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Queer Again Konferenz in Berlin

Das DFG Graduiertenkolleg Geschlecht und Wissenskategorie und das Department of English and American Studies der HU Berlin veranstalten vom 23. bis 25. September 2010 eine hochkarätig besetzte internationale Queer Studies Konferenz: Queer Again? Power, Politics and Ethics. Unter den Keynote Speekern sind Jeffrey Jerome Cohen, Roderick Ferguson, Judith Halberstam, José Esteban Muñoz und Susan Stryker. Es ist nach Desiring Just Economies – Just Economies of Desire die zweite große akademische Queer-Konferenz dieses Jahr in Berlin.
Registrieren für die (kostenlose) Teilnahme an der Konferenz können sich Interessierte bis zum 1. September.

The concept of queer is volatile and, at times, difficult to grasp. As a result, we need a continuous review of the fields and directions of Queer Studies (as for instance, in the Social Text issue of 2005 with the programmatic title What’s Queer About Queer Studies Now?). In recent debates the ethical impetus of queer criticism has been confronted and challenged by the dominance of the so-called antisocial thesis. In his 2004 study No Future: Queer Theory and the Death Drive Lee Edelman manoeuvred queer theory into a kind of aporia and thus deep crisis that persists to this day. Subscription to an ‘ethics of futility,’ as Edelman suggests, signals that the borders of ethical thinking have been reached. This prevalence of the antisocial thesis in its different manifestations reveals a pressing need to reflect anew the relationship between queer, theory, art, ethics and politics.

Taking this as a starting point for the conference, we want to take up the iterative moment that seems inherent to the concept of queer: queer is regularly in a state of crisis that needs to be made productive, and in this way it can be continuously reworked and reshaped. We want to open a space to further the debate about sexuality and gender and their multiple interwoven connections in fields of power in contemporary contexts. Consequently, the following questions will be at the centre of attention: How can queer theory be situated in current academic and activist spheres? What does the focus on interdependent relationships (of sexuality, gender, race, ethnicity, class, age, (dis)ability etc.) mean for the formation of a queer ethics? How can we rethink concepts of temporality and generation or community? And what does queer mean in different geographical and temporal contexts?

The panels will be organised along two thematic strands. The first, Affect, Space and Temporality, is concerned with the ethical and political potential of queer and the different political conceptions of queer that arise as a result. The second strand, Limits and Boundary Crossings, takes up current theoretical debates with regard to boundaries and crossings of these boundaries. Which limits and/or transgressions of these limits occur when different theoretical fields collide (e.g. queer theory and transgender theory or postcolonial theory or crip theory/disability studies)? In addition, we want to critically examine the limitations of queer and the concurrent inclusions and exclusions with regard to privileges that queer produces in specific contexts and that demand new critical/queer interventions.

Die politischen Dimensionen der Daten und Informationen

Antje Schrupp und mspro haben heute jeweils Texte geschrieben, die sich um Datenschutz und den Begriff des Datenmissbrauchs drehen. Beide hinterfragen – wie auch schon Christian Heller – die Idee, dass Daten unbedingt geschützt werden müssen. Sie werben für eine Kultur der Transparenz. Mspro kritisiert dabei den Begriff des Datenmissbrauchs grundsätzlich. Zum Einen: Weil sich die Lesarten von Daten nicht fixieren lassen, ist immer mit Kontrollverlust zu rechnen. Zum Anderen: Wo die einen Daten so nutzen, dass es negative Konsequenzen für das Subjekt hat, machen andere tolle, nützliche und schöne Dinge mit den Daten, an die “DatenurheberInnen” niemals gedacht hätten. Man könnte sagen, dass die Fragen, ob Daten ge- oder missbraucht werden, immer eine im weitesten Sinne politische ist. Weil sie nicht grundsätzlich beantwortet werden kann, ist auch ein absoluter Datenschutz normativ nicht wünschenswert.

