Category: DigitalLife

hatr.org – Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Leah, Nadine und ich haben zusammen einen Artikel geschrieben, in dem wir uns mit Kommentarpolitiken auf Blogs mit gesellschaftskritischem und emanzipatorischen Anspruch und insbesondere auf queer-/feministischen Blogs auseinandersetzen und das Projekt Hatr vorstellen. Wir möchten mit dem Artikel außerdem weitere Blogs und Projekte ermutigen, sich bei Hatr anzumelden und damit andere Projekte zu unterstützen. Der Text ist in einem von Andreas Kemper herausgegebenen Sammelband mit dem Titel “Die Maskulisten” erschienen, der kürzlich bei Unrast veröffentlicht wurde.

hatr.org – wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Inhalt:
Kackscheiße im Netz
Das Projekt Hatr
Die Resonanz auf Hatr

Wer die Seite Hatr.org im Browser aufruft wird sich wundern. Auf der Startseite finden sich unter der Überschrift “Das Letzte” eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Kommentaren von “Leon”, “Horst” oder “Antigenderwahnbeauftragter”. Manche Einträge sind kurze, drastische Beschimpfungen, bei anderen handelt es sich um längere Texte, die zum Teil nicht zu verstehen sind, ohne zu wissen, worauf sie sich beziehen. Ab und zu taucht der hervorgehobene Name “Xena” in den Texten auf. Oben rechts auf der Seite ist ein “Trollcounter”, der die Zahl der bereits geposteten Kommentare anzeigt. Darunter ein Flattrbutton ((Flattr.com ist eine Internetdienst, der es ermöglicht, frei verfügbare Inhalte im Netz durch Mikrospenden zu unterstützen. Ein Teil der Einnahmen von Hatr kommt über diesen Dienst zusammen.)) und für diejenigen, die in ihrem Browser keinen Werbeblocker installiert haben, sichtbare Google Anzeigen. Das Logo von Hatr ist ein pinkfarbenes Herz mit meinem geschwungenen “h”. Read more

Beckedahl/Lüke: Die Digitale Gesellschaft

Falk Lüke und Markus Beckedahl haben ein informatives Sachbuch über Die Digitale Gesellschaft geschrieben. Wieder so eins, dass man zum Beispiel den Eltern™ oder Freund_innen, die mit Netzpolitik nicht so viel am Hut haben, schenken kann, um ihnen zu zeigen, was wir den ganzen Tag im Internet so machen, was uns bewegt und wie die Welt sich verändert.

Das Buch informiert über Datenschutz, Urheberrecht, Wikileaks, Open Data, Jugendschutz, Verbraucherschutz, Killerspiele-Debatten, Sicherheitspolitik, Suchmaschinen, Wikipedia und viele weitere Themen. Die zahlreichen Abschnitte des Buches machten auf mich manchmal den Eindruck einer langen Assoziationskette. Für diejenigen, die die behandelten Diskurse schon kennen, gibt es wenig Neues. Die Lektüre macht zwar klar, dass das alles irgendwie mit Macht und Bürgerrechten zu tun hat, die Komplexität und Historizität der dahinterstehenden Fragen lassen sich nur erahnen. Anregungen zum Weiterlesen fehlen leider.

Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion von Bildung im digitalen Zeitalter, die ohne Bezüge zu aktuellen medienpädagogischen Entwicklungen auszukommen sucht und stattdessen ein stereotypes Bild zeichnet von unzeitgemäßen Lehrer_innen und Bildungseinrichtungen, die sich einer neuen Generation gegenüber sehen, die ganz ander Skills benötigt und schon heute ganz anders mit Wissen umgeht. Das Internet macht einfach alles ganz anders, oder?

