Geschlechterdifferenz, Gehirn, Mario Barth … und trotzdem keine Katastrophe

Es ist mal wieder Zeit für einen kurzen Kommentar zu Spiegel-Online. Der Print-Spiegel hat mich vergangene Woche schon zu einem Gang zum Zeitschriftenhändler verführt, und den Artikel über Kinderbetreuung habe ich ganz gerne gelesen. Die Kritik im Genderblog ist zwar berechtigt, aber die Aussage des Artikels klar und deutlich: Krippenbetreuung ist wünschenswert und sollte noch viel besser werden.

Online gab es heute einen Artikel über Frauen, Männer, und Gehirne, der Teil des Spiegel Specials „Das starke Geschlecht – Was Frauen erfolgreich macht“ ist: „Das gewollte Klischee“ von Rafaela von Bredo.

Überraschenderweise wird dieses Mal gar nicht die alte Geschichte der biologischen Differenz verbreitet, sie sich mal hormonell, mal genetisch und in letzter Zeit besonders gerne entwicklungsphysiologisch qua Gehirn manifestierte. Es geht darum, dass das Quatsch ist. Es gebe keine nennenswerten Forschungsergebnisse, die Unterschiede in Hinblick auf kognitive Leistung und Fähigkeiten zwischen dem Mann und der Frau begründet nachweisen. Von Bredo argumentiert überzeugend, dass wahrgenommene Verhaltensunterschiede sozial konstruiert und sozialisationsbedingt sind. Hört hört! Vom Spiegel war ich anderes gewohnt.

Beispielsweise werden in diesem Artikel „die Biologisten“ mit John Money in Verbindung gebracht, während es in den Anti-Gender Artikel des Spiegels und anderer Medien immer wieder hieß, Judith Butler und ihre Anhänger aus dem Gender Mainstreaming-Lager (sic!), würden die Arbeiten des Psychologen als Beleg für ihre Thesen anbringen.

Im Übrigen: Ist es nicht eine gute Nachricht aus den Labors der Hirnforscher, dass vor allem soziale Prägung den Menschen zum Mann macht oder zur Frau? Wer ist schon gern fremdgesteuert? Gegen die Natur lässt sich schwerlich angehen, aber gegen Stereotype schon – der Weg wäre frei, die tatsächlichen Ursachen der zementierten Rollenverteilung der Geschlechter zu klären.

Ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Autorin sieht das aber leider anders und schließt ihren Artikel mit folgenden Sätzen:

Angst vor feministischer Gleichmacherei? Vor schwindender Lebenswürze? Keine Sorge: Noch lange werden sich Vertreter des einen Geschlechts dabei beobachten lassen, wie sie stumm einen ganzen Sonntagvormittag lang vom Sofa aus dröhnende Boliden im Kreis fahren sehen, während die anderen Dauergespräche über swarowskiglitzernde Handys führen, um die bedeutende Frage zu klären, warum ER nicht zurückgerufen hat?!

Daher werden auch Mario Barth oder die Literatur zur Geschlechterdichotomie nicht verschwinden, sondern weiterhin erklären wollen, warum Männer mit Porsches protzen und Spinnen töten, während Frauen in High Heels stöckeln und Cremes in Fältchen spachteln. Denn in einer Sache wird der Mensch sich wohl niemals losreißen wollen von der Leine seiner Hormone: bei allem, was ihn sexy macht.

Meine Vorstellung von „sexy“ ist das nicht. Oder ist hat sie das jetzt ironisch gemeint?