Mir ist dieser datenschutzkritische Ansatz sehr sympathisch, weil mir die Debatte zurzeit sehr ins Paranoide abrutscht, zu wenig an konkreten Problemen orientiert ist und ich Kontrollverlust für eine ernstzunehmende, aber auch interessante Vision halte. Was mir jedoch auffällt ist, dass oft von “fertigen” Menschen ausgegangen wird. Zwar erkennt mspro an, dass “nicht jeder den Mut, die Stärke, die Macht und die Unabhängigkeit dazu [hat, sich dem Druck, Daten könnten missbraucht werden, anzupassen]. Es braucht ein gehöriges Maß an Privilegiertheit dazu, sich freizügig zu verhalten.” Es scheint mir aber die Einsicht zu fehlen, dass diese Privilegien unter anderem mit den Instrumenten der Daten und Informationen verteilt werden. Hier argumentiere ich mit Foucault nicht im Sinne einer zentralisierten Masterplan-Machtinstanz, sondern im Sinne von komplexen strategischen Machtlinien, die sich durch die Subjekte, Institutionen, Bilder un Daten ziehen. Wie mit Daten regiert wird, hat Foucault in seinen Ausführungen zur Biomacht beschrieben, in denen es um das „Auftreten der Bevölkerung“ als ökonomisches und politisches Problem geht.

Machtwirkungen haben auch Informationen, sie sind nämlich als Repräsentationen Teil von Subjektivationsprozessen. Hier finden wir interessante Hinweise bei Butler, die zeigt, wie Subjekte (also Menschen, also wir) durch Macht nicht nur unterworfen, sondern gleichzeitig von ihr hervorgebracht werden und sich durch ein performatives Ins-Verhältnis-Setzen zu Normen aktiv selbst hervorbringen. Über die Wirkungen von Repräsentationen denke ich im Zusammenhang mit mspros These der Plattformneutralität nach, seit ich seinen Text “Plattformneutralität, Gender und die verdammte der Realität” (der Text vom 28.05.2010 ist aus bekannten Gründen gerade nicht online zu finden) über Gender und die Sigint 10 gelesen habe. Darin setzt er sich mit der Skandalisierung einer künstlerischen Abbildung einer nackten Frau, die auf der Sigint zu sehen war, auseinander. Im Sinne der von ihm geforderten radikalen Informationsfreiheit, die er Plattformneutralität nennt, könne eine solche Repräsentation kein no go sein. Es müsse also darum gehen, durch eine Erhöhung des Frauenanteils auf Konferenzen dieser Art eine Situation zu schaffen, in der Frauen genug Selbstbewusstsein haben, störende Informationen wie diese ignorieren zu können.

Was mspro ausblendet ist, dass solche Repräsentationen eine Rolle spielen bei der andauernden Subjektwerdung. Ich habe nach dem Lesen des Textes über die Nachtfotos von Bikinimädchen im Partykeller meines Onkels nachgedacht, die auf mich als junges Mädchen sicher anders wirkten als auf meine beiden Cousins. Und neulich, als Max und Björn in der Märchenstunde beim “Tapferen Schneiderlein” wieder über den König sprachen, der einfach mal beschließt, seine Tochter dem Helden des Märchens zur Frau zu geben, kam mir auch wieder in den Sinn, wie wenig neutral Informationen sind und was sie immerzu mit uns machen.

Wir müssen uns also immer überlegen, was die Informationen, die wir so in die Welt setzen, und die Daten, die wir gebrauchen und verarbeiten, mit uns und mit den anderen in der Welt machen, ob nützen oder schaden, Handlungsfähigkeit einschränken oder erweitern. Das scheint mir die politische (oder vielleicht sogar ethische) Frage zu sein, die am Datenschutz weiterhin hängt und mit denen wir uns selbst, unsere Freunde, die Unternehmen und die Staaten konfrontieren müssen.

Schmutzige Bücher unordentlich sortiert

Dank Amazon kann ich mir jetzt in den Lebenslauf schrieben, Mitherausgeberin einer Erotik-Anthologie zu sein. Nele Tabler ist wohl schon seit längerem aufgefallen, dass sie bei Amazon die virtuellen Bücherregale umsortiert haben. Heute twittert sie: “Nach Wochen endlich eine brauchbare Antwort bekommen: Belletristik für #Lesben + #Schwule läuft bei amazon nur noch unter Erotik”.

