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Aufklärung

Inhaltswarnung: Es geht um sexualisierte Gewalt.

Ich weiß nicht, wann ich das erste mal davon gehört hab, dass es so etwas wie Sex gibt. Es muss gewesen sein, bevor das Thema in der Grundschule mal dran kam. Der Stille und dem Kichern nach zu urteilen wussten die meisten von uns damals schon Bescheid. Es muss der Sachkundeunterricht in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein, als unsere Lehrerin das Thema anschnitt und ich weiß noch, dass es zuerst darum ging, dass man nicht mit fremden Männern ins Auto steigen soll. Auch nicht, wenn sie nett wirken. Auch nicht, wenn sie Süßigkeiten anbieten. Dann ging es darum, wie das mit der Schwangerschaft funktioniert. Wie das Baby im Bauch der Mutter wächst, bis es nach 9 Monaten raus kommt. Wenn wir noch Fragen hätten, könnten wir die auf Zettel schreiben; nach der Pause würden wir darauf zurück kommen. Obwohl es mir irgendwie klar war, schrieb ich auf “Wie kommt es zur Befruchtung?”, denn davon war bisher nicht die Rede. Nach der Pause las die Lehrerin meine Frage vor und fragte in die Klasse, ob jemand die Antwort wüsste. Stille. Eine kleine Ewigkeit. Dann meldete sich Benjamin und sprach es aus: “Penis in die Scheide!” Alle lachten.

Ich finde diese Aufklärungsepisode eigentlich lustig. In letzter Zeit ist mir aber etwas klar geworden: Es ging zu erst um die Gefahr, zum Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden. In der einen, stereotypen Form. Und dann ging es um Reproduktion. In dieser Zusammenstellung, eng mit einander verbunden, und in dieser Reihenfolge. Um Sex ging es eigentlich nicht.

Um Lust ging es schon gar nicht, auch später nicht, als wir in der sechsten Klasse im Biologieunterricht über Verhütung und Krankheiten sprachen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Wir hätten auch darüber sprechen sollen, was passiert, wenn Menschen miteinander Sex haben. Worauf man achten muss. Nicht nur Verhütung, auch über Kommunikation. Über nein und über ja.

Die Gefahr sexualisierter Gewalt war immer präsent. Sie ist Teil der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Ich erinnere mich, einmal Aktzenzeichen XY gesehen zu haben. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war und warum ich diese Folge geschaut habe, denn eigentlich galt die Sendung bei meinen Eltern als etwas, das “zu gruselig” ist. Es ging um eine zweifache Vergewaltigung. Sie wurde sehr detailliert nachgestellt. Die Bilder haben sich eingebrannt.

Rape culture bedeutet für mich unter anderem auch, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, wo das Konzept Sexualität von vorne herein auch mit Gewalt und der Ausübung von Macht über Schwächere verbunden war. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass Männer mir diese Gewalt antun könnten und dass ich mich davor schützen muss.

Mit 14 legte die Mutter einer Freundin uns nahe, zusammen einen Selbstverteidigungskurs für Frauen zu machen. Das war eine gute Idee und wir wussten, warum das sinnvoll ist. Mit 17 war ich mit einer Freundin im Urlaub bei Freunden ihrer Familie in der Toscana. Die Abende verbrachten wir in deren Restaurant. Einmal kam eine Gruppe von Männern rein. Unsere Gastgeberin nahm uns zur Seite und meinte, sie würde uns heute früher nach Hause bringen. Die Kerle würden oft Ärger machen und für Frauen sei es nicht gut, hier zu sein. Wir wussten, vor was wir gewarnt wurden und machten uns auf den Weg.

Geschichte wird gemacht (CRE 196)

CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der größten Reichweite gehört, hat sich dem Thema Feminismus (CRE 196) angenommen. Zu Gast in der über drei Stunden langen Sendung war Katrin Rönicke, die im Gespräch mit Tim Pritlove über ihren feministischen Werdegang, die Geschichte der Frauenbewegung und verschiedene geschlechterpolitische Fragen Auskunft gab. Wie zu erwarten war, gab es nicht nur die üblichen feminismuskritischen Wortmeldungen, sondern auch kritische Anmerkungen aus der (pro-)feministischen Bubble. Sofakissen hat sich in seiner Raummaschine schon darüber ausgelassen, dass er den Feminismus-CRE als sehr männerkompatibel und flauschig wahrgenommen hat, was er daran festmacht, dass zum Beispiel das Thema Gewalt ausgeklammert wird.

