungen fehlt. Gut, Intersektionalität ist ein ziemlich akademisches Wort, eine Analysemethode. Aber ist kein Thema, mit dem sich nur im Elfenbeinturm beschäftigt wird. Feministische Aktivist_innen beschäftigen sich heute mit Themen wie Mehrfachpositionierung. Im Policybereich, z.B. bei den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen geht es schon lange um das Verhältnis von Race, Gender und Class. Viele Konflikte wurden geführt und es waren vor allem marginalisierte Frauen*, die darum gekämpft haben, dass eine weiße, nicht von Behinderung betroffene, bürgerliche Perspektive nicht alles sein kann und dass auch diese Perspektive etwas mit rassistischen Strukturen, Kapitalismus, Gesundheitsdiskursen usw. zu tun hat. Das ist auch alles nicht neu: In der ersten Frauenbewegung gab es neben den bürgerlichen auch sozialistische Feministinnen, die Feminismus und Klassenkampf zusammengedacht haben. Für die Diskussion um Intersektionalität sind Texte von amerikanischen Women of Color (das Combahee River Collective Statement (1977) zum Beispiel) besonders einschlägig. Es ist auch nicht so, als sei das eine US-Debatte, die mit den hiesigen Verhältnissen nichts zu tun hat. Schaut euch mal die Interventionen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen an, zum Beispiel den Text Wir, die Seiltänzerinnen (1994) von FeMigra. Oder die Auseinandersetzungen um doppelte Diskriminierung von Frauen mit Behinderung (Texte von Swantje Köbsell: 1, 2). Das sind nur die bekanntesten Beispiele, von denen ich weiß, dass sie immer wieder aufgeführt werden, um wenigstens zu sagen: Hier schaut, das gibt es alles! Nehmt es wahr!

    Ein zweiter Punkt ist die Kritik an der binären Zweigeschlechtlichkeit (d.h.: es gibt nur Männer und Frauen und die sind im Normalfall in ihrem Begehren aufeinander bezogen) und der Ausgrenzung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen können oder wollen, auch aus feministischen Räumen. Über das Verhältnis von Feminismus und Queeren Politiken (Woltersdorf: Queer Theory und Queer Politics, 2003) wird im CRE nicht gesprochen. Tim Pritlove versucht das, wenn ich es richtig rausgehört habe, an einer Stelle einzubringen, Katrin Rönicke lenkt das Thema auf ihre Erfahrungen mit (heterosexueller) Mutterschaft. Nicht, dass das kein wichtiges Thema wäre. Der Gesprächsverlauf an der Stelle zeigt aber gut, wie aus einer bestimmten Position heraus Themen gesetzt und andere unsichtbar gemacht werden.

    Die CRE-Folge ist also ein hervorragendes Beispiel dafür für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht. Ich halte es nicht für falsch, sich zum Beispiel über die Rollenverteilung von heterosexuellen Eltern zu unterhalten, um bestimmte Punkte zu vermitteln. Mit dem Thema können vermutlich viele CRE-Hörer_innen etwas anfangen und es gibt Anstoß, über eigene Erfahrungen nachzudenken (auf eine angenehmere Art, als wenn ich mich fragen muss, wo ich eigentlich in letzter Zeit männliches Dominanzverhalten an den Tag gelegt habe). Ich halte es aber für falsch, intersektionale und heteronormativitätskritische Perspektiven in einem dreistündigen Gespräch, das offensichtlich den Anspruch hat, über die Geschichte des Feminismus etwas zu vermitteln, komplett auszublenden und über 30 Jahre feministische Auseinandersetzung zu übergehen.

