Category: DigitalLife

Ist Internet-Aktivismus eine politische Bewegung?

Heute morgen fand ich auf Netzpolitik.org (die übrigens gerade auch eine interessante Reihe über sich und ihre Arbeit schreiben) einen Link zu einem längeren Text beim Economist: Everything is connected. Can internet activism turn into a real political movement?

Aus meiner Forschung kann ich berichten: Netzpolitischer Aktivismus ist nicht auf dem Weg eine Bewegung zu werden, er ist es schon. Wenn man sich anschaut, wie in der Forschung eine soziale Bewegung definiert wird, ist die Frage jedenfalls mit “ja” zu beantworten:

Eine soziale Bewegung ist ein informelles Netzwerk von Individuen, Gruppen und Organisationen, das über eine kollektive Identität verfügt (Internet als Lebenswelt, Netzkultur, ein Bewusstsein über die Bewegungsgeschichte, Abgrenzung gegenüber den “Internetausdruckern”, Werte wie Informationsfreiheit, Sharing, Transparenz, Hackerethik) und sich mit den Mitteln des öffentlichen Protestes (Kampagnen, Demos usw.) für gesellschaftlichen Wandel (die Gestaltung der digitalen Gesellschaft) einsetzt.


Auf der Anti-ACTA-Demo. Foto von pierreee auf Flickr. CC BY-SA 2.0.

Es ist allerdings wichtig, zwischen Internet-Aktivismus als netzpolitischem Aktivismus und Internet-Aktivismus als Aktivismus, der Internettools nutzt (das machen heutzutage fast alle politischen Bewegungen), zu differenzieren. Die Netzbewegung ist das informelle Netzwerk, dass sich mit Netzpolitik beschäftigt. Wenn ich Leuten von meiner Forschung erzähle, sage ich das immer dazu. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass das vielen Menschen noch nicht klar ist, dass Netzpolitik ein eigenes politisches Handlungsfeld ist. Die mangelende Unterscheidung zwischen Internet als Thema und Internet als Werkzeug ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass oft so getan wird, als sei diese “Netzgemeinde” etwas ganz Rätselhaftes. Der Economist-Artikel macht diesen Fehler angenehmerweise nicht.

Netzpolitik und Netzbewegung

Unter Netzpolitik fasse ich alle politischen Konflikte darum, wie das Internet in einem gesellschaftlich wünschenswerten Sinne gestaltet, genutzt und reguliert werden soll. Dies schließt auch widerstreitende Einschätzungen über die Auswirkungen seiner Gestaltung, Regulierung und Nutzung auf andere Bereiche mit ein.

Netzpolitik beinhaltet die Internet Governance (die Arenen, Institutionen, Akteure und Prozesse der Internetregulierung) und die inhaltliche Ebene der Internet Policy (die Gesetze und Regulierungen, die hinten rauskommen). Bei manchen davon geht es ganz spezifisch um Themen, die es ohne das Internet gar nicht geben würde (z.B. Regelungen zu Domainnamen), andere sind von allgemeinerer Form. Ein Beispiel ist das Urheberrecht, dass es ja auch schon vor dem Internet gab, wo aber durch das Internet und digitale Technologien Anpassungen in die ein oder andere Richtung nötig erscheinen.

Die Netzbewegung ist eine zivilgesellschaftliche Strömung, die sich in genau diese Fragen einmischt, Themen und Forderungen in den politischen Diskurs einbringt, Akteur_innen beeinflussen will und protestiert, wenn mal wieder etwas in die falsche Richtung geht. Sie ist aber als Bewegung immer auch mehr als das, nämlich etwas kulturelles, eine Szene oder ein Konglomerat aus Szenen, die etwas miteinander zu tun haben, eine identitätsstiftende Kollektivität. Ein “wir”. Dass die Netzbewegung auch sehr stark auf netzbasierte Tools setzt, liegt auf der Hand, ist aber nicht das, was sie inhaltlich ausmacht.

Global, europäisch oder national?

Dann ist da noch die Frage, ob Bewegungen heute noch national funktionieren oder transnational wirksam sein müssen. Unter anderem darüber haben wir im September auf der Netzpolitischen Soiree der Grünen diskutiert (Mitschnitt). Der Economist-Artikel beschreibt das Phänomen als eines, das an verschiedenen Orten der Welt sichtbar wird und dadurch Momentum gewinnt. Ich würde das auch so sehen. Das Thema ist für viele Menschen auf der Welt relevant, auch wenn für die einen der Kampf gegen Zensur, für die anderen der Zugang zum Netz und für dritte die Urheberrechtsproblematik im Vordergrund steht. Es gibt ein Bewusstsein darüber, dass diese Themen etwas miteinander zu tun haben.

Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass der Alltag von vielen immer noch relativ nationalstaatlich geprägt ist. In Deutschland beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der deutschen Netzpolitik, während wir von der österreichischer Netzpolitik schon nur am Rande etwas mitbekommen. Es gibt Verbindungspunkte zwischen den jeweiligen Netzbewegungen vor Ort, das Netzwerk der Kontakte zwischen den einzelnen Leuten und Gruppen innerhalb eines Landes ist aber dichter.

