Filtersouveränität und Empathie

Ich bin hin und her gerissen, was den Flausch angeht. Auf der einen Seite freue ich mich sehr über die Flauschbewegung. Es ist gut, wenn Leute für einander da sind, sich öffnen, wertschätzen und unterstützen. Die Kultur des Flauschens hat sich unter diesem Begriff in einem Teil meiner Twittertimeline verbreitet, in einem anderen Teil wurde sie auch vorher schon gepflegt, wenn auch ohne diesen von Abnutzung bedrohten Begriff.

Es ist der Flausch, der das alltägliche Leiden aus- und besprechbar macht. Er ist Teil eines Diskurses, der um die Frage kreist, wie netzbewegte Menschen miteinander umgehen.1

Auf der anderen Seite merke ich aber, dass die Offenheit und die emotionalen Tiefen, die dadurch zum Vorschein kommen, mich belasten. Es überfordert meine Empathie, bei jedem zweiten Blick in die Timeline mit Gesprächen konfrontiert zu sein, die zeigen, dass es Menschen gerade nicht gut geht. Es macht es mir noch schwerer, mich zu konzentrieren. Es zieht mich runter. Es kann auch triggern, aber ich möchte an der Stelle betonen, dass ich das nicht alles unter diesem Begriff subsumieren will.

Ist das in einem scheinbar unbegrenzten, unidirektionalen Kommunikationsraum nur eine Frage der Filterkompetenz? Wohl kaum. Erstens hat das Flauschen weder ein Hashtag noch ist es zeitlich begrenzt. Zweitens geht es nicht um doofe Leute, die mit ihrem Gefühlskack meine Timeline zuspamen, sondern um Leute, die ich mag. Ich möchte Personen, die mir ans Herz gewachsen sind, die ich für das schätze, was sie im Netz vertreten oder mit denen ich schöne Erlebnisse im Meatspace hatte nicht entfolgen, weil es ihnen nicht gut geht, sie einen Konflikt austragen, der ihnen an die Nieren geht und sie Unterstützung brauchen – auch wenn ich nicht immer die sein möchte und kann, die diese Unterstützung zur Verfügung stellt.

Die Filtersouveränität des Mutens und Unfollow basiert auf der Annahme einer nach außen stabilen Identität und Persönlichkeit. Wir bemühen uns oft, ein solches Bild abzugeben. Damit die Leute wissen, was sie kriegen. Aber im Flausch besteht doch gerade die Möglichkeit, davon abzuweichen. Sollte ich diejenigen Leute zum Schweigen bringen, die sich der Aufforderung, ein funktionierendes Selbst zu performen, widersetzen? Ich möchte es nicht, aber merke, das mein Wohlbefinden in Gefahr ist. Und daran sind nicht die Individuen schuld, die sich zu viel Raum nehmen und gegen die guten Sitten der Zurückhaltung verstoßen, sondern die Verhältnisse und Normen, die sowohl das Leid als auch die Möglichkeit, damit umzugehen, auf eine Weise strukturieren, die nicht gut für uns ist. Wir kommen aber nicht darum, dem Problem in gegenseitiger Verantwortung zu begegnen.

  1. Beachtenswert fand ich u.a. Eine Kritik des #Flausch von tante, das re:publica Panel The Dark Side of Action, die von Lantzschi aufgeworfene Frage Wie wollen wir im Netz Verantwortung füreinander tragen?, die in Helgas re:publica Workshop gesammelten Ideen zum Caring Space und auch Franzsikas Text zum Schmerzensmann. [?]

29 Gedanken zu „Filtersouveränität und Empathie“

  1. So sehr ich (wir?) Twitter schätzen und lieben. Ich glaube, es ist halt einfach nicht der passendste Kanal für alles. … Ich bin nicht der Meinung, es müsste alles im sog. RL passieren und denke auch nicht, dass das Ganze eine „technisch“ lösbare Frage ist. Aber im rein textlichen Raum ist Empathie auch nicht unbedingt einfacher, als es ohne hin ist.

