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Kurze Erläuterung regarding Netzfeminismus

Ich seufzte “in sachen #netzfeminismus passiert genau das, was ich erwartet habe” und erläuterte auf Nachfrage: “ein label claimen löst abgrenzungsreaktionen aus. und dann geht alles seinen gewohnten gang”

Es ist doch so: Netzfeminimus war bis vor einigen Monaten ein diffus benutzter Begriff, auf den sich im deutsch(sprachig)en Internetdiskurs einige Menschen bezogen, die irgendwas mit Feminismus im Internet zu tun haben. Feministische Blogger_innen und Twitterer_innen. Leute, die sich Netzpolitik aus feministischer Perspektive beschäftigen und/oder die sich gegen Sexismus im Netz einsetzen und/oder die mangelende Repräsentanz von Frauen in Internetdiskursen thematisierten und/oder das Netz als Raum zur Vernetzung ansehen und/oder dort feministische Themen artikulieren, die gar nichts mit dem Internet zu tun haben und vieles mehr.

Keine feste Gruppe, sondern ein heterogenes Feld mit verschiedenen Knotenpunkten (und die mädchenmannschaft ist ein mächtiger Knotenpunkt darin, keine Frage). Kein einheitlicher Feminismus, sondern Feminismen mit Bezug auf das Internet als Raum und Thema (dies auch als Antwort auf die Frage von @tante).

Mit der Gründung von netzfeminismus.org wird der Begriff aufgegriffen und inhaltlich gefüllt. Das passiert ganz von alleine, auch wenn die Initiatorinnen Offenheit und Vorläufigkeit betonen und das Projekt noch nicht so recht aus den Puschen zu kommen scheint. ((Vollstes Verständnis dafür.)) Gleichzeitig wird die Seite netzfeminismus.org auch zu einer Anlaufstelle für Interessierte. Also zu einem weiteren Knotenpunkt, der sich von den anderen eigentlich nur durch eine kleine Sache unterscheidet: Der Name scheint für etwas größeres zu stehen.

Netzfeminismus: Ist das ein pars pro toto oder ein totum pro parte? Bis jetzt wird das Projekt Netzfeminismus.org vor allem mit dem Netzfeministischen Bier und mit der Frage der Besetzung von Podien mit Frauen in Verbindung gebracht. Obwohl das Projekt noch am Anfang ist, Austausch und Vernetzung als Ziele benannt sind und es dazu sicher noch eine Reihe interessanter Ideen gibt, ist die kritische Außenwahrnehmung bereits zu dem Urteil gekommen, dass es Netzfeminismus.org um das Eindringen in den Mainstream/Malestream geht. Ich vermute, dass das gar nicht die Intention von (allen?) Initiatorinnen von netzfeminismus.org ist. So richtig greifbar ist sie aber nicht, gerade in Bezug auf die Namenwahl.

Jetzt grenzen sich die ersten ab, wollen mit diesem Label nie was zu tun gehabt haben und rufen “Nein, das ist nicht der (Netz-)Feminismus!”

Wer ist schuld? Diejenigen, die Netzfeminismus als Begriff besetzt und hoffnungsvoll gedacht haben, damit nichts zu definieren? Oder diejenigen, die dem Projekt nicht die Zeit lassen, sich zu entfalten?

Das ist tatsächlich gar keine Frage, die ich beantworten will. Ich bin nur ein bisschen genervt, weil dieser feministische Dunstkreis im Netz für mich eine Zeit so aussah, als könnten sich aus der Heterogenität heraus temporäre, strategische Bündnisse finden. Neue Formen des politischen Handelns basierend auf weak ties. Aber irgendwie geht jetzt alles seinen üblichen Gang und man sieht schön, wie das Ringen um Hegemonie gar nicht unbedingt etwas von Intentionen angetriebenes sein muss. Das festigt mich zwar in meiner politischen Theorie (\o/), aber langweilt mich auch. Wahrscheinlich wird uns die Frage, ob Netzfeminismus.org jetzt den ganzen Netzfeminismus repräsentiert (“Wollen wir gar nicht!” – “Wollt ihr wohl!”) jetzt erstmal eine weile beschäftigen. Hoffen wir, es wird wenigstens einigermaßen produktiv.

