Autor: Kathrin

Netzpolitik verstehen

Die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt lädt ein, zu einem Diskussions- und Filmabend über die Netzpolitik. Gemeinsam mit Politikern und Netzaktivisten soll diskutiert werden, welchen Platz Netzpolitik in der politischen Bildung haben kann. Zudem wird eine Filmdokumentation der letzten netzpolitischen Brüsselfahrt gezeigt, sowie eine Episode der britischen Serie „Black Mirror“. Gäste: Petra Sitte (MdB, Die Linke), Matthias Graner (MdL, SPD), Tobias Wangermann (Konrad-Adenauer-Stiftung) und Kathrin Ganz (TU Hamburg-Harburg). Moderation: Jule Eikmann (Breitband, Deutschlandradio Kultur). Eintritt frei.

10. Februar 2016, 19-21 Uhr im Puschkino in Halle an der Saale.

Gramsci hated New Year’s Day

That’s why I hate New Year’s. I want every morning to be a new year’s for me. Every day I want to reckon with myself, and every day I want to renew myself. No day set aside for rest. I choose my pauses myself, when I feel drunk with the intensity of life and I want to plunge into animality to draw from it new vigour.

schrieb Antonio Gramsci am 1. Januar 1916 in der Turin-Ausgabe von Avanti! in seiner Kolumne “Sotto la Mole”. Der Text wurde vor einem Jahr im Viewpoint Mag veröffentlicht. Via Ingo Stützle.

OK Google

Montag früh. Im Lufthansa-Flug Hamburg-München sitzen vorwiegend Geschäftsleute auf dem Weg zum ersten Termin der Woche. Noch steht die Maschine auf dem Rollfeld. Während die letzten Gepäckstücke verstaut werden, haben die meisten Insassen ihre Telefone und Tabletts in der Hand und checken noch mal schnell ihre Mails. Plötzlich übertönt eine laute Stimme die Szenerie:

OK Google: Mail an Chef. Betreff: Ich kündige. Text: Ich kündige. Senden.

Dies ist ein Anti-Terror-Anschlag des Asozialen Netzwerks.

2015 – Bücher

Ein von @ihdl gepostetes Foto am

Barack Obama – Dreams From My Father/Ein amerikanischer Traum
Who lives? Who dies? Who tells your story? Das Buch ist von 1995, als noch niemand ahnen konnte, das er heute sein letztes Präsidentschaftsjahr vor sich hat. Damals hatte Obama gerade sein Jurastudium hinter sich und arbeitete als Anwalt in Chicago. Es erzählt die über Kontinente hinweg verwobenen Geschichten von Menschen, die für Obama Familie sind: Mutter, Vater, die Großeltern auf Hawaii, der Stiefvater in Indonesien, die Obamas in Kenia, Schwester Auma, die in Deutschland gelebt hat, und die Community in Chicago, mit der Obama als Organizer gearbeitet hat. Ein Buch über transnationale Affekte und post-kononiale Subjektivitäten.

Jonathan Franzen – Purity
Das Internet, Journalismus vs. Whistleblower, Transparenz und Überwachung bilden in erster Linie die zeitgenössische Kulisse für eine Auseinandersetzungen mit … Müttern. Nicht so schlimm wie befürchtet.

Guiseppe Fiori – Das Leben des Antonio Gramsci. Eine Biographie
Hat mir den historischen Kontext vor Augen geführt, vor dem Gramsci seine Theorie entwickelt hat. Außerdem ist eine absurd-witzige Geschichte über Igel drin.

Philip Felsch – Der lange Sommer der Theorie
Wie sich westdeutsche Linke auf die Suche nach der coolsten Theorie begaben. Ein Buch über Fandom.

Deniz Utlu – Die Ungehaltenen
Eine schöne Erzählung über die Sprachlosigkeit zwischen Generationen und Erfahrungen.

Sibylle Berg – Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand
Peinliche bürgerliche Selbstbezogenheit, wechselnd aus der Perspektive eines Ehepaares geschrieben. Das haptisch schönste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe. Über das Buch hat Dorothea auch bei hauptsache fadengeheftet etwas geschrieben. Go read.

2015 – Musik

Top-10-Listen am Ende eines Jahres sind etwas, über das ich staune. Anscheinend fällt es anderen gar nicht so unglaublich schwer, ihre Geschmacksurteile auch noch in eine Reihenfolge zu bringen. Und die Listen wirken immer so, als hätten sich ihre Verfasser_innen intensiv mit hunderten von Veröffentlichungen beschäftigt. Das ist bei mir, zumindest was Musik angeht, absolut nicht der Fall. Hier die vier Platten des Jahres 2015, die ich tatsächlich aufmerksam und mehrmals mit Genuss gehört habe.

