Author: Kathrin

Judith Butler über Barack Obama: Nicht zu überschwänglich werden

Die Philosophin Judith Butler scheint die Freude über den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2008 zu teilen, doch sie wäre nicht eine der bedeutenden Intellektuellen unserer Zeit, würde sie dieses Ereignis nicht kritisch begleiten. Uncritical Exuberance?, zu deutsch: Unkritische Überschwänglichkeit?, ist ein Essay, in dem sie große Wertschätzung für die Person Obamas (“thoughtful and progressive”) und die historische Signifikanz seiner Wahl zum Ausdruck bringt, aber warnt davor, ihn nun als Erlöser zu feiern.

The election of Barack Obama is historically significant in ways that are yet to be gauged, but it is not, and cannot be, a redemption, and if we subscribe to the heightened modes of identification that he proposes (“we are all united”) or that we propose (“he is one of us”), we risk believing that this political moment can overcome the antagonisms that are constitutive of political life, especially political life in these times. There have always been good reasons not to embrace “national unity” as an ideal, and to nurse suspicions toward absolute and seamless identification with any political leader.

Butler erinnert daran, dass die Wahl Obamas mit der Ablehnung von gay marriage, welche von Obama bisher ebenfalls nicht unterstützt wird, zusammenfällt. Er habe die Wahl gewonnen, weil sich die Wähler_innen von ihm eine bessere Wirtschaftspolitik versprechen, und nicht aufgrund moralischer Fragen, die dieses Mal weniger ausschlaggebend gewesen seien. Neben der Wirtschaft sei vor allem die Dis-Identifkation mit Georg W. Bush entscheidend gewesen.

We cannot underestimate the force of dis-identification in this election, a sense of revulsion that George W. has “represented” the United States to the rest of the world, a sense of shame about our practices of torture and illegal detention, a sense of disgust that we have waged war on false grounds and propagated racist views of Islam, a sense of alarm and horror that the extremes of economic deregulation have led to a global economic crisis. Is it despite his race, or because of his race, that Obama finally emerged as a preferred representative of the nation?

Die ideologische und politische Kraft dieses Momentes liege darin, dass Obama als Figur der Einheit fungiere. Das damit verbundene Versprechen, Differenzen und Konflikte zu überwinden, sei faszinierend, führe aber unweigerlich zur Enttäuschung, wenn sich der charismatische Führer als fehlbar und seine Macht als begrenzt erweisen.

Butler greift den Aspekt der Enttäuschung auf, über den ich vor ein paar Tagen auch nachgedacht habe. Doch anders als in den rein pessimistischen Narrativen, die zur Zeit zu lesen sind, findet Butler, dass ein gewisses Maß an Enttäuschung über Obama notwendig ist. Politik sei schließlich kein Freudenfest ohne Ambivalenzen und Spannungen, sondern ein Ort für Debatte, öffentliche Kritik und Antagonismus.

The election of Obama means that the terrain for debate and struggle has shifted, and it is a better terrain, to be sure. But it is not the end of struggle, and we would be very unwise to regard it that way, even provisionally. (…) Some relief from illusion is necessary, so that we might remember that politics is less about the person and the impossible and beautiful promise he represents than it is about the concrete changes in policy that might begin, over time, and with difficulty, bring about conditions of greater justice.

Trotzdem rät sie Obama, in den ersten Monaten seiner Amtszeit wichtige Schritte zu unternehmen, um die Enttäuschung nicht so groß werden zu lassen. Zweifellos werde es in sozialen Fragen einen Trend zu liberaleren Ansätzen geben, auch wenn es wichtig sei nicht zu vergessen, dass sich Obama nicht für eine universelle Krankenversicherung ausgesprochen hat. Butler erwartet, dass sich im Bereich der Wirtschaftspolitik eine neue Rationalität durchsetzen wird, die nicht vor Regulationen zurückschreckt und sich sozialdemokratischen Formen in Europa annähert. In der Außenpolitik erwartet Butler eine Erneuerung multilateraler Beziehungen. Sie fordert Obama dazu auf, Guantanamo zu schließen, die Truppen aus dem Irak abzuziehen und auch in Afghanistan verstärkt nach diplomatischen und multilateralen Lösungen zu suchen.

Butlers Essay erinnert daran, die zeitliche Begrenztheit dieses phantasmatischen Momentes im Auge zu behalten, und sich auf die notwendige Desillusionierung einzulassen. Doch sie erinnert auch Obama an seine Aufgabe, die Enttäuschung nicht zu groß werden zu lassen, denn sonst wird der politische Zynismus der letzten Jahre zurückkommen.