Das ist mir beim Hören auch aufgefallen. Es gab aber noch eine andere große Leerstelle, auf die hinzuweisen ich wichtig finde. Die Debatten, die unter Stichworten wie “Differenzen zwischen Frauen” oder “Intersektionalität” bekannt sind, werden in der Sendung nämlich völlig ausblendet. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Katrin Rönicke ihr Verständnis der “dritten Welle” beschreibt. Was im Podcast rüber kommt: Eine jüngere Generation stellt fest, dass die alten Probleme noch immer nicht (alle) gelöst sind: Sexismus, Vereinbarkeit, Karriere. Also wird Feminismus neu aufgerollt, ein paar Sachen müssen aber über Bord geworfen werden (z.B. die Ablehnung von Pornographie und BDSM, die Männerfeindlichkeit). Die Feministinnen der dritten Welle sind “kooperativer” als die der Zweiten. Das ist durchaus eine verbreitete Deutung von zeitgenössischem Feminismus, unterschlägt aber mindestens zwei Punkte.

Zum einen: Intersektionalität kommt nicht vor. Die Diskussion um Mehrfachunterdrückung, sich überschneidende Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen sozialen Positionierungen fehlt. Gut, Intersektionalität ist ein ziemlich akademisches Wort, eine Analysemethode. Aber ist kein Thema, mit dem sich nur im Elfenbeinturm beschäftigt wird. Feministische Aktivist_innen beschäftigen sich heute mit Themen wie Mehrfachpositionierung. Im Policybereich, z.B. bei den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen geht es schon lange um das Verhältnis von Race, Gender und Class. Viele Konflikte wurden geführt und es waren vor allem marginalisierte Frauen*, die darum gekämpft haben, dass eine weiße, nicht von Behinderung betroffene, bürgerliche Perspektive nicht alles sein kann und dass auch diese Perspektive etwas mit rassistischen Strukturen, Kapitalismus, Gesundheitsdiskursen usw. zu tun hat. Das ist auch alles nicht neu: In der ersten Frauenbewegung gab es neben den bürgerlichen auch sozialistische Feministinnen, die Feminismus und Klassenkampf zusammengedacht haben. Für die Diskussion um Intersektionalität sind Texte von amerikanischen Women of Color (das Combahee River Collective Statement (1977) zum Beispiel) besonders einschlägig. Es ist auch nicht so, als sei das eine US-Debatte, die mit den hiesigen Verhältnissen nichts zu tun hat. Schaut euch mal die Interventionen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen an, zum Beispiel den Text Wir, die Seiltänzerinnen (1994) von FeMigra. Oder die Auseinandersetzungen um doppelte Diskriminierung von Frauen mit Behinderung (Texte von Swantje Köbsell: 1, 2). Das sind nur die bekanntesten Beispiele, von denen ich weiß, dass sie immer wieder aufgeführt werden, um wenigstens zu sagen: Hier schaut, das gibt es alles! Nehmt es wahr!

Ein zweiter Punkt ist die Kritik an der binären Zweigeschlechtlichkeit (d.h.: es gibt nur Männer und Frauen und die sind im Normalfall in ihrem Begehren aufeinander bezogen) und der Ausgrenzung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen können oder wollen, auch aus feministischen Räumen. Über das Verhältnis von Feminismus und Queeren Politiken (Woltersdorf: Queer Theory und Queer Politics, 2003) wird im CRE nicht gesprochen. Tim Pritlove versucht das, wenn ich es richtig rausgehört habe, an einer Stelle einzubringen, Katrin Rönicke lenkt das Thema auf ihre Erfahrungen mit (heterosexueller) Mutterschaft. Nicht, dass das kein wichtiges Thema wäre. Der Gesprächsverlauf an der Stelle zeigt aber gut, wie aus einer bestimmten Position heraus Themen gesetzt und andere unsichtbar gemacht werden.