Das politische Mehrebenensystem, die Tatsache also, dass manche Fragen heute in globalen Verträgen, andere durch Kommissionsbeschlüsse in der EU, dritte wiederum in der Bundespolitik oder auf Landesebene zum Thema werden, macht es für die zivilgesellschaftlichen Kräfte erforderlich, einen Teil ihrer Aktivitäten auf die Ebenen jenseits des Nationalstaates zu beziehen. Das wiederum wirft Fragen nach der Differenzierung und Professionalisierung der eigenen Arbeit auf. Ich würde aber die Tatsache, ob es eine politische Bewegung ist oder nicht, nicht daran messen, ob alle europäischen oder gar weltweiten Akteur_innen vereint mit einer Stimme sprechen.

Wie umfasend soll’s denn sein?

Auf besagtem Podium hatten wir schließlich die Frage am Wickel, ob eine Bewegung unbedingt einen “grundlegenden gesellschaftlichen Wandel” herbeiführen wollen muss. Diese Position vertritt u.a. der Bewegungsforscher Dieter Rucht, andere machen das nicht zum Definitionsmerkmal. Ich denke, es gibt durchaus Ansätze in der Netzbewegung, bei denen sich erkennen lässt, dass es um einen grundsätzlichen Wandel gehen könnte.

Aus meiner Forschungsperspektive ist gerade die Frage interessant, wie in einer Bewegung darum gekämpft wird, was das Ziel ist und wie weitreichend es formuliert wird. Was ist das eigentliche Ziel, also um die umfassende Forderung, die mit allen anderen Forderungen verknüpft sind? Dabei ist natürlich die Frage, wie “grundsätzlich” oder “radikal” eine solche Forderung ist, also wie sehr sich die Gesellschaft grundlegend verändern würde, wenn sich die Bewegung durchsetzt, ein ganz wichtiger Aspekt. Nehmen wir das Thema Urheberrecht: Geht es hier darum, das Abmahnwesen zu beschränken und Netzsperren zu verhindern, oder geht es um einen grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Umgang mit Eigentum? Der Economist-Artikel spricht hier die Konzepte Commons und Infrastruktur an, Michael Seemann spricht von Plattformneutralität.

Den Stellenwert solcher Konzepte und die Frage, ob sie in ihrer Tragweite gesellschaftlich in die richtige Richtung gehen, was diese richtige Richtung ist und mit welchen anderen gesellschaftlichen Kämpfen das etwas zu tun hat, handeln Bewegungen die ganze Zeit über aus.

Soweit ein kleiner Werkstattbericht, hervorgekitzelt durch eine rhetorische Frage. Ich arbeite ja gerade an einer Doktorarbeit über jene Netzbewegung und forsche schließlich nicht jahrelang über etwas, das es gar nicht gibt! ;-)

It’s meta-time: Überfordernde Kommunikation

Text über die Kommunikationskultur im Netz sind gerade hoch im Kurs, denn die Frage, wie wir im Internet miteinander umgehen, scheint vielen auf den Nägeln zu brennen. Das Leben in der digitalen Öffentlichkeit scheint immer anstrengender zu werden. Diskussionen spitzen sich unglaublich schnell zu. Es scheinen sich mitunter in wenigen Minuten instabile Lager zu bilden. Leute fühlen sich zwischen den Stühlen, zerrissen. Ich erlebe das seit einiger Zeit in verschiedenen Zusammenhängen: Unter Feministinn_en, bei den Pirat_innen und in der deutschsprachigen Netz-Nerd-Bubble. Im Grunde immer dort, wo politische Menschen aufeinander treffen. Es mag bei den verschiedenen Gruppen durchaus spezifische Faktoren geben, die eine Rolle spielen. Aber ich sehe auch viele Gemeinsamkeiten, die mich darüber nachdenken lassen, was die medialen Settings damit zu tun haben.

@Flauscheria und @Kratzeria beim Zanken

Aus meiner Sicht hat das Problem etwas mit Entgrenzung und Komplexitätsmanagement zu tun. Wir “digital citizens”, wie Forscher_innen uns nennen, sind hochgradig vernetzt und verschiedenen Dynamiken ausgesetzt. Sigrid Baringhorst sprach bei einer Tagung neulich von “Beschleunigung – Dauerhaftigkeit” und “Deterritorialisierung – Lokalisierung”. Nehmen wir als Beispiel die Diskussion um die c-base-Klotür: Zum einen war das eine sehr lokale Debatte, die von den Membern der c-base und ihren Besucherinn_en geführt wurde, die gleichzeitig aber auch von vielen anderen Leute aufgegriffen wurde, die sich für das konkrete Thema oder die damit verbundenen Fragen interessieren (Deterritorialisierung). Kommunikation darüber fand vor Ort statt, auf begrenzten Mailinglisten, auf Twitter, in mehreren Blogs und sicherlich auch in vielen Face-to-Face-Gesprächen in der c-base und anderswo, IRC-Channels und Jabber-Unterhaltungen. Zum anderem zog sich die Diskussion verhältnismäßig lange hin (Dauerhaftigkeit), während sie sich zwischendurch immer mal wieder beschleunigt hat, vor nachdem Leute die Klotür auf einer Party umgestaltet hatten.

Ich denke, diese Beobachtung lässt sich auch gut auf andere Diskussionen übertragen.

Da durchzusteigen, und nebenbei noch ein Leben zu führen, ist eine krasse kognitive Leistung. Ich habe den Eindruck, dass das nur möglich ist, wenn wir schnelle Entscheidungen treffen: Setze ich mich mit Argument X auseinander? Oder ist das a) falsch vorgetragen, b) kommt es von der falschen Person, c) kann ich aufgrund meiner Erfahrungen aus einer anderen Diskussion schon ausschließen, dass es mich weiterbringt. Solche Heuristiken sind manchmal eine gute Sache. Eine gute Methode, um mit Überforderung umzugehen, sind sie aber nicht, weil sie das Problem der Beschleunigung verschärfen.