Nachtrag
Gerald Raunig hat Judith Butlers Text über die Wahl von Barack Obama übersetzt:
Kritikloser Überschwang? Obama als “Erlösung”

Not so happily ever after: Reaktionen auf das Verbot der Ehe für Homosexuelle in drei weiteren US-Bundesstaaten

Den gestrigen Nachmittag habe ich damit verbracht, Blogseinträge über die am Dienstag in einigen US-Bundesstaaten durchgeführten Abstimmungen über ein Verbot nicht-heterosexueller Ehen lesen. Im Fokus der Diskussionen steht die für viele überraschende Entscheidung der Kalifornier_innen, Proposition 8 zuzustimmen, und damit die Definition der Ehe in der Verfassung auf heterosexuelle Ehen zu beschränken: “Only marriage between a man and a woman is valid or recognized in California.” In Florida und Arizona wurde gay marriage ebenfalls verboten, und in Arkansas sind homosexuelle Paare nun offiziell vom Adoptionsrecht ausgeschlossen.*

Viele queere und feministische Blogger_innen sind, bei aller Freude über Barack Obama als President-Elect, entsetzt über diese Ergebnisse.

I am officially over the moon that Obama won, but if you are queer, and/or a woman, and/or a person of color, and/or concerned at all about social justice, the battle has just begun.
Jonanna Widner/Bitch Magazine

Es wird über die Ursachen dieser Niederlage für gay-rights Aktivist_innen diskutiert: Was waren Gründe für (heterosexuelle) Bürger_innen, mehrheitlich für Prop 8 zu stimmen? Wurde die Kampagne gegen Prop 8 energisch genug geführt? Welche demographischen Gruppen waren ausschlaggeben für die Entscheidung?
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FrauenLesbenTrans Vollversammlung Uni Hamburg

… AStA schafft FrauenLesbenTransRat ab
Teilautonome entpolitisiert?
Vollversammlungen übergangen
Studierendenprotest kriminalisiert …

Alles egal?

FRAUENLESBENTRANS VOLLVERSAMMLUNG
am Mittwoch, 12. 11. um 16h in der T-Stube rauchfrei

Mehr zur Abschaffung des teilautonomen FrauenLesbenTrans Referates durch den AStA der Uni Hamburg hier, hier, hier, hier und hier sowie im Blog Gegen die Abschaffung des Frauenreferates.

Hochkarätige Tagung zu Intersektionalität in Frankfurt

Am 22. und 23. Januar 2009 findet in Frankfurt/Main die Konferenz Celebrating Intersectionality? Debates on a multi-faceted Concept in Gender Studies statt.

Over the last decade, the concept of ‘intersectionality’ has attracted much attention in international feminist debates. It was embraced as well as repelled by many scholars and at the same time, it has made an incredible international career. Twenty years after the concept was coined by Kimberlé Crenshaw in 1989, it seems appropriate to bring together protagonists as well as critics and discuss the ‘state of the art’ with those that have been influential in this debate.

Wow, im Vergleich zum Intersektionalitätsworkshop Ende November in Hamburg ist diese Konferenz ganz schön hochkarätig besetzt. Neben Helma Lutz, Cornelia Klinger, Birgit Sauer und Paula Irene Villa als Vertreterinnen der Debatte im deutschsprachigen Kontext werden u.a. Nira Yuval Davis (University of East London), Kathy Davis (University of Utrecht), Gloria Wekker (University of Utrecht), Dubravka Zarkov (Institute of Social Studies, The Hague), und Nina Lykke (University of Linkoeping) zur Konferenz beitragen. Und keine geringere als Kimberlé Crenshaw (University of California, L.A.), die den Begriff Intersektionalität 1989 eingeführt hat, wird ebenfalls nach Frankfurt kommen.

Ich bin gespannt, ob die Konferenz neue Impulse in die deutschsprachige Debatte über Intersektionalität geben wird, und denke darüber nach, hinzufahren. Bis zum 9. Januar ist die Registrierung möglich.

The Obama Love Story

Ich liebe meinen Feedreader dafür, diese beiden Posts direkt nacheinander angezeigt zu haben. More Sexappeal in Politics fordert: jetzt kommt mal bitte wieder runter!

es wurde also in einem land far far away und doch so nah ein neuer präsident gewählt. und in der deutschen blogosphäre, auf twitter und z.T. in den medien etc. wird gejubelt, als wenn man selbst irgendwas dazu beigetragen hätte. (…)
amerika jetzt als überdemokratie, gar als demokratischer als deutschland zu feiern, wie ich es heute durchaus gelesen habe (aber jetzt zu faul bin, die links rauszusuchen), finde ich doch etwas blauäugig.

vs. Warum wir Merkel haben von mspro:

Was mich derzeit maßlos aufregt, sind die ganzen nörgeligen Besserwisser, die sich angesichts der Freude über den Präsidenten Obama in gnazigen und käsigen Kommentaren um Kopf und Kragen schwurbeln. Nichts werde besser, weil die Amis halt ja eben so sind wie sie sind, nämlich scheiße. Alles doch nur blödes Gehype, wo man sich ja per se erstmal naserümpfend hinstellen müsse, egal wieso. Und: Politiker sind doch eh doof, also auch Obama.

Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht, was eigentlich der Unterschied zwischen einem geringeren Übel und einem Schritt in die richtige Richtung ist, und welche Rolle Angst vor Enttäuschung bei politischer Partizipation spielt. Gestern Abend habe ich kurz bei hart aber fair reingeschaut, was relativ unerträglich war. Ich glaube es war Josef Joffe, der vor zu viel Euphorie warnte und sagte, dass alle noch bitter enttäuscht werden würden. So what, America? Lieber gleich McCain wählen? Oder gar nicht?

Ein interessantes Narrativ. Es kommt mir vor wie im Film: Nach vielen Enttäuschungen ist sie wieder bereit, sich auf ein neues Glück einzulassen. Doch irgendetwas in ihr ahnt, dass ihr Herz auch dieses Mal wieder gebrochen wird. Werden ihre Befürchtungen wahr, oder wird ihr Mut sich lohnen und sie endlich die große Liebe finden?

Der Wahlabend aka Obama Day

05:00 Is Obama President? Yes, he’ll be.


victoriabernal, creative commons by-nc-sa 2.0

03:28 Wenn Ohio jetzt, wie die Networks vermelden, an Obama geht, und er wie zu erwarten ist die Pazfikküste für sich gewonnen hat, ist es … Ich warte jetzt noch auf die Bilder der jubenden Mengen in Chicago wenn das mit Ohio verkündet wird.
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Google Fail, Hamburg Edition

Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken! Wer findet die Fehler?

Google Screenshot mit Suchergebnis zu HWP Hamburg

Der Treffer passt auf den ersten Blick zum gesuchten Begriff. HWP heißt Hochschule für Wirtschaft und Politik. Vor ein paar Jahren wurde sie mit der Universität Hamburg fusioniert, wo sie als Department Teil der Fakultät für Wirtschaft und Politik ist. Der Link führt jedoch nicht zur Website dieses Departments, sondern zur Universität der Bundeswehr in Hamburg, der Helmut Schmidt Universität. Die Adresse wiederum passt zur HWP, der Pin im Kartenausschnitt zeigt auch auf diese Adresse, aber ist mit “Technische und Makromolekulare Chemie” beschriftet. Irgendwas ist da schief gelaufen in Hamburgs Hochschullandschaft.

Auch mal in die Glaskugel schauen

Ich beteilige mich jetzt einfach mal aus dem Blauen heraus an der Mac-Gerüchteküche. Es ist zwar nicht gerade Hauptsaison, aber ich habe mir neulich, als ich beim Kochen MobileMacs hörte, folgendes überlegt: Nachdem vor ein paar Wochen die neuen MacBooks und MacBook Pros vorgestellt wurden, ist die Produktpalette optisch ein bisschen durcheinander geraten. Während die Laptops im Consumer- und Profibereich bisher zwei klar getrennten Linien angehörten, ist das schon seit dem MacBook Air nicht mehr so, und mittlerweile ziemlich chaotisch. Mit dem neuen, alten Macbook in Weiß gibt es einen Ausreißer im unter 1000 Dollar/Euro Breich, und mit dem nicht geupdateten 17″ MBP einen Ausreißer im Pro-Bereich für die Leute, die einen größeren Laptop wollen. Dabei zeichnete sich die Apple-Produktpalate für mich immer dadurch aus, dass sie so schön übersichtlich ist, und man gleich sehen kann, was das links-oben und was das rechts-unten Modell ist, und von welcher Generation die Geräte ungefähr sind.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Es wird ein Netbook von Apple geben. Die Kleinen sind ja laut Steve Jobs ein aufkeimender Markt. Außerdem spricht dafür, dass die Trennung zwischen Consumer und Pro bei den heutigen RAM und Festplattenpreisen immer weniger sinnvoll ist. Vielleicht heißt die neue Binarität ja tatsächlich ultramobil vs. “mobil, aber eigentlich steht mein Laptop die meiste Zeit in meiner Wohnung”. Es könnte leichte, air-artige Notebooks um die 11″ geben und größere, schwerere um die 15″ für die andere Zielgruppe. Was die Preise angeht, bin ich mir nicht sicher, aber irgendwann sollte ein kleines, leichtes Ding für unter 1000 Dollar doch drin sein. Prognose festgehalten, und in einem halben Jahr schauen wir nach, was passiert ist.

Pferd im Flur

pferdeposter aus der of montreal platte

Tolles Poster aus der neuen Of Montreal Platte Skeletal Lamping.

Links vom 27. Oktober bis 1. November 2008

Die gesammelten Links der Woche nach dem Klick! Außerdem habe ich die Blogroll überarbeitet, ein paar veraltete Sachen rausgeworfen und viele dazu genommen: Bitch Phd und Bitch Magazine, das Ende des Sex, heiter Scheitern, schöner Nörgeln und viele Blogs von ganz unterschiedlichen, tollen Leuten!
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