Kendrick Lamar – To Pimp a Buttlerfly
Um mit dem offensichtlichen anzufangen: Lamar ist auch an mir nicht vorbei gegangen. Für diejenigen, die noch nicht davon gehört haben, die beiden Anspieltipps i und King Kunta.

Sleater Kinney – No Cities to Love
Eine Alltime-Lieblingsband, deren neues Album No Cities to Love mir, anders als das von Tocotronic, wieder sehr gut gefallen hat.

Kamasi Washington – The Epic
Beim Konzert im November hat mich Patrice Quinns Performance etwas verstört, weil sie immer so geguckt hat, als ertönten gerade die bezaubernsten Klänge aller Zeiten. Aber die Stücke auf dem fast dreistündigen “The Epic” sind halt auch richtig gut, und Malcom’s Theme ging mir tagelang nicht mehr aus dem Kopf.

Hamilton – Original Broadway Cast Recording
Ein Riesenphänomen in den USA: Ein bis Herbst 2016 ausverkauftes Musical, über das sie beim Slate Political Gapfest ständig sprechen. Es geht um Alexander Hamilton: Revolutionär, Verfasser des größeren Teil der Federalist Papers, hat die Grundsteine des US-Bankensystems gelegt … ein Musical!! Ein Hiphop-Musical!! Ich staune über mich, aber noch mehr darüber, wie Lin-Manuel Miranda diese Geschichte erzählt. Das Problem ist nur, dass ich vor lauter Ohrwürmern nicht schlafen kann, und es deswegen nicht so oft hören darf, wie ich gerne würde.

Forschungsjournal Soziale Bewegungen: Zwischen Sichtbarkeit und Anonymität – Protest, Bewegung und digitale Kultur

Im Anschluss an die Tagung “Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten” im November letzten Jahres ist gerade eine Schwerpunktausgabe des Forschungsjournals Soziale Bewegungen erschienen. Jana Ballenthien, Alex Hensel, Christoph Höft und Maren Ulbrich, mit denen ich die Tagung zusammen organisiert habe, waren Mitherausgeber_innen der Ausgabe. Von mir ist ein Artikel drin und ich bin sehr happy darüber, dass der Text auch online ist: Zehn Jahre Netzbewegung. Konflikte um Privatheit im digitalen Bürgerrechtsaktivismus vor und nach Snowden (PDF). Lesenswert ist das Heft aber vor allem auch aufgrund der anderen Beiträge, die mit unterschiedlichen theoretischen und analytischen Zuhängen eine ganze Bandbreite von Protestphänomenen in digitalen Öffentlichkeiten abdecken. Ricarda Drüeke beschäftigt sich zum Beispiel mit feministischer Hashtag-Aktivismus, es gibt einen Text von Miriam Grohmann, Layla Kamil Abdul-salam und Eva L. Wyss zu Selfie-Protesten und eine sehr interessante Analyse von Carsten Ochs zum Selbstdatenschutzdiskurs. Herauszuheben ist auch ein Sammelinterview mit Antje Schruppe, yetzt und Stephan Urbach u.a. (PDF). Das Inhaltsverzeichnis, Abstracts und alles weitere auf der Website des FJSB.

Secret Sister: Ein Schneeballsystem

Seit Oktober geht eine Aktion durch die Sozialen Netzwerke, die Geschenke Geschenke Geschenke verspricht. Secret Sister funktioniert so: Wer mitmacht, schickt einer anderen Secret Sister ein Geschenk im Wert von bis zu 10 Dollar oder Euro. Sie kann sich dann (angeblich) darauf freuen, von anderen Sisters bis zu 36 Geschenke zugeschickt zu bekommen, muss dazu allerdings sechs weitere Mit-Sisters in das System rekrutieren. Wie Wichteln, nur mit besserem Return of Investment. Unter dem Hashtag #secretsister werden auf Twitter und Instagram jetzt die Fotos von frisch ausgepacktem Nagellack und anderen Dingen gepostet und die Beschenkten sind ganz gerührt.

Anyone interested in a Holiday Gift exchange? I don’t care where you live – you are welcome to join. I need 6 (or more) ladies of any age to participate in a secret sister gift exchange. You only have to buy ONE gift valued at $10 or more and send it to one secret sister and you will receive 6-36 in return!
Let me know if you are interested and I will send you the information!
TIS THE SEASON! and its getting closer. COMMENT if You’re IN and I will send you a private message.