Um die netzpolitischen Themen und Stories, die uns in den letzten Jahren bewegt haben, noch mal gebündelt zwischen zwei Buchdeckeln (oder als ebook) greifbar zu haben taugt das Buch; eine aussagekräftigere Gliederung hätte das noch unterstrichen. Gut gefallen haben mir die eingestreuten Anekdoten, mit denen Falk und Markus von ihren Erfahrungen als Vertreter der Zivilgesellschaft berichten. Da bekommt man einen Einblick, wie das so läuft, wenn das Bundeswirtschaftsministerium versuchen muss, alle Stakeholder einzubinden, mit den Buddies aus der Wirtschaft aber eben doch enger vernetzt ist. Damit verdeutlicht das Buch auch, warum sich die beiden Autoren zusammen mit anderen dazu entschlossen haben, eine Organisation wie die Digiges e.V. zu initiieren, die professionellere Kampagnenarbeit machen will. Es geht um die Mobilisierung von Ressourcen, die es ermöglichen, zusammen mit anderen Organisationen auch auf der schwierigen europäischen Ebene etwas zu bewirken.

Aber nicht alle Interessenwidersprüche und politischen Konflikte lassen sich durch mehr Sachkompetenz und durch das Einbinden der Zivilgesellschaft lösen. Hier bleibt es idealistisch: Die Autoren bekennen sich zur Marktwirtschaft, wollen aber nicht, dass IT-Branche und Politik zu eng “kuscheln”, den “am Ende steht als Dummer der Bürger und Steuerzahler da” (S. 207). Hartz-IV-Empfänger_innen sollen halt nicht daran gehindert werden, sich Vorlesungen von Harvard und Yale online zu verfolgen (S. 214). Wenn wir alle gemeinsam einen Konsens für die freie digitale Gesellschaft gefunden haben, können wir “alle gemeinsam davon profitieren” (S. 219). Ein Denken, dass für die Netzszene nicht untypisch ist und das auch dieses Buch (Leseprobe) nicht hinterfragt.

#dcka im Juni 2012: Transparenz, Schufa & Hackerspaces

Unser netzpolitisches Magazin “Der Computer kann alles” läuft ja nun seit einiger Zeit monatlich bei FSK. Im Juni haben Heino und ich wieder eine Sendung gemacht, diesmal topaktuell zum neuen Transparenzgesetz, das am selben Tag in Hamburg verabschiedet wurde. Wir beschäftigen uns recht ausführlich mit dem Gesetz, aber auch mit der Frage, warum Transparenz gerade en vogue ist und wie sich diese Forderung zum Politischen verhält. Das zweite Thema der Sendung waren die – mittlerweile eingestampften – Pläne der Schufa, gemeinsam mit dem Hasso Plattner Institut zu erforschen, wie sich soziale Netzwerke für die Bewertung der Kreditwürdigkeit und Zahlungsmoral von Personen nutzen lassen. ((Zum Hintergrund und in der Sendung erwähnte Texte zum Thema: Schufa will Facebook-Nutzer durchleuchten (SpOn), Facebook und die Schufa (tante), Kredit auf Daten (Frank Rieger/FAZ)) Zum Schluss ging es noch um Hackerspaces und die Diskussion über die Offenheit der Szene. ((Stephan Urbach und tiefpunkt: Eigentlich mag ich Hackersapces, tante: What the Frak are Hackerspaces anyways?, Pylon: Gäste in Hackerspaces)). Wenn euch die Themen der letzten Sendungen interessieren klickt ihr einfach unten.

  • Juni 2012: Transparenz, Schufa, Hackerspaces
  • Mai 2012: Re:publica, freies Wlan, gekaufte Follower, Urheberrecht
  • April 2012: Piraten Partei, Urheberrecht, Stille SMS

Die Sendung gibt es wie gewohnt bei freie-radios.net zum Runterladen und per RSS-Feed auch für den Podcastclient der Wahl. Falls ihr “Der Computer kann alles” in einem anderen freien Radio als Austauschsendung senden möchtet könnt ihr gerne Kontakt mit mir aufnehmen. Dazu könnte ich auch die insgesamt zweistündige Sendung mitsamt Musik über freie Radios zur Verfügung stellen.