Die CRE-Folge ist also ein hervorragendes Beispiel dafür für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht. Ich halte es nicht für falsch, sich zum Beispiel über die Rollenverteilung von heterosexuellen Eltern zu unterhalten, um bestimmte Punkte zu vermitteln. Mit dem Thema können vermutlich viele CRE-Hörer_innen etwas anfangen und es gibt Anstoß, über eigene Erfahrungen nachzudenken (auf eine angenehmere Art, als wenn ich mich fragen muss, wo ich eigentlich in letzter Zeit männliches Dominanzverhalten an den Tag gelegt habe). Ich halte es aber für falsch, intersektionale und heteronormativitätskritische Perspektiven in einem dreistündigen Gespräch, das offensichtlich den Anspruch hat, über die Geschichte des Feminismus etwas zu vermitteln, komplett auszublenden und über 30 Jahre feministische Auseinandersetzung zu übergehen.

Der “pragmatische Feminismus” von Katrin kommt gut an, das merke ich an den Reaktionen auf Twitter. Und so wünschenswert ich es finde, dass viele Leute ein Verständnis für Feminismus entwickeln, so frage ich mich doch: Geht das nur um den Preis, sich gegenüber denjenigen abzugrenzen, die mit dem Malestream nicht kompatibel sein wollen? Diese Form von “pragmatische Feminismus” hat den Effekt, gerade bei den “irgendwann ist mal gut”-Apologet_innen gut anzukommen und erweist so den Vertreter_innen der aktuellen Diskurse einen ErklärBärendienst. Die intersektionalen Ansätze gelten dann en passant als “zu kompliziert, zu radikal”. Sie sind aber State of the Art (seit 30 Jahren!), nehmt sie ernst. They are the stories … that need to be told. sab_culture hat das viel besser formuliert: “they are told, but more often ignored, not acknowledged, over heard, over voiced …”

Die Wortspielcredits für den Erklärbärendienst gehen an Philip Steffan.

hatr.org – Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Leah, Nadine und ich haben zusammen einen Artikel geschrieben, in dem wir uns mit Kommentarpolitiken auf Blogs mit gesellschaftskritischem und emanzipatorischen Anspruch und insbesondere auf queer-/feministischen Blogs auseinandersetzen und das Projekt Hatr vorstellen. Wir möchten mit dem Artikel außerdem weitere Blogs und Projekte ermutigen, sich bei Hatr anzumelden und damit andere Projekte zu unterstützen. Der Text ist in einem von Andreas Kemper herausgegebenen Sammelband mit dem Titel “Die Maskulisten” erschienen, der kürzlich bei Unrast veröffentlicht wurde.

hatr.org – wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Inhalt:
Kackscheiße im Netz
Das Projekt Hatr
Die Resonanz auf Hatr

Wer die Seite Hatr.org im Browser aufruft wird sich wundern. Auf der Startseite finden sich unter der Überschrift “Das Letzte” eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Kommentaren von “Leon”, “Horst” oder “Antigenderwahnbeauftragter”. Manche Einträge sind kurze, drastische Beschimpfungen, bei anderen handelt es sich um längere Texte, die zum Teil nicht zu verstehen sind, ohne zu wissen, worauf sie sich beziehen. Ab und zu taucht der hervorgehobene Name “Xena” in den Texten auf. Oben rechts auf der Seite ist ein “Trollcounter”, der die Zahl der bereits geposteten Kommentare anzeigt. Darunter ein Flattrbutton ((Flattr.com ist eine Internetdienst, der es ermöglicht, frei verfügbare Inhalte im Netz durch Mikrospenden zu unterstützen. Ein Teil der Einnahmen von Hatr kommt über diesen Dienst zusammen.)) und für diejenigen, die in ihrem Browser keinen Werbeblocker installiert haben, sichtbare Google Anzeigen. Das Logo von Hatr ist ein pinkfarbenes Herz mit meinem geschwungenen “h”. Read more

Andere Seiten (1. bis 7. August 2012)

Ich habe wieder Links für euch gesammelt. Aber vorab noch eine Frage: Bei zwei selfhostet WordPress-Blogs bekomme ich seit einigen Wochen keine Emailbenachrichtung über eingehende Kommentare mehr. Kennt jemand das Problem? Über Hinweise würde ich mich freuen!

