Kategorie: Rassismuskritik

Inszenierung von Privilegien

Wenn (weiße) Student_innen ungewöhnlich früh an der Uni sind und den Reinigungskräften begegnen, denken sicher viele für einen Moment darüber nach, wie ihre Universität – die zumindest in meiner (möglicherweise veralteten) Vorstellung – nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensraum vieler Studierender ist, eigentlich funktioniert. Unter welchen Bedingungen und zu welchen Löhnen Leute die Räume gereinigt werden, während Studierende noch selig schlafen und was eigentlich der Grund dafür ist, dass bestimmte Leute das Bild in den Hörsälen und Seminarräumen prägen, während man andere nur früh am Morgen ihrer Arbeit nachgehen sieht. Bei anderen wiederum scheinen solche Begegnungen Phantasien des wilden, unzähmbaren Afrika auszulösen. Anlässlich eines skandalösen “Image-Films” des Hamburger Uni-AStA hat die AG Queer Studies heute ein Statement veröffentlicht. Dort findet ihr auch viele Links zum Anlass des Protestes.

Intersektionalität – all inclusive?!

Morgen früh beginnt an der Uni Hamburg eine Winterschool mit dem Titel “Intersektionalität als Kritik”, die ich zusammen mit vielen Kolleginnen organisiert habe. In vier Seminaren werden sich über 80 Teilnehmer_innen bis Sonntag mit intersektionalen Fragestellungen und Forschungsansätzen beschäftigen. Zum öffentlichen Teil der Veranstaltung gehören die Vorträgen der Dozent_innen am Donnerstag und Freitag Vormittag (10-13 Uhr im ESA W Raum 221) und eine Diskussionsveranstaltung mit Inputs am Samstag Abend. Von 19 bis 21 Uhr stellen wir uns der Frage “Intersektionalität – all inclusive?!”. Die Veranstaltung findet in der Edmund-Siemers-Allee 1 im westlichen/linken Flügelbau des Hauptgebäudes der Uni in Raum 221 statt und wird von Schriftmittler_innen begleitet. Das Flyer-PDF könnt ihr hier runterladen.

Soziale Ungleichheit und Netzneutralität

The Internet provides our communities with a medium to access services, find jobs, connect to friends, make inexpensive international phone calls to family members, and to advocate for social change. Many of the most valuable things we do online are noncommercial; they exist because the Internet is the first mass media system with no gatekeepers to dole out privilege to the highest bidder. That freedom and openness is what makes the Internet different from broadcasting and cable. We can’t allow Comcast, AT&T, Verizon and other broadband providers to deliver substandard Internet service to our communities.

Spannend: Netzpolitische Kommentare werden ja meistens aus einer scheinbar neutralen, universellen Perspektive verfasst, die wenig situiert ist. Im Gegensatz dazu diskutieren Malkia Cyril, Chris Rabb und Joseph Torres das wichtige Theme der Netzneutralität in ihrem Artikel The Internet Must Not Become a Segregated Online Community aus einer dezidiert verorteten Perspektive (via feministing). Welche Auswirkungen hat es für den Alltag und die politische Organisierung von nicht-weißen, nicht-mittelständischen Leuten, wenn Telekommunikationsunternehmen zu Gatekeepern werden und beispielsweise preiswerten Zugang zum Internet auf wenige, ausgewählte und zahlungskräftige kommerzielle Websites beschränken können? Im Zusammenhang mit Netzneutralität ist es neben einem grundsätzlichen Einfordern von freiem Internet also wichtig zu fragen, was die Konsequenzen von Beschränkungen sind: Welche Anbieter können es sich leisten, sich in die Angebotspalette von Providern einzukaufen und welche nicht? Auf welchen Kundenkreis wären die Angebote zugeschnitten, und wer kommt dabei nicht vor? Und schließlich: Wer kann sich einen ungefilterten Zugang zum Netz dann noch leisten, und wer nicht? Ein Verzicht auf Netzneutralität bedeutet, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und soziale Ungleichheit eine noch stärke Auswirkung auf den Zugang zum Netz und die Frage, wer das Netz für seine Interessen nutzen kann, haben werden, als sie es im Zeitalter der digitale divide ohnehin schon tun.

Queering Gentrification

Dieser Text ist erschienen in [sic!] Forum für feministische Gangarten Nr. 64, S. 32-33 unter dem Titel “Gibt es eine queere Ökonomiekritik?”