“Verqueerte Verhältnisse”, der 2009 erschienene Sammelband zu unserer Hamburger Vorlesungsreihe “Jenseits der Geschlechtergrenzen” ist in den Kategorien “Bücher > Erotik > Tipps für Schwule” und “Bücher > Ratgeber > Lesben & Schwule > Schwul” gelandet. Nina Degeles “Gender / Queer Studies: Eine Einführung” findet sich unter anderem bei “Bücher > Erotik > Tipps für Lesben”, aber auch bei der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur.

Eine ganz amüsante Verqueerung kategorialer Zuschreibungen, zumal nicht alle Fachbücher und Textsammlungen aus dem Bereich Queer in der Erotikecke gelandet sind. Problematisch wird es allerdings bei den Romanen und Krimis. Bellestrik mit lesbischen, schwulen, bi- oder transsexuellen Held_innen klassifiziert Amazon pauschal als “Erotik > Tipps für Schwule” (bzw. Lesben). Oder aber sie landet in der Ratgeberecke wie zum Beispiel der Roman “Stone Butch Blues” von Leslie Feinberg (Ratgeber > Lesben & Schwule > Coming-out). In genau diesen beiden Kategorien findet sich auch das Werk “Mein schwuler Friseur – oder wie Sie sich mit 2222 Vorurteilen über Ihre Mitmenschen lustig machen”. Das ist wirklich grotesk. Es muss doch möglich sein, dass Amazon seinen Bestand katalogisiert ohne damit Leute erneut vor den Kopf zu stoßen.

nrrrdz000007: geld

nrrrdz logo

Heute geht’s um Geld. Eigentlich ein Thema, über das immer und überall viel geredet wird, aber komischerweise selten in Podcasts und Blogs, wenn es um die Anschaffung von neuen technischen Geräten geht. Der neuste Mac, das neueste iPhone und Reisen zu Konferenzen sind teuer. Uns interessiert, warum die Frage, was sich wer leisten kann, so selten thematisiert wird. Eine Apple-lastige Folge, bei der am Ende nur klar ist, dass Steve Jobs viel Geld verdient. Dieses Mal ohne Facepalm des Monats, weil uns die Sachen einfach zu doof waren, um es Wert zu sein, sich darüber aufzuregen. Aufmerksamkeitsressourcen sind schließlich auch knapp.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz07.mp3[/podcast]
Download (mp3, 84MB)

Erwähntes:
Der Wein und… Podcast mit uns: Wein und … Nerds
Spiegel Online: Neue Erziehungsstudie: Die Kinderglücksformel

Wollen und Dürfen

“Guido und Michael: Warum wir kein Kind wollen. Das verriet der Lebensgefährte von Viezekanzler Westerwelle” und ist in einem Artikel in der Hamburger Morgenpost vom 1. Juli nachzulesen. ((Die Aussagen stammen aus einem Interview in der Bunten, nachzulesen auch bei der Abendzeitung)) Als Powercouple sind der Sportmanager Michael Mronz und Guido Westerwelle, zurzeit Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, sehr eingespannt. Mir ihren besonderen Lebensumständen werden sie einem Kind nicht gerecht, und so nutzen sie die verbleibende Qualitätszeit lieber für die Pflege ihrer Beziehung und um Zeit mit Freunden zu verbringen.

Kein Wort darüber, dass homosexuelle Paare in Deutschland nicht das Recht haben, gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Stiefkindadoption ja, gemeinsame Adoption eines Kindes nicht. Mronz oder Westerwelle, die nicht verpartnert sind, könnten es höchstens als Einzelpersonen versuchen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat derweil festgestellt, dass der Begriff “Familie” nicht auf heterosexuelle Paare zu beschränken sei. Das wäre doch mal ein Ansatzpunkt für die FDP. Aber vielleicht hat Westerwelle ja Lee Edelman gelesen.