Die Muslime von New York
Die Reportage von Charlotte Wiedemann, die sanczny verlinkt hat, kam wie gerufen, nachdem ich neulich mal wieder Spike Lees "Malcom X" gesehen hatte und neugierig war, etwas über den afroamerikanischen Islam heute zu erfahren.

Kein Abitur – Der Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart
Der Maturatraum – Ein beliebtes Genre des bürgerlichen Unterbewusstseins mit Hochschulzugangsberechtigung. Ein Traumtagebuch von Kathrin Passig

Über die „Kampagne zur Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland“
Sehr interessantes Interview mit Nele Tabler über die Diskurse um Kaiserschnitte. "Es ist wie immer: Anstatt, dass Frauen und ihre Selbstbestimmungs­rechte gestärkt werden, macht man ihnen Vorwürfe und baut Druck auf. Als wäre eine schwangere Frau nicht sowieso schon allen möglichen „Rat­schlägen“ ausgesetzt, was sie tun und lassen soll und alle meinen, ihr etwas vorschreiben und ihr Verhalten bewerten zu dürfen. Am Ende kann sie es nur falsch machen."

Unter Linken: Kipping und Schlömer suchen vergeblich nach Gemeinsamkeiten — CARTA
Politikverständnis, you're doing it wrong. Der Piratenvorsitzende Bernd Schlömer will durch neue Prozesse und Transparenz den Wechsel herbeiführen, aber keine Aussagen darüber machen, in welche Richtung der gehen soll. Vielleicht soll das die Spannung bewahren, man weiß es nicht.

Rezension: Die Maskulisten « sanczny
Sanczny hat "Die Maskulisten" gelesen, ein neuer Sammelband von Andreas Kemper, in dem auch ein Text über Hatr von Leah Bretz, Nadine Lantzsch und mir zu finden ist.

Die freundliche Empfehlung (25. bis 26. Juli 2012)

Qualitätsfernsehen aus Sicht politischer Theorie
Eine Besprechung der Reihe "booklet" mit einigen Anmerkungen zu The Wire und The West Wing aus perspektive der politischen Theorie.

Stefan Meretz: Selbstentfaltung — keimform.de
Über Zwang, der sich als als Motivation tarnt, und den Unterschied zwischen Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung

Raum Zelik: Automatisierung von Beteiligung – taz.de
Ein Text, in dem es erstaunlich wenig um die Piraten geht. Zelik liest Protestbewegungen in verschiedenen Teilen der Welt als Proteste, bei denen sich die Kritik am politischen System mit der Opposition gegen Neoliberalismus verzahnt und spekuliert: "Die Krise der Repräsentation, aus linksradikaler Perspektive betrachtet: Liquid Democracy könnte das Rätemodell von morgen sein."

Forderungspapier zur Reform des Transsexuellenrechts

Crosspost von agqueerstudies.de

In Sachen Transsexuellengesetz (TSG) kommt die Politik seit Jahren nicht voran, obwohl das Bundesverfassungsgericht mehr als deutlich gemacht hat, dass die derzeitigen Regelungen mit der Würde und Selbstbestimmung von Trans*Menschen nicht vereinbar und in der Praxis äußerst diskriminierungsanfällig sind. Der bundesweite Arbeitskreis TSG-Reform, an dem über 30 Trans*- und Inter*-Gruppen sowie Einzelpersonen beteiligt waren, hat darum jetzt ein Forderungspapier veröffentlicht. “Die selbstgestellte Aufgabe bestand darin, sich auf gemeinsame, zentrale Forderungen aus den trans* und inter* Communities zur Reform des Transsexuellenrechtes zu verständigen und diese auszuformulieren.”
Gefordert werden die Verwirklichung? des? Selbstbestimmungsrechtes? von? Trans*?Personen? durch? Abschaffung? der? Begutachtung? und? des? gerichtlichen? Verfahrens?, die Aufhebung? des? TSG? als? Sondergesetz? und? Integration? notwendiger? Regelungen? in? bestehendes? Recht, die Möglichkeit der Vornamensänderung und der Änderung des Personenstandes ohne Gerichtsverfahren, ein Ausbau des Offenbarungsverbotes und die rechtliche Absicherung der Leistungspflicht der Krankenkasse. Diese wichtigen Forderungen kann mensch auf der Website der Initiative nachlasen und mit einer Unterschrift auch unterstützen.

