It’s meta-time: Überfordernde Kommunikation

Text über die Kommunikationskultur im Netz sind gerade hoch im Kurs, denn die Frage, wie wir im Internet miteinander umgehen, scheint vielen auf den Nägeln zu brennen. Das Leben in der digitalen Öffentlichkeit scheint immer anstrengender zu werden. Diskussionen spitzen sich unglaublich schnell zu. Es scheinen sich mitunter in wenigen Minuten instabile Lager zu bilden. Leute fühlen sich zwischen den Stühlen, zerrissen. Ich erlebe das seit einiger Zeit in verschiedenen Zusammenhängen: Unter Feministinn_en, bei den Pirat_innen und in der deutschsprachigen Netz-Nerd-Bubble. Im Grunde immer dort, wo politische Menschen aufeinander treffen. Es mag bei den verschiedenen Gruppen durchaus spezifische Faktoren geben, die eine Rolle spielen. Aber ich sehe auch viele Gemeinsamkeiten, die mich darüber nachdenken lassen, was die medialen Settings damit zu tun haben.

@Flauscheria und @Kratzeria beim Zanken

Aus meiner Sicht hat das Problem etwas mit Entgrenzung und Komplexitätsmanagement zu tun. Wir „digital citizens“, wie Forscher_innen uns nennen, sind hochgradig vernetzt und verschiedenen Dynamiken ausgesetzt. Sigrid Baringhorst sprach bei einer Tagung neulich von „Beschleunigung – Dauerhaftigkeit“ und „Deterritorialisierung – Lokalisierung“. Nehmen wir als Beispiel die Diskussion um die c-base-Klotür: Zum einen war das eine sehr lokale Debatte, die von den Membern der c-base und ihren Besucherinn_en geführt wurde, die gleichzeitig aber auch von vielen anderen Leute aufgegriffen wurde, die sich für das konkrete Thema oder die damit verbundenen Fragen interessieren (Deterritorialisierung). Kommunikation darüber fand vor Ort statt, auf begrenzten Mailinglisten, auf Twitter, in mehreren Blogs und sicherlich auch in vielen Face-to-Face-Gesprächen in der c-base und anderswo, IRC-Channels und Jabber-Unterhaltungen. Zum anderem zog sich die Diskussion verhältnismäßig lange hin (Dauerhaftigkeit), während sie sich zwischendurch immer mal wieder beschleunigt hat, vor nachdem Leute die Klotür auf einer Party umgestaltet hatten.

Ich denke, diese Beobachtung lässt sich auch gut auf andere Diskussionen übertragen.

Da durchzusteigen, und nebenbei noch ein Leben zu führen, ist eine krasse kognitive Leistung. Ich habe den Eindruck, dass das nur möglich ist, wenn wir schnelle Entscheidungen treffen: Setze ich mich mit Argument X auseinander? Oder ist das a) falsch vorgetragen, b) kommt es von der falschen Person, c) kann ich aufgrund meiner Erfahrungen aus einer anderen Diskussion schon ausschließen, dass es mich weiterbringt. Solche Heuristiken sind manchmal eine gute Sache. Eine gute Methode, um mit Überforderung umzugehen, sind sie aber nicht, weil sie das Problem der Beschleunigung verschärfen.

Ein anderes Problem, dass mir in den letzten Tagen besonders aufgefallen ist, dass nicht nur die eigene Position pointiert vorgetragen wird, sondern auch die vermeintliche Position der „Gegenseite“. Das ist gefährlich, weil sich Leute dann unverstanden fühlen und trotzig werden.

Kein Wunder also, dass immer mehr Leute die Lust verlieren und sich rausziehen. Wir können im Moment verschiedene Abwanderungs- und Schließungstendenzen beobachten. Die einen setzen auf Protected Accounts bei Twitter, andere nutzen verstärkt Facebook, dritte wiederum leisten sich App.net, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen und dennoch verbunden zu bleiben – ein Gefühl, das den digital citizens wichtig geworden ist. Dabei geht es immer darum, abgegrenzte Räume zu schaffen, die zumindest für den Moment das Risiko minimieren, dass eine Aussage gleich wieder 20 negative Reaktionen nach sich zieht. Ich finde das sehr schade, denn das offene Internet liegt mir am Herzen. Aber ich verstehe, woher das Bedürfnis kommt, gerade auch, weil man mit pseudogeschlossenen Plattformen auch das mit den Trollen und Hatern besser in den Griff bekommt. Die sind ein zusätzliches Problem, mit dem manche hart konfrontiert werden. Nehmt Rücksicht darauf, wenn ihr mit Leuten umgeht und um Himmels willen, erspart ihnen den Tipp, die Trolle zu ignorieren. Wir sind alle schon groß und kennen das Internet. Harassment ist serious, das lässt sich so einfach nicht wegwischen und da muss noch viel drüber nachgedacht werden. Aber das nicht in diesem Text.

