Judith Butler über Barack Obama: Nicht zu überschwänglich werden

Die Philosophin Judith Butler scheint die Freude über den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2008 zu teilen, doch sie wäre nicht eine der bedeutenden Intellektuellen unserer Zeit, würde sie dieses Ereignis nicht kritisch begleiten. Uncritical Exuberance?, zu deutsch: Unkritische Überschwänglichkeit?, ist ein Essay, in dem sie große Wertschätzung für die Person Obamas („thoughtful and progressive“) und die historische Signifikanz seiner Wahl zum Ausdruck bringt, aber warnt davor, ihn nun als Erlöser zu feiern.

The election of Barack Obama is historically significant in ways that are yet to be gauged, but it is not, and cannot be, a redemption, and if we subscribe to the heightened modes of identification that he proposes („we are all united“) or that we propose („he is one of us“), we risk believing that this political moment can overcome the antagonisms that are constitutive of political life, especially political life in these times. There have always been good reasons not to embrace „national unity“ as an ideal, and to nurse suspicions toward absolute and seamless identification with any political leader.

Butler erinnert daran, dass die Wahl Obamas mit der Ablehnung von gay marriage, welche von Obama bisher ebenfalls nicht unterstützt wird, zusammenfällt. Er habe die Wahl gewonnen, weil sich die Wähler_innen von ihm eine bessere Wirtschaftspolitik versprechen, und nicht aufgrund moralischer Fragen, die dieses Mal weniger ausschlaggebend gewesen seien. Neben der Wirtschaft sei vor allem die Dis-Identifkation mit Georg W. Bush entscheidend gewesen.

We cannot underestimate the force of dis-identification in this election, a sense of revulsion that George W. has „represented“ the United States to the rest of the world, a sense of shame about our practices of torture and illegal detention, a sense of disgust that we have waged war on false grounds and propagated racist views of Islam, a sense of alarm and horror that the extremes of economic deregulation have led to a global economic crisis. Is it despite his race, or because of his race, that Obama finally emerged as a preferred representative of the nation?

Die ideologische und politische Kraft dieses Momentes liege darin, dass Obama als Figur der Einheit fungiere. Das damit verbundene Versprechen, Differenzen und Konflikte zu überwinden, sei faszinierend, führe aber unweigerlich zur Enttäuschung, wenn sich der charismatische Führer als fehlbar und seine Macht als begrenzt erweisen.

Butler greift den Aspekt der Enttäuschung auf, über den ich vor ein paar Tagen auch nachgedacht habe. Doch anders als in den rein pessimistischen Narrativen, die zur Zeit zu lesen sind, findet Butler, dass ein gewisses Maß an Enttäuschung über Obama notwendig ist. Politik sei schließlich kein Freudenfest ohne Ambivalenzen und Spannungen, sondern ein Ort für Debatte, öffentliche Kritik und Antagonismus.

The election of Obama means that the terrain for debate and struggle has shifted, and it is a better terrain, to be sure. But it is not the end of struggle, and we would be very unwise to regard it that way, even provisionally. (…) Some relief from illusion is necessary, so that we might remember that politics is less about the person and the impossible and beautiful promise he represents than it is about the concrete changes in policy that might begin, over time, and with difficulty, bring about conditions of greater justice.

Trotzdem rät sie Obama, in den ersten Monaten seiner Amtszeit wichtige Schritte zu unternehmen, um die Enttäuschung nicht so groß werden zu lassen. Zweifellos werde es in sozialen Fragen einen Trend zu liberaleren Ansätzen geben, auch wenn es wichtig sei nicht zu vergessen, dass sich Obama nicht für eine universelle Krankenversicherung ausgesprochen hat. Butler erwartet, dass sich im Bereich der Wirtschaftspolitik eine neue Rationalität durchsetzen wird, die nicht vor Regulationen zurückschreckt und sich sozialdemokratischen Formen in Europa annähert. In der Außenpolitik erwartet Butler eine Erneuerung multilateraler Beziehungen. Sie fordert Obama dazu auf, Guantanamo zu schließen, die Truppen aus dem Irak abzuziehen und auch in Afghanistan verstärkt nach diplomatischen und multilateralen Lösungen zu suchen.

Butlers Essay erinnert daran, die zeitliche Begrenztheit dieses phantasmatischen Momentes im Auge zu behalten, und sich auf die notwendige Desillusionierung einzulassen. Doch sie erinnert auch Obama an seine Aufgabe, die Enttäuschung nicht zu groß werden zu lassen, denn sonst wird der politische Zynismus der letzten Jahre zurückkommen.

Nachtrag
Gerald Raunig hat Judith Butlers Text über die Wahl von Barack Obama übersetzt:
Kritikloser Überschwang? Obama als „Erlösung“

3 Gedanken zu „Judith Butler über Barack Obama: Nicht zu überschwänglich werden“

  1. Da muss ich mich gleich nochmal bedanken. Als eine, deren Englisch leider etwas mickrig ist, bin ich froh über deine Zusammenfassung dieses interessanten Beitrags.
    Da hat sie wohl recht, die Judith Butler.

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