Helena & Karl

Ich war heute in St. Wendel unterwegs. Meine Mutter machte mich im Vorbeifahren auf eine neue Statue aufmerksam, die in der Oberstadt bei der Stadtmauer aufgestellt wurde. Sie zeigt Helena Demuth, eine der wenigen bekannten Töchter der Kleinstadt. Schwanger steht die kleine Frau aus Bronze da, die eine Hand auf ihrem Buch, den Kopf etwas gesenkt und lächelnd auf ein Bild blickend, das sie in der anderen Hand hält.

Bronze-Statue von Helene Demuth, Seitenansicht

Diese Position regt die Betrachterin dazu an, Helena über die Schulter zu blicken. Auf dem Bild, das sie in der Hand hält, ist der Kopf eines sehr bärtigen Mannes abgebildet. Es ist eine der ganz klassischen Marx-Abbildungen. Ikonographisch.

Helena Demuth wurde am 31. Dezember 1820 in St. Wendel geboren. Mit 16 Jahren kam sie nach Trier und arbeitete bei den Eltern der späteren Jenny Marx als Hausmädchen. Später wurde sie Haushälterin bei Jenny und Karl Marx, zog mit ihnen von Brüssel nach Paris, lebte mit ihnen in Köln und landete zum Schluss in London. Es wird berichtet, dass sie mit Marx diskutiert und Schach gespielt habe. Nach Marx’ Tod wurde sie die Haushälterin von Engels.

Blick über die Schulter der Demuth-Statue mit Karl-Marx-Bild in der Hand

Nun wird sie als Schwangere porträtiert, mit der Marx-Abbildung in der Hand. Eine Frau, die in 70 Lebensjahren nur ein Kind, Harry Frederick Demuth, geboren hat. Die Geschichte dahinter ist Boulevard. Man sagt, dass Karl Marx Freddys Vater war. Freddy ist bei einer Pflegefamilie aufgewachsen und Stalin hat angeblich alle Hinweise auf Marx’ Fehltritt und das uneheliche Kind vernichten lassen. Der Bildhauer Kurt Tassotti hat sich dazu entschlossen, diese Szene aus ihrem Leben in den Vordergrund zu rücken, um den Bezug zu Marx so deutlich wie möglich herauszuarbeiten. Ohne ihre Anstellung bei der Familie Marx und ohne den Bezug zu diesem großen, weißen Mann (mit Bart) hätte St. Wendel keine 30 000 Euro ausgegeben, um eine einfache Haushälterin zu ehren. Dabei kann sie uns sicher auch etwas über Reproduktionsarbeit als Lohnarbeit und die Verpflechtung von Geschlechter- und Klassenverhältnissen erzählen. Man hätte Helene Demuth mit ihren Held_innen zeigen können: Dem größten Suppentopf und ihrer Kaffeekanne.

Reproduktionsarbeit: Vom Wieder-Herstellen

Auch in dieser Küche wird Reproduktionsarbeit geleistet

Ich wurde in letzter Zeit ein paar Mal mit der Frage konfrontiert, was ich eigentlich mit Reproduktionsarbeit meine. Ein Gespräch bei grünem Curry hat mir deutlich gemacht, wo das Verständnisproblem anfängt. Erklärbärmodus an.

Mit dem Begriff Reproduktion wird das “Vervielfältigen” verbunden. As in: “An meiner Wand hängt eine Reproduktion der Mona Lisa.” In Bezug auf Arbeit und Leben heißt das: Kinder machen. Neue Generationen produzieren. Es gibt jedoch eine zweite Begriffsbedeutung, die für das Verständnis von Reproduktionsarbeit entscheidend ist:

Als Reproduktion wird ein Vorgang bezeichnet, bei dem etwas vervielfältigt wird, sowie häufig auch die im Ergebnis dessen entstandene Kopie. Insbesondere im Zusammenhang mit sozialen Systemen wird unter Reproduktion neben der Neuerstellung auch die Aufrechterhaltung eines Zustandes verstanden. (Wikipedia: Reproduktion)

Wenn ich Reproduktionsarbeit sage meine ich also das Aufrechterhalten eines Zustandes – und zwar den geistig-körperlichen Zustand des arbeitenden Menschen.

