Neoliberale Gefühle

Desiring Just Economies – Just Economies of Desire war eine dreitägige Konferenz am letzten Wochenende in Berlin, die vermutlich nur hochgradig spezialisierte Wissenschaftsjournalist_innen sinnvoll zusammenfassen können. Ich fand es inspirierend, kompliziert und lustvoll, angefangen bei Lisa Duggans Keynote, die den Begriff „Feeling“ aufs Tablett legte, über die vielen tollen Paper und Vorträge aus postkolonialer, crip und queerer Perspektive bis hin zu Ann McClintocks hinreisend un-akademischen Abschlussvortrag über ihre Kindheit in Südafrika und ihre Erforschung der New Yorker Dominatrix/BDSM Szene.

Die Konferenz war für mich auch ein Update in Sachen „What’s hot in queer theory?“ Das Jasbir Puars Begriff „Homonationalism“ ein zentraler Referenzpunkt für queertheoretische Auseinandersetzungen ist – zumindest in Nordamerika und Westeuropa –, war schon nach dem Wochenende davor klar, als Judith Butler auf dem Berliner CSD den Civilcouragepreis abgelehnt hatte. Crip theory, u.a. von Robert McRuer und Julie Passanante Elman auf der Konferenez vertreten, ist stark im Kommen. Lee Edelmanns „antisoziale These“, mit der er Queer als Figur der Negativität beschreibt, bleibt fürs erste ein Bezugspunkt vor allem kritischer Auseinandersetzungen. Häufig zitiert wird auch das neue Buch von José Esteban Muñoz. Er wird im September auf der Queer Again? Power Politics and Ethics Konferenz in Berlin sein, die vom Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ organisiert wird. Ein weiterer Schwerpunkt bei „Desiring Just Economies“ lag auf der Postkolonialen Perspektive, die hier und da auch lustvoll mit Queerer Theoriebildung in die Auseinandersetzung kam. Die Forderung der Provinzialisierung von Wissensproduktion muss immer wieder aufs neue artikuliert werden, um die Bedeutung des spezifisch kontextualisierten Lokalen zu stärken und die machtvolle Geste der Universalisierung zu unterbrechen.

Zum „Begehren“ im Konferenztitel gesellten sich im Laufe der drei Tage auch Affekt, Leidenschaft und Gefühl, die in den verschiedenen Vorträgen dazu dienten, über Funktion- und Verteilungsweisen und Veränderungsmöglichkeiten von Gerechtigkeit und Ökonomie zu diskutieren. Die New Yorker Queer Theoretikerin und Professorin für American Studies Lisa Duggan stellte zu Beginn ihres Vortrags fest, dass die Frage nach politischen und ökonomischen Alternativen heute so drängend sei wie nie. Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit der Mobilisierung von „public feelings“. Anhand Ayn Rands Held in „The Fountainhead“ zeigt Duggan, was auch schon in „Twilight of Equality“ und ihren Auseinandersetzungen mit Gay Marriage deutlich wurde: Mittels negativer Öffentlicher Gefühle gelingt es, für das markt-radikale Projekt des Neoliberalismus oder für konservative Politiken, die Lebensbedingungen für bestimmte, abweichende Subjekte verschlechtern, zu mobilisieren. Entsprechend schlägt sie vor, diese Strategie wieder für die Linke aufzugreifen und Politiken zu entwerfen, die nicht versuchen, Langeweile, Entfremdung und ökonomischer Depression zu therapieren und überwunden, sondern über genau diese Gefühle soziale Verbindungen schaffen. Interessante These: Vielleicht sitzen wir aber der merkwürdigen Logik des neoliberalen Projekts auf, wenn wir uns hoffnungsfroh einbilden, mit genügend Energie und Elan könnten wir alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Andererseits: Auch bei Duggan geht es um die Mobilisierung, um Aktivität und Handeln. Dagegen stand am Ende der Konferenz der Vorschlag, einfach nichts zu tun. Diese vorgeschlagene Demobilisierung (sexueller) Arbeit war sehr verlockend nach diesem tollen Wochenende, bei dem mein Kopf mehrfach mit buffer overflow zu kämpfen hatte. Zeit für ein Abschlussgetränk auf der Dachterrasse des ICI, im besten Sinne der Cocktailparty, die Lisa Duggan auf twitter und facebook als Gegenbewegung zum tea party movement gegründet hat: „Join The Cocktail Party, a barstool-roots movement for left wing urban homosexuals and the people who love us.“