nrrrdz000016: wie weiter mit dem netzfeminismus?

nrrrdz logoVor einer Woche saßen wir zusammen und haben über die letzten zwei, drei Jahre Netzfeminismus gesprochen. Vorab: Es geht um unsere Perspektiven darauf, die Leute, die wir kennen und die Ereignisse, bei denen wir dabei waren. Was ist passiert vom ersten Wahrnehmen rund um die Re:publica 2009 bis heute, wo sogar die SZ komisches Zeug darüber schreibt? Wie entwickelt sich das alles? Wer nimmt sich darin welchen Platz? Wir sprechen über die Rolle von Events wie dem netzfeministischen Chat, der kürzlich stattgefunden hat, den Gendercamps und anderen Meatspace Formaten wie die Genderbar in Hamburg, das Netzfeministisches Bier Berlin (organisiert von Netzfeminismus.org) und Queer Geeks and Naughty Nerds (ebenfalls Berlin). Es geht um die kleinen, zum Teil zufälligen und belanglosen Dinge, die wir alle so tun und das große Ganze, was am Ende dabei rauskommt.
Da Mikros vor uns standen ist eine nrrrdz Folge dabei rausgekommen. Bei der Gelegenheit habe ich Marlen dann auch einen neuen Podcast vorgestellt: Logbuch Netzpolitik informiert wöchentlich über aktuelle Entwicklungen und Ereignisse.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz16.mp3[/podcast]
Download (mp3, 43,5 MB, 1 h 30 min)

Elternschaft im familienpolitischen Diskurs

Machmal dauert es einfach länger. Meine Magisterarbeit, die ich im Mai 2008 abgegeben am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg abgegeben habe, wollte ich eigentlich schon länger endlich mal online stellen. “Die Konstruktion von Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft im familienpolitischen Diskurs” habe ich im Anschluss an die Einführung des Elterngeldes untersucht. Kurz vor meinem Abgabetermin einigte sich die große Koalition dann noch auf das Kinderförderungegesetz (KiföG), das den Ausbau des Kinderbetreuungsangebot beschleunigen sollte. Es sieht einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 1. Lebensjahr ab dem 31. Juli 2013 vor. Wie weit ist das denn gediehen, Frau Schröder?
Vor drei Jahren hatten die konservativen Teile der Union dem modernisierungswilligen Flügel um von der Leyen abgerungen, dass mit dem Rechtsanspruch auch ein “Betreuungsgeld” eingeführt wird, das damals in der Diskussion auch “Herdprämie” genannt wurde. Die Diskussion um die Wahlfreiheit zwischen Kita, Tagesmutter und Betreuung durch ein nicht-berufstätiges Elternteil ist jetzt gerade wieder entbrannt, bei der Mädchenmannschaft wird schon gerantet. “Von 2013 an soll es dafür ein monatliches Betreuungsgeld in Höhe von zunächst 100 Euro für das zweite und ab dem Jahr 2014 in Höhe von 150 Euro für das für das zweite und dritte Lebensjahr des Kindes eingeführt werden” schreibt die Tagesschau. Ich bin gespannt, denn wie ich in Fußnote 159 geschrieben hatte: “Die dann anstehenden Diskussionen werden zeigen, ob sich die hier dargestellte Entwicklung zum normativen Bild der erwerbstätigen Mutter bis dahin weiter verfestigt haben.” Gut in Erinnerung habe ich vor allem noch den CSU Abgeordneten Singhammer, der in der erste Beratung des Gesetzes zur Einführung des Elterngeldes im Bundestag dafür eintritt, dass Frauen, die das in den Nachkriegsjahren vorherrschende Familienkonzept leben, nicht benachteiligt werden:

wir werden es nicht zulassen, dass Frauen und Mütter, die sich für eine bestimmte Zeit ausschließlich der Kindererziehung widmen, als spießig oder verzopft dargestellt werden. Und wir werden es nicht zulassen, dass Frauen, die den Großteil ihres Lebens für die Kindererziehung eingebracht haben, im Nachhinein mitleidig belächelt werden und dass gesagt wird, sie hätten eine falsche Lebensentscheidung getroffen.