Marx nimmt das mit der Reproduktion her, um das mit dem Arbeitslohn und dem Mehrwert zu verdeutlichen. Ganz kurz: Der Lohn entspricht dem, was zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendig ist. Ein einfaches Modell: Eine lohnabhängige Person arbeitet 8 Stunden am Tag und produziert Waren, die am Markt 80 Geldeinheiten (GE) erzielen. Zur Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft benötigt die Person 20 GE, die sie für Essen, Miete, Kinder, Hygiene usw. ausgeben muss. Da würden ja zwei Stunden Arbeit eigentlich reichen. Leider gibt es nur 2,5 GE Stundenlohn, so dass die Person 8 Stunden arbeiten muss, um auf ihre 20 GE zu kommen. Das Kapital freut sich: 60 GE werden als Mehrwert abgeschöpft. Wir nennen es Ausbeutung – ein Begriff, der tatsächlich nichts damit zu tun hat, ob der Lohn niedrig, hoch oder “gerecht” ist.

Dass dieses Modell sehr vereinfacht ist, liegt auf der Hand. Das, was zur Reproduktion als notwendig erachtet wird, ist erstens das Ergebnis sozialer Kämpfe, bei denen es zweitens auch darum geht, dass Lohnabhängige als Konsument_innen ebenfalls auf dem Markt agieren. Will sagen: Ob wir Penne mit Nordsee-Scampi und Parmesan aus Italien oder Brot mit Wurst aus Hausschlachtung essen, zur Erholung einen großen Fernseher und drei Konsolen brauchen und regelmäßig zur Kur fahren können geht aus dem Modell nicht hervor. Auch wer die Reproduktionsarbeit leistet und in welcher Beziehung Leute dabei zueinander stehen ist nicht festgelegt, also ob sie im Rahmen einer heterosexullen Kernfamilie von der Hausfrau übernommen wird, Personen sie selbst erledigen, andere dafür einstellen oder sie sich mit anderen Erwerbstätigen teilen. Schließlich wäre da noch die Frage, wie Reproduktionsarbeit subventioniert wird, zum Beispiel durch einen Familienernährerlohn, Kindergeld, Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, steuerlche Absetzbarkeit haushaltsnaher Dienstleistungen, Familienzuschlag. Auch das verändert sich im Laufe der Zeit und der politischen Konflikte um Arbeit – Who cares? ist eine Frage, über die es sich nachzulesen und nachzudenken lohnt.

Klar ist aber: Es wird gefuttert, geputzt, gekümmert, Kinder werden aufgezogen. Reproduktionsarbeit (auch genannt: Carework, Haus-, Familien- oder Sorgearbeit) spielt für das Wohl der Menschen und für das Funktionieren des Systems eine Rolle. Sie wird traditionell mit Frauen und dem privaten Lebensbereich in Verbindung gebracht, ist im Gegensatz zur Lohn-/Erwerbsarbeit weniger theoretisch unterfüttert und erforscht. Sie wird oft vergessen. Wenn ich dich frage: “Was arbeitest du?” wirst du mir eher von deinem Job erzählen als davon, wann du zuletzt den Boden gewischt hast. Reproduktionsarbeit ist das markierte Andere zur “normalen Arbeit”. Reproduktionsarbeit wird strukturell abgewertet. Daraus ergeben sich für mich einige Punkte, über die es sich nachzudenken lohnt:

Erstens: Diejenigen, die eine als höher angesehene Bildung genießen, lernen, was die Brownsche Mollekularbewegung ist, aber müssen sich in öffentlichen Bildungsinstitutionen weder theoretisches noch praktisches Wissen über Reproduktionsarbeit aneignen. Lediglich meinen Mathelehrer war es ein Anliegen, dass die Mädchen in der Klasse bei all der Polynomdivision nicht vergessen, dass sie auch in der Lage sein müssen, einen Braten zu kochen. Rezepte gab’s trotzdem keine. Es wird davon ausgegangen, dass Leute das irgendwie geregelt kriegen. Wir reden auch kaum darüber. Ich frage mich, ob die Überforderungen, die für einige Erwachsene in diesem Lebensbereich entsteht und die in Diskursen um Verpeilung und Prokrastination zum Vorschein kommt, etwas mit der Abwertung dieser Arbeit zusammenhängt.

