Not so happily ever after: Reaktionen auf das Verbot der Ehe für Homosexuelle in drei weiteren US-Bundesstaaten

Den gestrigen Nachmittag habe ich damit verbracht, Blogseinträge über die am Dienstag in einigen US-Bundesstaaten durchgeführten Abstimmungen über ein Verbot nicht-heterosexueller Ehen lesen. Im Fokus der Diskussionen steht die für viele überraschende Entscheidung der Kalifornier_innen, Proposition 8 zuzustimmen, und damit die Definition der Ehe in der Verfassung auf heterosexuelle Ehen zu beschränken: „Only marriage between a man and a woman is valid or recognized in California.“ In Florida und Arizona wurde gay marriage ebenfalls verboten, und in Arkansas sind homosexuelle Paare nun offiziell vom Adoptionsrecht ausgeschlossen.*

Viele queere und feministische Blogger_innen sind, bei aller Freude über Barack Obama als President-Elect, entsetzt über diese Ergebnisse.

I am officially over the moon that Obama won, but if you are queer, and/or a woman, and/or a person of color, and/or concerned at all about social justice, the battle has just begun.
Jonanna Widner/Bitch Magazine

Es wird über die Ursachen dieser Niederlage für gay-rights Aktivist_innen diskutiert: Was waren Gründe für (heterosexuelle) Bürger_innen, mehrheitlich für Prop 8 zu stimmen? Wurde die Kampagne gegen Prop 8 energisch genug geführt? Welche demographischen Gruppen waren ausschlaggeben für die Entscheidung?

Mit den Beweggründen beschäftigt sich u.a. BitchPhD. Viele, die für Prop 8 und andere Gesetzesinitiativen stimmten, befürchteten, Priester und Kirchen, die sich weigern, homosexuelle Paare zu trauen, könnten dafür bestraft werden, oder Lehrer_innen müssten den Kindern in der Schule erzählen, was Homos tun, und diesen Lebensstil als gleichberechtigte Alternative gegenüber Heterosexualität promoten. Dies deute darauf hin, dass die eigentliche Frage nach der Definition von Ehe nicht das tatsächliche Problem sei:

And there’s an upside to the stories that it was fear of priests being arrested, or teachers „having“ to teach kids about gay marriage, rather than gay marriage *itself* that made this thing pass. It suggests that gay marriage as such isn’t that scary to most Californians. Oh, they’re still a little squeamish about telling the kids about it (which is hilarious, given that the kids apparently already know and largely support it). And they don’t want their priests to get in trouble. (I know. Don’t say it.) But having to marshal these silly scare tactics to get people to „define marriage as between a man and a woman“ suggests that the actual definition, as such, doesn’t actually matter that much to people.

Richard Kim greft in einem Artikel bei The Nation die Fragen nach den Bevölkerungsgruppen, die gegen gay marriage gestimmt haben, und nach politischen Strategien auf. Kim vermutet, dass Schwarze und Latinos nicht überproportional für Prop 8 gestimmt haben, weil sie homophob sind, sondern weil die christliche Rechte Schwarze- und Latino-Communities dieses Mal, im Gegensatz zu gay-rights Aktivistinn_en, frühzeitig und gezielt mit ihrer Kampagne adressiert habe. Über die 70% der schwarzen Wähler_innen, die für Prop 8 gestimmt haben, wird auch bei Racialicious diskutiert. Genau wie ding bei BitchPhD, die sich in party over: a primer on equality and Prop 8 – from a brown straight girl! mit deutlichen Worten an alle wendet, die sich gegen das Recht auf Ehe für alle ausgesprochen haben, stellen auch die Blogger_innen bei Racialicious klar: Die entscheidende demographische Gruppe bei dieser Entscheidung sind Heterosexuelle, den schließlich gehe es um Privilegien und darum, einem Club anzugehören, zu dem andere keinen Zugang haben. In diesem Sinne fordert Rabie im Bitch Magazine Blog alle Heteros auf:

So don’t. Don’t get married. Cancel your wedding. Maybe you already booked the caterer, but I don’t care. Stand with a community in solidarity and choose not to get married until everyone can. And if you’re not going to do that, at least don’t have the audacity to invite me to your initiation into a club that won’t have me as a member.

Aus verfassungsrechtlicher und demokratietheoretischer Sicht ist Proposition 8 in Kalifornien ebenfalls ein spannender Fall, wie auf Bitch PhD zusammengefasst wird:

Voters passed prop 22, which banned gay marriage. The ban went to the supreme court of California, which found it unconstitutional, since California’s constitution says we should treat everyone equally.

In other words, we just voted to change the constitution in order to say that everyone should not be treated equally.

That is a big. Fucking. Deal.