Neoliberale Gefühle

Desiring Just Economies – Just Economies of Desire war eine dreitägige Konferenz am letzten Wochenende in Berlin, die vermutlich nur hochgradig spezialisierte Wissenschaftsjournalist_innen sinnvoll zusammenfassen können. Ich fand es inspirierend, kompliziert und lustvoll, angefangen bei Lisa Duggans Keynote, die den Begriff “Feeling” aufs Tablett legte, über die vielen tollen Paper und Vorträge aus postkolonialer, crip und queerer Perspektive bis hin zu Ann McClintocks hinreisend un-akademischen Abschlussvortrag über ihre Kindheit in Südafrika und ihre Erforschung der New Yorker Dominatrix/BDSM Szene.

Die Konferenz war für mich auch ein Update in Sachen “What’s hot in queer theory?” Das Jasbir Puars Begriff “Homonationalism” ein zentraler Referenzpunkt für queertheoretische Auseinandersetzungen ist – zumindest in Nordamerika und Westeuropa –, war schon nach dem Wochenende davor klar, als Judith Butler auf dem Berliner CSD den Civilcouragepreis abgelehnt hatte. Crip theory, u.a. von Robert McRuer und Julie Passanante Elman auf der Konferenez vertreten, ist stark im Kommen. Lee Edelmanns “antisoziale These”, mit der er Queer als Figur der Negativität beschreibt, bleibt fürs erste ein Bezugspunkt vor allem kritischer Auseinandersetzungen. Häufig zitiert wird auch das neue Buch von José Esteban Muñoz. Er wird im September auf der Queer Again? Power Politics and Ethics Konferenz in Berlin sein, die vom Graduiertenkolleg “Geschlecht als Wissenskategorie” organisiert wird. Ein weiterer Schwerpunkt bei “Desiring Just Economies” lag auf der Postkolonialen Perspektive, die hier und da auch lustvoll mit Queerer Theoriebildung in die Auseinandersetzung kam. Die Forderung der Provinzialisierung von Wissensproduktion muss immer wieder aufs neue artikuliert werden, um die Bedeutung des spezifisch kontextualisierten Lokalen zu stärken und die machtvolle Geste der Universalisierung zu unterbrechen.

Zum “Begehren” im Konferenztitel gesellten sich im Laufe der drei Tage auch Affekt, Leidenschaft und Gefühl, die in den verschiedenen Vorträgen dazu dienten, über Funktion- und Verteilungsweisen und Veränderungsmöglichkeiten von Gerechtigkeit und Ökonomie zu diskutieren. Die New Yorker Queer Theoretikerin und Professorin für American Studies Lisa Duggan stellte zu Beginn ihres Vortrags fest, dass die Frage nach politischen und ökonomischen Alternativen heute so drängend sei wie nie. Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit der Mobilisierung von “public feelings”. Anhand Ayn Rands Held in “The Fountainhead” zeigt Duggan, was auch schon in “Twilight of Equality” und ihren Auseinandersetzungen mit Gay Marriage deutlich wurde: Mittels negativer Öffentlicher Gefühle gelingt es, für das markt-radikale Projekt des Neoliberalismus oder für konservative Politiken, die Lebensbedingungen für bestimmte, abweichende Subjekte verschlechtern, zu mobilisieren. Entsprechend schlägt sie vor, diese Strategie wieder für die Linke aufzugreifen und Politiken zu entwerfen, die nicht versuchen, Langeweile, Entfremdung und ökonomischer Depression zu therapieren und überwunden, sondern über genau diese Gefühle soziale Verbindungen schaffen. Interessante These: Vielleicht sitzen wir aber der merkwürdigen Logik des neoliberalen Projekts auf, wenn wir uns hoffnungsfroh einbilden, mit genügend Energie und Elan könnten wir alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Andererseits: Auch bei Duggan geht es um die Mobilisierung, um Aktivität und Handeln. Dagegen stand am Ende der Konferenz der Vorschlag, einfach nichts zu tun. Diese vorgeschlagene Demobilisierung (sexueller) Arbeit war sehr verlockend nach diesem tollen Wochenende, bei dem mein Kopf mehrfach mit buffer overflow zu kämpfen hatte. Zeit für ein Abschlussgetränk auf der Dachterrasse des ICI, im besten Sinne der Cocktailparty, die Lisa Duggan auf twitter und facebook als Gegenbewegung zum tea party movement gegründet hat: “Join The Cocktail Party, a barstool-roots movement for left wing urban homosexuals and the people who love us.”

