Who’s Open in Public?


Foto von So gesehen./Stefan Bucher auf Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

Heute ist Open In Public Day 2013. Irgendwelche Typen (und anscheinend auch wenige Frauen) twittern unter dem Stichwort #oipd13 wie sie ihre Zähne putzen, Tee kochen und in der Uni sitzen. Der Tag

soll den Menschen den Wert gemeinsamer, offener und freier Daten und Kommunikation illustrieren. Anstatt uns in der Angst, unsere Daten könnten in die Öffentlichkeit gelangen, in unseren auf Streetview blockierten Häusern zu verstecken, zeigen wir unser Leben der Öffentlichkeit.

Ich könnte jetzt ein Foto von mir machen, wie ich mich beim morgendlichen Yoga verrenke. Dann würden irgendwelche Typen kommen und befinden, hässliche fette Kühe wie ich sollten ihr Internet mit solchen Bildern verschonen. Oder sich das mal abspeichern, man weiß ja nicht, wann’s mal einen Anlass gibt, abzuhassen. Ich lasse es lieber. Happy #oipd13 anyone!

Das führt uns also wieder zurück zu der Frage nach Post-Privacy und Privilegien. Neulich twitterte ich komprimiert und unverständlich zu diesem Thema: „mehrfachprivilegierte machen selbstexperimente, betreiben dadurch aber normalisierung, weil sie unmarkierte positionen haben #inanutshell“.

Ich zielte damit ab auf die zahlreichen „Post-Privacy-Exerimente“, die in der Regel von deutschen, weißen, able-bodied Cis-Männern mit Mittelschichshintergrund durchgeführt werden. Alle Standorte öffentlich zugänglich machen (exemparisch woistsixtus.com), sich ein Jahr lang ständig vorm Rechner fotografieren, sowas. Da man nicht vollkommen unreflektiert rüber kommen will, heißt es, man sei sich selbstverständlich seiner Privilegien bewusst und nähme sozusagen eine Vorreiterrolle ein, um im Selbstexperiment (mutig voran!) die Wege der Zukunft auszuloten, die uns alle zu einer besseren Gesellschaft führen könnten. Exemplarisch @tante:

Ich kann das durch meine privilegierte Stellung nicht nur tun, ich sehe das sogar als meine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest so lange, bis alle meine Privilegien abgeschafft sind (was leider so schnell nicht zu schaffen ist).

Was übersehen wird: Der mehrfachprivilegierte Mann ist in dieser Gesellschaft die unmarkierte Norm. Seit Jahrhunderten ist er das Universelle. Das, was wir meinen, wenn wir von „Mensch“ reden. Nicht das Andere. Und genau darum besteht die Gefahr, dass die postprivaten Selbstexperimente nicht als etwas Partikulares angesehen werden, was eine bestimmte Gruppe von Menschen betreibt, sondern als neuer, für alle gültiger gesellschaftlicher Standard. Die Praxen normalisieren sich, wenn sie diese Gruppe von Menschen betreiben. Es werden z.B. Geschäftsideen dazu entwickelt und erwartet, dass alle mitmachen. Wer das nicht will, muss sich zunehmend aktiv dagegen wehren und ist dann die Spaßverderber_in, die sich nicht fotografieren lassen möchte.

Sollten wir also lieber den Data Protection Day feiern, der heute ebenfalls ist? Jein. Datenschutz ist wichtig. Aber Teilhabe an Öffentlichkeit ist es auch. Die Spackeria twitterte vor ein paar Tagen, dass #aufschrei ein Post-Privacy-Mem sei. Wenn man unter Mem nicht „etwas lustiges mit gifs“ versteht, sondern eine Idee, die durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt wird, stimmt das ja. #aufschrei kann, wie auch #609060, als Post-Privacy-Mem gelesen werden, dass eine umkämpften, emanzipatorische Idee verfolgt. Es ist der Versuch einer solidarische Praxis.

Meine Forderung zum #oipd13 ist also: Solidarisiert euch. Unterstützt Kämpfe um die Teilhabe an Öffentlichkeit für alle. Aber tut das nicht, indem ihr euch einbildet, die Avantgarde zu sein. Tut das nicht, in dem ihr solche Kämpfe vereinnahmt und euch nebenbei Machtpositionen sichert (es winken Buchverträge und Vortragshonorare!). Schreitet nicht voran. Für Menschen, die regelmäßig mit Übergriffen, rassistischen Beleidigungen, abschätzigen Blicken, Barrieren und anderem Dominanzgehabe konfrontiert sind, ist es eine Errungenschaft, open in public zu sein und eine Stimme zu haben. Für mehrfachprivilegierte Männer ist es eine Selbstverständlichkeit.

tl; dr: Was @map sagt.