Ein anderes Problem, dass mir in den letzten Tagen besonders aufgefallen ist, dass nicht nur die eigene Position pointiert vorgetragen wird, sondern auch die vermeintliche Position der “Gegenseite”. Das ist gefährlich, weil sich Leute dann unverstanden fühlen und trotzig werden.

Kein Wunder also, dass immer mehr Leute die Lust verlieren und sich rausziehen. Wir können im Moment verschiedene Abwanderungs- und Schließungstendenzen beobachten. Die einen setzen auf Protected Accounts bei Twitter, andere nutzen verstärkt Facebook, dritte wiederum leisten sich App.net, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen und dennoch verbunden zu bleiben – ein Gefühl, das den digital citizens wichtig geworden ist. Dabei geht es immer darum, abgegrenzte Räume zu schaffen, die zumindest für den Moment das Risiko minimieren, dass eine Aussage gleich wieder 20 negative Reaktionen nach sich zieht. Ich finde das sehr schade, denn das offene Internet liegt mir am Herzen. Aber ich verstehe, woher das Bedürfnis kommt, gerade auch, weil man mit pseudogeschlossenen Plattformen auch das mit den Trollen und Hatern besser in den Griff bekommt. Die sind ein zusätzliches Problem, mit dem manche hart konfrontiert werden. Nehmt Rücksicht darauf, wenn ihr mit Leuten umgeht und um Himmels willen, erspart ihnen den Tipp, die Trolle zu ignorieren. Wir sind alle schon groß und kennen das Internet. Harassment ist serious, das lässt sich so einfach nicht wegwischen und da muss noch viel drüber nachgedacht werden. Aber das nicht in diesem Text.

Fragt sich, was daraus folgt. Mehr Auszeiten nehmen ist eine Möglichkeit, sich immer mal wieder Bewusst machen, was da kommunikativ passiert, ist eine andere. Vielleicht ein Set von Fragen aufschreiben und an den Monitor heften. Spitze ich gerade ungerechtfertigt zu? Werfe ich in einen Topf und mache damit Fronten auf, die es nicht gibt? In welcher Situation befindet sich mein Gegenüber gerade? Ist meine Reaktion angemessen? Ich fände es interessant, eine Liste solcher Fragen mit anderen zusammen zu stellen. Hier ist ein Pad.

Network politics in the surveillance state:
A 29c3 review

CHH by night with rocket
CCH and heart of gold. Picture by anderes_hh on flickr. CC-BY 2.0

Looking back at this year’s Chaos Communication Congress, I first of all want to say thanks to all the organizers and angels who accomplished moving this event to Hamburg and making it happen. Besides having the privilege of sleeping in my own bed during congress, I really think that CCH (Congress Center Hamburg) is a great venue for congress. Not having to worry if it’s possible to get a seat when arriving last-minute to a talk was great. I didn’t feel lost at all and practically ran into someone I know every five minutes. Congress never was solely about the lectures. You can visit workshops, hang out in the lounge, ball pit and bar areas, visit the hardware hacking area or just wander around and look at all the cool stuff that people bring to congress. The new assemblies are advancing the idea of creating such a space of diverse activities and opportunities to meet people and exchange ideas.

Concerning the venue, the one thing I didn’t like was the idea of setting up workshops in noisy and crowded areas. There were quite a few designated rooms for workshops, but there were also workshops taking place at assemblies or the Speakers Corner. I’m still wondering if this was intended as an ironic commentary on the idea of everyone speaking out in a public space. I wanted to attend a workshop on netneutrality at Le Quadrature du Net’s assembly, which was located in the middle of the hackcenter. That did not work for me. But I think there is room enough to designate more quiet areas in the CCH for workshops during 30c3.

Then, of course, there were exhausting discussions about anti-harassment, awareness and creeper cards. I don’t know if I’ll find the time and energy to add to this discussion via this blog, but go and read Philips post (in German). Like Anne mentioned during the policy-meeting: I would be great to have at least one summary of the discussion in English because people really were wondering what’s going on. — Oh, here it is: Ending sexism in hacker culture: A work in progress. For this post, I just wanted to focus on the talks I saw, recommending some of them to watch. Some are already online. For the english speaking audience, there was a live translation of the German talks and you should be able to find downloads and streams with translation a soon.

My favorite talk at 29c3 was given by Eleanor Saitta and Smári McCarthy. “Long live the protocoletariat!” was highly inspiring in terms of thinking how network politics exceeds questions of regulation of internet by thinking about superseding traditional institutions with P2P “protocols”. Examples that were discussed in the talk are Liquid Democracy and Bitcoin. Many many more questions were asked, like “what happens when Liquid Feedback meets pogroms, how a do-ocracy decides to not do something, how not to be governed (which turns out to be quite like how not to be seen), why incomplete politics are useless”. Though I’m not sure if I understood everything correctly and if I agree on an onthological level with their ideas and analysis (especially with regards to power, discourse and capital), this was the most interesting talk in my opinion and I hope you’ll find the time to watch when the video is up the video.

I also strongly recommend Anne Roth’s talk on the Germanys intelligence agency Verfassungsschutz (Office for the Protection of the Constitution) and Heike Kleffner and Katharina König’s talk about the far-right German terror group NSU (youtube). Kleffner and König focussed on the involvement of agents in NSU’s context and the German nazi-scene. Following the analysis of both talks, one can just say that the Verfassungsschutz has to be closed down as soon as possible. Instead of protecting the constitution, the agency cross-financed German nazi-structures through their “V-Männer”. That’s just … arggggghhhhh!!!