    Kurze Rede, noch kürzerer Sinn: bin ähnlich ratlos. Keine Ahnung. :|

  2. Ich frage mich, warum Du diese Beobachtung auf „den Flausch“ als neue Erscheinung beziehst.

    Wahrscheinlich ist meine Filterbubble anders als Deine, aber emotionale Offenheit bis an und über die Grenze der Erträglichkeit habe ich online auch schon vorher gesehen, und ich habe nicht das Gefühl, dass sie „im Zeitalter des Flausch“ verbreiteter wäre.

    Ungeachtet dessen ist es natürlich die wirklich interessante Frage, wie und warum wir damit umgehen, und warum der Wunsch nach mehr Empathie und überfordert.

  3. Was mich am Flausch stört, sind vor allem zwei Dinge. Zum einen gibt es hier so eine ungesunde Dynamik „wer lauter schmerzt, wird mehr beflauscht“. Wer seinen Schmerz nicht nach außen trägt, muss klarkommen. Bis zu dem Punkt, wo einige sich dann zurückziehen, weil ihre Bedürfnisse denen der lauten Schmerzer(_innen) komplett untergeordnet werden. Meine anekdotische Evidenz zeigt hier sehr deutlich geschlechtsspezifische Reaktionen, was mir noch einmal mehr aufstößt. Falls es wissenschaftlichere Flauschforschung gibt, her damit!

    Zum anderen wird Schmerz und Flausch wie ein Schutzschild verwendet. „Wie Du willst mich wegen x kritisieren, aber ich schmerze doch so, ich brauche Flausch.“ Da werden dann ganz schnell unterschiedliche Ebenen vermischt und Leute ziehen sich aus der Verantwortung für andere Taten. Dieser Abwehrmechanismus macht es dann z.B. auch schwierig, darauf hinzuweisen, wie gegendert Flauschmechanismen gerade funktionieren.

  4. Ich finde deine Analyse interessant und kann mich zum größten Teil anschließen. Ich beobachte das Flauschen allerdings derzeit noch vor allem interessiert und aufgeschlossen und versuche kein vorschnelles Urteil darüber zu fällen. Denn ich glaube, wir haben es hier mit einer temporären Ausformung einer Position inmitten eines Aushandlungsprozesses zu tun.

    Flausch ist einerseits eine bewusste Gegenreaktion und Gegenpol zum Shitstorm und versucht ihn in seiner Überbietungslogik zu kopieren. Allerdings als Überaffirmation.

    Flausch ist andererseits irgendwie ein teil des Post-Privacy Diskurses und versucht die Öffentlichkeit in eine Selbsthilfegruppe umzufunktionieren.

    Und beides finde ich erstmal intressant, so als ausgelebte Hypothese, denn es versetzt uns alle erstmal in eine neue Position. Klar kommen dabei Überforderungsgefühle auf, weil wir noch keine Konzepte haben, darauf zu reagieren. Es sind so viele Leute, die so viele Äußerungen tätigen und so ständig Flauschressourcen reklamieren.

    Denn anderseits ist auch das Publikum ein größeres als der/die Freundin, bei der man sich sonst ausheult. Das heißt, dass die Funktion des Flauschens, die bislang eine intime und direkte war, durch das Internet auf viel mehr Schultern verteilt und random-mäßig alloziert wird. Wer grad Zeit hat, gibt etwas Flausch, wer grad keinen Kopf dafür hat, muss auch nicht, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Flausch ist im Grunde also Polytrösterie.

    Ich weiß nicht, wie zukunftsträchtig das Konzept wirklich ist. Klar ist, dass wir noch keine Modi gefunden haben, das richtig zu handhaben. Das ist aber noch kein Grund das vorschnell abzutun. Mal sehen was draus wird. Und: eigene Strategien des Umgangs damit finden und am besten bloggen.

