„Mit der AfD kommt Deutschland in der Normalität an“

Man wäre schlecht beraten, die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass der Albtraum bald von alleine zu Ende geht

Quelle: Mit der AfD kommt Deutschland in der Normalität an | Benjamin Opratko auf Huffingtonpost

Hörts dem Österreicher zu, der kennt sich aus mit dieser Art von Rechtsextremen und hat sogar eine Idee, wie linke Politik reagieren kann.

Anti-Genderismus – Besprechung auf feinschwarz.net


In modernen Gesellschaften gibt es immer wieder Kämpfe um kulturelle Hegemonie, um die „Leitkultur“, die von allen beachtet werden soll. Auch die Auseinandersetzungen um Sexualität und Geschlecht sind als Teil dieses „Kulturkampfes“ zu identifizieren. Hinter Gender und Anti-Genderismus stehen die Verunsicherungen einer Gesellschaft, deren Veränderung zwar nicht steuerbar ist, die aber doch einen hohen Bedarf an Orientierung mit sich bringt. Es geht um Verunsicherungen durch prekär gewordene Arbeitsverhältnisse ebenso wie um Kämpfe um kulturelle Definitionshoheiten, die gegenwärtig geführt werden – samt ihren Aporien und Selbstwidersprüchen.

Quelle: Anti-Genderismus – feinschwarz.net

Der hier besprochene Band enthält einen Beitrag zu „Anti-Genderismus im Internet: Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes“, den ich zusammen mit Anna-Katharina Meßmer geschrieben habe.

Bewegung/en

Heute in der Post: Die gerade erschienene Sonderausgabe der Zeitschrift GENDER mit den Beiträgen zur 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Der Band enthält eine Reihe von Beiträgen zum Thema Bewegung/en, darunter auch ein Beitrag von mir über „Bewegte Subjektpositionen: Konflikte und Verschränkungen von Netzbewegung und Netzfeminismus“. Das Heft ist zugänglich über Fachbibliotheken und den Buchhandel.

Bauschke-Urban, Carola; Both, Göde; Grenz, Sabine; Greusig, Inka; König, Tomke; Pfahl, Lisa; Sabisch, Katja; Schröttle, Monika; Völker, Susanne (Hrsg.) Bewegung/en. Beiträge zur 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien, GENDER Sonderheft/Special Issue, Band 3.

Netzpolitik verstehen

Die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt lädt ein, zu einem Diskussions- und Filmabend über die Netzpolitik. Gemeinsam mit Politikern und Netzaktivisten soll diskutiert werden, welchen Platz Netzpolitik in der politischen Bildung haben kann. Zudem wird eine Filmdokumentation der letzten netzpolitischen Brüsselfahrt gezeigt, sowie eine Episode der britischen Serie „Black Mirror“. Gäste: Petra Sitte (MdB, Die Linke), Matthias Graner (MdL, SPD), Tobias Wangermann (Konrad-Adenauer-Stiftung) und Kathrin Ganz (TU Hamburg-Harburg). Moderation: Jule Eikmann (Breitband, Deutschlandradio Kultur). Eintritt frei.

10. Februar 2016, 19-21 Uhr im Puschkino in Halle an der Saale.

Gramsci hated New Year’s Day

That’s why I hate New Year’s. I want every morning to be a new year’s for me. Every day I want to reckon with myself, and every day I want to renew myself. No day set aside for rest. I choose my pauses myself, when I feel drunk with the intensity of life and I want to plunge into animality to draw from it new vigour.

schrieb Antonio Gramsci am 1. Januar 1916 in der Turin-Ausgabe von Avanti! in seiner Kolumne “Sotto la Mole”. Der Text wurde vor einem Jahr im Viewpoint Mag veröffentlicht. Via Ingo Stützle.

OK Google

Montag früh. Im Lufthansa-Flug Hamburg-München sitzen vorwiegend Geschäftsleute auf dem Weg zum ersten Termin der Woche. Noch steht die Maschine auf dem Rollfeld. Während die letzten Gepäckstücke verstaut werden, haben die meisten Insassen ihre Telefone und Tabletts in der Hand und checken noch mal schnell ihre Mails. Plötzlich übertönt eine laute Stimme die Szenerie:

OK Google: Mail an Chef. Betreff: Ich kündige. Text: Ich kündige. Senden.

Dies ist ein Anti-Terror-Anschlag des Asozialen Netzwerks.