Who Cares? Open Space in Berlin

Die Berliner_innen, die im März die Who Cares?-Veranstaltung zu queer-feministischer Ökonomiekritik organisiert hatten, machen weiter:

“Who Cares? Wie weiter?”
Komm zum open space am 20. Juni 2010 ! – Feminists — We’re Calling You!

Ökonomiekritik und Queerfeminismus war die Schnittmenge des dreitägigen Diskussions – und Vernetzungsevents vom 4.-6. März 2010 in Berlin-Neukölln. Das Event war in dem bisher anderthalb jährigen Prozess nur ein Zwischenstop und nun geht es weiter!

“Who Cares? Wie weiter?”

ist die Frage zu der wir alle interessierten Menschen (alle Geschlechter/all gender) einladen wollen. Was euch interessiert? Welche Ideen ihr habt? Ideen zu dem “Wie weiter?” Themen zu denen ihr euch austauschen/arbeiten wollt? Zu all dem eignet sich ein Open Space.

Nach einem kurzen Rückblick auf den bisherigen anderthalb jährigen Prozess und auf das Event, haben alle Beteiligten die Möglichkeit ihre Themen und Fragen einzubringen. Wir werden uns dann mehrfach in Kleingruppen und auch in der großen Gruppe dazu austauschen und Punkte und Ergebnisse immer wieder zusammentragen. Durch den Tag wird uns eine open space — Moderatorin begleiten. Für Kekse und Getränke ist gesorgt.

Ökonomiekritik und Queerfeminismus: Worum kann es da gehen? (…)
Wir hoffen, wir konnten eure Neugierde und euer Interesse wecken. Wir sehen uns am Sonntag den 20. Juni von 15 — 20 Uhr im f.a.q. Jonasstr. 40 in Neukölln.

Infos: http://feministische-oekonomiekritik.org/

20 Jahre Jenseits der Geschlechtergrenzen

20 Jahre “Jenseits der Geschlechtergrenzen” Jubiläumsparty
Samstag, 19. Juni 2010, 21 Uhr, Sternstraße 2 im Centro Sociale

Die AG-QueerStudies feiert 20 Jahre ‘Jenseits der Geschlechtergrenzen’. Anno 1990 – das Veröffentlichungsjahr von “Gender Trouble” – als studentisches Projekt an der Uni Hamburg gestartet, besteht die immer noch selbstorganisierte Vortragsreihe seit nunmehr zwei Dekaden. Damals wie heute geht es um kritische Interventionen in die Produktion von (Hetero-)Normalitaeten. Denn: Wir sind gekommen, um zu bleiben  – und uns an den Verhältnissen zu reiben! Was für ein Anlaß zum Feiern! Mit queer-kulturellem Rahmen-Programm, Stößchen, (auch veganer) Torte und Tanz, am 19. Juni ab 21 Uhr im Centro Sociale.

Das – umfangreiche wie grandiose – Programm wird in Kürze auf der Seite der AG Queer Studies veröffentlicht.

SIGINT10 & Feminism: What seemed to be the problem?