    PS: *flausch*

  5. Natürlich ist genug Flausch für alle da.
    Meine Kritik ist im Moment, dass wir es immer noch nicht schaffen für einander ein zutreten. Natürlich ist es schön getröstet zu werden, eine digitale Umarmung zu erhalten, das kurze Gefühl nicht alleine zu sein. Aber wenn ich in Situationen in denen ich Angegriffen oder verletzt werde, keiner in der Lage ist ein klares „Stopp“ aus zu sprechen und den Absender der Verletzung in die Schranken zu weisen. Bleibt der Flausch leider ein Wort und verkommt zur Phrase.
    Ich möchte das nicht. Ich sehe die Flauschbewegung (wenn man es so nennen will) als wunderbare Gelegenheit Empathie in unsere Filterbubble zu bringen. Aber es darf eben kein leeres Wort sein.
    https://twitter.com/nienor86/status/200464895593037824

  6. Mich macht traurig, den Eindruck zu haben dass Helga hier Freunde von mir persönlich angreift.

  7. Was ich anmerken würde:
    Flausch ist gut und schön, aber mindestens so wichtig wie auf die Online-Menschen aufzupassen ist es meiner Meinung nach auch, mal den Menschen um euch im Meatspace herum, zu sagen, dass sie zu euch kommen können, wenn sie Flausch/Trost brauchen. Gerade auch deswegen, weil nicht alle öffentlich (und private twitteraccounts sind ja auch zumindest halböffentlich) um Flausch bitten/Flausch empfangen können oder wollen.

    Ich habe meistens ein gutes Gefühl dabei, wenn ich sehe, dass Leute in meiner Timeline füreinander da sind. Ich verstehe aber auch die negative Wirkungen, aber ich weiß nicht, ob dann das „abschalten“ / mal nicht hinsehen nicht eigentlich einfach genug ist. (Evtl. auch schon wieder zu einfach.)

  8. Ich glaube, es ist besser, wenn wir die persönliche Ebene ausklammern könnten, auch wenn es schwierig ist, weil unsere Erfahrungen ja genau auf sowas basieren. Aber ich weiß nicht, wie das sonst gehen könnte. Ich nehme mir vor, das ab sofort auch entsprechend zu moderieren (bei Andeutungen geht das allerdings nicht gut, weil ich nicht immer wissen kann, was gemeint ist).

  9. @helga @joël den von euch angesprochenen punkt, dass nicht alle ihre probleme öffentlich äußern wollen/können und damit flausch für sich mobilisieren können finde ich wichtig. geschlechtsspezifische dynamiken spielen dabei auch eine rolle (und zwar dynamiken in verschiedene richtungen!), aber auch andere dynamiken, zuschreibungen, biographien. dazu gehört eben auch, wer als stark wahrgenommen wird und bei wem in jede äußerung ein flauschbedürfnis reingelesen wird, das nur zu gerne erfüllt wird. das verläuft glaub ich nicht nur entlang von den klassischen gesellschaftlichen machtverhältnissen, sondern hat auch was mit zwischenmenschlichen begehrens- und sympathiedynamiken zu tun.

  10. @map: Ich fände es schön, wenn wir hier konstruktiv über Ausschlussmechanismen im „Flauschraum“ diskutierten.

    Ich sehe dieses Phänomen u.a. als den Versuch, sich eine kleine „perfekte“ Flauschblase (einen safe oder caring space) zu schaffen. Aber nur der Entschluss allein, dass alles flauschig ist, ändert nicht die Teilnehmenden, ihre Ausgangsbedingungen und gesellschaftliche Mechanismen. Dazu gehört auch, sich anzuschauen, wo man gerade Ausschlüsse schafft oder auf entsprechende Kritik einzugehen.

  11. @Helga: D’accord. Zu unterstellen „Leute“ instrumentalisieren ihre Gefühle um sich aus Verantwortung zu stehlen – gerade wenn du das mit anekdotische Evidenz kontextualisierst – finde ich nicht konstruktiv.

  12. @Helga: Kannst du bitte deine Beobachtungen, „wie gegendert Flauschmechanismen gerade funktionieren“, ein bisschen deutlicher machen? Ich sehe wenig geschlechterspezifische Flauschdynamiken im Moment.

