Author: Kathrin

Kurze Erläuterung regarding Netzfeminismus

Ich seufzte “in sachen #netzfeminismus passiert genau das, was ich erwartet habe” und erläuterte auf Nachfrage: “ein label claimen löst abgrenzungsreaktionen aus. und dann geht alles seinen gewohnten gang”

Es ist doch so: Netzfeminimus war bis vor einigen Monaten ein diffus benutzter Begriff, auf den sich im deutsch(sprachig)en Internetdiskurs einige Menschen bezogen, die irgendwas mit Feminismus im Internet zu tun haben. Feministische Blogger_innen und Twitterer_innen. Leute, die sich Netzpolitik aus feministischer Perspektive beschäftigen und/oder die sich gegen Sexismus im Netz einsetzen und/oder die mangelende Repräsentanz von Frauen in Internetdiskursen thematisierten und/oder das Netz als Raum zur Vernetzung ansehen und/oder dort feministische Themen artikulieren, die gar nichts mit dem Internet zu tun haben und vieles mehr.

Keine feste Gruppe, sondern ein heterogenes Feld mit verschiedenen Knotenpunkten (und die mädchenmannschaft ist ein mächtiger Knotenpunkt darin, keine Frage). Kein einheitlicher Feminismus, sondern Feminismen mit Bezug auf das Internet als Raum und Thema (dies auch als Antwort auf die Frage von @tante).

Mit der Gründung von netzfeminismus.org wird der Begriff aufgegriffen und inhaltlich gefüllt. Das passiert ganz von alleine, auch wenn die Initiatorinnen Offenheit und Vorläufigkeit betonen und das Projekt noch nicht so recht aus den Puschen zu kommen scheint. ((Vollstes Verständnis dafür.)) Gleichzeitig wird die Seite netzfeminismus.org auch zu einer Anlaufstelle für Interessierte. Also zu einem weiteren Knotenpunkt, der sich von den anderen eigentlich nur durch eine kleine Sache unterscheidet: Der Name scheint für etwas größeres zu stehen.

Netzfeminismus: Ist das ein pars pro toto oder ein totum pro parte? Bis jetzt wird das Projekt Netzfeminismus.org vor allem mit dem Netzfeministischen Bier und mit der Frage der Besetzung von Podien mit Frauen in Verbindung gebracht. Obwohl das Projekt noch am Anfang ist, Austausch und Vernetzung als Ziele benannt sind und es dazu sicher noch eine Reihe interessanter Ideen gibt, ist die kritische Außenwahrnehmung bereits zu dem Urteil gekommen, dass es Netzfeminismus.org um das Eindringen in den Mainstream/Malestream geht. Ich vermute, dass das gar nicht die Intention von (allen?) Initiatorinnen von netzfeminismus.org ist. So richtig greifbar ist sie aber nicht, gerade in Bezug auf die Namenwahl.

Jetzt grenzen sich die ersten ab, wollen mit diesem Label nie was zu tun gehabt haben und rufen “Nein, das ist nicht der (Netz-)Feminismus!”

Wer ist schuld? Diejenigen, die Netzfeminismus als Begriff besetzt und hoffnungsvoll gedacht haben, damit nichts zu definieren? Oder diejenigen, die dem Projekt nicht die Zeit lassen, sich zu entfalten?

Das ist tatsächlich gar keine Frage, die ich beantworten will. Ich bin nur ein bisschen genervt, weil dieser feministische Dunstkreis im Netz für mich eine Zeit so aussah, als könnten sich aus der Heterogenität heraus temporäre, strategische Bündnisse finden. Neue Formen des politischen Handelns basierend auf weak ties. Aber irgendwie geht jetzt alles seinen üblichen Gang und man sieht schön, wie das Ringen um Hegemonie gar nicht unbedingt etwas von Intentionen angetriebenes sein muss. Das festigt mich zwar in meiner politischen Theorie (\o/), aber langweilt mich auch. Wahrscheinlich wird uns die Frage, ob Netzfeminismus.org jetzt den ganzen Netzfeminismus repräsentiert (“Wollen wir gar nicht!” – “Wollt ihr wohl!”) jetzt erstmal eine weile beschäftigen. Hoffen wir, es wird wenigstens einigermaßen produktiv.