Aufmerksamkeitsökonomie und die allwissende Müllhalde im Seminarraum

Mit ganz frischen Eindrücken von einem Blockseminar bin ich neulich über eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk Lükes Buch “Digitale Gesellschaft” gestolpert. Die Studierenden, heißt es dort, hätten durch das Internet die Möglichkeit, live in der Vorlesung zu überprüfen, ob das, was die Dozentin vorne erzählt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: “Früher hätte man dafür in Bibliotheken gehen, sich Bücher bestellen und Fachzeitschriften durchblättern müssen. Heute ist zumindest eine oberflächliche Gegenprüfung binnen weniger Sekunden möglich” (ebd. S. 79). Dieses Beispiel soll illustrieren, welche Chancen das Netz im Bereich der höheren Bildung bietet. Ich habe zwar keinen Hang zu medienpessimistischen Einstellungen, frage mich aber, ob die Autoren den Fragen, vor die Studierende und Lehrende gerade gestellt werden, damit gerecht werden. Reicht es aus, die Fakten zu überprüfen, die man vorgesetzt bekommt? Welche Probleme stellt die hochgelobte “unmittelbare Verfügbarkeit von Wissen” uns im Lehrbetrieb?

Konzentration und Anerkennung
Meiner Erfahrung nach nutzen viele Studierenden ihre Laptops nicht (nur) für Liverecherchen und Mitschriften, sondern sind bei facebook, chatten und machen allgemeine Lebensverwaltung. Das darunter die Konzentration eingeschränkt wird liegt eigentlich auf der Hand. Dass die meisten, auch wenn sie anderes behaupten, an die Grenzen der eigenen Multitaskingfähigkeit stoßen, zeigt sich anhand der Qualität der Seminardiskussionen. Ich kenne das ja von mir, denn bei Netzkonferenzen ist es ja eh sozial akzeptiert, während eines Vortrages auf einen Display zu schauen. Dann schreibt eine mal schnell einen Tweet zum Thema oder liest eine DM und schwupp ist sie weg, die Aufmerksamkeit.

Für die Menschen, die Vorne stehen und etwas erzählen bedeutet das natürlich auch etwas. Gegen eine Wand zu sprechen ist keine schöne Erfahrung. Wenn Studierende Referate halten müssen sie auf aufmerksame Blicke und Signale des Verständnisses verzichten. Manchen gelingt es, Teile des Publikums zu fesseln, andere, zum Bespiel ein trockeneres Thema erwischt haben oder deren Sprache nicht gut verständlich ist (Akzent, Lautstärke, starke Aufregung usw. – auch hier werden Machtverhältnisse reproduziert) haben ein höheres Risiko, dass keine/r zuhört. Das hilft natürlich nicht dabei, den eigenen Vortragsstil zu verbessern und entspannter an Referate ranzugehen. Es entsteht außerdem eine Situation, wo die Studierenden denken müssen, dass sie diese Referate nur als Zeitfüller und für die Dozentin halten.

Im schlimmsten Fall ist die Seminarsitzung dann für die Katz, denn ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ergeben sich auch keine kritischen Nachfragen, aus denen gute, kontroverse und weiterführende Diskussionen entstehen können. Es bleibt bei einer oberflächlichen und frontalen Vermittlung von Wissen, solange keine disziplinarischen und didaktischen Geschütze aufgefahren werden.

Die Unordnung des Wissens
Ein weiteres Problem, dass mir aufgefallen ist, ist der zum Teil oberflächliche Umgang mit Wissen, der durch den ständig verfügbaren Zugang zum Netz hervorgerufen wird. Ich hatte in meinem letzten Seminar eine Aufgabe gestellt, die die Studierenden in Gruppen bearbeiten sollten. Es ging darum, Argumente für und gegen ein politisches Konzept zusammenzutragen und anschließend im Plenum vorzustellen. Ich erhoffte mir, dass die Studierenden in der kleineren Gruppe das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten und hoffte, dass die unterschiedlichen Argumentationen eine weiterführende Diskussion anregen würden. Zuvor hatte ich eine Einführung in das Thema gegeben sowie Lektüre zur Verfügung gestellt. Ich beobachtete den Verlauf der Gruppenarbeit einer Gruppe und stellte fest, dass die Studierenden sich zunächst mit individueller Recherche an ihren Rechnern beschäftigten, um dann einige Punkte zusammenzutragen, sich darüber aber auch nicht weiter auszutauschen, und sich schließlich wieder dem Netz zu widmen. Es fand keine Diskussion statt, kein Durchdenken der Frage und des politischen Konzeptes, keine eigenständige Strukturierung und Abwägung von Argumenten. Mir wurde klar, dass sie diesen Arbeitsauftrag als Rechercheauftrag verstanden hatten und nicht als Anregung, sich mit einem Gegenstand der Sitzung selbstständig auseinander zu setzen.