Zweitens: Steile Thesen zum Wandel der Arbeit taugen nichts, wenn sie Reproduktionsarbeit nicht mitdenken bzw. davon ausgehen, dass sich das bisschen Haushalt wie gewohnt von allein macht. Dabei geht es nicht ohne intersektionale Perspektive, denn Reproduktionsarbeit lässt sich nicht ohne Klasse, Geschlechterverhältnisse und die Verlagerung von Reproduktionsarbeiten auf Mirgrant_innen analysieren.

nrrrdz00018: punkrock podcasting

nrrrdz logo
Vorwarnungsedit: Die Tonqualität ist echt mies, sorry. Nächstes Mal wird’s wieder besser. Also überspringt die Folge einfach, wenn ihr das nicht hören mögt.

Zum 18. Geburtstag gibt es eine mixed bag Folge mit Spülmaschinengeräuschen, die hoffentlich nicht unerträglich für euch sind. Wir definieren unseren Podcastingansatz kurzerhand als Punkrock und sprechen über’s Programmieren, über die DRadio-Wissen Sendung zu Podcasting und über die re:publica – unter besonderer Berücksichtigung von Genderaspekten. Zum Schluss empfehlen wir den österreichischen Netzpolitikpodcast Netzkinder.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz18.mp3[/podcast]
Download (mp3, 45 MB, 1 h 33 min)

GenderCamp 2012

GenderCamp 2012 (17.-20.05.2012, Himmelfahrtswochenende)

BARCAMP FÜR FEMINISMUS IN DER DIGITALEN GESELLSCHAFT

Das GenderCamp ist eine politische Bildungsveranstaltung rund um Feminismus – Queer – Gender – Netzkultur – soziale Netzwerke – Netzpolitik – digitales Leben. Es lehnt sich am Prinzip des „BarCamps“ an. Im Mai 2012 findet es zum dritten Mal im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll bei Hamburg statt.

IST DAS WAS FÜR MICH?

Zielgruppe des GenderCamps sind alle, die sich für die Schnittstellen von Queer-/Feminismus und Netzkultur interessieren:Leute, die sich in beiden Welten tummeln sowie queer-feministische Szenegänger_innen, die in Netzkultur reinschnuppern wollen und Netzbewohner_innen, die sich intensiver mit Queer, Feminismus und Gender beschäftigen möchten. Du bist Feminist_in und der digitalen Netzkultur/-politik gegenüber aufgeschlossen? Auch dann bist du hier richtig.Wenn ihr euch einen Eindruck vom Gendercamp machen wollt, könnt ihr das Programm von 2010 und 2011 unterwww.gendercamp.de nachlesen oder im Dokumentationsblog stöbern.

WAS ERWARTET MICH AUF DEM GENDERCAMP?

Wir wünschen uns, dass das GenderCamp ein Ort des rücksichtvollen Miteinanders ist, an dem sich alle wohlfühlen können. Das passiert aber nicht von alleine, sondern liegt in der Verantwortung aller Beteiligten. Auch während des Camps selbst ist es möglich, sich mit Diskriminierung, dominantem Verhalten und eigenen Privilegien auseinander zu setzen. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass ein geschützter Raum nicht einfach so ensteht: Alle Teilnehmenden sind dafür verantwortlich, ihn zu schaffen. Neben konkreten Tipps und Hinweisen wird es deshalb auch explizite Rückzugsmöglichkeiten geben.

DAS GENDERCAMP WIRD VON DENEN MIT INHALT UND UMGANG GEFÜLLT, DIE DARAN TEILNEHMEN.

Das Programm des GenderCamps wird größtenteils vor Ort von den Teilnehmenden selbst gestaltet: Jede_r kann in den morgendlichen Sessionplanungen einen Vorschlag machen und bekommt einen Platz im Programm. Ob Diskussionsrunden, Workshops, Vorträge, Filme, Planung gemeinsamer Projekte… vieles ist möglich.Vorab wird es einen Aufruf für Sessions geben. Sessions sollen aber auch spontan vor Ort vorgeschlagen werden. Ihr habt jetzt schon Ideen oder wollt etwas vorbereiten? Das ist toll! Eure Ideen könnt ihr hier im Forum auf http://www.gendercamp.de vorstellen und diskutieren.