Seit geraumer Zeit finden vielfältige queer-theoretische Auseinandersetzungen mit Kapitalismus und Neoliberalismus statt, die nach den Zusammenhängen von Heteronormativität und sexuellen Politiken mit ökonomischen Verhältnissen und Arbeit fragen. Für eine queere Ökonomiekritik stellt sich immer wieder die Frage, inwiefern queere Politiken in neoliberale Diskurse eingebunden sind. Neoliberale politische Strategien der Ökonomisierung des Sozialen rufen Subjekte als eigenverantwortliche und freie Unternehmer_innen ihrer Selbst an. Paradoxerweise sind neoliberale Verhältnisse damit nicht nur durch den Abbau sozialer Gerechtigkeit und die Einschränkung demokratischer Teilhabe gekennzeichnet, sondern auch durch die Anerkennung von Differenzen, wie beispielsweise Lebensformen, die heteronormativen Vorstellungen nicht entsprechen. Kann diese Ambiguität als Ressource widerständiger Praxen genutzt werden, wie Antke Engel (2009) es fordert, und welche Vorstellung des Kapitalismus ermöglicht es, Widerstand zu denken?
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Kritikunfähig

Gestern berichtete der Braune Mob e.V. von einer Plakatkampagne der Grünen im nordrheinwestphälischen Kaarst und stellte fest, dieses Plakat ist Ein Grund, nicht Grün zu wählen. Die Kaarster Grünen hatten zu diesem Zeitpunkt schon auf Kritik reagiert, falls man das so nennen möchte. Im Mädchenblog stellt sv fest, dass die Kaarster Grünen damit nur mangelnde Reflektionsfähigkeit und ihren Glaube an die eigene Unfehlbarkeit zur Schau stellen. Außerdem hat sie ein weiteres Wahlplakat der Kaarster Kampagne entdeckt, in dem extrem unkritisch mit dem Thema Körpernormen umgangenen wird.

Auch die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland zeigt in ihrer Stellungnahme, dass die Kaarster Grünen in ihrem Rechtfertigungsversuch “weiße Definitionsmacht mit Verweis auf anonyme Stimmen ‘mit Migrationshintergrund'” verteidigen, “anstatt Verantwortung zu übernehmen“. Wer weiß, vielleicht kommt man in Kaarst doch noch zu der Erkenntnis, dass antirassistische Grundsätze nicht immun machen, sondern eine_n immer wieder dazu anregen sollten, für Kritik offen zu sein und das eigene Handeln zu hinterfragen. Das Handelsblatt hat derweil eine kleine Geschichte aus der Frage gemacht, wie diese bescheuerten Wahlplakate eigentlich entstehen: Sex, Lügen und Wahlplakate in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt.

Kaffee und kolonialrassistische Kontinuität

Dass bei mancher Edeka-Filiale kein Gespür für Eurozentrismus und Rassismus vorhanden zu sein scheint, wissen geneigte Leser_innen dieses Blogs schon seit Alibabas Ananasshow (dieser Artikel bringt im übrigens immer viele Leute über das Suchergebnis zu “Ananas schneiden” auf die Seite). Im Edeka hier in der Nähe gibt es seit längerem Kaffeespezialitäten von Becking Kaffee. Die Hamburger Firma schmückt ihre Verpackungen mit einem klassisch kolonialrassitischen Motiv: Einem dienenden Schwarzen Jungen. ((Ich habe mich dagegen entschieden, das Foto direkt in den Text zu posten.))

Ich hatte vor einiger Zeit eine Email an Becking Kaffee geschrieben, die bis heute leider unbeantwortet blieb.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Beim Einkaufen im Supermarkt bin ich auf Ihre Kaffeeprodukte aufmerksam geworden und habe mich über das Motiv auf dem Etikett geärgert.

Meines Erachtens reproduzieren sie damit das kolonialrassistische Stereotyp des unterwürfigen, dienen Schwarzen Jungen/Sklaven. Ich finde es höchst problematisch, solche Motive zu verwenden, gerade wenn man selbst eine privilegierte weißen und europäischen Position inne hat und in einem Land wie Deutschland ansässig ist, das selbst eine imperialistische und kolonialistische Vergangenheit hat.

