re:publica: Untiefen überwinden

Ich wollte einen Rant schreiben über die durchwachsene Qualität der Talks auf der re:publica, der allerdings nicht so originell sein wird, wie ein guter Rant es sein sollte. Erstens ist sogar schon der FAZ aufgefallen und zweitens wissen es die anderen re:publica-Besucher_innen auch. Wir haben uns vor Ort über dieses Gefühl unterhalten, sich falsch entschieden zu haben und die interessantere Session auf der anderen Stage gerade zu verpassen.

Man geht ja eh hin um die Leute zu treffen, heißt es immer. Das mag für die meisten zutreffen. Aber trotzdem ist es nun mal so, dass die re:publica um das Vortragsformat gebaut ist. Ich habe mir dieses Jahr Mühe gegeben, mehr Vorträge der internationalen Gäste anzuschauen, von deren Themen ich sonst nicht so viel mitbekomme. Aber die Affinität zu den Leuten aus der Twitteria und das Interesse an den Diskussionen, die wir im deutschen Netzkontext seit Jahren führen und Themen, die meinen Alltag prägen, ziehen mich immer wieder zu diesen Talks, die sich im Nachhinein so halbgar anfühlen.

Wer wundert sich auch, wenn die Speaker ein paar Tage vorher verkünden, dass sie nun anfangen werden, sich Gedanken zu machen, worüber sie reden wollen, einen Tag vorher die Folien zusammen klicken und sich am Morgen vor dem Vortrag noch mal das Abstract durchlesen, dass sie irgendwann im Januar abgeschickt haben. Mir ist bewusst, dass das zum Teil auch Pose ist. Prokrastination ist schließlich immer noch schick. Einen Vortrag halten scheint aber in bestimmten Kreisen einfach dazu zu gehören (samt dem freien Eintritt und dem Leben als VIP for a day).

Die andere Seite des Problems ist der unkritische Umgang mit den rezipierten Inhalten, auf den mich eine Bekannte hingewiesen hat, die auf der re:publica war und die sich sonst nicht in dieser Blase aufhält. Wem es beim Konsum eines Vortrages langweilig wird, schaut halt auf Twitter, was gerade noch so läuft. Das mache ich auch oft so. Es ist eigentlich schade.

Die Leute, die auf der re:publica vortragen, haben interessante Gedanken zu Internet, Technologie und Gesellschaft. Das ist klar. Aber sind sie auch nach fünf Jahren noch neu genug, um damit lebendige Diskussionen zu entfachen? Ich habe wie schon zur Spackeriade den Eindruck, dass Entschleunigung und ein Nachdenken über das, was wir da tun, der Szene helfen würden, wenn es darum geht, inhaltlich von der Stelle zu kommen. Ein Blick in die Archive lohnt sich, denn die meisten Themen wurden schon oft durchgekaut, Argumente gesammelt, Definitionen entwickelt und diskutiert. Das vergessen wir aber oft, wenn wir uns davon blenden lassen, wie funky und klug sich Ideen im eigenen Kopf manchmal anfühlen.

Also: Luft holen, Zeit nehmen, tiefer tauchen. Andere schaffen das ja auch <3

PS: Ich hatte Spaß auf der re:publica, war von der Organisation beeindruckt (Plastikstühle sind wichtiger als Wlan!), habe tolle Leute getroffen, einige der Sponsoren großzügig übersehen und mich insgesamt gut unterhalten. Danke!



16 Responses (Add Your Comment)

  1. Ich teile die Beobachtungen zu fehlendem/durchwachsenem Inhalt und Tiefe der #rp12.

    Ich muss auch zugeben, dass man als Speaker durchaus den ein oder anderen kostenlosen Kaffee in der VIP-Lounge und die Entlastung der Geldbörse durch kostenlosen Eintritt genossen hat.

    Die Tiefe im Vortrag ist allerdings kompliziert, wenn man auch noch Diskussionen mit dem Publikum zulassen möchte. Die einzige Möglichkeit ist es, zu versuchen, das mit Tiefe im Vorlauf auszugleichen — wobei ich mir bewusst bin, dass das im Vortrag selbst dann trotzdem schnell oberflächlich klingen kann.

  2. Sich für die „richtigen“ Vorträge zu entscheiden, scheint eine echte Kunst auf der republica zu sein. Für mich war das Niveau der Vorträge nur in wenigen Fällen zu oberflächlich, aber ich war auch wirklich in ein paar Vorträgen, bei denen ich nicht viele Vorkenntnisse hat.

  3. Schön, dass es nicht nur mir so geht. Ich habe mich an manchen Stellen auch gefragt warum man denn bitte über den Sinn und Unsinn von Cookies und Tracking diskutieren muss — auf einem Niveau, lassen wirs !

    Die andere Seite ist das teilweise sehr gute (vorbereitete) Vorträge dabei waren. Aber das hat man ein wenig auf jeder Konferenz — bei der re:publica kommt eben erschwerend hinzu, dass sie doch recht breit in den Themengebieten aufgestellt ist. Das ist imho auch gut so, so bekommt man auch einen Blick über den Tellerrand und lebt nicht immer nur in seiner kleinen Welt.

  4. Ich habe ja aus ungefähr dem Grund genau nichts eingereicht: Ich hatte kein Thema parat, und mir was auszudenken, bloß um auf der Speaker-Liste zu erscheinen, war mir zu blöd. Ich ahne da eine Gender-bezogene strukturelle Sache im Hintergrund?

  5. es würde ja oft schon helfen, wenn sich die vortragenden bzw die podiumsteilnehmenden vorher über basics verständigen würden (z.B. urheberrecht, verwertungsfragen und zitatrecht). dann ist es ja auch in ordnung, eher „basic“ an ein thema ranzugehen. im übrigen fand ich die idee gut, die programmpunkte mit „einsteiger“, „fortgeschrittene“ und „für alle“ zu kennzeichnen. habt ihr euch daran orientiert?

    @anne die vermutung habe ich auch. ich habe auch nix eingereicht dieses jahr, weil meine sachen gerade noch nicht in einem präsentationsfähigen stadion sind und der druck, darüber jetzt schon öffentlich zu reden meine arbeitsweise durcheinander bringt. ich neige dann dazu, ergebnisse übers knie zu brechen, wo die erkenntnisse eigentlich noch reifen müssen bzw. mit empirie angefüttert werden sollten.

  6. @ihdl: Das mit Einsteiger, Fortgeschrittene ist prinzipiell eine gute Idee. Hat man aber leider nur auf der Webseite gesehen, nicht im gedruckten Programm. Bei kaputtem WLAN und buggy 3G oder für die ohne Smartphone also nicht hilfreich…

  7. Wie jedes Jahr gehe ich davon aus, dass 80% aller re:publica-Vorträge von Männern nicht wegen des Themas, sondern wegen des „Oh, ich bin ein unfassbar cooler Typ, so ähnlich wie James Bond, nur netter, aber auch schlauer, seht mich an, wie ich nichts zu sagen habe, das aber konsequent“-Faktors eingereicht werden.

    Aber was weiß ich, ich war nicht da wegen s.o.

  8. Was machen wir bloß? Alle großen Konferenzen verlieren an Gehalt. Ich denke seit einem Jahr, dass gerade eine weitere Blase platzt (die 2.0te).

    … Vielleicht könnte mensch mit einem Metavortrag anfangen: „Wie geht es weiter, mit uns, den Inhalten und unserem eigenen Ego?“

  9. AAAWWWW… Sehe ich jetzt ja erst, diesen Post. „Plastikstühle sind wichtiger als Wlan!“ :) … 

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