2015 – Bücher

Ein von @ihdl gepostetes Foto am

Barack Obama – Dreams From My Father/Ein amerikanischer Traum
Who lives? Who dies? Who tells your story? Das Buch ist von 1995, als noch niemand ahnen konnte, das er heute sein letztes Präsidentschaftsjahr vor sich hat. Damals hatte Obama gerade sein Jurastudium hinter sich und arbeitete als Anwalt in Chicago. Es erzählt die über Kontinente hinweg verwobenen Geschichten von Menschen, die für Obama Familie sind: Mutter, Vater, die Großeltern auf Hawaii, der Stiefvater in Indonesien, die Obamas in Kenia, Schwester Auma, die in Deutschland gelebt hat, und die Community in Chicago, mit der Obama als Organizer gearbeitet hat. Ein Buch über transnationale Affekte und post-kononiale Subjektivitäten.

Jonathan Franzen – Purity
Das Internet, Journalismus vs. Whistleblower, Transparenz und Überwachung bilden in erster Linie die zeitgenössische Kulisse für eine Auseinandersetzungen mit … Müttern. Nicht so schlimm wie befürchtet.

Guiseppe Fiori – Das Leben des Antonio Gramsci. Eine Biographie
Hat mir den historischen Kontext vor Augen geführt, vor dem Gramsci seine Theorie entwickelt hat. Außerdem ist eine absurd-witzige Geschichte über Igel drin.

Philip Felsch – Der lange Sommer der Theorie
Wie sich westdeutsche Linke auf die Suche nach der coolsten Theorie begaben. Ein Buch über Fandom.

Deniz Utlu – Die Ungehaltenen
Eine schöne Erzählung über die Sprachlosigkeit zwischen Generationen und Erfahrungen.

Sibylle Berg – Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand
Peinliche bürgerliche Selbstbezogenheit, wechselnd aus der Perspektive eines Ehepaares geschrieben. Das haptisch schönste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe. Über das Buch hat Dorothea auch bei hauptsache fadengeheftet etwas geschrieben. Go read.

2015 – Musik

Top-10-Listen am Ende eines Jahres sind etwas, über das ich staune. Anscheinend fällt es anderen gar nicht so unglaublich schwer, ihre Geschmacksurteile auch noch in eine Reihenfolge zu bringen. Und die Listen wirken immer so, als hätten sich ihre Verfasser_innen intensiv mit hunderten von Veröffentlichungen beschäftigt. Das ist bei mir, zumindest was Musik angeht, absolut nicht der Fall. Hier die vier Platten des Jahres 2015, die ich tatsächlich aufmerksam und mehrmals mit Genuss gehört habe.

Kendrick Lamar – To Pimp a Buttlerfly
Um mit dem offensichtlichen anzufangen: Lamar ist auch an mir nicht vorbei gegangen. Für diejenigen, die noch nicht davon gehört haben, die beiden Anspieltipps i und King Kunta.

Sleater Kinney – No Cities to Love
Eine Alltime-Lieblingsband, deren neues Album No Cities to Love mir, anders als das von Tocotronic, wieder sehr gut gefallen hat.

Kamasi Washington – The Epic
Beim Konzert im November hat mich Patrice Quinns Performance etwas verstört, weil sie immer so geguckt hat, als ertönten gerade die bezaubernsten Klänge aller Zeiten. Aber die Stücke auf dem fast dreistündigen „The Epic“ sind halt auch richtig gut, und Malcom’s Theme ging mir tagelang nicht mehr aus dem Kopf.

Hamilton – Original Broadway Cast Recording
Ein Riesenphänomen in den USA: Ein bis Herbst 2016 ausverkauftes Musical, über das sie beim Slate Political Gapfest ständig sprechen. Es geht um Alexander Hamilton: Revolutionär, Verfasser des größeren Teil der Federalist Papers, hat die Grundsteine des US-Bankensystems gelegt … ein Musical!! Ein Hiphop-Musical!! Ich staune über mich, aber noch mehr darüber, wie Lin-Manuel Miranda diese Geschichte erzählt. Das Problem ist nur, dass ich vor lauter Ohrwürmern nicht schlafen kann, und es deswegen nicht so oft hören darf, wie ich gerne würde.

Forschungsjournal Soziale Bewegungen: Zwischen Sichtbarkeit und Anonymität – Protest, Bewegung und digitale Kultur

Im Anschluss an die Tagung „Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten“ im November letzten Jahres ist gerade eine Schwerpunktausgabe des Forschungsjournals Soziale Bewegungen erschienen. Jana Ballenthien, Alex Hensel, Christoph Höft und Maren Ulbrich, mit denen ich die Tagung zusammen organisiert habe, waren Mitherausgeber_innen der Ausgabe. Von mir ist ein Artikel drin und ich bin sehr happy darüber, dass der Text auch online ist: Zehn Jahre Netzbewegung. Konflikte um Privatheit im digitalen Bürgerrechtsaktivismus vor und nach Snowden (PDF). Lesenswert ist das Heft aber vor allem auch aufgrund der anderen Beiträge, die mit unterschiedlichen theoretischen und analytischen Zuhängen eine ganze Bandbreite von Protestphänomenen in digitalen Öffentlichkeiten abdecken. Ricarda Drüeke beschäftigt sich zum Beispiel mit feministischer Hashtag-Aktivismus, es gibt einen Text von Miriam Grohmann, Layla Kamil Abdul-salam und Eva L. Wyss zu Selfie-Protesten und eine sehr interessante Analyse von Carsten Ochs zum Selbstdatenschutzdiskurs. Herauszuheben ist auch ein Sammelinterview mit Antje Schruppe, yetzt und Stephan Urbach u.a. (PDF). Das Inhaltsverzeichnis, Abstracts und alles weitere auf der Website des FJSB.