  13. Bei aller Abstraktion und spannender Außenbetrachtung muss im Hinterkopf bleiben, dass es die psychische Gesundheit von Menschen ist, um die es geht oder gehen kann.

  14. Ich habe beim Flauschen momentan auch einen weiteren Punkt, den ich schwierig finde.

    Ich finde es auf der einen Seite sehr gut, dass (mehr) über Gefühle gesprochen wird und dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass es allen gut gehen muss.
    Ich finde es auch gut, dass es die Möglichkeit gibt, über digital für einander da zu sein. Ich sehe dabei aber auch die Probleme die bisher angesprochen (geschlechtsspezifische Ein- und Ausschlüsse, mögl. Überforderung, usw.) wurden..

    Zusätzlich habe ich den persönlichen Eindruck, dass Flausch Interessenkonflikte zu überlagern droht.
    Auch in den Debatten online tragen wir ja zwangsläufig Interessenkonflikte aus. Und wir haben alle nicht die gleichen Interessen. Momentan habe ich aber den Eindruck, dass die Debatte ein wenig bei der Frage stehenbleibt, dass wenn wir alle nur total flauschig zueinander sind, das für alle gut ist. Dabei habe ich den persönlichen Eindruck, dass im Subtext immer mitschwingt, dass Kritik unflauschig ist, weil sie unbequem ist. Wenn sexistisches Verhalten (nur als Beispiel) kritisiert wird, dann ist das für viele sehr unbequem (ich kenne das aus eigener Erfahrung gut). Ich würde dabei aber sagen, dass es dann unbequem sein muss, denn sonst ändert sich u.U. nichts an dem sexistischen Verhalten, die Kritik kann einfach ignoriert werden.

    Ich frage mich – und beim darüber nachdenken fällt mir momentan echt nichts sinnvolles ein – wie wir es schaffen können, dass Kritik weiterhin möglich bleibt, ohne aber, dass die Kritik für Menschen eine nicht mehr zu bewältigende Belastung wird.

    (Bei Gelegenheit werde ich bestimmt die Gedanken, die ich alle nicht aufgeschrieben habe mal verbloggen und weiter ausführen)

  15. Danke für den Text.

    „zwischenmenschliche begehrens– und sympathiedynamiken“ und gesellschaftliche machtverhältnisse stehen doch immer wieder im wechselspiel. Ich würde das nicht trennen wollen, Kathrin.

    Die Sache an den Persönlichkeiten, die gerade ausgetragen werden und auch über „Flausch“ kommuniziert werden (nämlich: wer flauscht nicht und warum?) ist, wie ich finde, schon stark an gesellschaftliche Machtverhältnisse gekoppelt, was wiederum auswirkungen auf das Zwischenmenschliche hat und umgekehrt. Hinzu kommt, dass hier offenbar Wissenshierarchien existieren, die im Netz kaum offengelegt werden können, ohne persönliche Nahbereiche zu tangieren und damit Grenzüberschreitungen zu tätigen oder es eine Positionierung der Beteiligten nach sich ziehen würde. Komischerweise werden sie aber von einigen offengelegt und von anderen nicht. Einige holen sich Bestätigung über’s Netz ab oder bekommen sie zugesendet, andere nicht.

    Wenn sich in den Kommentaren aufgeschwungen wird, andere Personen zu verteidigen und das Ganze zu personalisieren, dann finde ich das schon bemerkenswert, wer sich diese Verteidigungshaltung eigentlich leisten kann und wieso überhaupt der Verteidigungsmodus angeschalten wird. Helgas Argumentation scheint sofort diskreditiert, obwohl sie über allgemeingültige Sachen schreibt. Sie darf nicht von ihrer persönlichen Ebene abstrahieren und universale Aussagen treffen wie (kurz gesagt: Flausch hängt mit Geschlechterverhältnissen zusammen), anderen wiederum wird dieser Universalismus sanktionsfrei zugestanden, weil wir sind ja alle irgendwie flauschbedürftig.