Worum geht’s in der Arbeit? Anhand von verschiedenen Dokumenten (Gesetzentwurf, Bundestagsdebatten, Koalitionsvertrag, Wahlprogramm der CDU) habe ich die im familienpolitischen Diskurs der großen Koalition vorherrschenden, normativ vertretenen und in Form des Elterngeldes auch institutionalisierten Bilder von Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft untersucht. Dabei bin ich diskursanalytisch vorgegangen. Theoretisch verortet ist das ganze irgendwo bei Foucault, Laclau und Mouffe, also in einer Diskurstheorie des Politischen. Die Arbeit zeigt, wie ökonomisierte Elternschaft als hegemoniale Familienform artikuliert wird, was dabei umkämpft bleibt, wie darin Geschlechterverhältnisse zum Tragen kommen und welche Formen der Elternschaft auf der Strecke bleiben. Eine Zusammenfassung meiner Ergebnisse findet sich im Text Familienpolitik: Welche Formen der Elternschaft sind erwünscht? beim Feministischen Institut, die Langform gibt es jetzt hier:
Die Konstruktion von Elternschaft, Vaterschaft und Mutterschaft im familienpolitischen Diskurs, Hamburg 2008, CC 3.0 nc-nd-sa (PDF)

Keine Bären auf dem Ponyhof

Der Erklärbär. Ein Wesen, dass Leute an die Hand nimmt, die kritische Interventionen in Sachen Rassismus, Sexismus, Transphobie, Abelism und co. nicht auf Anhieb verstehen, weil sie zu voraussetzungreich formuliert sind und/oder die eigenen Abwehrmechanismen den Weg versperren. Der Erklärbär ist kuschelig, verbreitet Harmonie, ist geduldig und kann gut erklären, ohne unbekannte Begriffe und komplizierte Sätze. Der Erklärbar hat diese guten Eigenschaften, weil er von struktureller Dominanz nicht betroffen ist. Er ist ja ein Bär. (Die kleine Antispezizistin in mir ruft: “As if!”) Ich muss euch was erzählen: Es gibt diesen Bären gar nicht. Wir sind alle im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, durch die wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Es gibt darum keinen neutralen Standpunkt, der von oben auf das Geschehen schauen kann, es gibt nur die unbekümmerte Ignoranz des Unmarkierten.

Jetzt wird es wieder heißen: “Unmarkiert? Was issn das für ein überheblicher Akademikersprech?”

Um etwas benennen zu kennen braucht es Sprache und Wissen. Auch das ist nicht neutral, sondern von diesen Machtverhältnissen, um die es gerade geht, geprägt. Einige PoC, Frauen, Queere Leute, Menschen mit Behinderung (diese Kategorien schließen sich alle nicht gegenseitig aus und die aufgezählten Kategorien können auch nicht vollständig sein) haben sich in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeit erkämpft, in bestimmten gesellschaftlichen Räume wie der Wissenschaft oder den Medien Positionen einzunehmen. Sie mussten sich dieser Institutionen bemächtigen, um ihre Belange überhaupt artikulieren zu können und gehört zu werden. Daraus jetzt einen Strick zu drehen ist eine harte Nummer.

