Szientismus oder Politik?

Piraten, Gender und Pragmatik ist eine sehr lesenswerte Analyse zum Politikverständnis der Piratenpartei. In der Genderdebatte treffen „idealtypisch zwei fundamental verschiedene Positionen aufeinander: Eine szientistische und eine Standpunkttheorie“, und es habe sich gezeigt, dass viele Mitglieder der Piratenpartei vom Glauben an den gesunden Menschenverstand und objektiv fundierte Politik geprägt seien.

Expertokratie, Technokratie, kann also nicht funktionieren. Es verkennt, daß politische Fragen im wesentlichen Wertekonflikte sind. Es läßt sich objektiv, naturwissenschaftlich, nicht klären, wer Recht hat. Ob »Freiheit« oder »Sicherheit« das Ziel von Politik sein kann, muß ausgehandelt, diskutiert werden, es müssen Kompromisse gemacht werden, und im letzten kann weder Schäuble noch die Piratenpartei für sich reklamieren, daß ihre Werte im naturwissenschaftlichen Sinne objektiv korrekt seien – und dann wird abgestimmt.

Felix Neumann schreibt auch darüber, was das für die Diskussion über Geschlechterpolitik in der Piratenpartei heißen kann, und hat weitere Überlegungen im Text Soziale Systeme hacken formuliert. Vielleicht kann seine Analyse dazu beitragen, die Logik mancher Debatten zu durchschauen und Strategien zu entwickeln, feministische und queere Anliegen besser zu vermitteln, so eine sich darauf einlassen will.

3 Gedanken zu „Szientismus oder Politik?“

  1. „Logik mancher Debatten zu durchschauen“ sollte queere Kernkompetenz sein, versuchen wir dennoch damit weiterzukommen:

    Wenn Szientismus zu den Kernannahmen gehört, bleibt wohl von der
    Bewegung nicht mehr allzuviel übrig – eine weitere Partei, die versucht mit dem zu arbeiten was so klar (d.h. unmarkiert) ist, daß es durchsichtig, d.h. unsichtbar wird. Hoffen wir, es sei Naivität der Konstituierungsphase …

    Dabei steht bereits die gewählte Hackerdefinition unter
    Essenzialismusverdacht, wer entscheidet eigentlich was
    „Schwachstellen/Fehler“ sind? Ist es überhaupt möglich, daß jemand ein (hinreichend komplexes) „System komplett versteht“ (wie war das nochmal mit den unentscheidbaren Sätzen oder dem deterministischen Chaos)?

    Da gibt die Wau Holland Definition („Ein Hacker ist jemand, der versucht einen Weg zu finden, wie man mit einer Kaffeemaschine Toast zubereiten kann“ gender_gap bitte hinzudenken) mehr her: Ein System entgegen der intendierten/offensichtlichen Verwendung nutzen.

    Damit wäre der erste notwendige Hack der des Wissenschaftlichkeitsverständnises – gleichwohl die Positionierung als „Nrrrdz“ (wo habt Ihr eigentlich t3h R107 gelassen?!?) auch eine brillante Idee ist -, zumal nach Spielregeln in einem wissenschaftlichen Feld explizite moralische Positionierung meist diskreditierend wirkt, u.a. da ein moralisches „Falsch“ härter als ein wissenschaftliches sein sollte (Irrtumslizenz!).

    Denn ein szientistisches Wissenschaftsverständnis kann nicht nur seit Fleck als veraltet und seit Kuhn als verstaubt gelten, es ignoriert auch Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Damit ist Wissenschaftstheorie und speziell das Problem der Inter/transdisziplinarität politisch.

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