Wie kann es angehen, dass per Volksabstimmung ein fundamentales Recht auf Gleichheit einfach so gekippt wird? Jennifer Pizer, Rechtsanwältin von Lambda Legal, äußert sich in der LA Times zu der Frage, ob eine einfache Mehrheit ausreicht, einen Gleichheitsgrundsatz auszuhebeln:

„The magnitude here is that you are effectively rendering equal protection a nullity if a simple majority can so easily carve an exception into it,“ she said. „Equal protection is supposed to prevent the targeting and subjugation of a minority group by a simple majority vote.“

Vor diesem Hintergrund wurden nach der Abstimmung Klagen gegen Proposition 8 eingereicht, und die Entscheidung soll einer Revision unterzogen werden. Es bleibt also ein Funken Hoffnung für Kalifornien, den auch PortlyDyke sieht. Sie schreibt über die Entwicklung von gay rights in den USA:

When I was 17, the thought of being accepted as a queer in my family, or in society at large — the idea of being „out“ at a job — any job (except maybe a gay-bar) — simply did not exist.

At the time, I was pissed about this at some level — but it was a vague, subconscious kind of anger — and I would never have expected it to be addressed in the media or a topic of conversation outside of the secretive community that I inhabited as a queer.

Now, at 52, I’m pissed again — but this time, my anger is out in the open.

Die culture wars sind noch nicht vor bei, nur dieses Mal hat die liberale, progressive Seite bei der Präsidentschaftswahl und in Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau gewonnen. Die Institution Ehe bleibt in drei weiteren Staaten für Heterosexuelle reserviert.

Meiner Meinung nach ist die Ehe ganz grundsätzlich immer noch eine fragwürdige Angelegenheit, und ich wünschte, in den Blogs mehr darüber zu lesen, ob alle, die dem heteronormativen Bild des Paares nicht entsprechen, ein Stück vom Kuchen abhaben, oder lieber einen neuen Kuchen backen wollen. Das macht es aber nicht weniger skandalös, dass sich so viele Heterosexuelle aus welchen Gründen auch immer dagegen wehren, diese Institution anderen zugänglich zu machen. Und nicht vergessen: Auch in Deutschland dürfen Lesben und Schwule nicht heiraten, sondern tragen eine Lebenspartnerschaft ein, die zwar mit den gleichen Pflichten wie die Ehe, aber mit weniger Rechten verbunden ist.

* Lediglich aus Connecticut gibt es gute Nachrichten, und erfreulich ist auch, dass das radikale Abtreibungsverbote in South Dakota und der Versuch in Colarado, befruchteten Eizellen volle Persönlichkeitsrechte zukommen zu lassen, nicht durchgekommen sind. Mehr dazu in einer Übersicht auf Feministing über den Ausgang der verschiedenen anti-gay, anti-choice, anti-immigration und anti-equal opportunity Abstimmungen.

6 Gedanken zu „Not so happily ever after: Reaktionen auf das Verbot der Ehe für Homosexuelle in drei weiteren US-Bundesstaaten“

  1. Danke für diesen informationen Beitrag. Ich bin da voll Deiner Meinung, dass das Selbst-Kuchen-Backen wohl die beste Strategie ist. Allerdings gibt es auch den berechtigten Wunsch von Menschen zu heiraten, den ich respektieren will.
    In der Frage der Persönlichkeitsrechte von Eizellen bin ich mir nicht so sicher. Ich kenne mich in der Bioethik nicht so gut aus, würde das aber nicht mit der Abtreibung, deren legale Möglichkeit eine Notwendigkeit in Notsituationen ist, in einem Topf werfen. Da steckt schon auch Geschäftemacherei verbunden mit dem Wunsch den perfekten Menschen zu designen dahinter („Wir hatten gerne ein Kind mit blauen Augen und 1,80 m gross“). Da bin ich sehr skeptisch. Aber ich kenne jetzt natürlich nicht die konkrete Abstimmungsfrage in den USA.

  2. danke für das tolle feedback!

    bezüglich der „Personhood Defined as a Fertilized Egg“ sache: der punkt ist halt, dass abtreibung dann, wenn eine befruchtet eizelle eine person ist, definitiv immer, unter allen Umständen, Mord ist. das führt in extremfällen auch dazu, dass die rechte der schwangeren frau (auf selbstbestimmung, freiheit, leben) dem recht des fötus‘ entgegenstehen, wie dieses viedeo anhand einiger beispiele eindrücklich zeigt: http://www.youtube.com/watch?v=YuC4gGSZ-yU

  3. Ja, da hast du recht. Es wäre fatal, wenn mit so einer Definition von befruchteten Eizellen Abtreibung verunmöglicht würde. Die Folgen des Verbots von legalen Abtreibungen sind ja hinlänglich bekannt: Es passiert trotzdem, nur unter viel schlechteren Bedingungen und mit viel mehr Gefahr, dass Frauen dabei sterben bzw. sonst irgendwelcher Pfusch betrieben wird.
    Ich habe mich mit meinem Einwand v.a. auf die gentechnischen Experimente mit Eizellen etc. bezogen – da bin ich massiv skeptisch, aber dabei geht es ja dann um etwas, dass sich nicht im Körper der Frau abspielt, sondern in irgendwelchen Reagenzgläsern oder so. Aber wie da genau und sinnvoll zu differenzieren wäre kann ich nicht wirklich sagen, da müsste ich mich selbst erst mal kundig machen. Ethisch sind das ja allesamt keine einfachen Fragen.

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