Sich mit struktureller Dominanz, Privilegien und dem, was das mit mir selbst macht zu beschäftigen ist kein Ponyhof. Das Leben auf der anderen Seite der Hegemonie aber erst recht nicht. Wenn es um Gerechtigkeit gehen soll, müssen wir den Ponyhof verlassen. Dabei sind Abwehrreaktionen an der Tagesordnung. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, wo ich versuche, Gründe dafür zu finden, warum mein Verhalten oder meine Gefühle rational sind und nichts mit der Dominanz meiner Position zu tun haben. Ich ertappe mich dabei, die Irrationalität auf der anderen Seite zu suchen. Ich erkenne nicht immer sofort an, dass andere mehr Erfahrungen haben, die Welt wirklich anders erleben müssen und entsprechend Strategien entwickeln, die ich erstmal merkwürdig finde. Ich bin froh, Leute in meinem Umfeld zu haben, mit denen ich mich zu solchen Themen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen kann. Aber was mir auch hilft ist der innere Dialog zwischen mir und dem Anderen. Das können politische Haltungen oder konkrete Personen aus meinem Umfeld sein. Die wissen das gar nicht. Ich habe meinen inneren Scheiterhaufen, meine innere Do., meine innere Lantzschi, die innere Antideutsche und noch ganz viele mehr. Mit denen kann ich mich auch auseinandersetzen, ohne konkreten Personen mit meinen halbdurchdachten Abwehrreflexen auf die Nerven zu gehen. Ich wünsche mir, dass Leute sich auch mal im inneren Dialog üben, statt wütig über den Ponyhof zu rennen, um sich einen Erklärbären zu fangen.

Nachbericht: Social Media Politik und Queer-Feministisches Bloggen

Am Samstag war ich in Hannover, um bei der Tagung Social Media Politik einen Workshop über Frauen_Lesben_Trans* in der digitalen Welt und queer-feministisches Bloggen durchzuführen. Trotz des Stichwortes DIY habe ich beim “Workshop” die meiste Zeit geredet und konnte den Teilnehmer_innen so hoffentlich einen Einblick in die (queer-)feministische Netzszene geben. Es war mir wichtig zu zeigen, wie das eigentlich konkret aussieht mit der Vernetzung, welchen Stellenwert Blogs und andere Medien darin spielen und was für Projekte dabei entstehen können. Ganz durchgekommen sind wir nicht, und ich hatte auch den Eindruck, dass die Teilnehmer_innen sich das Ganze doch praktischer gewünscht hätten. Zum einen hatten aber nicht alle Notebooks zur Verfügung. Zum anderen bin ich nicht sicher, was sinnvollerweise praktisch gemacht werden kann in einem zweistündigen Workshop, bei dem eben nicht klar ist, ob überhaupt alle anfangen wollen zu Bloggen oder zu Twittern. Allerdings konnte ich die Gelegenheit nutzen, den Leuten Etherpads zu zeigen. Dazu hatte ich ein Pad mit Links zu Seiten, Tools und Projekten, die im Vortrag vorgekommen sind, angelegt. Ich bin nicht sicher, ob das alles richtig angekommen ist, aber sie haben es mal gesehen und eine hat auch was reingeschrieben. Bei dem ganzen Web 2.0 Zeug gilt ja wahrscheinlich auch, dass eine es einfach mal ausprobieren muss, dabei aber die Berührungsängste und Lerngeschwindigkeiten einfach sehr unterschiedlich sind.

Für den Input habe ich zum ersten Mal mit Prezi gearbeitet. Meine eigene Lernkurve dabei zu beobachten war interessant. Am Anfang fand ich es frustierend, nach einer Stunde rumprobieren hatte ich es dann aber raus und im Laufe eines (unkontinuierlich durchgearbeiteten) Tages alle möglichen Features verstanden. Und siehe da: Es hilft tatsächlich, um von den bösen Bulletpoints von herkömmlicher Präsentationssoftware wegzukommmen. Schön ist auch, dass man Prezis anderen online zur Verfügung stellen kann.

Leider hatte ich keine Zeit, nach dem Workshop noch Feedback einzuholen. Falls eine_r von euch das hier liest, schreibt mir gerne was dazu! Ich fand die Frage besonders interessant, wie die Produktionsbedingungen von queer-feministischem Bloggen eigentlich sind, also wie viel Zeit Leute investieren und wie sie ihr Engagement finanzieren.