    Klar sind wir das, ich erwarte aber von einem sich emanzipatorisch verstehenden Umfeld ein bisschen mehr Selbstreflexion. Das eigene Flauschbedürfnis in einen größeren Kontext zu setzen und mal zu gucken, wem ich den Raum wegnehme, welches Bedürfnis ich vielleicht übertöne. Ich könnte jeden Tag Rumschreien, Weinen, mir die Haare ausreißen, ich brauche ganz oft Nähe, um überhaupt verarbeiten zu können, was mir in meiner sozialen Position tagtäglich widerfährt. Und dann triggert es mich uuuuunglaublich, wenn ich in meiner Filterbubble lesen muss, wie sich andere den Bauch kraulen lassen für Dinge, die mit diskriminierendem Alltag nichts zu tun haben. Oder für Selbstverständlichkeiten.

    Es geht nicht darum, dass alle gleich viel Flausch kriegen sollen, sondern dadurch ganz offensichtlich Machtverhältnisse erneut unsichtbar gemacht werden und zwar in einem Raum, der für viele ein Safer Space ist, für manche sogar der einzige, weil der Meatspace keinen solchen bereit stellt/bereit stellen kann.

    Ich finde es gelinde gesagt traurig, dass sich auf Ideen und Gestaltungsvorschläge eines solchen Raumes, wenn überhaupt Reaktionen kommen!, nur ein: „Nein, das Internet ist so und so!“ Da denke ich mir doch, sonst immer die Klappe aufreißen und gegen alle (zu Recht) wettern, die zwischen Reallife und Internet trennen und wenn’s wirklich ans Eingemachte geht, kalte Füße bekommen…

    Ich sehe Flausch nur als einen Kanal, ein liberales Zuneigungsinstrument, das allen offensteht, relativ hürdefrei funktioniert, aber von dem doch wieder die gleichen profitieren, die auch schon draußen im stürmigen Umfeld der Machtverhältnisse besser davon kommen als andere. Und weil Flausch ja gerade so knuffig ist, erscheint die Kritik daran als unangemessen und unfair, es lenkt ab von den Problemen, auch von den persönlichen, macht Dinge unsagbar, die dringend diskutiert gehören, wenn wir die Idee eines fairen und awaren Miteinanders nicht aufgeben wollen.

    „Flausch doch selbst, wenn’s dir nicht passt!“ „Du kannst doch flauschen, wen du willst!“

    Flausch (und auch das Internet als Medium und Kommunikationsmittel, aber das würde jetzt zu weit führen) ist super anschlussfähig an diese Liberaldenke von wir sind alle gleich und deshalb können wir auch alles. Ich wünsche mir einfach, dass auch in unseren feministisch inspirierten Filterbubbles mehr Awareness produziert wird und sich nicht die gleichen Ausschlussvorgänge und Dominanzen ständig wiederholen. Ich glaube einfach nicht, dass sich Twitter und wenn sich einige noch so nahe stehen, nicht eignet, um da wirklich aufgefangen zu werden.

    Ich lese jeden Tag depressive, suizidale, fröhliche, schmerzige, wütende, laute und leise Tweets. Ich finde vieles davon absolut grenzüberschreitend und teilweise kackscheißig, aber ich sage nichts, weil ich den Kontext nicht kenne und mir denke: „Gnaah, irgendeinen Grund wird’s schon haben“, wenn ich die Leute halbwegs kenne. Andere werden halt entfolgt, um mich zu schützen. Klar, hat das, wie du schreibst, mit Stabilität zu tun. Aber nicht, damit ich dieses Bild nach außen geben kann, sondern für mich selbst. Mute und Unfollow oder auch mal ein passiv-aggressiver-140-Zeichen-Rant sind Selbstschutz und der Ruf nach Solidarität, die Kritik an Raumeinnahme. Ich muss mich leiser stellen, damit ich mich schütze, während andere diesen Raum ohne zu fragen besetzen und alles vollflauschen?