    Der „pragmatische Feminismus“ von Katrin kommt gut an, das merke ich an den Reaktionen auf Twitter. Und so wünschenswert ich es finde, dass viele Leute ein Verständnis für Feminismus entwickeln, so frage ich mich doch: Geht das nur um den Preis, sich gegenüber denjenigen abzugrenzen, die mit dem Malestream nicht kompatibel sein wollen? Diese Form von „pragmatische Feminismus“ hat den Effekt, gerade bei den „irgendwann ist mal gut“-Apologet_innen gut anzukommen und erweist so den Vertreter_innen der aktuellen Diskurse einen ErklärBärendienst. Die intersektionalen Ansätze gelten dann en passant als „zu kompliziert, zu radikal“. Sie sind aber State of the Art (seit 30 Jahren!), nehmt sie ernst. They are the stories … that need to be told. sab_culture hat das viel besser formuliert: „they are told, but more often ignored, not acknowledged, over heard, over voiced …“

    Die Wortspielcredits für den Erklärbärendienst gehen an Philip Steffan.

    hatr.org — Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

    Leah, Nadine und ich haben zusammen einen Artikel geschrieben, in dem wir uns mit Kommentarpolitiken auf Blogs mit gesellschaftskritischem und emanzipatorischen Anspruch und insbesondere auf queer-/feministischen Blogs auseinandersetzen und das Projekt Hatr vorstellen. Wir möchten mit dem Artikel außerdem weitere Blogs und Projekte ermutigen, sich bei Hatr anzumelden und damit andere Projekte zu unterstützen. Der Text ist in einem von Andreas Kemper herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Die Maskulisten“ erschienen, der kürzlich bei Unrast veröffentlicht wurde.

    hatr.org — wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

    Inhalt:
    Kackscheiße im Netz
    Das Projekt Hatr
    Die Resonanz auf Hatr

    Wer die Seite Hatr.org im Browser aufruft wird sich wundern. Auf der Startseite finden sich unter der Überschrift “Das Letzte” eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Kommentaren von “Leon”, “Horst” oder “Antigenderwahnbeauftragter”. Manche Einträge sind kurze, drastische Beschimpfungen, bei anderen handelt es sich um längere Texte, die zum Teil nicht zu verstehen sind, ohne zu wissen, worauf sie sich beziehen. Ab und zu taucht der hervorgehobene Name “Xena” in den Texten auf. Oben rechts auf der Seite ist ein “Trollcounter”, der die Zahl der bereits geposteten Kommentare anzeigt. Darunter ein Flattrbutton1 und für diejenigen, die in ihrem Browser keinen Werbeblocker installiert haben, sichtbare Google Anzeigen. Das Logo von Hatr ist ein pinkfarbenes Herz mit meinem geschwungenen “h”. Read more »

    1. Flattr.com ist eine Internetdienst, der es ermöglicht, frei verfügbare Inhalte im Netz durch Mikrospenden zu unterstützen. Ein Teil der Einnahmen von Hatr kommt über diesen Dienst zusammen. []

    Forderungspapier zur Reform des Transsexuellenrechts

    Crosspost von agqueerstudies.de

    In Sachen Transsexuellengesetz (TSG) kommt die Politik seit Jahren nicht voran, obwohl das Bundesverfassungsgericht mehr als deutlich gemacht hat, dass die derzeitigen Regelungen mit der Würde und Selbstbestimmung von Trans*Menschen nicht vereinbar und in der Praxis äußerst diskriminierungsanfällig sind. Der bundesweite Arbeitskreis TSG-Reform, an dem über 30 Trans*- und Inter*-Gruppen sowie Einzelpersonen beteiligt waren, hat darum jetzt ein Forderungspapier veröffentlicht. „Die selbstgestellte Aufgabe bestand darin, sich auf gemeinsame, zentrale Forderungen aus den trans* und inter* Communities zur Reform des Transsexuellenrechtes zu verständigen und diese auszuformulieren.„
    Gefordert werden die Verwirklichung? des? Selbstbestimmungsrechtes? von? Trans*?Personen? durch? Abschaffung? der? Begutachtung? und? des? gerichtlichen? Verfahrens?, die Aufhebung? des? TSG? als? Sondergesetz? und? Integration? notwendiger? Regelungen? in? bestehendes? Recht, die Möglichkeit der Vornamensänderung und der Änderung des Personenstandes ohne Gerichtsverfahren, ein Ausbau des Offenbarungsverbotes und die rechtliche Absicherung der Leistungspflicht der Krankenkasse. Diese wichtigen Forderungen kann mensch auf der Website der Initiative nachlasen und mit einer Unterschrift auch unterstützen.