Dadurch kommt es auch vor, dass die Studierenden mit Stichwörtern um sich werfen, ohne sie sinnvoll einzuordnen. Gegenüber meiner Erfahrung an der Uni ist das eine andere Haltung gegenüber Wissen, bei der es um das Abrufen von Fakten aus der allwissenden Müllhalde Internet (google + wikipedia) geht, nicht aber um das Durchdenken von Problemen, der Entwicklung von Forschungsfragen entlang von Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten und Lösungsvorschlägen.

Lessons Learned?
Ich habe mir vorgenommen, diese Frage in zukünftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion darüber zu führen, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verknüpfen und was Wissen für sie im Kontext des Seminares bedeutet. Ich muss mir noch überlegen, wie das genau von statten gehen kann, aber es wird nichts schaden.

Unsicher bin ich mir noch, wie ich mit der Nutzung von Laptops im Seminar umgehe. Die Entwicklung, die Uni als verlängerte Schule anzugehen und sie zu einer Anstalt der Disziplin umzubauen, finde ich nicht gut. Dazu tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel die Klassenstruktur, die durch die Jahrgänge und Module im BA/MA-System oft entsteht und die den Bruch zwischen Schule und Uni verwischt. Ich halte auch nichts von Anwesenheitspflicht und Semesterobergrenzen. Wenn Leute keine Zeit, Lust oder an dem Tag nicht die Nerven dazu haben, ein Seminar zu besuchen, sollen sie lieber was anderes machen statt die Zeit abzusitzen. Im Seminarraum wünsche ich mir aber Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Interesse und Diskussionsfreude. Es gibt gute Methoden, um zum Beispiel das Niveau der Vorbereitung zu verbessern. Aber muss ich Aufmerksamkeit letztlich durch Verbote erzwingen? Einerseits wäre das im Interesse eines besseren Lernklimas, das für alle Seiten am Ende des Tages befriedigender ist. Andererseits sind das erwachsene Menschen, die selbst wissen bzw. lernen sollten, ob es ihnen was bringt, Seminare an sich vorbeirauschen zu lassen.

Während das Problem in meiner Studienzeit und auch in Seminaren, die ich seit dem gegeben habe, nicht aufgekommen ist, hat diese neue Erfahrung mir zu Denken gegeben und mich interessiert brennend, wie das anderswo gehandhabt wird und wie andere Studierende und Lehrende darüber denken. Ich bin auf der Suche nach Austausch und Anregungen.

nrrrdz00018: punkrock podcasting

nrrrdz logo
Vorwarnungsedit: Die Tonqualität ist echt mies, sorry. Nächstes Mal wird’s wieder besser. Also überspringt die Folge einfach, wenn ihr das nicht hören mögt.

Zum 18. Geburtstag gibt es eine mixed bag Folge mit Spülmaschinengeräuschen, die hoffentlich nicht unerträglich für euch sind. Wir definieren unseren Podcastingansatz kurzerhand als Punkrock und sprechen über’s Programmieren, über die DRadio-Wissen Sendung zu Podcasting und über die re:publica – unter besonderer Berücksichtigung von Genderaspekten. Zum Schluss empfehlen wir den österreichischen Netzpolitikpodcast Netzkinder.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz18.mp3[/podcast]
Download (mp3, 45 MB, 1 h 33 min)

Filtersouveränität und Empathie

Ich bin hin und her gerissen, was den Flausch angeht. Auf der einen Seite freue ich mich sehr über die Flauschbewegung. Es ist gut, wenn Leute für einander da sind, sich öffnen, wertschätzen und unterstützen. Die Kultur des Flauschens hat sich unter diesem Begriff in einem Teil meiner Twittertimeline verbreitet, in einem anderen Teil wurde sie auch vorher schon gepflegt, wenn auch ohne diesen von Abnutzung bedrohten Begriff.