Öffentliche Postings dieser Art machen Lust, teilzunehmen. Die Instruktionen gibt es dann per Privatnachricht, vermutlich mit Adressen (mich würde interessieren, wie diese aussehen). Secret Sister ist ein klassisches Schneeballsystem, auch Pyramidensystem genannt, bzw. eine Unterform davon: Der Schenkkreis. Das ist nichts Neues. Ich erinnere mich noch daran, dass eine Nachbarin immer wieder versucht hat, meine Mutter für solcherlei Projekte zu gewinnen. Damals ging es um Geschirrhandtücher(!) und Kinderbücher.

Das Problem mit Schneeballsystemen ist, dass sie schnell an die Wand fahren. Diejenigen, die das Ding gestartet haben oder früh eingestiegen sind, nehmen die Geschenke mit, während die unteren Reihen sich abrackern, um weitere Mitstreiterinnen zu gewinnen, am Ende aber leer ausgehen.

Mathematisch funktioniert das so (Potenzen!)

6^0 = 1 (Die erste Person sucht sich 6 Mitspieler_innen)
6^1 = 6 (Diese gewinnen jeweils wieder 6 Mitspieler_innen)
6^2 = 36 (usw.)
6^3 = 216
6^4 = 1296
6^5 = 7776
6^6 = 46.656
6^7 = 279.936
6^8 = 1.679.616
6^9 = 10.077.696
6^10 = 60.466.176
6^11 = 362.797.056
6^12 = 2.176.782.336 (> 2 Milliarden)
6^13 = 13.060.694.016 (> Weltbevölkerung)

Ich vermute, dass es in den ersten sechs Reihen ganz gut läuft und dann schwieriger wird. Wer neu einsteigt, weiß natürlich nicht, an welchem Punkt in der Kette sie das tut. Spätestens in Reihe 12 sind die Lady-Internetnutzer_innen der Welt alle dabei und in Reihe 13 braucht das Spiel 13 Milliarden Teilnehmer_innen, also fast die doppelte Weltbevölkerung.

Schneeballsysteme in Form von Geschäftsmodellen oder Bargeld-Schenkkreisen sind in vielen Ländern illegal – wie zum Beispiel Snopes.com für die USA erklärt. Bei Geschenken von geringem Wert wie in diesem Spiel dürfte die Teilnahme in Deutschland juristisch unproblematisch sein, denn wirklich viel zu verlieren gibt es letztlich nicht. Allerdings wird vor Identitätsdiebstahl gewarnt.

Ich persönlich wundere mich ehrlich gesagt darüber, warum viele bei dem Versprechen, eine Sache zu geben und 36 dafür zurück zu bekommen, nicht skeptisch sind. Ehrlich gesagt finde ich es auch ein bisschen greedy, aber gut, das legt uns der Kapitalismus (Vorsicht: Abbildung enthält verkürzte Kapitalismuskritik) auch nahe. TIS THE SEASON! Aber tut euch einen Gefallen und wichtelt lieber one to one.

nrrrdz000025: schlusspunkt

nrrrdz logoEs ist so weit: Die letzte Folge nrrrdz. Vor ziemlich genau sechs Jahren haben wir die Idee in die Tat umgesetzt, einen feministischen Podcasts über Internet und Technik zu machen. Seitdem hat sich einiges verändert – nicht nur in unserer beider Leben, sondern auch was Podcasts und Netzfeminismus angeht. In der letzten Folge machen wir deshalb keine neuen Fässer auf, sondern blicken ein bisschen zurück und verabschieden uns ganz herzlich von allen Hörer_innen. Und weil wir sie in der Folge nicht erwähnt haben, an dieser Stelle noch mal einen besonderen Dank an @sv, die das Intro für Nrrrdz gemacht hat. o/

 
Download (mp3, 33,4 MB, 72 Minuten)

Weitere Links:
Zeitschrift des Frauenrats (Ausgabe 3/2015): Total digital – oder: wem gehört das Netz?

Pille danach bald in Deutschland rezeptfrei?

Wendung in Sachen #wiesmarties. Foto von Stephen Chipp (CC BY-NC 2.0)
Wendung in Sachen #wiesmarties. Foto von Stephen Chipp (CC BY-NC 2.0)

Heute Abend meldet die Süddeutsche “Pille danach” wird in Deutschland rezeptfrei. Yeah! Beim Lesen der Meldung kommen aber schon erste Fragen auf: Wie jetzt, nur ellaOne? Und was ist mit den anderen Präperaten? Und ist die ellaOne Pille danach nicht die teurere Variante?