Zur nullten Spackeriade

Dieser Tage war wieder Chaos Communication Congress (im Folgenden auch 28c3). Parallel und in Fußnähe dazu fand am 29. Dezember die 0. Spackeriade (im Folgenden auch spack0) statt. Die Minikonferenz der Datenschutzkritischen Spackeria war gedacht als “eine Plattform […] für alle, die sich mit Datalove, Kontrollverlust, sozialer Vernetzung, Post-Privacy oder Informationsfreiheit in mehr oder weniger utopischer Art und Weise auseinandersetzen möchten.” Bei freiem Eintritt gab es sowohl für Kongressbesucher_innen als auch andere die Gelegenheit, zwischendurch oder die ganze Zeit im HBC (schöne Location für Leute, die der Rauch rund um die Bar nicht stört) vorbei zu schauen und sich die insgesamt neun Talks und Podien anzuschauen. Bei den meisten geht das übrigens auch nachträglich. Ich hab auch noch nicht alle gesehen und bin besonders auf Tantes “Program or be Programmed” noch sehr gespannt.

Unterm Strich wurde auf der spack0 zu viel über die Spackeria und zu wenig über Fragen des Kontrollverlust gesprochen. Nachdem ich die ersten Talks verpasst hatte dachte ich nach dem zweiten Dritten, dass es vielleicht stimmt: Der Diskurs gibt gerade nicht viel her. Die Positionen sind bekannt und die romantisierenden Verkürzungen eigentlich auch schon analysiert. Gähn.

Wenig überzeugt haben mich zum Beispiel die von Ole Reißmann vorgetragenen und zusammen mit Anna Sauerbrey entwickelten 11 Thesen zur datenschutzkritischen Spackeria. Seit wann ist “Warum stellt sich die Spackeria nicht nackt mit Langhans vor eine Wand?” eigentlich eine These? Klar, Journalist_innen finden es gut, wenn Gruppen bestimmte Themen für sich beanspruchen und dazu medienwirksame Bilder produzieren. Aber diese Erwartungshaltung! Am besten fand ich die Idee, dass die Spackeria doch mal recherchieren sollte, ob die Landesdatenschutzbeauftragten in Deutschland nicht unglaublich viel Geld verwenden mit unsinnigen Aktionen. Ist das nicht eigentlich der Job von Journalist_innen? Womit Reißmann allerdings recht hat: Von irgendjemand musste die Datenschutzkritik aufgegriffen werden, damit sie als Standpunkt im Diskurs auch greifbar wird. Aber wie es von da aus weiter geht sollte sich nicht an den Interessen von Spiegel Online und co. orientieren.

Das Abendprogramm fand ich interessanter. Bei Helga Hansens feministische Kritik an Post-Privacy wurde mir etwas zu viel schwarz-weiß Malerei betrieben, aber Helga hat den Finger auf eine wichtige Wunde gelegt und das scheint beim Publikum auch angekommen zu sein: Wer trägt die Kosten der Öffentlichkeit und wo bleibt die Solidarität? Dass es wichtig ist, sich mit sozialen Fragen und diesem Privilegiending auseinanderzusetzen, wenn es um Informationsfreiheit geht, war auch der Punkt in Daniel Schweighöfers Vortrag: Kampf für die Informationsfreiheit ist ein sozialer Kampf. Mir hat gut gefallen, wie er die zum Teil schwierigen gesellschaftskritischen Begriffe und Konzepte für den Kontext des Post-Privacy Diskurses erklärt hat.

Der Fikileaks-Talk über ein Projekt, dass Beziehungen innerhalb eines Bekanntenkreises (“Wer küsst wen?”) visualisiert, war unterhaltsam und anschaulich kontrollverlustig. Die interessanten Fragen konnten aber aus Gründen nicht ausführlich diskutiert werden. (Das wäre wieder die Sache mit den unterschiedliche Positionen, die sich zeigen, wenn die einen sich mit Slut Shaming konfrontiert sehen, während andere tolle Hechte sind und dritte mit dem “forever alone” Stigma zurecht kommen müssen. Aber auch die Frage nach Intimität und Privatsphäre, Beziehungsformen, Eifersucht usw.)