Es ist der Flausch, der das alltägliche Leiden aus- und besprechbar macht. Er ist Teil eines Diskurses, der um die Frage kreist, wie netzbewegte Menschen miteinander umgehen. ((Beachtenswert fand ich u.a. Eine Kritik des #Flausch von tante, das re:publica Panel The Dark Side of Action, die von Lantzschi aufgeworfene Frage Wie wollen wir im Netz Verantwortung füreinander tragen?, die in Helgas re:publica Workshop gesammelten Ideen zum Caring Space und auch Franzsikas Text zum Schmerzensmann.))

Auf der anderen Seite merke ich aber, dass die Offenheit und die emotionalen Tiefen, die dadurch zum Vorschein kommen, mich belasten. Es überfordert meine Empathie, bei jedem zweiten Blick in die Timeline mit Gesprächen konfrontiert zu sein, die zeigen, dass es Menschen gerade nicht gut geht. Es macht es mir noch schwerer, mich zu konzentrieren. Es zieht mich runter. Es kann auch triggern, aber ich möchte an der Stelle betonen, dass ich das nicht alles unter diesem Begriff subsumieren will.

Ist das in einem scheinbar unbegrenzten, unidirektionalen Kommunikationsraum nur eine Frage der Filterkompetenz? Wohl kaum. Erstens hat das Flauschen weder ein Hashtag noch ist es zeitlich begrenzt. Zweitens geht es nicht um doofe Leute, die mit ihrem Gefühlskack meine Timeline zuspamen, sondern um Leute, die ich mag. Ich möchte Personen, die mir ans Herz gewachsen sind, die ich für das schätze, was sie im Netz vertreten oder mit denen ich schöne Erlebnisse im Meatspace hatte nicht entfolgen, weil es ihnen nicht gut geht, sie einen Konflikt austragen, der ihnen an die Nieren geht und sie Unterstützung brauchen – auch wenn ich nicht immer die sein möchte und kann, die diese Unterstützung zur Verfügung stellt.

Die Filtersouveränität des Mutens und Unfollow basiert auf der Annahme einer nach außen stabilen Identität und Persönlichkeit. Wir bemühen uns oft, ein solches Bild abzugeben. Damit die Leute wissen, was sie kriegen. Aber im Flausch besteht doch gerade die Möglichkeit, davon abzuweichen. Sollte ich diejenigen Leute zum Schweigen bringen, die sich der Aufforderung, ein funktionierendes Selbst zu performen, widersetzen? Ich möchte es nicht, aber merke, das mein Wohlbefinden in Gefahr ist. Und daran sind nicht die Individuen schuld, die sich zu viel Raum nehmen und gegen die guten Sitten der Zurückhaltung verstoßen, sondern die Verhältnisse und Normen, die sowohl das Leid als auch die Möglichkeit, damit umzugehen, auf eine Weise strukturieren, die nicht gut für uns ist. Wir kommen aber nicht darum, dem Problem in gegenseitiger Verantwortung zu begegnen.

re:publica: Untiefen überwinden

Ich wollte einen Rant schreiben über die durchwachsene Qualität der Talks auf der re:publica, der allerdings nicht so originell sein wird, wie ein guter Rant es sein sollte. Erstens ist sogar schon der FAZ aufgefallen und zweitens wissen es die anderen re:publica-Besucher_innen auch. Wir haben uns vor Ort über dieses Gefühl unterhalten, sich falsch entschieden zu haben und die interessantere Session auf der anderen Stage gerade zu verpassen.

Man geht ja eh hin um die Leute zu treffen, heißt es immer. Das mag für die meisten zutreffen. Aber trotzdem ist es nun mal so, dass die re:publica um das Vortragsformat gebaut ist. Ich habe mir dieses Jahr Mühe gegeben, mehr Vorträge der internationalen Gäste anzuschauen, von deren Themen ich sonst nicht so viel mitbekomme. Aber die Affinität zu den Leuten aus der Twitteria und das Interesse an den Diskussionen, die wir im deutschen Netzkontext seit Jahren führen und Themen, die meinen Alltag prägen, ziehen mich immer wieder zu diesen Talks, die sich im Nachhinein so halbgar anfühlen.

