Freifunk in Hamburg

Seit ein paar Monaten gibt es eine Freifunk-Gruppe in Hamburg. Sie kümmert sich um den Aufbau und die Infrastruktur eines kollektiv betriebenen freien Wlan-Netz in der Stadt. In anderen Städten wie Berlin und Lübeck gibt es das schon länger. Von den Berliner Freifunker_innen hatte ich u.a. bei einer Folge des Küchenradio schon einiges darüber erfahren, wie das funktioniert. Da ich es reichlich absurd finde, ständig in Mitten von 40 geschlossenen Wlans zu sitzen und trotzdem nur über 3G online gehen zu können (weil ich mir das leisten kann), finde ich Freifunk super. Freies Wlan für alle. I want that.

Wie funktioniert Freifunk?

Über die Stadt verteilt stehen handelsübliche Wlan-Router, auf die eine spezielle Firmware aufgespielt wurde. Jeder dieser Router bildet einen Knoten im Netzwerk. Die Knoten hängen entweder an privaten DSL-Anschlüssen mit dran oder sind mit anderen Freifunk-Routern verbunden, über die sie ihr Netz beziehen. Denn wenn sich zwei Router „sehen“, also Router A noch im Sendegebiet von Router B steht, dann verbinden die sich untereinander und bilden ein eigenes Netz. Hier muss dann theoretisch nur einer der Router selbst am DSL-Netz angeschlossen sein.

Knotengraph von Freifunk Hamburg
Auschnitt aus dem Hamburger Freifunk-Knotengraph

Der Clou bei Freifunk ist, dass Privatpersonen, Hausprojekte, Cafés, Büros, Läden und öffentliche Einrichtungen diese Knoten betreiben können. Die Nachbarn, Cafégäste und Leute auf der Straße können dann über das offene, kostenfreie Wlan ins Internet gehen.

Mein Knoten

Nachdem ich neulich auf einer Veranstaltung über Freifunk Hamburg war, hatte ich Lust, mitzumachen. Dort hatte ich erfahren, dass es sinnvoll ist, sich einfach an Freifunk zu wenden und bei einer Sammelbestellung mitzumachen. Gute Idee, ich schrieb also eine Mail. Dann ging es schnell. Es war noch Router auf Vorrat, ich konnte also direkt einen bekommen. 16 Euro hat mich der TP-Link 150 MBps Wireless-N gekostet. Einen weiteren habe ich dem Projekt dann gespendet. Bei der Übergabe erfuhr ich, dass mein Router schon mit der Freifunk-Firmware bespielt ist. Den Arbeitsschritt konnte ich mir also sparen. Zu Hause musste ich dann nur noch diese Anleitung befolgen. Nach ein paar Minuten konnte ich den neuen Knotenpunkt anmelden und auf den Knotenkarte eintragen (Google-Maps und OSM). Es läuft.

Mein Knoten hängt also hier am DSL-Anschluss mit dran, den wir ja eh haben. Die Stromkosten sollen bei ca. 20 Cent im Monat liegen. Das ist zu verschmerzen. Wir haben auch weiterhin unser verschlüsseltes WG-Wlan, das vom Freifunknetz per Firewall getrennt ist. Am Fenster steht der Freifunk-Router und teilt unser Internet mit der Welt. Ich brauch nur noch Saugnäpfe, um ihn schön festzumachen. Mein Knoten ist im Moment noch etwas einsam, weil in der direkten Umgebung sonst keine Freifunk-Knoten sind. Wenn jetzt aber das Café an der Ecke und das Hausprojekt im nächsten Blockabschnitt mitmachen würden, hätten wir zusammen schon ein kleines Netzwerk.

Bitte nicht stören

Schön und gut, aber wir sind doch in Deutschland hier: Was ist mit der Störerhaftung und den Abmahnungen? Zunächst einmal: Es gilt ein Gentlemen[sic!]-Agreement:

Sei Fair!
Das Netzwerk darf nicht in einer Weise beansprucht werden die das Netzwerk selbst, dessen Betreibende oder andere Teilnehmende beeinträchtigt.
Achte auf deine Sicherheit!
Das Netzwerk ist, wie das Internet, unverschlüsselt und offen. Jede teilnehmende Person ist selbst für die Sicherheit ihrer Verbindungen und ihrer Endgeräte verantwortlich.
Keine rechtswidrige Nutzung!
Das Netzwerk darf nicht für Handlungen missbraucht werden, welche gesetzliche Bestimmungen oder die Rechte Dritter verletzen. Es dürfen keine Inhalte übertragen werden, welche gegen geltendes Recht verstoßen. (Freifunk/Gentlemen-Agreement)

Zum anderen lautet das Zauberwort VPN. Die Freifunk-Community betreibt Server, die den ganzen Traffic, der hier entsteht, erstmal durch die Niederlande leitet. Dort gibt es so etwas wie die Störerhaftung nicht. Die Betreiber_innen der Knotenpunkte sind also was das angeht auf der sicheren Seite. Nachtrag: Die Firmeware auf dem Router sorgt dafür, dass der Traffic durch das VPN geht. Knotenbetreiber_innen müssen sich also nicht mit VPN beschäftigen, wenn sie das nicht wollen.