Fragt sich, was daraus folgt. Mehr Auszeiten nehmen ist eine Möglichkeit, sich immer mal wieder Bewusst machen, was da kommunikativ passiert, ist eine andere. Vielleicht ein Set von Fragen aufschreiben und an den Monitor heften. Spitze ich gerade ungerechtfertigt zu? Werfe ich in einen Topf und mache damit Fronten auf, die es nicht gibt? In welcher Situation befindet sich mein Gegenüber gerade? Ist meine Reaktion angemessen? Ich fände es interessant, eine Liste solcher Fragen mit anderen zusammen zu stellen. Hier ist ein Pad.

9 Gedanken zu „It’s meta-time: Überfordernde Kommunikation“

  1. Wenn ich mir eine unübersichtliche Gruppe vorstelle, in der Unterhaltungen so laufen, dass jeder ein Megaphon hat und jeder in die Gruppe hinein rufen darf, dann würden solche“Unterhaltungen“ ebenso verlaufen, wie sie es im Digitalen tun.

    Wenn ich – eine anderes Bild – eine Meinung zu einem Thema veröffentliche, gibt es Meinung zurück. Aus vielfältiger Erfahrung aus der nicht digitalen Kommunikation (von früher und so…) kann ich berichten, dort war es nicht netter oder flauschiger.

    Wer permanent als Horde leben will, bekommt Horde zurück.

  2. Wir sind alle Suchtmenschen, und Konflikt ist ein sehr wirksames Mittel, den eigenen Adrenalinspiegel zu erhöhen. In einem ausgeglichenen und ruhigen Geisteszustand bin ich kaum geneigt, aggressiv und abwertend auf andere zu reagieren. Wenn Hunger, Müdigkeit, Einsamkeit etc. hinzukommen, ist die Gefahr, dass ich mich zu vorschnellen Reaktionen und Angriffen hinreißen lasse, deutlich größer, auch weil dann meine Wahrnehmung getrübt ist und deshalb sich leichter Fehler einschleichen können.

    Außerdem gebe ich mich wohl viel zu oft der Illusion hin, dass mit Worten viel zu erreichen wäre, oder dass es darum ginge, andere zu überzeugen. Das Problem ist aber, dass Menschen nur das hören, was sie hören wollen.

    Ich finde deinen Vorschlag, vermehrt Auszeiten zu nehmen, gut.

  3. Mh, zwei kleine Anmerkungen:

    * App.net leistet sich eine nicht nur selbst, sondern vor allem der Leser_innenschaft. Mir ist ernsthaft unklar, wie irgendwelche Leute die sich als emanzipatorisch oder links verstehen da rumhängen und das auch noch als Lösung für irgendwas verkaufen können.
    * »Wir sind alle schon groß« erscheint mir eine unnötige adultistische Wendung zu sein.

    Über den Rest denke ich mal noch ein bisschen nach.

  4. @Adrian wie meinst du das „App.net leistet sich eine nicht nur selbst, sondern vor allem der Leser_innenschaft“?
    ich habe nicht den eindruck, dass das irgendjemand aus linker perspektive als lösung verkauft.

    danke für den hinweis #adultismus

  5. Na ja, die Leser_innenschaft muss ja auch auf App.net wandern, und auch bezahlen, und das sind üblicherweise mehr als die eine Person, die schreibt.

    Ich bilde mir ein, kadda hätte da schon irgendwie positiv drüber geschrieben, aber ich finds grad nicht. Zumindest yetzt hält es für eine Lösung für eines seiner Probleme.

  6. Diese Perspektive der Leser_innenschaft, die dann „mitgehen“ muss zum kostenpflichtigen App.net ist interessant. Darin steckt ja ein gewisser Anspruch auf Öffentlichkeit und Teilhabe. Das erinnert mich an ein Argument von Plom, dass Leute bei Facebook doch lieber alles auf „public“ stellen sollen, statt sich im Datensilo zu verstecken. Bei App.net ist die Teilhabeschranke halt deutlicher (Geld), bei Facebook ist sie auch da. Twitter ist dagegen öffentlich einsehbar, bis auf die geschützten Accounts.

  7. Das ist ein Unterschied, den du aber auch bei protected accounts auf Twitter oder App.net hast. Was ich meine ist aber etwas anderes: Diejenigen, die Statusmeldungen und sonstige Verlautbarungen auf Plattformen lesen möchten, müssen sich bei allem, was nicht auch in das offene Internet reinläuft (wie Tweets, die online einsehbar und per RSS abonnierbar sind), immer entscheiden, ob sie die dafür die Plattform akzeptieren und unterstützen. Will sagen: 3-5 Euro im Monat ist eine Hürde für viele Nutzer_innen, bei Facebook sein *müssen*, um von Leuten etwas mitzubekommen ist aber auch eine. Die drückt sich halt nicht in einem Betrag aus, den ein bezahlen muss. Was das genau ist, mag auch wieder unterschiedlich sein. „Seine Daten an Facebook verkaufen“ ist ja ein wirkmächtiges Bild in diesem Diskurs. Für manche_n mag das ein größeres Problem darstellen als die Gebühr für App.net.

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