UND WOFÜR SOLL DAS ALLES GUT SEIN?

Das GenderCamp

  • bietet einen Raum, Un-Wissen zusammenzuwerfen, um voneinander und miteinander zu lernen
  • soll Leuten aus queeren/feministischen Netzcommunities die Gelegenheit geben, sich im so genannten real life zu treffen
  • freut sich, wenn an den drei Tagen viele neue Ideen entstehen und Projekte angestoßen werden können.

ORT DES GENDERCAMPS: FRISCHE LANDLUFT FÜR NEUE GEDANKEN

Das GenderCamp findet auch in diesem Jahr wieder im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll statt (ca. 75 km nordwestlich von Hamburg). Dort gibt es Wiesen, Kühe und Bauernhöfe. Die Teilnehmer_innen übernachten am Tagungsort selbst. Neben Mehrbettzimmern gibt es begrenzt auch Doppel- und Einzelzimmer (gegen Aufpreis). Dank öffentlicher Zuschüsse kostet die Teilnahme mitsamt drei Übernachtungen und Vollverpflegung nur 50 Euro (40 Euro ermäßigt nach Selbsteinschätzung, 60 Euro Solipreis zur Finanzierung der Ermäßigungen).Kinder können gerne mitgebracht werden (unter 12 Jahren kostenlos). Eine Kinderbetreuung kann gemeinsam organisiert werden.Das Essen verdient eine besondere Erwähnung, denn es wurde stets gelobt und geht auf alle Wünsche und Bedürfnisse ein. Mit den üblichen Tagungsmaterialien ist das Haus auch sehr gut ausgestattet. Mehr Infos zu Verpflegung, Teilnahmegebühr, Anfahrt und Unterkunft: http://www.gendercamp.de/networks/content/index.Organisatorische_Details.

Barrierefreiheit: Es gibt ein rollstuhlgerechtes Doppelzimmer, alle Tagungs- und Gemeinschaftsräume sind ebenerdig erreichbar. Für weitere konkreten Fragen und Bedarfen sprecht uns bitte an.

WER LÄDT EIN?

Wie und von wem das GenderCamp mit dem ABC organisiert wird: http://www.gendercamp.de/networks/content/index.OrgaTeam

ZUR ANMELDUNG

Weil die Kapazitäten für Übernachtungsplätze auf ca. 60 Teilnehmer_innen begrenzt sind, ist eine frühzeitige Anmeldung erforderlich.Ab dem 16. März 2012 um 16:03 Uhr könnt ihr euch HIER verbindlich anmelden! Wenn ihr selbst keine Zeit für die Anmeldung habt, fragt Freund_innen, ob sie das für euch tun können.Wir vergeben die Plätze nach der Reihenfolge der Anmeldungen.Bei Bedarf wird es eine Nachrücker_innen-Liste geben.

WAS SONST NOCH WICHTIG IST

Diskriminierungen und Abwertungen aufgrund von Geschlecht, Sexualität, Alter, Herkunft, Hautfarbe, Körper, Aussehen und Bildung werden auf dem Camp nicht hingenommen!Persönliche Grenzen müssen respektiert werden!

Wenn das für Dich nicht selbstverständlich ist, bist Du auf dem GenderCamp nicht willkommen!

Das GenderCamp ist eine Veranstaltung der politischen Bildung. Es wird von der Bundeszentrale/Landeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt.

Koordination: OrgaTeam des GenderCamps, Kontakt über www.gendercamp.de

Termin: 17.-20.05.2012

Teilnahmebeitrag: 50 Euro für Erwachsene, 40 Euro ermäßigt (Selbsteinschätzung!), 60 Euro (Solibeitrag zur Finanzierung der Ermäßigungen) inkl. Unterkunft und Vollverpflegung

ANMELDUNG ab 16. März, 16:03 Uhr HIER: http://www.abc-huell.de/abc/gendercamp-2012/

Wenn du Personen/Projekte/Blogs kennst und findest, dass diese ein Interesse am GenderCamp haben könnten, dann leitet diese Einladung gerne weiter.

BLEIB’ AUF DEM LAUFENDEN:

Community: www.gendercamp.de // Twitter: @gendercamp / @abc_huell // Facebook // e-Mail: gendercamp(at)gendercamp(punkt)de