Über „Wir Alphamädchen“


Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl, die zusammen auch bei der mädchenmannschaft bloggen, erklären in „Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das leben schöner macht“, warum Frauen Feministinnen sein sollten und wozu das überhaupt (noch) nötig ist. Für mich, die ich einige queer-feministische Genderseminare mehr auf dem Buckel habe, als es für das neue Gender-Kompetenz-Zertifikat meiner Uni nötig ist, gab das Buch zwar nicht viele neue Erkenntnisse her, war aber trotzdem eine interessante Lektüre, denn die öffentliche Diskussion über Feminismus wird in den letzten Wochen von vermeintlichen „Generationenkonflikt“ zwischen dem „alten“ Feminismus á la Alice Schwarzer und einem jungen Feminismus der „Alphamädchen“ und „Neuen Deutschen Mädchen“ bestimmt. Das wollte ich mir genauer ansehen.

Das Buch „Neue Deutsche Mädchen“ von Elisabeth Reather und Jana Hensel habe ich aufgrund des wirklich abschreckenden Titels bisher noch nicht in die Hand genommen. Darum bezieht sich dieser Text auch nur auf das Alphamädchen-Buch, das – soviel vorweg – einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Autorinnen beschäftigen sich mit allerlei wichtigen Themen wie Sex, Verhütung und Abtreibung, das Frauenbild in den Medien, die Demographiedebatte, Erwerbsarbeit oder politische Partizipation. Stil und Sprache von „Wir Alphamädchen“ sind verständlich, differenziert, Stellung beziehend und nicht pauschalisierend. Die Autorinnen sind Journalistinnen, und vermutlich gelingt es ihnen vor diesem Grund besser als den meisten akademischen Feministinnen, ihre Standpunkte zu vermitteln. Ich würde das Buch denjenigen empfehlen, die sich auf einer grundlegenden Ebene für Feminismus interessieren. Da es mit Verve und Wut geschrieben wurde, und ziemlich überzeugend ist, funktioniert es bestimmt als feministischer Appetizer, nicht nur für junge Frauen.

In der aktuellen Debatte, die sich über dieser und anderen Veröffentlochungen entzündet hat, wird „Wir Alphamädchen“ meiner Meinung nach zu Recht vorgeworfen, Ausschlüsse zu machen. Diese gründen auf der Konzentration auf „Themen, die einen Großteil der jungen Frauen, die heute in Deutschland leben, betreffen“. Das die spezifischen Perspektiven von beispielsweise Lesben oder Migrantinnen nicht aufgenommen wurde, macht das erste Kapitel zumindest transparent. Trotzdem stößt die durchgängig verwendete Wir-Form auf, denn der Feminismus blickt auf einige Jahrzehnte der Auseinandersetzung und Reflexion des problematischen Versuches, Politik für „alle“ Frauen zu machen, und diese unter einem gemeinsamen „wir“ zu fassen. Ich finde, diese mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte macht eine solche Klarstellung zu Anfang eines Buches nicht wett. Stattdessen reproduziert die Selbstpositionierung zu Anfang des Buches eine problematische Trennung zwischen Theorie und Praxis, wenn Haaf/Klinger/Streidl schreiben

Keine von uns hat Genderwissenschaften studiert oder war in der links-alternativen Szene aktiv. Im feministischen Establisment wird man uns nicht kennen. Unser Feminismus ist aus dem Alltag entstanden und aus unsere journalistischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tendenzen und Debatten.

Leute, die aus den Gender Studies, der linken Szene oder dem feministischen Establisment kommen, haben auch Alltagserfahrungen, und dazu ganz häufig ein Wissen über die Geschichte feministischer Praxen und Diskussionen, und über die Komplexität von Geschlecht und Sexualität. Dieses Wissen macht das Schreiben und Nachdenken über Feminismus zugegeben manchmal etwas kompliziert. Ich will damit nicht sagen, dass die Autorinnen sich nicht mit diesen Dingen auseinandergesetzt hätten, oder gar ein solches Buch gar nicht hätten schreiben dürfen, aber etwas mehr Vielschichtigkeit, und etwas weniger „wir“ hätte ich mir schon gewünscht.

Vielleicht ist es eine vermeintliche Mehrheit der jungen Frauen, mit dem sich „Wir Alphamädchen“ beschäftigt. Das Buch ist an weißen, heterosexuellen, karriereorientierten Frauen ausgerichtet. Ines Kappert stellt in ihrem taz-Artikel über die Auseinandersetzungen zwischen Alice Schwarzer und jüngeren Feministinnen, zu denen auch die Alphamädchen-Autorinnen gehören, fest:

„Der blinde Fleck der „Alphamädchen“ liegt in ihrem bestenfalls naiven Anspruch, Elite sein zu wollen. Er liegt in ihrem Mangel an Interesse, einen Begriff von Gesellschaft zu entwickeln, mithin über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken“

Ob das Buch dadurch neoliberal und elitär ist? Jedenfalls entspricht es dem zurzeit hegemonialen Feminismusverständnis. In erster Linie werden dabei die Gleichstellung von Männern und Frauen im Erwerbsleben sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Blick genommen. Das proklamierte „Wir“ will das, was „die Männer“ schon haben. Dabei wird die Lohnarbeitsgesellschaft in ihrer heutigen Form nicht hinterfragt, bzw. in einer familien- und frauenfreundlicheren Spielart gefordert.

Mich nervt darüber hinaus auch der ständige Versuch, Feminismus zu branden. Erst die „F-Klasse“ von Thea Dorn, jetzt die „Alpha-Mädchen“. Bücher brauchen griffige, bestenfalls vermarktbare Titel. Aber muss es immer ein Schlagwort sein, das zugleich als Markenname eines vermeintlich neuen Feminismus herhalten soll? Und was impliziert es eigentlich, dabei einen Begriff zu verwenden, der Assoziationen zu hierarchischen Konzepten wie dem „Alphatier“ aufruft? Wer sind die „Omega-Mädchen“? Vermutlich ist das mal wieder Augenzwinkernder gemeint, als es bei mir ankommt. Der Titel des Buches hat jedoch Unbehagen bei mir geweckt, und hätte ich nicht schon einige wohlwollende Rezensionen und nicht zuletzt den Blog der mädchenmannschaft gerne gelesen, hätte ich das Buch vermutlich nicht gekauft.

Trotz alledem ist es Autorinnen wie Haaf, Klinger und Streidl anzurechnen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Zeiten des so genannten „Frauen haben alles erreicht“–Postfeminismus jetzt erstmal vorbei zu sein scheinen. Die Diskussion über „alte“ vs. „junge“ Feminismen, zu der jetzt eine zweite Ebene von „akademischem“ und „journalistischem“ Feminismus zu treten scheint, verdient es jedoch, kritisch betrachtet und vor dem Hintergrund vielfältiger feministischen politischen Praxen gegengelesen zu werden. Dazu dann demnächst mehr an dieser Stelle.

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