  16. „Und dann triggert es mich uuuuunglaublich, wenn ich in meiner Filterbubble lesen muss, wie sich andere den Bauch kraulen lassen für Dinge, die mit diskriminierendem Alltag nichts zu tun haben. Oder für Selbstverständlichkeiten.“

    Empathie triggert? Was ist die Konsequenz daraus? Ich sehe da keinen Anknüpfungspunkt, keine Handlungsoption. Empathie ist wichtig, auch für Dinge, die als völlig selbstverständlich gelten, auch für Dinge, die Du aus Deiner perspektive als nicht emanzipatorisch verortest. Dich davor zu schützen, Empathie wahrzunehmen, die Du als verschwendet erachtest, kann nicht der Ansatz eines schützenden Umgangs miteinander sein.

    Letztlich forderst Du die Sublimation von Menschen, die aus Machtpositionen heraus keine Gefühle performen zu Menschen, die aus Machtbewusstsein keine Gefühle performen und stößt Dich daran, dass der Zwischenschritt dennoch statt findet. Verständlich dass Du da nicht applaudieren oder gar zur Seite stehen willst, wird auch nicht erwartet. Dein Draufhauen aber ist verletzend und nichtmal strategisch sinnvoll.

  17. „Und dann triggert es mich uuuuunglaublich, wenn ich in meiner Filterbubble lesen muss, wie sich andere den Bauch kraulen lassen für Dinge, die mit diskriminierendem Alltag nichts zu tun haben. Oder für Selbstverständlichkeiten.“

    Aha. Iss ruhig weiter dein Weißbrot und lass dir den Bauch kraulen für Dinge die nichts mit unmittelbar lebensbedrohlichen Umständen wie „HUNGERSNOT“ zu tun haben.

    Ich denke du verstehst worauf ich hinauswill.

    Dass es dir nach deinem Ermessen _noch_ schlechter geht ist einfach kein Argument.

  18. @Anna: Ich kenne inzwischen einige, die von Flauschdebatten, Flauschstürmen oder dem gefühlten Druck, alles müsse jetzt flauschig sein überfordert oder genervt sind, oder das Gefühl haben, andere Probleme gingen jetzt unter und die sich deswegen aus all dem zurückziehen. Das sind vor allem Frauen*.

    @map/Random Fake Name: Was lantzschi sagt: „ ich erwarte aber von einem sich emanzipatorisch verstehenden Umfeld ein bisschen mehr Selbstreflexion. Das eigene Flauschbedürfnis in einen größeren Kontext zu setzen und mal zu gucken, wem ich den Raum wegnehme, welches Bedürfnis ich vielleicht übertöne.“

    (zu mehr reicht’s gerade nich, bin heute den ganzen tag unterwegs und komme immer nur kurz zu was.)

  19. Was mir jetzt noch eingefallen ist: `“Wem gebe ich keinen Flausch, weil ich nicht „patronising“ / sexistisch / anbiedernd / etc. wirken will?“ finde ich auch bedenkenswert, ich glaube aber das ihdl das auch schon angesprochen hat.

  20. Mir wird allmählich (und wirklich nur allmählich) euer Problem klar, das mir vor allem deshalb unverständlich war, weil ich grundsätzlich eine andere Art zu haben scheine, wie ich meine Kommunikationskanäle benutze und auch verstehe.

    Vorab aber: Leid, sei es über verflossene Liebe oder andere private Probleme, ist geschlechtsneutral. Auch in der Art und weise sich zu äußern. (Wer das nicht glaubt, möge mal _meine_ Timeline der letzten 72 Stunden lesen, von gewissen Menschen). Und es ist menschlich, dass man in Notsituationen nicht immer souverän damit umgeht.

    Das gesagt haben, finde ich es etwas befremdlich, dass im Internet, das ein unendlich großer Raum ist, davon gesprochen wird, ein Mensch nehme zuviel davon ein. Es ist eben nicht wie in einer Gesprächsrunde im Meatspace.
    Aber von Geschlechterrollen zu sprechen, wo die tatsächliche „Machtverteilung“, eher Aufmerksamkeitsverteilung, doch vor allem eine ist, die sich nach Followerzahlen definiert, finde ich wagemutig.