Wie ich bereits in meinem kurzen Bericht über die SIGINT10 geschrieben habe, ging es auch am letzten Wochenende in Köln wieder um Geschlecht. Das Thema wurde durch ein Panel auf die Konferenz getragen, das von Ragni ((Sie hat jetzt selbst auch zum Panel bzw. zu einigen “Kritikpunkten” geschrieben: Deaf. For feminism. A reply on failed criticism on a panel at SIGINT
)) moderiert wurde und den Titel “Women and Geek Culture: What seems to be the problem guys?” trug. Mit Heather Kelley, Eleanor Saitta, Leena Simon und Svenja Schröder saßen vier (Queer-)Feminist_innen auf dem Podium, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Geekness und Netzkultur beschäftigen: Heather entwickelt Spiele, Eleanor ist Security-Consultant, Svenja erforscht das Web 2.0, Leena engagiert sich für Freie Software und ist Mitglied der Piratenpartei. Auf dem Panel wurde nicht kontrovers diskutiert. Es war eher ein Zusammentragen von Erfahrungen mit sexistischen Repräsentationen in Computerspielen, Lehrern, die sich nicht vorstellen können, dass Schülerinnen Interesse an Informatik haben oder unangenehme Anmachen auf Konferenzen. Am Ende stellten sie ein paar Ressourcen vor, um sich im Netz zum Thema und Lösungsansätzen zu informieren. ((darunter Geek Feminism Blog, Feminism 101 und Do’s and don’t’s of encouraging women in Linux))

Um zu sehen, dass feministische Positionen scharf angegriffen werden, reichte ein Blick auf Twitter. Anstatt sich mit kritischen Nachfragen und Redebeiträgen zu Wort zu melden, kommentierte manch eine_r die Veranstaltung auf diesem Weg mit einem platten Spruch. Das ist zwar etwas feige, heizte die Diskussion im Raum aber trotzdem an. Und auch nachdem alle den Saal verlassen hatten hörte es nicht auf. Ich war während des Panels ziemlich angefressen vom Unvermögen einiger, sich mal auf eine feministische Perspektive einzulassen. Als ich am Abend aber sah, dass sich in verschiedenen Grüppchen Leute (Männer) über Feminismus, Geschlechterrollen, Männlichkeitsbilder und Normativitäten in der Hackerszene unterhielten, war ich sehr zufrieden, denn ich hatte den Eindruck, dass (queer-)feministische Arbeit fruchten kann. Es gibt aber zwei Probleme, die meiner Meinung nach im Weg stehen.

Erstens: Ich hatte den Eindruck, dass vielen im Publikum nicht klar war, mit welchen Feminismen sie es auf dem Podium zu tun hatten. In Deutschland gibt es ja das Problem, dass Feminismus all zu oft mit der Position von Alice Schwarzer gleichgesetzt wird. Anscheinend sind bestimmte Buzzwords wie Heteronormativität, Differenz oder Queer doch noch nicht angekommen – auch wenn manche_r sie selbst im Munde führt. Damit hängt zusammen, dass Feministinnen anscheinend in der Verantwortung stehen, klar zu machen, dass sie nicht sexualitäts- und lustfeindlich sind. Das finde ich gelinde gesagt merkwürdig. ((An dieser Stelle verweise ich auf die sehr klar formulierten 15 Thesen zu Feminismus und Postgender von Antje Schrupp.)) Auch die Debatten um Intersektionalität und den Zusammenhang von Sexismus, Rassismus, Klassismus und anderen Formen von Diskriminierung, die aus der Geschlechterforschung nicht wegzudenken sind, scheinen vollkommen unbekannte Features von Feminismus zu sein. Es hilft nichts: Diese Punkte müssen wohl explizit benannt werden.

Zweitens: Es ist schwierig zu verstehen, dass komplexe gesellschaftliche Phänomene manchmal paradoxe Handlungsstrategien hervorbringen. Relativ viele haben anscheinend schon von Queer und uneindeutigen Geschlechtergrenzen gehört und finden es wichtig, binäre Normativitäten nicht zu reproduzieren. Ich bin der Meinung, dass feministische Politiken und Theorien die Gefahr der Reproduktion von Heteronormativität und Zwangszweigeschlechtlichkeit wieder mehr selbstkritisch hinterfragen müssen, auch wenn sie diese zum Ausgangspunkt der Kritik nehmen. Es kann aber nicht sein, dass sich Leute hinstellen und Queer auf die Fahne schreiben, die nicht bereit sind, ihre eigenen Praxen zu hinterfragen und ihre Position zu benennen, und damit letztlich nur ihre antifeministischen Reflexe legimieren wollen. Queer ist keine harmlose Variante von Feminismus mit einer moderneren Theorie. Queer ist Widerstand gegen das Normale.