Ich habe mich auf die Schnelle auf die Suche nach Quellen gemacht, um zu verstehen, was da auf EU-Ebene passiert ist und wie das die deutsche Gesundheitspolitik beeinflusst, die sich, dank CDU, bislang einer Freigabe der Pille danach verweigert hat.

Bisher war die Lage in der EU so, dass für Präperate auf Levonorgestrel-Basis keine Rezeptpflicht bestand. In 24 Ländern war die LNG-Pille-danach bisher frei in der Apotheke erhältlich, in Deutschland und sieben anderen Ländern nicht. Die Ulipristalacetat-haltige ellaOne® war bisher in der EU grundsätzlich rezeptpflichtig.

Der Herstelle von ellaOne, Laboratoire HRA Pharma, hat nun beantragt, die Rezeptpflicht fallen zulassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat das Sagen darüber, welche Medikamente in EU rezeptpflichtig sind und welche nicht. In einer Presseerklärung vom 21.11.2014 vermeldet die EMA: “EMA recommends availability of ellaOne emergency contraceptive without prescription”. Die Entscheidung muss jetzt aber noch von der Kommission bestätigt werden: “This CHMP recommendation will now be sent to the European Commission for a legally binding decision.”

Wie betrifft das nun Deutschland?
Vorweg: Soweit ich es verstehe, ist eine durch die Kommission bestätigte EMA-Entscheidung EU-weit bindend, wäre da nicht Richtlinie 2001/83/EG. Nach Titel II, Artikel 4(4) dürfen Mitgliedsstaaten “den Verkauf, die Lieferung und den Gebrauch von empfängnisverhütenden oder schwangerschaftsunterbrechenden Arzneimitteln verbieten oder einschränken” (S. 14 und an der Stelle ein Dank an @literalschaden für den Austausch dazu). Das heißt, dass Deutschland der Entscheidung nicht zwingend folgen muss.

Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Die Rezeptpflicht der LNG-Pille wurde in Deutschland bisher mit der Rezeptlicht der ellaOne begründet. Die Pharmazeutischen Zeitung schreibt:

Kritiker begründen ihre Ablehnung gegen eine Freigabe von LNG bislang jedoch unter anderem mit der Rezeptpflicht für Ulipristal. Ihr Argument: Frauen, die nicht zum Arzt, sondern lieber gleich in die Apotheke gehen, seien bei alleiniger Freigabe von Levonorgestrel auf nur ein Präparat festgelegt – unabhängig davon, ob es für sie das am besten geeignete Arzneimittel ist.

Dieses Argument fällt jetzt weg, wenn die EU sagt, dass beide Präperate ohne Rezept in der Apotheke verkauft werden können. Und nun kommmt’s:

*trommelwirbel*

… Gesundheitsminister Gröhe scheint dieser Logik tatsächlich zu folgen. Laut SZ hat er “schon Ende vergangener Woche […] die Freigabe eines weiteren Präparats mit dem Wirkstoff Levonorgestrel in Aussicht gestellt.”

Infolge der Entscheidung der EMA können jetzt also beide Formen der Pille danach in Deutschland rezeptfrei werden: Die teurere ellaOne und die etwas preiswerteren Präparate auf LNG-Basis. Für die reproduktive Selbstbestimmung von Leuten, die schwanger werden können, wäre das ein wichtiger Schritt. Wir sollten den nun anstehenden Entscheidungsprozess aber weiterhin genau beobachten – auch im Hinblick auf die Frage, ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen (das machen sie bisher nur bei unter 20-Jährigen) oder nicht.

nrrrdz000024: räume gestalten

nrrrdz logoIn der dritten Folge des Jahres (und damit haben wir schon mehr als 2013 geschafft!) geht es um Lauffeuer. Silke hat versucht, Leute dazu zu bringen, sich beim freien und dezentralen Netzwerk Friendica anzumelden und Marlen hat sich auf den Versuch eingelassen. Außerdem geht es um Marlens Krypotgraphischen Salon, ihre Reise nach Atlanta, die Play14 und die Informatica Feminale. Wir streifen kurz das Gamergate und am Ende gibt es einen Veranstaltungstipp für November: Die Tagung Politisches Handeln in Digitalen Öffentlichkeiten in Göttingen.

Weitere Links:
Silke Meyer: Drei Monate #lauffeuer: Glimmt es noch?
Laurie Penny: Why We’re Winning: Social Justice Warriors and The New Culture War

 
Download (mp3, 57,3 MB, 125 Minuten)