    Und was mich des weiteren stört: Wieso wollt ihr soziale Probleme mit Technik lösen? Oder mit allgemeinen sozialen Vorschriften? Filtern, blocken, oder auch „jammert und flauscht nicht so viel rum“ statt „hey, du, es tut mir sehr leid wie es dir geht und wenn du möchtest können wir auch mal drüber reden aber mir wird das gerade zu viel, wie du rumheulst, das spammt meine Timeline voll und belastet mich ein Stück weit unnötig?“

    Mich stören ehrlich gesagt diese extremen Reaktionen genauso wie dass das verhalten einzelner politisiert wird.

  21. Was @mspro sagt: „flausch“ scheint Teil des Post-Privacy-Diskurses zu sein. Das zeigt sich gerade auch an Formulierungen wie (@lantzschi) „Das eigene Flauschbedürfnis in einen größeren Kontext zu setzen und mal zu gucken, wem ich den Raum wegnehme, welches Bedürfnis ich vielleicht übertöne“:

    Öffentlichkeit bzw. öffentliche Aufmerksamkeit ist also eine Art gemeinsamer, endlicher, politischer Ressource, die von den Flauschs verbraucht wird; mit diesem Verbrauch ist sorgsam-verantwortungsvoll umzugehen, denn er gräbt anderen Interessenten den Rohstoff ab. Würde das Flauschen dagegen privat gehalten, würde es nicht die Kanäle des Politischen verstopfen, keine Aufmerksamkeit oder Filter-Arbeit beanspruchen, wie sie @ihdl im Ursprungs-Posting als Problem schildert.

    Ich hab so mein Problem mit dem Raum-Begriff, der in diesem Bild durchschimmert: Twitter als gemeinsamer öffentlicher Raum, den wir durch unsere Tweets ausfüllen und damit anderen denselben „Raum wegnehmen“; das klingt mir zu sehr nach endlichen/knappen Sende-/Empfangs-Frequenzen, die ausgefüllt werden von den populärsten Sendungen/Kanälen, von einem platzhirschigen Mainstream, der Anderen diktiert, was gehört und gesagt werden kann. Nun ist aber gerade Twitter ein Medium, wo wir uns selbst unseren Kanal durch unsere Follow-Entscheidungen zurecht klicken, wo wir uns keinen Kopf machen müssen sollten, ob das was wir schreiben jemanden interessiert oder Relevanz hat, sondern auf die Filtersouveränität der Leser vertrauen können sollten.

    Wohlgemerkt, „sollten“. Würde Filtersouveränität in Twitter denn funktionieren. Dass sie so ihre Mängel hat, das beschreibt @ihdl ja im Ausgangs-Posting. Diese Filter-Probleme drohen Twitter also in einen Raum zu verwandeln, wo die Dominanz eines Mainstreams meine Filtersouveränität einschränkt. Die naheliegende Antwort scheint mir eine Verbesserung der Filter-Mechanismen zu sein: etwa Twitter-Clients mit Wortfiltern statt nur Personen-Filtern, die man je nach Stimmung auf z.B. „flausch“ ansetzen kann. Inwieweit solche radikalen Filter-Clients vom notorisch seine APIs einengenden Twitter unterstützt würden, ist wohl eine andere Frage. Aber deshalb microblogge ich ja auch lieber mit laconi.ca als Twitter ;-)

  22. Der zweite Satz im ersten Kommentar von @Henning gefällt mir am besten.

    Und so wunderbar schlüssig aufgeführt ich alle weiteren Punkte aufgeführt finde, so wenig sehe ich die ausschlaggebende Besonderheit, welche dabei ein digitales Medium spielen soll (wer glaubt, ohne Twitter nicht filtern zu können, sollte mal testen, wie problemlos er im ‚real life‘ an Obdachlosen vorbeigehen und sie vergessen kann).