Eine solche Abbildung mag “romantisch” wirken und an die gute alte Zeit und Kaffeetradition erinnern. Doch letztlich ist dies ein äußerst verklärendes Bild auf eine Zeit, in der europäische Staaten Menschen im “Rest der Welt” unterwarfen, unterdrückten und ausbeuteten – all dies vor dem Hintergrund einer Ideologie, welche diese Politik als “Zivilisierung” scheinbar rückständiger “Wilder” legitimierte. Bis heute wirkt sich dieses Denken auf die Machtverhältnisse innerhalb von Gesellschaften und in der ganzen Welt aus.

Ich bin der Meinung, dass ein Motiv, wie ich es auf Ihren Kaffeepackungen sehe, nicht nur an diese Zeit erinnert, sondern Stereotype aufrechterhält, die zu einer rassistischen Weltauffassung beitragen. Sie werden vermutlich erwidern, dass diese rassistische Konnotation von ihnen nicht intendiert war, und ich glaube Ihnen das auch. Die Wirkung von Bildern und Äußerungen hängt jedoch nicht von der Intention derjenigen ab, die sie verbreiten.

Ich finde den Gedanken daran, dass Schwarze Kinder in unserer Gesellschaft Menschen, die ihnen in Bezug auf die Hautfarbe ähnlich sehen, lediglich auf Plakaten von Hilfsorganisationen, oder auf Kaffeeverpackungen als unterwürfige Diener sehen, erschreckend und beschämend.

Aus den oben dargelegten Gründen möchte ich Sie dazu auffordern, über ein Neudesign Ihrer Verpackungen nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen,

Kathrin Ganz

Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt. Mein Schreiben sowie Ihre Antwort werde ich zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

Apropos Kaffee: Der Chaosradio Express Podcast #119 zum Thema ist wirklich hörenswert.

Happy Herrentag

herrentagHeute ist Christi Himmelfahrt, auch als Herren-, Männer- oder Vatertag bekannt. Während die Familie die Mama am Muttertag mit Blumen und Kuchen ehrt, geht’s am Vatertag auf zur feucht fröhlichen Herrenpartie. Eine schöne Aktion dazu gab es 2002 in Berlin. Die AG Gender Killer hatte eine Bekanntmachung im Namen des damaligen Berliner Wirtschaftssenators Gregor Gysi plakatiert, die Gewalt durch heterosexuelle, deutsche Männer thematisiert und eine Ausgangssperre verkündet.

Bekanntmachung

Ausgangssperre für Männer am 09. Mai 2002

1.) Für die Zeit vom 08. Mai 2002, 23.00 Uhr bis zum 10.Mai 2002, 01.00 Uhr wird imgesamten Stadtgebiet eine Ausgangssperre für alle deutschen, heterosexuellen Männer verhängt.
2.) Ausnahmegenehmigungen für besondere Berufsgruppen wie Ärzte und Feuerwehrmänner können bei der zuständigen Behörde bis zum 03. Mai 2002 beantragt werden.
3.) Außer dem Arbeitsrecht bleiben alle weiteren Gesetzte von der Verfügung unberührt.
4.) Zur Durchführung und Durchsetzung der Ausgangsperre wird auf die Erkenntnisse der Meldestellen und anderer Behörden zurückgegriffen.