Violet Blue’s “Hackers as a high risk population” is also definitely worth taking a look at. She tried to transfer some of the insights from working with other high risk populations like drug users, sex workers or homeless teens to hackers, applying a harm reduction methodology that acknowledges that certain things people do are quite dangerous, but they’re going to do them anyway.

Jacob Applebaum’s keynote (youtube): While I don’t care too much for him constantly referring to hero-figures, I found it impressive how he managed to connect the fight against the surveillance state of the so-called hacker and information elite with those of everyday marginalized people like is mother who suffers from mental illness. What I took from it was the message that, yes, we already live in a surveillance state, where it’s an ethical decision to not actively support it by for example working in the industries that gain their profits through building it’s technologies. Also, all of us have to check for our coping mechanisms. I’d rephrase this as how we can resist to the surveillance state by also resisting it’s mechanisms of subjectivization and governementality. A critical attitude is about, in Foucault’s words, “the art of not being governed or, better, the art of not being governed like that and at that cost” (from the essay “What is Critique?”). One relatively easy way to support the resistance against surveillance is of course running a tor relay on your computer, using open soft- and hardware and supporting organizations involved in working against surveillance.

Two of the more technical talks I saw and liked where Moritz Simon Geist’s presentation of his mechanical drumcomputer MD-808 (youtube) and Matthew Borgatti’s lightning talk about 3d-printed prototyping of soft robots. Other talks I saw dealt mostly with network politics issues and I went to some of the traditional talks like Fnord Jahresrückblick and Security Nightmares as well. They were business as usual. A bit amusing and insightful, but not exciting.

Talks that I still need to watch include Anatol Stefanowitsch’s presentation on language and discrimination and the one on the INDECT project by a guy called Ben (who I think I’ve met on day 4, but I was in a hurry then and did not really listen. Sorry for that!). If you like, please add your favorite talks in the comments.

nrrrdz000019: hate is in the air

nrrrdz logo

Wir sind wieder da! Eigentlich waren wir nie weg, nur haben wir es ein paar Monate lang nicht geschafft, uns zum nrrrdzen zusammen zu setzen. Wir hoffen auf jeden Fall, nicht rauszufliegen, wenn ihr zum Jahresende eure Podcastabos aufräumt.
Wir greifen ein Thema auf, das gerade in der Luft liegt: Die Probleme der Kommunikationskultur im Netz im Allgemeinen und hasserfüllte Angriffe auf Feminist_innen im Besonderen. Wir überlegen, was Handlungsstrategien und Mittel für Empowerment sein können. Außerdem reden wir App.net, die kostenpflichtige Twitteralternative und die Frage, warum nicht viel mehr Dienste kostenfrei und offen sind und von Stiftungen getragen werden. Zum Schluss gibt es wieder einen Podcast-Tipp: Besondere Umstände von Antje Schrupp und Benni Bärmann.

Links:
TED Talk von Anita Sarkeesian
Medienelite: Wie wollen wir im Netz füreinander Verantwortung tragen?
High on Clichés: Trollen, Mobbing, Stalking – feministisches Bloggen im Jahre 2012
Leah Bretz, Kathrin Ganz und Nadine Lantzsch: Hatr.org – Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen (erschien in “Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum” von Andreas Kemper, Münster, 2012)
Sascha Lobo: Netzhass ist gratis

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz19.mp3[/podcast]
Download (mp3, 50,5 MB, 90 Minuten)

#dcka im Dezember 2012: Piraten, Nazis & das Leistungsschutzrecht

logo des der computer kann alles podcastDie aktuelle Folge von ‘Der Computer kann alles’ ist jetzt online. Wir sprachen über die Piratenpartei und den Lawblogger Udo Vetter, der ein Mandat der rechten Gruppe “Besseres Hannover” angenommen hat und gerne in den Bundestag einziehen möchte. Breaking war am Tag der Sendung die Bekanntgabe, dass einige Piraten sich im Frankfurter Kollegium zusammenschließen. Ihr hört, wie unspektakulär es sein kann, wenn die Polizei in Nordirland Social Media entdeckt, obwohl gerade Riots sind. Wo bleibt die Panikmache? Panik dagegen in den Häusern Springer und Google: Kommt das Leistungsschutzrecht? Zum Schluss fragen wir uns, was eigentlich der Sinn und Zweck der ganzen Kommentarmöglichkeiten im Netz ist und ob die Leute nicht besser mal die Kresse halten sollten.

Am 9. Januar hören wir uns, wenn ihr mögt, wieder: Live vom 17 bis 19 Uhr auf FSK und später dann auf freie-radios.net und im Podcast Feed.

Workshop in Hamburg:
Where’s the riot in my Interrrnet?

Nächste Woche findet an der Uni Hamburg die Frauen*Hochschulwoche statt. Steff und ich geben dort am Mittwoch (28.11) von 14-17 Uhr zusammen einen Workshop zu queer-feministischem Aktivismus im Netz. Um was es geht und für wen der Workshop geöffnet ist, seht ihr unten. Diese und alle weiteren Veranstaltungen der Frauen*Hochschulwoche sind jetzt online in diesem PDF. Im Laufe der Woche gibt es die Ausstellung “Fair A Gender?” zu sehen, außerdem Veranstaltungen zu kritischer Männlichkeit, Frauen und Revolution, Körperarbeit, Frauen in Afghanistan, Definitionsmacht und Intersektionalität. Für Einstieger_innen wahrscheinlich besonders interessant und an dieser Stelle empfohlen sei der Workshop von Do. Gerbig mit dem Titel “Fiktion und Wirklichkeit der zwei-geschlechtlichen Ordnung”. Organisiert wird die F*HW vom AStA.