Secret Sister: Ein Schneeballsystem

Seit Oktober geht eine Aktion durch die Sozialen Netzwerke, die Geschenke Geschenke Geschenke verspricht. Secret Sister funktioniert so: Wer mitmacht, schickt einer anderen Secret Sister ein Geschenk im Wert von bis zu 10 Dollar oder Euro. Sie kann sich dann (angeblich) darauf freuen, von anderen Sisters bis zu 36 Geschenke zugeschickt zu bekommen, muss dazu allerdings sechs weitere Mit-Sisters in das System rekrutieren. Wie Wichteln, nur mit besserem Return of Investment. Unter dem Hashtag #secretsister werden auf Twitter und Instagram jetzt die Fotos von frisch ausgepacktem Nagellack und anderen Dingen gepostet und die Beschenkten sind ganz gerührt.

Anyone interested in a Holiday Gift exchange? I don’t care where you live – you are welcome to join. I need 6 (or more) ladies of any age to participate in a secret sister gift exchange. You only have to buy ONE gift valued at $10 or more and send it to one secret sister and you will receive 6-36 in return!
Let me know if you are interested and I will send you the information!
TIS THE SEASON! and its getting closer. COMMENT if You’re IN and I will send you a private message.

Öffentliche Postings dieser Art machen Lust, teilzunehmen. Die Instruktionen gibt es dann per Privatnachricht, vermutlich mit Adressen (mich würde interessieren, wie diese aussehen). Secret Sister ist ein klassisches Schneeballsystem, auch Pyramidensystem genannt, bzw. eine Unterform davon: Der Schenkkreis. Das ist nichts Neues. Ich erinnere mich noch daran, dass eine Nachbarin immer wieder versucht hat, meine Mutter für solcherlei Projekte zu gewinnen. Damals ging es um Geschirrhandtücher(!) und Kinderbücher.

Das Problem mit Schneeballsystemen ist, dass sie schnell an die Wand fahren. Diejenigen, die das Ding gestartet haben oder früh eingestiegen sind, nehmen die Geschenke mit, während die unteren Reihen sich abrackern, um weitere Mitstreiterinnen zu gewinnen, am Ende aber leer ausgehen.

Mathematisch funktioniert das so (Potenzen!)

6^0 = 1 (Die erste Person sucht sich 6 Mitspieler_innen)
6^1 = 6 (Diese gewinnen jeweils wieder 6 Mitspieler_innen)
6^2 = 36 (usw.)
6^3 = 216
6^4 = 1296
6^5 = 7776
6^6 = 46.656
6^7 = 279.936
6^8 = 1.679.616
6^9 = 10.077.696
6^10 = 60.466.176
6^11 = 362.797.056
6^12 = 2.176.782.336 (> 2 Milliarden)
6^13 = 13.060.694.016 (> Weltbevölkerung)

Ich vermute, dass es in den ersten sechs Reihen ganz gut läuft und dann schwieriger wird. Wer neu einsteigt, weiß natürlich nicht, an welchem Punkt in der Kette sie das tut. Spätestens in Reihe 12 sind die Lady-Internetnutzer_innen der Welt alle dabei und in Reihe 13 braucht das Spiel 13 Milliarden Teilnehmer_innen, also fast die doppelte Weltbevölkerung.

Schneeballsysteme in Form von Geschäftsmodellen oder Bargeld-Schenkkreisen sind in vielen Ländern illegal – wie zum Beispiel Snopes.com für die USA erklärt. Bei Geschenken von geringem Wert wie in diesem Spiel dürfte die Teilnahme in Deutschland juristisch unproblematisch sein, denn wirklich viel zu verlieren gibt es letztlich nicht. Allerdings wird vor Identitätsdiebstahl gewarnt.

Ich persönlich wundere mich ehrlich gesagt darüber, warum viele bei dem Versprechen, eine Sache zu geben und 36 dafür zurück zu bekommen, nicht skeptisch sind. Ehrlich gesagt finde ich es auch ein bisschen greedy, aber gut, das legt uns der Kapitalismus (Vorsicht: Abbildung enthält verkürzte Kapitalismuskritik) auch nahe. TIS THE SEASON! Aber tut euch einen Gefallen und wichtelt lieber one to one.