Vollkommene Nabelschau wurde dann in der Abschlussrunde betrieben, in der die Fails der Spackeria und insbesondere das Thema Langhans-Ein-und wieder Ausladung beleuchtet wurden. Und immer wieder die Frage: Als was versteht sich eigentlich diese Spackeria? Es scheint nötig zu sein, dass diese Gruppe ein Selbstverständnis entwickelt, wenn sie öffentlich als Gruppe auftritt. Denn bei allem Individualismus im Standpunkt (Warum dann nicht solo bloggen?) und dem ziemlich naiven Jeder-soll-sprechen-dürfen (Habermas meets Darwin? Wäre ich eine Rampensau, hätte ich Plomlompom das Mikro entrissen und “Mimimi” gesungen. Weil: Jeder Sprechakt hat hier seinen Platz!) müssen da eben auch kollektive Entscheidungen getroffen werden. Oder man entscheidet sich dafür, das sein zu lassen und es bei der Rolle des Diskordes, der den Zankapfel durchs Dorf gerollt hat, zu belassen. Mein Interesse, diese Selbstfindung beizuwohnen ist allerdings nicht so groß. Der Kongress ist ja auch nicht die CCC-Mitgliederversammlung (da fände ich es tatsächlich spannender, Mäuschen zu spielen)

Ich möchte lieber über Post-Privacy, Öffentlichkeit, Sicherheit, Kontrolle, das Politische und das Private sprechen.

Wie notwendig das auch weiterhin ist wurde bei den “Security Nightmares” am nächsten Tag auf dem 28c3 wieder deutlich. Er ist eine der Traditionsveranstaltungen auf dem Kongress. Frank Rieger und Ron blicken zurück auf die IT-Sicherheitsdebakel des vergangen Jahres, beömmeln sich über neue privatwirtschaftliche und staatliche IT-Großprojekte und überlegen zusammen mit dem Publikum, was in der Zukunft schief gehen könnte. Dabei werden jede Menge Zoten gerissen und das Publikum bestätigt sich in der Selbstwahrnehmung, in dem ganzen Wahnsinn wenigstens auf der Seite derer zu stehen, die den Durchblick haben. Im Grunde zeigen die Security Nightmares jedoch, dass Sicherheit meistens nur gefühlte Sicherheit ist. Das gilt für die elitären Hacker, die sich vielleicht schon in einem Jahr damit konfrontiert sehen, dass ihr liebstes Privacy Tool doch seine Schwachstellen hat ebenso wie für die “dummen User”, denn “dumm” heißt in diesem Kontext oft nur, dass man es nicht zu einer seiner Prioritäten machen will oder kann, über Risiken, Technologien und Sicherheitsmaßnahmen auf dem neusten Stand zu bleiben und den Code am besten immer selbst zu kompilieren. Und so kommt auch Frank Rieger während des Talks zu der Erkenntnis, dass Daten verloren gehen werden und alles eine Machtfrage ist.

Unternehmen, die in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem auf dem Markt agieren sammeln Daten, die sie verkaufen oder auf anderem Weg zu Profit machen wollen. Oder sie verlieren sie auf dem Weg.

Repressive Staatsapparate wollen kontrollieren, überwachen und strafen. Die Biomacht ist auch überall am Werk (aber jetzt wird es zu foucaultisch).

Ich prangere das an.

Und jetzt?

Sich ins Fäustchen lachen hilft jedenfalls nicht. Zu hoffen, dass die positiven Folgen der informationstechnischen Entwicklung überwiegen, auch nicht.

Um eine politische Diskussion zu führen, ist es wichtig, dass sich in den vergangen zwei Jahren Positionen zugespitzt haben. Dieser Antagonismus zwischen Post-Privacy und Datenschutz-Aluhüten hat den Raum für Diskussionen aufgemacht, die vorher nicht artikulierbar waren. Was wir jetzt brauchen, ist eine ernsthafte, facettenreiche Auseinandersetzung, für die der Kongress, die nächste Spackeriade und die im Mai stattfindende Sigint Plattformen sein können.

