Die politischen Dimensionen der Daten und Informationen

Antje Schrupp und mspro haben heute jeweils Texte geschrieben, die sich um Datenschutz und den Begriff des Datenmissbrauchs drehen. Beide hinterfragen – wie auch schon Christian Heller – die Idee, dass Daten unbedingt geschützt werden müssen. Sie werben für eine Kultur der Transparenz. Mspro kritisiert dabei den Begriff des Datenmissbrauchs grundsätzlich. Zum Einen: Weil sich die Lesarten von Daten nicht fixieren lassen, ist immer mit Kontrollverlust zu rechnen. Zum Anderen: Wo die einen Daten so nutzen, dass es negative Konsequenzen für das Subjekt hat, machen andere tolle, nützliche und schöne Dinge mit den Daten, an die „DatenurheberInnen“ niemals gedacht hätten. Man könnte sagen, dass die Fragen, ob Daten ge- oder missbraucht werden, immer eine im weitesten Sinne politische ist. Weil sie nicht grundsätzlich beantwortet werden kann, ist auch ein absoluter Datenschutz normativ nicht wünschenswert.

Mir ist dieser datenschutzkritische Ansatz sehr sympathisch, weil mir die Debatte zurzeit sehr ins Paranoide abrutscht, zu wenig an konkreten Problemen orientiert ist und ich Kontrollverlust für eine ernstzunehmende, aber auch interessante Vision halte. Was mir jedoch auffällt ist, dass oft von „fertigen“ Menschen ausgegangen wird. Zwar erkennt mspro an, dass „nicht jeder den Mut, die Stärke, die Macht und die Unabhängigkeit dazu [hat, sich dem Druck, Daten könnten missbraucht werden, anzupassen]. Es braucht ein gehöriges Maß an Privilegiertheit dazu, sich freizügig zu verhalten.“ Es scheint mir aber die Einsicht zu fehlen, dass diese Privilegien unter anderem mit den Instrumenten der Daten und Informationen verteilt werden. Hier argumentiere ich mit Foucault nicht im Sinne einer zentralisierten Masterplan-Machtinstanz, sondern im Sinne von komplexen strategischen Machtlinien, die sich durch die Subjekte, Institutionen, Bilder un Daten ziehen. Wie mit Daten regiert wird, hat Foucault in seinen Ausführungen zur Biomacht beschrieben, in denen es um das „Auftreten der Bevölkerung“ als ökonomisches und politisches Problem geht.

Machtwirkungen haben auch Informationen, sie sind nämlich als Repräsentationen Teil von Subjektivationsprozessen. Hier finden wir interessante Hinweise bei Butler, die zeigt, wie Subjekte (also Menschen, also wir) durch Macht nicht nur unterworfen, sondern gleichzeitig von ihr hervorgebracht werden und sich durch ein performatives Ins-Verhältnis-Setzen zu Normen aktiv selbst hervorbringen. Über die Wirkungen von Repräsentationen denke ich im Zusammenhang mit mspros These der Plattformneutralität nach, seit ich seinen Text „Plattformneutralität, Gender und die verdammte der Realität“ (der Text vom 28.05.2010 ist aus bekannten Gründen gerade nicht online zu finden) über Gender und die Sigint 10 gelesen habe. Darin setzt er sich mit der Skandalisierung einer künstlerischen Abbildung einer nackten Frau, die auf der Sigint zu sehen war, auseinander. Im Sinne der von ihm geforderten radikalen Informationsfreiheit, die er Plattformneutralität nennt, könne eine solche Repräsentation kein no go sein. Es müsse also darum gehen, durch eine Erhöhung des Frauenanteils auf Konferenzen dieser Art eine Situation zu schaffen, in der Frauen genug Selbstbewusstsein haben, störende Informationen wie diese ignorieren zu können.

Was mspro ausblendet ist, dass solche Repräsentationen eine Rolle spielen bei der andauernden Subjektwerdung. Ich habe nach dem Lesen des Textes über die Nachtfotos von Bikinimädchen im Partykeller meines Onkels nachgedacht, die auf mich als junges Mädchen sicher anders wirkten als auf meine beiden Cousins. Und neulich, als Max und Björn in der Märchenstunde beim „Tapferen Schneiderlein“ wieder über den König sprachen, der einfach mal beschließt, seine Tochter dem Helden des Märchens zur Frau zu geben, kam mir auch wieder in den Sinn, wie wenig neutral Informationen sind und was sie immerzu mit uns machen.