Achtung: In der unten angegeben Emailadresse war zunächst ein Fehler.

Where‘s the Riot in my Intrrrnet?
Queer-feministischer Aktivismus im Netz

Wir(1) richten uns an pünktliche(2) L*I*F*T*_*(3), die sich in ihrem Alltag im Netz bewegen, Interesse an queer-feministischem Aktivismus haben und Netzaktivismus als Schnittstelle erkunden wollen.

Neben Über- und Einblicken in vergangene und aktuelle Orte queer-feministischer Netzaktivismen, stellen wir ein paar Netz-Technologien (Blog, Podcast, Twitter/Mikroblogging, Soziale Netzwerke etc.) vor und fragen euch und uns nach Situationen, in denen wir queer-feministisch im Netz aktiv werden wollten und woran es bisher scheiterte.
Das Ziel ist klar: mehr queer-feministische Aktionen/Sichtbarkeiten/Geschichten/… im Netz!

Bei Fragen und Unsicherheiten setzt euch mit uns per Mail in Verbindung:
qf-netzaktivismus |ät| riseup.net

Es freuen sich auf Euch
Kathrin und Steff

(1) Kathrin, auf Twitter @ihdl, bloggt auf iheartdigitallife.de, macht mit Marlen den Podcast “Nrrrdz” und im Freien Sender Kombinat das netzpolitische Magazin “Der Computer kann alles”. Sie ist außerdem bei hatr.org involviert, einer Sammelstelle für Hass-Kommentare im Netz. Steff ist ein Drittel des “heiter scheitern”-Podcast-Haufens, twittert u.a. als @tutnrrrso und bloggt ein wenig auf tutnurso.blogsport.de.
(2) um einen gleichen Info-Stand und eine Verständigung über ein umsichtiges Miteinander gewährleisten zu können.
(3) Selbstverortend: Lesb(e/isch)*-Intersex*-Frau*Femme*-Trans*_uneindeutig_genderqueer* (Sternchen „*“ steht für die individuelle Aneignung und das Ausfüllen einer Identitätskategorie, Leerstelle/gap „_“ steht für Verortungen zwischen Identitätskategorien, jenseits davon und solche, die sich nicht auf einen Begriff beziehen).
Der Workshop ist nicht für Cis-Männer* offen!

14 Uhr bis 16 Uhr
Von-Melle-Park 5
Raum 2095/2197

Feministische Brüche und feministische Archive: “Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht”

Wie versprochen nun also der follow-up-post zum Vortrag über die Lesben/Frauen-Archive in der digitalen Welt ein paar Themen der Diskussion und Überlegungen dazu.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Mit meinem Vortrag wollte ich unter anderem einen Einblick geben, wie Feminismus im Netz Öffentlichkeit herstellt, Beziehungen stiftet und Interventionen ermöglicht. Ich habe versucht, Metaphern dafür zu finden, was Twitter für uns bedeutet und betont, dass es auch für uns, die wir soziale Medien täglich nutzen, alles andere als trivial ist, sich darin zurecht zu finden. Aber es ist eben trotz der Informationsflut und der Unsicherheit, wie Beziehungen in der virtuellen Welt zu gestalten sind, auch unglaublich reizvoll. Daran anschließend habe ich mir die Frage gestellt, welche Bedeutung die Verortung in vorangegangenen feministischer Politiken für uns, die wir im Netz feministisch umherschwirren, hat. Als Beispiel habe ich u.a. Somlu’s Text über das Frauenwiderstandscamp im Hunsrück genannt, der eine sehr alte und bekannte Diskussion über Kinder und Mütter mit aktuellen Diskussionen um Kinder und Heteroprivilegien beim Gendercamp verknüpft. Ich argumentierte, dass solche Blogposts hilfreich für aktuelle feministische Diskussionen sein können, weil Feminismus eben auch heißt, wahrzunehmen, wofür vor uns gekämpft wurde, wer gekämpft hat, worüber gestritten wurde und welche Praxen darin entwickeltet worden sind.


Disability Zines Exhibit by Barnard Library Zine Collection on Flickr. CC BY-NC-SA 2.0

Erzählungen über das, was war, sind immer auch dazu da, etwas darüber zu sagen, was heute ist. Sich kritisch in Geschichte zu verorten heißt deshalb meiner Ansicht auch, diese zu dekonstruieren, also auf ihre Entstehungsbedingungen zu befragen. Zu fragen, warum heute etwas auf eine bestimmte Weise erzählt wird und wie Macht mit dieser Erzählung verwoben ist. Ich habe vor allem von meinen Historiker_innen-Freund_innen und ihrer Arbeit gelernt, dass Archive für dieses Unterfangen von großem Nutzen sein können, wenn sie vielfältig und von kundigen Spezialist_innen erschlossenen und aufbereiteten Quellen und Materialien zur Verfügung stellen.

Als ich die Frauenwiderstandscamps erwähnte murmelten einige im Publikum so etwas wie “ah ja, genau”. Ich erwähnte, dass ich bis zu diesem Blogpost noch nichts davon gehört hatte. In der Diskussion knüpften mehrere Frauen daran an und meinten, dass die Lesben/Frauenarchive, in denen sie arbeiten, voll mit Quellen dazu sind.