Erstaunlich viel Spaß gemacht hat mir auch die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema “Entwicklungsszenarien digitaler Gesellschaften. Repression oder Transparenz? Überwachung oder Informationsfreiheit?” Julia Seelinger (@zeitrafferin), Jürgen Kuri (@jkuri) und ich beantworteten die Fragen des Moderators Heiko Idensen (@web2write) und des Publikums. Kontrovers war es nicht, aber ich fand die Gesprächsatmosphäre nett und vielleicht haben wir beim Publikum die ein oder andere Überlegung zum Thema angestoßen. Das Podium wurde von einem Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg Stiftung aufgenommen und wird dann vermutlich irgendwann online zu sehen sein.

Workshop in Hannover: Social Media Politik

Am 25. Juni 2011 bin ich auf der Veranstaltung “Social Media Politik – … oder wie wir Wikileaks, Facebook, Twitter & Co. für die politische Öffentlichkeit nutzen können” in Hannover. In meinem Workshop geht es um queer-feministisches Bloggen und Frauen_Lesben_Trans* als politische Akteur_innen im Netz. Ich werde darin viele Blogs, Podcasts und Projekte vorstellen und den Teilnehmer_innen ein paar Grundlagen an die Hand geben, um selbst aktiv zu werden.

Do it yourself …
Ein Workshop über Frauen_Lesben_Trans* in der digitalen Welt und queer-feministisches Bloggen

Das politische Blog ist bei Weitem nicht die Männerdomäne, als die es uns durch die Überrepräsentanz sogenannter Alphablogger erscheint. Im Workshop diskutieren wir über Hoffnungen und Befürchtungen, die mit dem öffentlichen Publizieren von politischen Analysen und Kommentaren im Netz verbunden sind, betrachten die Möglichkeiten und Grenzen verschiedene Publikationsformate wie Blogs, Podcasts, Twitter, Kommentare und Online-Zeitschriften und analysieren Geschlechterverhältnisse im Netz.

Gerade schlage ich mich mit der Frage rum, welchen Stellenwert die Trolle darin haben sollen. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass dieses Thema auf großes Interesse stößt. Allerdings so sehr, das es die Diskussion zu dominiert und es dann nur noch um den Umgang mit den negativen Aspekten des Publizierens im Netz, die Nervereien und Bedrohlichkeiten geht. Viele haben schon in den Kommentarspalten von großen Tageszeitungen erlebt, wie Getrolle und destruktive Kommentator_innen funktionieren und sind entsprechend abgeschreckt, ihre Zeit in (politische) Diskussionen im Netz zu stecken oder sogar selbst als Autor_in aktiv zu werden. Also lieber klein halten? Gar nicht ansprechen? Die Diskussion wird so oder so aufkommen, zumal hatr.org sicher eine Rolle spielen wird. Ich würde mich über Anregungen dazu freuen!

Das Programm der Veranstaltung ist übrigens auch ansonsten sehr interessant: Es gibt einen Eröffnungsvortrag von Caja Thimm zur Kulturgeschichte der Kommunikation, insgesamt vier parallele Workshops und ein Abschlusspodium zu “Entwicklungsszenarien digitaler Gesellschaften – Repression oder Transparenz? Überwachung oder Informationsfreiheit?” mit Heiko Idensen, Julia Seeliger, Jürgen Kuri und mir. Veranstaltet wird Social Media Politik vom Kulturzentrum Pavillon, Stiftung Leben und Umwelt/Heinrich Böll Stiftung in Niedersachsen und Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen e.V.. Der Eintritt kostet 5 Euro und ist für Menschen mit Aktivpass und Schüler_innen kostenfrei.

nrrrdz000013: kollaboratives

nrrrdz logo

Eine neue Folge Nrrrdz. Heute ohne das Zischen von Hackerbrause, aber dafür mit knackendem Hasem (danke Christian!), Knabbergeräuschen und turbulenter Jungkatze. Wir beschäftigen uns mit dem Gendercamp – einem feministischen, netzkulturellem Barcamp in Entwicklung. Beschäftigt hat uns auch das Derailing for Dummies Übersetzungsprojekt. Ein schönes Beispiel für aus Vernetzung entstehende ad hoc Kollaboration mit schicken Tools. Über solche Sachen wird Kathrin demnächst auch in einem Workshop in Hannover etwas erzählen, während Marlen mit iPad und Phone auf die Reise geht.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz13.mp3[/podcast]
Download (mp3, 58,8 MB, 2 h 02 min)

Amselcam
Abroadband
Gendercamp
Gendercamp Doku auf Posterous
Gendercamp Chat
Derailing for Dummies
Socialmediapolitik in Hannover
Medienradio

Audiolith & Frauen, anyone?