Wer wundert sich auch, wenn die Speaker ein paar Tage vorher verkünden, dass sie nun anfangen werden, sich Gedanken zu machen, worüber sie reden wollen, einen Tag vorher die Folien zusammen klicken und sich am Morgen vor dem Vortrag noch mal das Abstract durchlesen, dass sie irgendwann im Januar abgeschickt haben. Mir ist bewusst, dass das zum Teil auch Pose ist. Prokrastination ist schließlich immer noch schick. Einen Vortrag halten scheint aber in bestimmten Kreisen einfach dazu zu gehören (samt dem freien Eintritt und dem Leben als VIP for a day).

Die andere Seite des Problems ist der unkritische Umgang mit den rezipierten Inhalten, auf den mich eine Bekannte hingewiesen hat, die auf der re:publica war und die sich sonst nicht in dieser Blase aufhält. Wem es beim Konsum eines Vortrages langweilig wird, schaut halt auf Twitter, was gerade noch so läuft. Das mache ich auch oft so. Es ist eigentlich schade.

Die Leute, die auf der re:publica vortragen, haben interessante Gedanken zu Internet, Technologie und Gesellschaft. Das ist klar. Aber sind sie auch nach fünf Jahren noch neu genug, um damit lebendige Diskussionen zu entfachen? Ich habe wie schon zur Spackeriade den Eindruck, dass Entschleunigung und ein Nachdenken über das, was wir da tun, der Szene helfen würden, wenn es darum geht, inhaltlich von der Stelle zu kommen. Ein Blick in die Archive lohnt sich, denn die meisten Themen wurden schon oft durchgekaut, Argumente gesammelt, Definitionen entwickelt und diskutiert. Das vergessen wir aber oft, wenn wir uns davon blenden lassen, wie funky und klug sich Ideen im eigenen Kopf manchmal anfühlen.

Also: Luft holen, Zeit nehmen, tiefer tauchen. Andere schaffen das ja auch <3 PS: Ich hatte Spaß auf der re:publica, war von der Organisation beeindruckt (Plastikstühle sind wichtiger als Wlan!), habe tolle Leute getroffen, einige der Sponsoren großzügig übersehen und mich insgesamt gut unterhalten. Danke!

Es war nicht alles schlecht in der Apfelfabrik

This American Life ist Mike Daisy auf den Leim gegangen, ebenso wie unzählige Hörer_innen der NPR Show. Seine Story hält, wie sich jetzt herausgestellt hat und in der Folge “Retraction” auf sehr hörenswerte Weise nachvollzogen wurde, journalistischen Standards nicht stand. Daisy bereut, seinen Monolog dem This American Life-Team angeboten zu haben. Ira Glass leistet Abbitte und berichtet darüber, wie Daisy beim Überprüfen der Fakten gelogen hat, aber wo das TAL-Team eben auch die Alarmglocken hätte läuten hören müssen. Mr. Daisy and the Apple Factory wurde zurückgezogen.

Meinen Text dazu muss ich glücklicherweise nicht zurückziehen, weil die dort formulierten Überlegungen zu Handarbeit und digitalisierter Produktion – den Bildern von fleißigen Robotern – nicht bei der Empörung ansetzen, die Daisy durch seine Version der Geschichte bei vielen Hörer_innen ausgelöst hat. Puh!

Und die Moral von der Geschicht’? Die Kritik an kapitalistischen Produktionsverhältnissen muss man gut vermarkten. Grundsätzliche Kapitalismuskritik vermarktet sich nicht gut, aber darum ging es ja auch nicht bei dieser Sendung.

GenderCamp 2012

GenderCamp 2012 (17.-20.05.2012, Himmelfahrtswochenende)

BARCAMP FÜR FEMINISMUS IN DER DIGITALEN GESELLSCHAFT

Das GenderCamp ist eine politische Bildungsveranstaltung rund um Feminismus – Queer – Gender – Netzkultur – soziale Netzwerke – Netzpolitik – digitales Leben. Es lehnt sich am Prinzip des „BarCamps“ an. Im Mai 2012 findet es zum dritten Mal im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll bei Hamburg statt.

IST DAS WAS FÜR MICH?