Am so genannten “Herrentag” häufen sich seit Jahren sexistische, rassistische, faschistische und antisemitische Pöbeleien, Übergriffe und Anschläge. Bei den Tätern handelt es sich fast ausnahmslos um deutsche, heterosexuelle Männer. Jahr für Jahr ziehen diese alkoholisiert durch die Straßen und praktizieren Gewalt gegen Frauen, Lesben, Schwule, MigrantInnen, Behinderte und andere Menschen die sie nach ihrer patriarchal-nationalistischen Ideologie für minderwertig halten. Am so genannten “Männertag” tritt diese in Deutschland zur Normalität gewordene Gewalt in potenzierter Form auf. Die Berliner Polizei ist auf Grund ihrer patriarchalen Strukturen und der reaktionären Weltanschauung des Großteils der BeamtInnen nicht in der Lage solcherart Übergriffe zu unterbinden. Aus diesem Grund haben wir uns zu dem ungewöhnlichen Schritt der Ausgangssperre entschlossen. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren zudem die positiven Erfahrungen mit dem Modelprojekt “Platzverweis aus der Wohnung in Fällen häuslicher Gewalt”. Bei diesem von der ehemaligen Frauensenatorin Gabriele Schöttler und dem Polizeipräsidenten Gerd Neubeck gemeinsam initiierten Projekt wurden gewalttätige Männer bis zu 7 Tage der Wohnung verwiesen. Denn die auch am so genannten “Vatertag” auf die Straße getragene sexistische Gewalt findet zum überwiegenden Teil im privaten Raum statt. So stammen die Täter sexualisierter Gewalt zum Großteil aus dem Bekanntenkreis der betroffenen Frauen und Kinder. Mit der Ausgangssperre für Männer soll diese Gewalt nicht wieder in den nicht-öffentlichen, familiären Raum verdrängt werden um sie damit unsichtbar zu machen. Vielmehr soll der öffentliche Raum an diesem Tag als Schutzraum für die Betroffenen etabliert werden. Der Männergewalt soll an diesem Tag ganz praktisch aber vor allem symbolisch etwas entgegengesetzt werden. Es soll aufgezeigt werden, dass rassistische, sexistische, … Übergriffe immanenter Teil der Verhältnisse sind in denen wir leben und die von jedem und jeder einzelnen mehr oder weniger getragen werden. Am 09. Mai 2002 sollen im gesamten Berliner Stadtgebiet Veranstaltungen, Konzerte, Partys, usw. von und für Frauen, Lesben, Schwule, Behinderte, MigrantInnen und Kinder stattfinden. Damit soll den Tätern der (öffentliche und private) Raum genommen werden, den sie sonst so selbstverständlich in Anspruch nehmen.

Im April 2002, Gregor Gysi ( Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen )

Satire!

Edit 2014: Das Dokument ist heute 12 Jahre alt. Eins kann daran gut nachvollziehen, wie sich die Begrifflichkeiten queer-feministischer Auseinandersetzungen verändern. Zum Beispiel war damals das Wort “cis” noch nicht bekannt und heute würde auf so einem Plakat sicher auch von “weiß” die Rede sein, statt lediglich die Differenz “Deutsch” – “Migranten” aufzumachen. Yay Quellen.

Die AG Queer Studies bloggt

Die AG Queer Studies, Organisator_in der Vortragsreihe Jenseits der Geschlechtergrenzen und Herausgeber_in des gerade erschienen Sammelbandes Verqueerte Verhältnisse hat jetzt unter agqueerstudies.de ein eigenes Blog. Dort werden wir über unsere Veranstaltungen und Projekte informieren und demnächst die Vorträge der Ringvorlesung als Podcast zur Verfügung stellen.

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal ganz besonders auf den Vortrag an diesem Mittwoch hinweisen, den die AG Queer Studies in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) der Uni Hamburg veranstaltet. Christiane Hutson, Lehrbeauftragte in den Gender Studies an der HU und in den Erziehungswissenschaften an der Uni Bielefeld, spricht über die Intersektionen von Rassismus, Hetero/Sexismus und Ableism: Unverschämt. Wir im Spannungsfeld von Rassismus, Hetero/Sexismus und Ableism.

Buchvorstellung mit Georg Klauda

“Homophober Moslem, toleranter Westen?” – diese Vorstellungen versucht Georg Klauda in seiner Monographie “Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt” (Männerschwarm Verlag) zu historisieren und zu verkomplizieren. Am Dienstag Abend wird er das Buch im Rahmen eines Vortrags mit Diskussion in der Werkstatt 3 (Nernstweg 32, Hamburg Altona) vorstellen.

Islamische Staaten geraten durch die Verfolgung „Homosexueller“ immer wieder in den Blickpunkt der Medien, und wenn sich hierzulande deklassierte Halbstarke aggressiv gegenüber Schwulen zeigen, fragt man reflexhaft nach ihrem „kulturellen Hintergrund“. Dabei ist die klassische türkische und arabische Liebeslyrik voll von gleichgeschlechtlichen Motiven, die man in der Literatur des „aufgeklärten“ Abendlands vergeblich sucht.

Angesichts dieses Widerspruchs zeichnet der Referent die Konzepte mann-männlicher Liebe und Lust in christlichen und muslimischen Gesellschaften vergleichend nach. Er zeigt den historischen Anteil des Westens an der Formierung antihomosexueller Diskurse in der islamischen Welt und belegt, dass auch in Deutschland – trotz aller gegenwärtigen Liberalität – von einer Auflösung des heteronormativen Korsetts keine Rede sein kann.

Weitere Informationen und Termine zur Buch-Tour und ein Interview mit Georg Klauda von Radio Z in Nürnberg