Ich bin ja was aktuelle Musik angeht nicht mehr so auf der Höhe der Zeit, aber neulich hab ich mich mal wieder gefragt, wie das eigentlich mit Audiolith und den Frauen so ist. Da gab es irgendwann Flicke als Sängerin bei Juri Gagarin – die sind mittlerweile aber aufgelöst, konnte ich dem Internet entnehmen. Seit kurzem gibt es noch Ira Atari. Ansonsten ist das ein Kerleverein. Das ist jetzt wahrlich nicht besonders ungewöhnlich. Aber bei Audiolith, das ja gemeinhin als nettes, cooles und auch politisches, vielleicht sogar reflektiertes Projekt gilt und von Leuten gemocht wird, die sich dafür halten, hat es mich schon immer ein bisschen gewundert.

Kennt ihr das? Irgendein Thema taucht auf, einer kommt eine Frage dazu in den Sinn und man wundert sich darüber, darüber noch nie etwas gelesen zu haben, obwohl es doch so naheliegend ist. Meistens denke ich dann ja “Ach, das wird ein alter Hut sein. Du hast dich nicht genügend mit dem Thema beschäftigt dir und dir ist die Diskussion mal wieder entgangen”. I blame myself. Wegen Audiolith hab ich aber doch mal in die Followerrunde gefragt und sogar ein bisschen selbst gegoogelt (Engagement! Einself!!). Nüscht. Einzig bei den Texten zu Ira Atari wird hie und da kurz angemerkt. Stating a Fact. Als sei das vorher niemandem aufgefallen. Aber echt mal: Gefühlt tanzt der halbe Planet Blogsport zu Audiolith. Das ist konsensmusik. Also will ich hier noch mal die Leser_innen Runde frage: Wurde das schon mal öffentlich problematisiert? Für sachdienliche Hinweise sei gedankt.

not only did I have privileges, but that I was rooted in history

Der Begriff des Privilegs interessiert mich weiterhin, auch wenn ich mich neulich nicht genügend mit den Kommentaren und ausführlichen Reaktionen beschäftigen konnte. Mich interessiert, wie politischen Haltungen aus einer privilegierten Position heraus entwickelt werden und wie sich Solidarität ausdrückt. Sich damit auseinander zu setzen, dass die Freiheiten, Zugänge und die (größtenteils) psychischen Unversehrtheit, die ich als Ressource zur Verfügung habe nicht einfach so gegeben, sondern Teil von Geschichte und Unterdrückungsverhältnissen sind, ist anstrengend, aber eben immer noch eine Entscheidung, die ich frei bin zu treffen. Der Essay “How Can I Be sexist? I’m An anarchist!” (PDF) ((Den Text gibt es auf verschiedenen Websites und als PDF, falls der Link nicht mehr funktioniert fragt eine Suchmaschine eures Vertrauens.)) von Chris Crass beschäftigt sich mit den emotionalen Aspekten der Auseinandersetzungen aus der Perspektive eines weißen, gender-privilegierten heterosexuellen Aktivisten. Ich kenne viele Gefühle und Erlebnisse, die er beschreibt von dieser oder jener Seite der Machtachse. Zum Beispiel das Gefühl selbst von kritischen, pro-feministischen Männern nicht für voll genommen zu werden und nichts Interessantes zu einem Gespräch beizutragen, weil die Gesprächsführung voll “Ja eh klar, aber”-Phrasen ist, die gar nicht abwertend gemeint sind. (Und jetzt fragt mich bitte nicht, ob ihr auch so seid, sondern achtet darauf.) Aber auch diesen Drang, kritische Auseinandersetzung anderer mit weißer oder heterosexueller Dominanz im Kopf durchspielen zu müssen und sich dabei zu ertappen, die Situation zu verharmlosen oder die Schuld bei den von Diskrimierung Betroffenen zu suchen. Es kratzt an einer und es ist viel schwerer über diese Sachen nachzudenken und zu schreiben als solidarisch auf die Belange der Benachteiligten dieser Welt hinzuweisen. Also nehmt euch die Zeit und lest den Text.