Da waren wir an dem Punkt, der die Diskussion beherrschen sollte: Gibt es einen Bruch zwischen der zweiten Frauenbewegung und der heutigen und geht dieser mit einem ähnlichen Verlust von Wissen und Geschichte einher, wie der Bruch zwischen der ersten und der zweiten Frauenbewegung? Und was bedeutet das für die Lesben/Frauen-Archive und Bibliotheken?

Eine Teilnehmerin fasste es zusammen: “Wir schauen zu, wie Wissen verloren geht.”

Es ging also nicht darum, dass die jungen Frauen* heute unpolitisch seien, sondern um die fehlenden Verbindungen zwischen den feministischen Generationen, die – auch das wurde angemerkt – sich nicht immer am Alter festmachen lassen. Eins kann sich das vielleicht als zwei Netzwerke vorstellen, wo die Punkte untereinander jeweils stark verbunden sind, es mehrere Zentren mit besonders vielen Verbindungen gibt, wo es aber zwischen den beiden Netzwerken nur wenige Verbindungen gibt. Das hat meiner Ansicht nach weniger etwas damit zu tun, dass die Themen, die uns beschäftigen, heute ganz andere wären. Ich nehme es eher als eine andere Akzentuierung wahr, wobei einige Grundfragen, gerade die der innerfeministischen Debatten, tatsächlich relativ konstant bleiben. Kämpfen wir im kapitalistischen System oder dagegen? Institutionalisiert oder autonom? Welche Rolle spielt das Begehren? Wer sind (legitime) Bündnispartner_innen? Wer ist das “wir” des feministischen Projektes? Wie verhält sich Feminismus als politisches Projekt zum Kampf gegen Rassismus und zu anderen politischen Bewegungen? Außerdem muss die Erzählung der sich ablösenden Frauenbewegungen, der feministischen Wellen, auch kritisch befragt werden – daran hat mich Marlen zum Glück noch mal erinnert. Zwar erscheint es mir nützlich, einen Begriff für die Peaks zu haben, also für die Zeiten, wo viel passiert, wo sich Intensität des Diskurses verstärkt. Aber es besteht eben auch die Gefahr, erstens das Dazwischen unsichtbar zu machen und zweitens den Peaks auf einen bestimmten Nenner zu bringen, der die Vielschichtigkeit und die Konflikte ausblendet, die den intensiven Diskurs erst erzeugen. Denn wenn alle das gleiche zu sagen hätten, würde ja gar nicht so viel gesprochen werden.

Zu den Erzählungen, die ich über die zweite Frauenbewegung kenne, gehört, dass die Protagonistinnen erst im Laufe der Zeit ihre Vorläuferinnen bzw. deren Texte entdeckt haben. Ich glaube, da haben wir es heute schon mit einer anderen Situation zu tun: Wir wissen zumindest, dass es die neue Frauenbewegung gab. Sie ist besser dokumentiert und hat sich in die Kulturproduktion eingeschrieben. Es gibt immer mal wieder einen Arte Themenabend. Es gibt Bücher, Verlage, Bibliotheken und Archive, wo eins fündig wird. Es gibt Gender Studies, wo in der Regel die Möglichkeit besteht, sich mit dem Thema eingehender zu befassen.


An ironhard archive with flowers. Foto von Aureusbay auf Flickr. CC BY-NC 2.0

Trotzdem fehlt es vielfach an Wissen und an Verbindungspunkten. Und vielleicht auch am Interesse, sich eingehender miteinander zu beschäftigen. Vielleicht sind es also die Beziehungen, die fehlen, oder die gemeinsamen Orte. Bibliotheken und Archive könnten ja solche Orte sein. Im Publikum bemerkte eine, dass die Institutionen mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müssten, um für “Jüngere” – damit meine ich diejenigen, die den jüngeren/neueren Netzwerken angehören – relevant zu sein. Ich habe überlegt, was das konkret heißen könnte. Der erste Punkt wäre sicherlich, sichtbarer zu sein, das Internet stärker einzubeziehen werden und die Netzwerke auszuweiten. Zum Beispiel mal rausfinden, welche Emailverteiler in der jeweiligen Stadt genutzt werden. Zweitens könnten die Institutionen stärker an aktuelle Debatten anknüpfen und die Verbindungslinien herstellen. Drittens – Raumpolitiken – finde ich es prinzipiell ok, wenn sich die Räume nicht (immer) als “open for all genders” verstehen. Aber sind das dann unausgesprochen Cis-Lesben/Frauenräume? Die Ein-/Ausschlusspraxen müssten aus meiner Sicht erstens klarer benannt werden, zweitens aber auch überdacht werden.

Von der anderen Seite her gedacht, frage ich mich aber: Muss uns immer alles auf dem Silbertablett präsentiert werden? Wie ist es um das Interesse und Geschichtsbewusstsein derjenigen bestellt, die solche Orte nicht wahrnehmen? Ist das überhaupt eine geteilte Erfahrung von “jüngeren” Feminist*innen? Für welche der “älteren” sind die Bibliotheken und Archive auch noch nie interessant oder zugänglich gewesen?