Zielgruppe des GenderCamps sind alle, die sich für die Schnittstellen von Queer-/Feminismus und Netzkultur interessieren:Leute, die sich in beiden Welten tummeln sowie queer-feministische Szenegänger_innen, die in Netzkultur reinschnuppern wollen und Netzbewohner_innen, die sich intensiver mit Queer, Feminismus und Gender beschäftigen möchten. Du bist Feminist_in und der digitalen Netzkultur/-politik gegenüber aufgeschlossen? Auch dann bist du hier richtig.Wenn ihr euch einen Eindruck vom Gendercamp machen wollt, könnt ihr das Programm von 2010 und 2011 unterwww.gendercamp.de nachlesen oder im Dokumentationsblog stöbern.

WAS ERWARTET MICH AUF DEM GENDERCAMP?

Wir wünschen uns, dass das GenderCamp ein Ort des rücksichtvollen Miteinanders ist, an dem sich alle wohlfühlen können. Das passiert aber nicht von alleine, sondern liegt in der Verantwortung aller Beteiligten. Auch während des Camps selbst ist es möglich, sich mit Diskriminierung, dominantem Verhalten und eigenen Privilegien auseinander zu setzen. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass ein geschützter Raum nicht einfach so ensteht: Alle Teilnehmenden sind dafür verantwortlich, ihn zu schaffen. Neben konkreten Tipps und Hinweisen wird es deshalb auch explizite Rückzugsmöglichkeiten geben.

DAS GENDERCAMP WIRD VON DENEN MIT INHALT UND UMGANG GEFÜLLT, DIE DARAN TEILNEHMEN.

Das Programm des GenderCamps wird größtenteils vor Ort von den Teilnehmenden selbst gestaltet: Jede_r kann in den morgendlichen Sessionplanungen einen Vorschlag machen und bekommt einen Platz im Programm. Ob Diskussionsrunden, Workshops, Vorträge, Filme, Planung gemeinsamer Projekte… vieles ist möglich.Vorab wird es einen Aufruf für Sessions geben. Sessions sollen aber auch spontan vor Ort vorgeschlagen werden. Ihr habt jetzt schon Ideen oder wollt etwas vorbereiten? Das ist toll! Eure Ideen könnt ihr hier im Forum auf http://www.gendercamp.de vorstellen und diskutieren.

UND WOFÜR SOLL DAS ALLES GUT SEIN?

Das GenderCamp

  • bietet einen Raum, Un-Wissen zusammenzuwerfen, um voneinander und miteinander zu lernen
  • soll Leuten aus queeren/feministischen Netzcommunities die Gelegenheit geben, sich im so genannten real life zu treffen
  • freut sich, wenn an den drei Tagen viele neue Ideen entstehen und Projekte angestoßen werden können.

ORT DES GENDERCAMPS: FRISCHE LANDLUFT FÜR NEUE GEDANKEN

Das GenderCamp findet auch in diesem Jahr wieder im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll statt (ca. 75 km nordwestlich von Hamburg). Dort gibt es Wiesen, Kühe und Bauernhöfe. Die Teilnehmer_innen übernachten am Tagungsort selbst. Neben Mehrbettzimmern gibt es begrenzt auch Doppel- und Einzelzimmer (gegen Aufpreis). Dank öffentlicher Zuschüsse kostet die Teilnahme mitsamt drei Übernachtungen und Vollverpflegung nur 50 Euro (40 Euro ermäßigt nach Selbsteinschätzung, 60 Euro Solipreis zur Finanzierung der Ermäßigungen).Kinder können gerne mitgebracht werden (unter 12 Jahren kostenlos). Eine Kinderbetreuung kann gemeinsam organisiert werden.Das Essen verdient eine besondere Erwähnung, denn es wurde stets gelobt und geht auf alle Wünsche und Bedürfnisse ein. Mit den üblichen Tagungsmaterialien ist das Haus auch sehr gut ausgestattet. Mehr Infos zu Verpflegung, Teilnahmegebühr, Anfahrt und Unterkunft: http://www.gendercamp.de/networks/content/index.Organisatorische_Details.