PS:
Und dann ist da noch die Sache mit dem Namen. Ich frage mich seit die Spackeria das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, was von diesem Namen zu halten ist. Klar: Es ist zunächst ein Mal eine subversive Aneignung eines abwertend gemeinten Schimpfwortes. CCC-Sprecherin Constanze Kurz hatte nämlich auf dem 27c3 Post-Privacy Spacken gedisst. Aber trotzdem muss man sich fragen, ob “Spacken” ein Begriff ist, den eins sich einfach mal so aneignen sollte. Bei meinen (schnellen) Recherchen fand ich Hinweise darauf, dass der Begriff von Spas/ti/ker kommen könnte. Damit hätte es sprachlich einen behindertenfeindlichen Hintergrund. Sich negativ belegte Begriffe als politische Selbstbezeichnungen aneignen ist eine politische Strategie für die diskriminierte Gruppe, nicht für andere Gruppen.
Aber so ganz eindeutig ist das bei Spacko wohl nicht, denn das Wort könnte auch wo anders her kommen. Wenn jemand bessere ethymologische Quellen zur Hand hat wäre ich für Hinweise dankbar.

Edit: Hier gibt es einen Hinweis auf die Herkunft von Spacko: ” Der Spack oder die Spacke ist norddeutsch/platt eigentlich ein abgemagerter Mensch. Das Wort ist eine Verballhornung des plattdeutschen Wortes Spökenkieker, das hochdeutsch mit Hellseher oder Vorausschauer übersetzt werden müsste.”

White Charity

Seit dieser Woche ist “White Charity. Schwarzsein und Weißsein auf Spendenplakaten” online zu sehen. Der Film von Carolin Philipp und Timo Kiesel thematisiert die Reproduktion von Rassismen durch die Plakatwerbung von deutschen entwicklungspolitischen Organisationen. Ich hatte die Gelegenheit, bei der Premiere mit anschließender Podikusmdiskussion dabei zu sein, wo auch die Frage thematisiert wurde, wer bei den Organisationen darüber entscheidet, ob die Repräsentationen von PoC oder von “Afrika” angemessen sind. Fragt sich nur, wann die Entwicklungshilfeorganisationen sich hinstellen und sagen: OK, das ist bullshit, was wir hier machen.
Die besondere Stärke des Filmes sind die Statements von Grada Kilomba, Peggy Piesche und dem Spoken Word Künstler Philipp Khabo Köpsell, die auf analytische und künstlerische Weise deutlich machen, was die Repräsentationen der Charity-Plakate mit Weißen und PoC machen.
Auf der Website zum Film findet ihr informative Hintergrundtexte und weiterführende Literaturangaben und die Möglichkeit, “White Charity” auf DVD zu bestellen. Der Film steht unter einer Creative Commons Lizenz (by-nc-sa) und wird in nächster Zeit auch bei Veranstaltungen in verschiedenen Städten zu sehen sein.

nrrrdz000016: wie weiter mit dem netzfeminismus?

nrrrdz logoVor einer Woche saßen wir zusammen und haben über die letzten zwei, drei Jahre Netzfeminismus gesprochen. Vorab: Es geht um unsere Perspektiven darauf, die Leute, die wir kennen und die Ereignisse, bei denen wir dabei waren. Was ist passiert vom ersten Wahrnehmen rund um die Re:publica 2009 bis heute, wo sogar die SZ komisches Zeug darüber schreibt? Wie entwickelt sich das alles? Wer nimmt sich darin welchen Platz? Wir sprechen über die Rolle von Events wie dem netzfeministischen Chat, der kürzlich stattgefunden hat, den Gendercamps und anderen Meatspace Formaten wie die Genderbar in Hamburg, das Netzfeministisches Bier Berlin (organisiert von Netzfeminismus.org) und Queer Geeks and Naughty Nerds (ebenfalls Berlin). Es geht um die kleinen, zum Teil zufälligen und belanglosen Dinge, die wir alle so tun und das große Ganze, was am Ende dabei rauskommt.
Da Mikros vor uns standen ist eine nrrrdz Folge dabei rausgekommen. Bei der Gelegenheit habe ich Marlen dann auch einen neuen Podcast vorgestellt: Logbuch Netzpolitik informiert wöchentlich über aktuelle Entwicklungen und Ereignisse.