Und dann gibt es noch den Gedanken, dass es Brüche auch aus Gründen sind, dass sie notwendig und produktiv sind. Die Erfahrung, die es bedeutet, einen Diskussionsprozess selbst durchgemacht zu haben, lässt sich wahrscheinlich durch Bücher und Erzählungen nicht ersetzen. Und die Effekte solcher Diskurse verstärken sich ja auch dadurch, dass sie wiederholt werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass Frauen*, die bestimmte Debatten schon vor 30 Jahren geführt haben, nur bedingt Interesse daran haben, dass ihnen frisch “Bekehrte” mit ihrer Begeisterung die Ohren abkauen. Umgekehrt haben die “Jüngeren” vielleicht auch keine Lust, wenn die “Älteren” immer sagen, “ach, das haben wir früher auch schon diskutiert und ihr werdet schon noch sehen, dass …”

Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion weiter entwickelt. Ich bin sicher, dass die Lesben/Frauen-Archive an der Sache dran bleiben und über Anknüpfungspunkte und neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit verstärkt nachdenken. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die aktuellen feministischen Strömungen und gerade auch die Netzaktivistischen demnächst an einen Punkt kommen, wo das Bedürfnis danach wächst, die eigene Arbeit auch längerfristig zu dokumentieren und festzuhalten. Wir können uns ja nicht darauf verlassen, dass sich das Internet alles merkt, dass wir alle Texte, Meme und Shitstorms auch in zwei oder zwangzig Jahren noch finden können. Spätestens dann müssen wir noch einmal darüber nachdenken, wie sich das Digitale archivieren lässt und ob wir unsere Sachen den Firmenarchive von Google, Twitter und Facebook überlassen wollen. Wir sollten also mit denjenigen ins Gespräch kommen, die Ahnung von Archiven haben.

Zum Weiterlesen: “Einzelkämpfer_innen oder Kollektive? Auch eine Generationenfrage” von Lantzschi.

Die Archive ins Netz und das Netz in die Archive?

Am letzten Freitag war ich in Kassel auf der Jahrestagung der deutschsprachigen Lesben/Frauenarchive und -bibliotheken (Dachverband ida), die von der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung organisiert wurde. Auf der Tagung wurde unter anderem über “Zugangswege zu und Vernetzung von Quellen zur Geschlechtergleichstellung” gesprochen. Ich war eingeladen, dazu einen Vortrag zu halten, in dem es zum einen um die Frage ging, warum die Lesben/Frauen-Archive und -Bibliotheken das Internet mehr nutzen und auch in den Sozialen Netzwerken in Erscheinung treten sollten und wie sie das umsetzen könnten. Zum anderen ging es darum, ob sie zukünftig auch feministische Blogs, Diskussionen und Aktionen aus dem Internet archivieren sollen.

Die Diskussion, die sich an meinen Vortrag anschloss, fand ich außerordentlich interessant und ich habe mir fest vorgenommen, darüber auch etwas zu bloggen. Das mache ich dann aber in einem zweiten Post. Hier kommen jetzt erst einmal das Vortragsmanuskript Die Archive ins Netz und das Netz in die Archive? Lesben/Frauenarchive in der digitalen Welt (PDF) und die Prezi zum Durchklicken.

#dcka im September 2012: Backlash, GEMA, Konzernmacht, Post-Privacy

logo des der computer kann alles podcastDie aktuelle “Der Computer kann alles”-Folge vom 12. September ist zwar schon seit einer Woche online, ich möchte sie hier aber noch mal erwähnen, weil sie mir dieses mal besonders gut gefallen hat. Das muss an den schaurigen Themen liegen. Wir sprechen über die vielen Gesichter des Backlash: Leute, die sich über WG-Anzeigen mokieren, sexistische Kackscheiße und die konservative Angst von einer “Zwangssolidarität” mit Pussyriot. Es geht um den Protest der Clubbetreiber_innen gegen die GEMA-Tariferhöhungen und deren mediale Gegenoffensive, die Macht der großen Netzkonzerne über Informationen und das Ende der Netzneutralität. Schön finden wir beide sancznys Text über das Post-Privacy-Wunderland, also reden wir darüber. Um die Sache abzurunden geht es am Ende noch mal um ein Backlash-Phänomen, diesmal in Form einer DDOS-Attacke gegen Telecomix, die irgendwelchen Hatern zu liberal, zu feministisch und zu pc sind.

Am 10. Oktober gehen wir dann in die nächste Runde: Von 17 bis 19 Uhr auf FSK und später dann auf freie-radios.net und im Podcast Feed.

Geschichte wird gemacht (CRE 196)

CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der größten Reichweite gehört, hat sich dem Thema Feminismus (CRE 196) angenommen. Zu Gast in der über drei Stunden langen Sendung war Katrin Rönicke, die im Gespräch mit Tim Pritlove über ihren feministischen Werdegang, die Geschichte der Frauenbewegung und verschiedene geschlechterpolitische Fragen Auskunft gab. Wie zu erwarten war, gab es nicht nur die üblichen feminismuskritischen Wortmeldungen, sondern auch kritische Anmerkungen aus der (pro-)feministischen Bubble. Sofakissen hat sich in seiner Raummaschine schon darüber ausgelassen, dass er den Feminismus-CRE als sehr männerkompatibel und flauschig wahrgenommen hat, was er daran festmacht, dass zum Beispiel das Thema Gewalt ausgeklammert wird.