Wir müssen uns also immer überlegen, was die Informationen, die wir so in die Welt setzen, und die Daten, die wir gebrauchen und verarbeiten, mit uns und mit den anderen in der Welt machen, ob nützen oder schaden, Handlungsfähigkeit einschränken oder erweitern. Das scheint mir die politische (oder vielleicht sogar ethische) Frage zu sein, die am Datenschutz weiterhin hängt und mit denen wir uns selbst, unsere Freunde, die Unternehmen und die Staaten konfrontieren müssen.

3 Gedanken zu „Die politischen Dimensionen der Daten und Informationen“

  1. Ich musste fast etwas lachen. Unsere Positionen knallen nämlich genau an dem Punkt aneinander, wo sich Derrida und Foucault ihrerseits auseinander gestritten haben. Nämlich genau an der Frage, wo das, was man aus den Diskursen heraus lesen kann, was in ihnen für Politiken extrahierbar sind, eigentlich steckt.

    Stecken die Aussagen, wie Foucault meint, tatsächlich schon in den Diskursen selbst und man müsse nun als Archäologe diese Diskurse als „Archiv“ heben und könne sie dann untersuchen wie man Artefakte untersucht?

    Oder sind wir es, ist es das Heute, das uns erst das Instrumentarium in die Hand gibt, mit dem wir fähig sind, die damaligen Diskurse andere Aussagen treffen zu lassen, als zum Zeitpunkt der Speicherung angelegt sind. Es ist die Möglichkeit, sie als Sexismus lesen zu können, die in den Bildern angelegt ist. Eine Möglichkeit unter vielen und es brauchte erst das Instrument des Feminismus, um den Sexismus daraus lesen zu können. (Und morgen wird man vielleicht mit ganz anderen Instrumenten ganz andere Aussagen darin lesen)

    Du merkst: wir sind in einem Fraktal gefangen, denn diesen Streit versuche ich ja die ganze Zeit (wenn auch nicht explizit) in dem Begriff des Kontrollverlustes zu verhandeln. Und, wie es vielleicht offensichtlich ist, befinde ich mich hier auf Seiten Derridas.

    Nein. Die Aussage des Sexismus steckt nicht als Positivität in den Bildern drin, aber wir haben das Instrumentarium und damit das Recht – vielleicht die Pflicht – sie in diesen Bildern heraus zu lesen. Aber – und diese Möglichkeit verbietet Foucault in seinem Positivismus – wir können sie auch akzeptieren, unseren Frieden damit machen und wir brauchen sie nicht auf diese eine Aussage reduzieren. Wir haben (um jetzt mal vom Begriff der „Ignoranz“ weg zu kommen) die Möglichkeit alle möglichen anderen Aussagen in diesen Bildern zu sehen. Nur den Sexismus zu sehen und die Bilder damit zu verteufeln, halte ich deswegen für falsch. Denn selbst wenn man nicht bereit ist, etwas anderes darin zu sehen, als Sexismus, muss man dem Anderen das Recht einräumen, dieses Andere sehen zu können.

    Aber das Thema ist zu weit und zu komplex, als ich dass man es hier in den Kommentaren verhandeln könnte. (Es ist das Thema meiner Doktorarbeit)

  2. Dann nehme ich dich mal beim Wort und lasse „die damaligen Diskurse andere Aussagen treffen“: Die Verantwortung gegenüber dem Anderen. Man muss die Frage stellen, wer in der von uns diskutierten Situation die Verantwortung welchem anderen gegenüber trägt. Damit sind wir bei Gruppen, die an einem Ort zu einer Zeit oft unscharf und sich durchkreuzend konstituiert sind, und – wie im Fall der sigint10 – Forderungen formulieren (bild ist problem vs. bild ist kein problem), die aufeinander getroffen sind. Die Situation führt zu einer politisch durchzusetzenden Entscheidung, die ich oben im Text als ethische formuliert habe, weil sie auch eine Entscheidung gegenüber dem Anderen ist.

    Es geht mir also um die Positionierung des Subjektes, das ich weder jetzt noch für die Zukunft als neutrales Individuum zu denken vermag. Wie würdest du situierte Subjekte und kollektive Identitäten in die Ethik gegenüber dem ganz Anderen einordnen? Kommt das unbekannte Andere nur aus der Zukunft und was ist dann mit dem/den bekannten Anderen des Jetzt?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Comments links could be nofollow free.