Barrierefreiheit: Es gibt ein rollstuhlgerechtes Doppelzimmer, alle Tagungs- und Gemeinschaftsräume sind ebenerdig erreichbar. Für weitere konkreten Fragen und Bedarfen sprecht uns bitte an.

WER LÄDT EIN?

Wie und von wem das GenderCamp mit dem ABC organisiert wird: http://www.gendercamp.de/networks/content/index.OrgaTeam

ZUR ANMELDUNG

Weil die Kapazitäten für Übernachtungsplätze auf ca. 60 Teilnehmer_innen begrenzt sind, ist eine frühzeitige Anmeldung erforderlich.Ab dem 16. März 2012 um 16:03 Uhr könnt ihr euch HIER verbindlich anmelden! Wenn ihr selbst keine Zeit für die Anmeldung habt, fragt Freund_innen, ob sie das für euch tun können.Wir vergeben die Plätze nach der Reihenfolge der Anmeldungen.Bei Bedarf wird es eine Nachrücker_innen-Liste geben.

WAS SONST NOCH WICHTIG IST

Diskriminierungen und Abwertungen aufgrund von Geschlecht, Sexualität, Alter, Herkunft, Hautfarbe, Körper, Aussehen und Bildung werden auf dem Camp nicht hingenommen!Persönliche Grenzen müssen respektiert werden!

Wenn das für Dich nicht selbstverständlich ist, bist Du auf dem GenderCamp nicht willkommen!

Das GenderCamp ist eine Veranstaltung der politischen Bildung. Es wird von der Bundeszentrale/Landeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt.

Koordination: OrgaTeam des GenderCamps, Kontakt über www.gendercamp.de

Termin: 17.-20.05.2012

Teilnahmebeitrag: 50 Euro für Erwachsene, 40 Euro ermäßigt (Selbsteinschätzung!), 60 Euro (Solibeitrag zur Finanzierung der Ermäßigungen) inkl. Unterkunft und Vollverpflegung

ANMELDUNG ab 16. März, 16:03 Uhr HIER: http://www.abc-huell.de/abc/gendercamp-2012/

Wenn du Personen/Projekte/Blogs kennst und findest, dass diese ein Interesse am GenderCamp haben könnten, dann leitet diese Einladung gerne weiter.

BLEIB’ AUF DEM LAUFENDEN:

Community: www.gendercamp.de // Twitter: @gendercamp / @abc_huell // Facebook // e-Mail: gendercamp(at)gendercamp(punkt)de

nrrrdz000017: utopie oder tütensuppe?

nrrrdz logoWir haben uns mal wieder zusammengefunden und eine Runde genrrrdzt. Es geht um offene vs. geschlossene Systeme und die Frage, was passieren muss, bis Apple uns an offenere Plattformen bzw. die Linux-Welt verliert. Es geht um User Experience, den Zugang zur digitalen Welt, glattgeschmirgelte Oberflächen und die Frage, ob IT in den nächsten Jahren die Spur von Utopie, die im universellen Computer, dem Internet und Freier Software angelegt war, verliert und wir es in Zukunft nurmehr mit belanglosen Produkten zu tun haben werden. Die Anregung, uns mit diesem Thema zu beschäftigten, kam von einer Hörerin, die uns auf den den Essay “Wir brauchen wütende Nerds” von Jonathan Zittrain aufmerksam gemacht hat. Vielen Dank dafür!

Bis wir zu diesem wirklich spannenden Thema kommen müsst ihr allerdings einen etwa zwanzigminütigen Werbeblock überstehen, indem ihr erfahrt, was wir in letzter Zeit so getrieben haben. Kathrin hat, zusammen mit Jens Ohlig und Sebastian Vollnhals, ein Buch über Hackerbrause geschrieben (und wo wir gerade dabei sind, stellen wir auch das Hackerbrause-Quartett von RedQuartett vor). Marlen macht zusammen mit Frank (@frellpumpkin) einen Videospielepodcast mit dem schönen Titel “Peach nerdz no hero”. Auch Kathrin gibt es seit einigen Monaten noch an anderer Stelle zu hören, nämlich bei “Der Computer kann alles” im FSK und per Podcast.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz17.mp3[/podcast]
Download (mp3, 49,7 MB, 1 h 44 min)