Das ist mir beim Hören auch aufgefallen. Es gab aber noch eine andere große Leerstelle, auf die hinzuweisen ich wichtig finde. Die Debatten, die unter Stichworten wie “Differenzen zwischen Frauen” oder “Intersektionalität” bekannt sind, werden in der Sendung nämlich völlig ausblendet. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Katrin Rönicke ihr Verständnis der “dritten Welle” beschreibt. Was im Podcast rüber kommt: Eine jüngere Generation stellt fest, dass die alten Probleme noch immer nicht (alle) gelöst sind: Sexismus, Vereinbarkeit, Karriere. Also wird Feminismus neu aufgerollt, ein paar Sachen müssen aber über Bord geworfen werden (z.B. die Ablehnung von Pornographie und BDSM, die Männerfeindlichkeit). Die Feministinnen der dritten Welle sind “kooperativer” als die der Zweiten. Das ist durchaus eine verbreitete Deutung von zeitgenössischem Feminismus, unterschlägt aber mindestens zwei Punkte.

Zum einen: Intersektionalität kommt nicht vor. Die Diskussion um Mehrfachunterdrückung, sich überschneidende Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen sozialen Positionierungen fehlt. Gut, Intersektionalität ist ein ziemlich akademisches Wort, eine Analysemethode. Aber ist kein Thema, mit dem sich nur im Elfenbeinturm beschäftigt wird. Feministische Aktivist_innen beschäftigen sich heute mit Themen wie Mehrfachpositionierung. Im Policybereich, z.B. bei den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen geht es schon lange um das Verhältnis von Race, Gender und Class. Viele Konflikte wurden geführt und es waren vor allem marginalisierte Frauen*, die darum gekämpft haben, dass eine weiße, nicht von Behinderung betroffene, bürgerliche Perspektive nicht alles sein kann und dass auch diese Perspektive etwas mit rassistischen Strukturen, Kapitalismus, Gesundheitsdiskursen usw. zu tun hat. Das ist auch alles nicht neu: In der ersten Frauenbewegung gab es neben den bürgerlichen auch sozialistische Feministinnen, die Feminismus und Klassenkampf zusammengedacht haben. Für die Diskussion um Intersektionalität sind Texte von amerikanischen Women of Color (das Combahee River Collective Statement (1977) zum Beispiel) besonders einschlägig. Es ist auch nicht so, als sei das eine US-Debatte, die mit den hiesigen Verhältnissen nichts zu tun hat. Schaut euch mal die Interventionen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen an, zum Beispiel den Text Wir, die Seiltänzerinnen (1994) von FeMigra. Oder die Auseinandersetzungen um doppelte Diskriminierung von Frauen mit Behinderung (Texte von Swantje Köbsell: 1, 2). Das sind nur die bekanntesten Beispiele, von denen ich weiß, dass sie immer wieder aufgeführt werden, um wenigstens zu sagen: Hier schaut, das gibt es alles! Nehmt es wahr!

Ein zweiter Punkt ist die Kritik an der binären Zweigeschlechtlichkeit (d.h.: es gibt nur Männer und Frauen und die sind im Normalfall in ihrem Begehren aufeinander bezogen) und der Ausgrenzung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen können oder wollen, auch aus feministischen Räumen. Über das Verhältnis von Feminismus und Queeren Politiken (Woltersdorf: Queer Theory und Queer Politics, 2003) wird im CRE nicht gesprochen. Tim Pritlove versucht das, wenn ich es richtig rausgehört habe, an einer Stelle einzubringen, Katrin Rönicke lenkt das Thema auf ihre Erfahrungen mit (heterosexueller) Mutterschaft. Nicht, dass das kein wichtiges Thema wäre. Der Gesprächsverlauf an der Stelle zeigt aber gut, wie aus einer bestimmten Position heraus Themen gesetzt und andere unsichtbar gemacht werden.

Die CRE-Folge ist also ein hervorragendes Beispiel dafür für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht. Ich halte es nicht für falsch, sich zum Beispiel über die Rollenverteilung von heterosexuellen Eltern zu unterhalten, um bestimmte Punkte zu vermitteln. Mit dem Thema können vermutlich viele CRE-Hörer_innen etwas anfangen und es gibt Anstoß, über eigene Erfahrungen nachzudenken (auf eine angenehmere Art, als wenn ich mich fragen muss, wo ich eigentlich in letzter Zeit männliches Dominanzverhalten an den Tag gelegt habe). Ich halte es aber für falsch, intersektionale und heteronormativitätskritische Perspektiven in einem dreistündigen Gespräch, das offensichtlich den Anspruch hat, über die Geschichte des Feminismus etwas zu vermitteln, komplett auszublenden und über 30 Jahre feministische Auseinandersetzung zu übergehen.

Der “pragmatische Feminismus” von Katrin kommt gut an, das merke ich an den Reaktionen auf Twitter. Und so wünschenswert ich es finde, dass viele Leute ein Verständnis für Feminismus entwickeln, so frage ich mich doch: Geht das nur um den Preis, sich gegenüber denjenigen abzugrenzen, die mit dem Malestream nicht kompatibel sein wollen? Diese Form von “pragmatische Feminismus” hat den Effekt, gerade bei den “irgendwann ist mal gut”-Apologet_innen gut anzukommen und erweist so den Vertreter_innen der aktuellen Diskurse einen ErklärBärendienst. Die intersektionalen Ansätze gelten dann en passant als “zu kompliziert, zu radikal”. Sie sind aber State of the Art (seit 30 Jahren!), nehmt sie ernst. They are the stories … that need to be told. sab_culture hat das viel besser formuliert: “they are told, but more often ignored, not acknowledged, over heard, over voiced …”

Die Wortspielcredits für den Erklärbärendienst gehen an Philip Steffan.