    Die tatsächliche Besonderheit an Twitter sehe ich darin: Es ist kein zweckgebundener Ort. Im ‚real life‘ entscheidet der jeweilige Kontext über die Angemessenheit von Verhalten / Emotionsbekundungen. Auf Twitter aber kann alles und jeder passieren. Wer vor Flausch und Flauschforderungen geschützt sein, lieber nah an bestimmten Inhalten arbeiten will und dabei auf bestimmte Sprachregelungen Wert legt, muss Räume dafür suchen oder schaffen.

    Ach ja, @mspro: Mein neues Lieblingswort: Polytrösterie. Dafür ein Extraflausch. :)

  23. Danke für den Text & die Debatte.

    @fiona Die Nummer mit dem Hungerleid anderer ist unsachlich und ungenau. Erstens haben auch Leute, die Hunger leiden, Liebeskummer und sind lesbisch und gehörlos usw. Zweitens zieht der Vergleich nicht, weil die, die du mit dem Weißbrotvergleich ins Feld führst, im Augenblick weder in meinem/unserem Metaspace abhängen, noch in meiner/unserer TL vertreten sind. Lantzschi und die von ihr angesprochenen mit Privilegien ausgestatteten Flauscher_innen andererseits begegnen sich tatsächlich in verschiedenen Räumen. Such dir lieber mal ein stichhaltiges Argument für deine Position.

    @Julian niemand hier besitzt die Macht, Vorschriften zu erlassen. Was wir hier tun ist, am Diskurs teilzunehmen und ihn zu prägen/mitzubestimmen. Wir sprechen hier in Nischen-Nischen-Nischenräumen. Kein Grund also, Extremreaktionen und Verbote/Gebote zu konstruieren. (Solidarische) Kritik auf Verhalten/Aussagen anderer, denen man begegnet (siehe meine Antwort an Fiona) zu derailen, indem du den Kritiker-innen sagst „geht doch woanders hin, wenn es euch hier nicht passt“ (deine Aussage: …Internet, das ein unendlich großer Raum ist…) ist echt nicht zielführend.
    @Random Fake Name ich verstehe deinen letzten Absatz nicht, habe ihn nun mehrmals gelesen. Was meinst du mit dem Zwischenschritt? Wo fordert Lantzschi Sublimation?

    Der Punkt von Jens ganz am Anfang (Flausch-Care-Arbeit ist auch Arbeit) ist der entscheidende, der diese Diskussion für mich in einen (queerfeministischen) politischen Kontext zurückholt.
    Im Metaspace lassen sich Beziehungen noch halbwegs greifbar analysieren: Person A tröstet Person B, bäckt ihr einen Kuchen, zündet eine Kerze an und steckt sie mit Wärmflasche ins Bett. Care-Arbeit geleistet. Person B kann das dann irgendwann, wenns ihr besser geht reflektieren und schauen, ob sie Person A etwas zurückgeben kann/will oder auch nicht.

    Auf Twitter ist das meines Empfindens nach schwieriger. Wenn ich flausche, dann sehr breit gestreut, ich scanne meine TL nach traurigen Tweets und beantworte manche mit hoffentlich tröstlichen Sätzen. Es ist viel schwieriger (oder? was denkt ihr?), im Blick zu haben, ob jemand sich total verausgabt und selbst nie geflauscht wird oder ob das Geflausche ausgeglichen ist.

    klar flauscht jede_r freiwillig. Genauso wie wir freiwillig unsere Gefühle performen, unsere Geschlechter darstellen usw., hat also auch mit Sozialisierung zu tun.

    Beim feministischen Klassiker Hausarbeit lässt sich die Ungerechtigkeit in der Arbeitsteilung (denn sie MUSS gemacht werden, egal von wem. Hier sehe ich eine PArallele zu Flausch: Über Gefühle MUSS kommuniziert werden, ich finde das ganz wichtig) erst dann genau festmachen, wenn die Arbeit differenziert sichtbar und vergleichbar gemacht wird.
    Ist das auch mit Flausch möglich? I dont know yet.

  24. Pingback: Schichtstufen

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