Bildet Knoten!

Durch die drahtlose Vernetzung ganzer Stadtteile, Dörfer und Regionen wollen wir der digitalen Spaltung entgegenwirken und freie unabhängige Netzwerkstrukturen fördern. Die Vision der Freifunk-Community ist jedoch nicht nur die lokale und globale digitale Spaltung zu überwinden, sondern die Demokratisierung der Kommunikationsmedien und die Förderung lokaler Sozialstrukturen allgemein. Freie drahtlose Netze können ein erster Schritt auf diesem Weg sein. Die Vision der Freifunk-Community ist die Demokratisierung der Kommunikationsmedien und die Förderung lokaler Sozialstrukturen durch freie Netzwerke. (Freifunk/Philosophie)

Es gibt verschiedene Wege, das Freifunk-Projekt zu unterstützen. Man kann, wie ich es getan habe, einen Knoten an den Start bringen. Man kann Geld spenden, damit die Freifunk-Leute zum Beispiel Router kaufen können, die sie sozialen Projekten direkt zur Verfügung stellen können. Ihr könnt auch euer Lieblingscafé dazu bequatschen, sich Freifunk anzuschließen. Da haben ja alles was davon. Der Gruppe selbst anschließen könnt ihr euch auch. Das Freifunk-Hamburg-Wiki ist der Anlaufpunkt für alles weitere.

10 Gedanken zu „Freifunk in Hamburg“

  1. Super, danke für den Artikel und toll, dass Du mitmachst!
    Ich würde gerne noch die politische Dimension etwas ergänzen: Dass man mit freifunk selbstorganisiert der Öffentlichkeit zu Internetanbindung verhelfen kann und dass die, die es nutzen nicht unbedingt dafür bezahlen müssen, ist natürlich total wichtig. Wo gibt es hier in Schland schon offene Netze…
    Gleichzeitig entsteht mit freifunk aber auch dieses ganz eigene Netz, das Du beschrieben hast. Alle verbundenen Router können direkt miteinander kommunizieren und wo der Traffic langgeht, das berechnen sie selbst. Wenn also ein Router ausfällt, dann schicken die Dinger den Netzwerkverkehr woanders lang, solange genügend andere Knotenpunkte in Reichweite sind. Und das bedeutet auch, dass niemand ein freifunk-Netz abschalten kann, denn es ist dezentral angelegt. Auch wenn die bisherigen Nutzungsszenarien immer eine Internetanbindung einschließen, ist es auch möglich, mit freifunk etwa ein Stadt- oder Stadtteil-„Intranet“ aufzubauen, ganz unabhängig von DSL-Anschlüssen bei Internet Service Providern. Für mich ist da der Clou des Ganzen: Ein freifunk-Netz ist nicht nur offen und für die, die nicht den DSL-Anschluss bezahlen, auch umsonst – es ist aber auch ein freies Netz, in dem keine Zensur von zentraler Stelle vorgenommen werden kann. Frei wie in Freiheit. o/

  2. Bei der nächsten Hamburg-Sammelbestellung wäre ich dabei. Ggf. Würd ich auch zwei Router nehmen. Für beide Seiten der Wohnung. Die nächsten Wilhelmsburger Freifunkzellen sind gar nicht soooo weit entfernt.

  3. @silke danke :) ich glaube, der von dir genannte aspekt ist mir noch gar nicht so klar geworden. vielleicht auch, weil ich mir das noch gar nicht so vorstellen kann, wie das freifunk netz sich dann anfühlt und nutzen lässt. ich hoffe, dass das im laufe der nächsten monate hier aber passiert.

    @henning \o/ gute idee! schreib ’ne mail an kontakt klammeraffe hamburg.freifunk.net

  4. Kleiner Zusatz zu Silke: Bei der derzeitigen Netzkonfiguration ist es nicht trivial herauszufinden *wo* ein Service im Freifunknetz steht.
    Das ganze ist also mindestens Pseudoanonym.

    Ganz dezentral ist es aber nicht – wenn alle Gateway-Betreiber einen Knoten aussperren wollen können sie das. Auch aus dem internen Netz.
    Deshalb braucht FFHH mehr unabhängige Gateways.

  5. Pingback: Linkspam
  6. Leider suggeriert die Grafik ein zentralistisches Netzwerk, welches bei Freifunk nicht der Fall ist. Darum wird ja auch OLSR oder batman benutzt. Mir fehlt auch etwas die Erwähnung des Aspektes, dass Bürger sich untereinander vernetzen können. Internet ist nicht alles. Die Struktur ist bei Freifunk fast wichtiger. Freifunk kommt nämlich von Freiheit, nicht von Freibier.

  7. @Knix Letzteres hat ja Silke schon ergänzt. Der Eindruck, es sei ein zentralistisches Netzwerk, entsteht dadurch, dass die Gateway Server (oder einer davon, es gibt in HH derzeit zwei, afaik) darauf abgebildet sind.

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