6 Gedanken zu „Who’s Open in Public?“

  1. danke für das verknüpfen von (dem mir unbekannten) #oipd13 und #aufschrei. ich sehe da – auch wenn nicht immer gleich offensichtlich und auf zugegebenermaßen unterschiedlichen ebenen – ein paar parallelen. auch bei einer aktion wie #aufschrei ist es nicht für alle gleich einfach, erfahrungen zu teilen bzw. fühlen sich auch nicht alle frauen* gleichermaßen angesprochen mitzumachen. das hat mit unterschiedlichsten dingen zu tun, u.a. auch damit, wie sehr eine gewöhnt daran ist, ihre erfahrungen abgesprochen zu bekommen, wie sicher sich eine online fühlt, mit welchen reaktionen gerechnet werden müssen, welche unterdrückungsverhältnisse primär verhandelt werden und welche – auch wenn nicht intendiert – auf der strecke bleiben. danke für den denkanstoß.

  2. Interessant. Habe wenig Ahnung davon und hatte etwas Ähnliches wie sich ein Jahr lang ständig vorm Rechner fotografieren unter Kunst einsortiert, als ich vor Jahren davon hörte. War es vielleicht auch.

    Neulich habe ich über ein kleines Mem gestaunt – auf Youtube zeigen junge Frauen, wie sie sich morgens stylen und schminken, und listen unter dem Video die verwendeten Kosmetikprodukte. Diese Frauen sind aber unter Pseudonym unterwegs und werden kaum Vorträge drüber halten.

    Das traditionelle Bildungsbürgertum rümpft ja eher die Nase über zu gewöhnliche Selbstdarstellerinnen, siehe der FAZ-Artikel über Buchvorstellungen auf Youtube:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literaturkritik-im-videoblog-ein-zarter-flirt-mit-dem-warenfetisch-11493673.html
    http://hermanstadt.blogspot.de/2011/10/die-vlogs-und-der-zauberstab.html

    Wer oben ist, setzt nicht auf den Hype, sondern auf Distinktion.

  3. Wenn Leute Dinge von sich veröffentlichen in denen sie eine exponierte Stellung (überdurchschnittliche Wohnung, Kleidung, Aufenthaltsorte) haben, dann ist das kein post-privacy sondern einfach nur exibitionistisches und elitäres Gehabe.
    Wenn sie Dinge veröffentlichen die ihren Lebensstandard gefährden dann können wir über post privacy reden.

    Insgesamt kann man das Verhalten von Personen die in einer gesicherten gehobenen gesellschaftlichen Position sind nicht als Maßstab oder Vorbild für alle nehmen. Denn ihre gesellschaftliche Position würde durch post privacy noch gestärkt.

    #Aufschrei und #609060 würde ich auch nicht als post privacy sehen denn die Teilnehmer wollen nicht ihr ganzes Privatleben öffentlich sehen sondern wollen gesellschaftliche Tabus/Probleme sichtbar machen und zu einem besseren gesellschaftlichen Miteinanderer verhelfen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge und das sollte man meiner Meinung nach besser differenzieren.

  4. Die Praxen normalisieren sich, wenn sie diese Gruppe von Menschen betreiben. (…) Wer das nicht will, muss sich zunehmend aktiv dagegen wehren und ist dann die Spaßverderber_in, die sich nicht fotografieren lassen möchte.

    Genau meine Rede:

    Das Problem, das ich (und sicher nicht ich alleine) mit dieser Utopie der Post-Privacy habe, ist, dass sie erhebliches Risiko in sich birgt, die Gesellschaft in einen zwangsbasierten Dotcommunismus zu transferieren, in dem der einzelne gar nicht mehr gefragt wird und der Druck, sich komplett konform zu verhalten, enorm ansteigt. (…) Mag sein, dass die Vertreter dieser Ideen den Konformitätsdruck nicht sehen, den totale Transparenz erzeugt, aber das heißt nicht, dass er keine Bedrohung darstellt.

    Versuche von sogenannten Vordenkern, eine neue Ethik des Herzeigens zu stricken und das Zurückhalten von privaten Daten als Egoistenschweinverhalten zu brandmarken, hat es ja gegeben, sei es in Seemanns Vortrag über „Das radikale Recht des Anderen“ oder in dem verschwiemelten Manifest der Datenliebe, von dem sich ein Herr Urbach inzwischen distanziert.

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