    Keine Bären auf dem Ponyhof

    Der Erklärbär. Ein Wesen, dass Leute an die Hand nimmt, die kritische Interventionen in Sachen Rassismus, Sexismus, Transphobie, Abelism und co. nicht auf Anhieb verstehen, weil sie zu voraussetzungreich formuliert sind und/oder die eigenen Abwehrmechanismen den Weg versperren. Der Erklärbär ist kuschelig, verbreitet Harmonie, ist geduldig und kann gut erklären, ohne unbekannte Begriffe und komplizierte Sätze. Der Erklärbar hat diese guten Eigenschaften, weil er von struktureller Dominanz nicht betroffen ist. Er ist ja ein Bär. (Die kleine Antispezizistin in mir ruft: „As if!“) Ich muss euch was erzählen: Es gibt diesen Bären gar nicht. Wir sind alle im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, durch die wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Es gibt darum keinen neutralen Standpunkt, der von oben auf das Geschehen schauen kann, es gibt nur die unbekümmerte Ignoranz des Unmarkierten.

    Jetzt wird es wieder heißen: „Unmarkiert? Was issn das für ein überheblicher Akademikersprech?“

    Um etwas benennen zu kennen braucht es Sprache und Wissen. Auch das ist nicht neutral, sondern von diesen Machtverhältnissen, um die es gerade geht, geprägt. Einige PoC, Frauen, Queere Leute, Menschen mit Behinderung (diese Kategorien schließen sich alle nicht gegenseitig aus und die aufgezählten Kategorien können auch nicht vollständig sein) haben sich in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeit erkämpft, in bestimmten gesellschaftlichen Räume wie der Wissenschaft oder den Medien Positionen einzunehmen. Sie mussten sich dieser Institutionen bemächtigen, um ihre Belange überhaupt artikulieren zu können und gehört zu werden. Daraus jetzt einen Strick zu drehen ist eine harte Nummer.

    Sich mit struktureller Dominanz, Privilegien und dem, was das mit mir selbst macht zu beschäftigen ist kein Ponyhof. Das Leben auf der anderen Seite der Hegemonie aber erst recht nicht. Wenn es um Gerechtigkeit gehen soll, müssen wir den Ponyhof verlassen. Dabei sind Abwehrreaktionen an der Tagesordnung. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, wo ich versuche, Gründe dafür zu finden, warum mein Verhalten oder meine Gefühle rational sind und nichts mit der Dominanz meiner Position zu tun haben. Ich ertappe mich dabei, die Irrationalität auf der anderen Seite zu suchen. Ich erkenne nicht immer sofort an, dass andere mehr Erfahrungen haben, die Welt wirklich anders erleben müssen und entsprechend Strategien entwickeln, die ich erstmal merkwürdig finde. Ich bin froh, Leute in meinem Umfeld zu haben, mit denen ich mich zu solchen Themen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen kann. Aber was mir auch hilft ist der innere Dialog zwischen mir und dem Anderen. Das können politische Haltungen oder konkrete Personen aus meinem Umfeld sein. Die wissen das gar nicht. Ich habe meinen inneren Scheiterhaufen, meine innere Do., meine innere Lantzschi, die innere Antideutsche und noch ganz viele mehr. Mit denen kann ich mich auch auseinandersetzen, ohne konkreten Personen mit meinen halbdurchdachten Abwehrreflexen auf die Nerven zu gehen. Ich wünsche mir, dass Leute sich auch mal im inneren Dialog üben, statt wütig über den Ponyhof zu rennen, um sich einen Erklärbären zu fangen.

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