Halt deine Daten zusammen?

Gestern war ich beim einem Kongress von Campus Grün zum Thema Datenschutz eingeladen. “Halt deine Daten zusammen und pass auf dich auf!” hatte ich den Workshop genannt, in dem es weniger um Gender und Soziale Netzwerke als um den Kontrollverlust, unterschiedliche Perspektiven auf Datenschutz und sinnvoll Strategien des Empowerments gehen sollte. Ich hatte einige Überlegungen vorangestellt, die im Anschluss kontrovers diskutiert wurden. Es ging zum einen darum, dass Datenschutzdiskurse von abstrakten Bürgern und ihren Schutzrechten ausgehen, dabei aber oft sehr mahnend und erzieherisch agieren und dabei Gefahren selten anhand von Szenarien konkret vorstellbar machen. Nur der auf Facebook spionierende Chef kommt natürlich immer wieder vor. Vor diesem Hintergrund wundert es mich nicht, warum die Schere zwischen Datenschutzbewusstsein und den Nutzungspraxen zum Teil sehr zu klaffen scheint und es würde mich auch nicht wundern, wenn viele sich insgeheim ein bisschen dumm vorkommen, weil sie das Problem nicht sehen.
Die andere Seite der Medaille ist die abschreckende Wirkung, die Datenschutz- und Privacydebatten auf Nutzer_innen haben, die sich bislang noch nicht ins Netz trauen. Darüber habe ich vor einiger Zeit schon mal etwas geschrieben. Es ging mir gestern also darum, die Diskussion ein bisschen in die Richtung der Vermittlung zu lenken – auch der Vermittlung zwischen datensparsamen Auskennern und diesen Menschen, die im Netz belangloses Zeug mitteilen, dass niemanden interessiert.

Im Laufe unserer Diskussion kristallisierten sich vier Punkte heraus, die mir wichtig sind:
1. Es bringt nichts, Nutzer_innen für ihren unbedachten Umgang zu dissen. Vielleicht haben sie gut überlegte Gründe dafür, das Zeug so zu benutzen, wie sie es tun. Offen sein schadet nichts. Es ist nicht automatisch Naivität wenn jemand anders handelt als man selbst es für richtig hält.
2. Leute zum Handeln bringen ist besser als ihnen Angst zu machen. Aus Spaß am Gerät entsteht Zutrauen in die eigenen Kenntnisse und dann wollen sich Leute bestimmt auch irgendwann mit den cooleren, aber vielleicht auch komplexeren Möglichkeiten, ihre Kommunikation zu gestalten, beschäftigen.
3. Vielfältige Szenarien entwerfen, um Datenschutz- und Privacyprobleme zu vermitteln und auch mal konkret werden. Das erfordert Kreativität aber könnte helfen.
4. Attraktive Alternativen aufbauen, wenn es Sinn macht und Infrastruktur sowieso vorhanden ist (z.B. Jabber Server für die Fachschaft). Die Betreiber_innen dieser alternativen Angebote müssen sich aber auch kritisch damit auseinandersetzen, wie sie mit dieser Machtposition umgehen.

Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber als Anregung taugt’s vielleicht. Mir erscheint es jedenfalls wichtig, von der Strategie wegzukommen, die weiland meine Oma an den Tag legte, wenn ihre Töchter oder Enkelinnen am Wochenende ausgingen: “Halt deine Beine zusammen!”