[podcast]https://www.iheartdigitallife.de/podcast/nrrrdz16.mp3[/podcast]
Download (mp3, 43,5 MB, 1 h 30 min)

Hackerbrause zum Lesen

Die letzten Monate haben johl, yetzt und ich damit verbracht ein Buch über Hackerbrausen zu schreiben. Jetzt ist es Ende Dezember endlich soweit — gerade noch rechtzeitig für die letzten geekigen Weihnachtsgeschenke erscheint “Hackerbrause kurz&geek” im O’Reilly Verlag. Alle weiteren Infos, Vorbestellmöglichkeiten und ein Link zu einem Probekapitel findet ihr auf hacker.brau.se

Das Experiment der Woche

Auf Google+ sind ja angeblich tausende SEOs und Coaches. Die allgemein verbreitete Hypothese dazu ist: Sie kreisen eine ein und lauern. Manche ignorieren es, andere finden das irgendwie creepy. Aber gehen wir von den richtigen Prämissen aus? Was passiert, wenn Beratungsbedarf ausdrückt wird? Ich bin der Sache nachgegangen und dokumentiere hier in meinem kleinen Science-Blog das Forschungsergebnis.

screenshot von google + mit einem gesuch von mir nach seos und coaches für ein kleines unternehmen. zwei kommentare. einer verweist auf eine andere person, der andere findet es lustig mit dem kommentar "trollerei des tages"

Im Versuch wurde ein Köder ausgelegt. Nach zwei Tagen ergab sich das oben gezeigte Resultat. Eine Person hatte mich per Email kontaktiert, nachdem sie von einem Dritten auf meine Anfrage hingewiesen wurde. Schöne Grüße ;-)

Lessons learned: Diese Beratungspersonen wollen gar keine Dienstleistungen verkaufen. Was sie statt dessen motiviert bleibt vorerst ein Desiderat.

Der Computer kann alles, November 2011

Zeitnah und -souverän könnt ihr jetzt die aktuelle Folge “Der Computer kann alles” bei Soundcloud (und hoffentlich später auch auf freie-radios.net) nach hören. In der gestrigen Sendung sprachen Heino und ich über Siri, die Initiative für ein Transparenzgesetz in Hamburg, das SZ-Interview mit Daniel Domscheid-Berg, den sogenannten Schultrojaner, Männerrechtler im Internet und in Gedenken an den 9. November 1938 über die Judenkartei.

Die nächste Folge von #dcka läuft am 14. Dezember, 17-19 Uhr auf Radio FSK.

Elternschaft im familienpolitischen Diskurs

Machmal dauert es einfach länger. Meine Magisterarbeit, die ich im Mai 2008 abgegeben am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg abgegeben habe, wollte ich eigentlich schon länger endlich mal online stellen. “Die Konstruktion von Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft im familienpolitischen Diskurs” habe ich im Anschluss an die Einführung des Elterngeldes untersucht. Kurz vor meinem Abgabetermin einigte sich die große Koalition dann noch auf das Kinderförderungegesetz (KiföG), das den Ausbau des Kinderbetreuungsangebot beschleunigen sollte. Es sieht einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 1. Lebensjahr ab dem 31. Juli 2013 vor. Wie weit ist das denn gediehen, Frau Schröder?
Vor drei Jahren hatten die konservativen Teile der Union dem modernisierungswilligen Flügel um von der Leyen abgerungen, dass mit dem Rechtsanspruch auch ein “Betreuungsgeld” eingeführt wird, das damals in der Diskussion auch “Herdprämie” genannt wurde. Die Diskussion um die Wahlfreiheit zwischen Kita, Tagesmutter und Betreuung durch ein nicht-berufstätiges Elternteil ist jetzt gerade wieder entbrannt, bei der Mädchenmannschaft wird schon gerantet. “Von 2013 an soll es dafür ein monatliches Betreuungsgeld in Höhe von zunächst 100 Euro für das zweite und ab dem Jahr 2014 in Höhe von 150 Euro für das für das zweite und dritte Lebensjahr des Kindes eingeführt werden” schreibt die Tagesschau. Ich bin gespannt, denn wie ich in Fußnote 159 geschrieben hatte: “Die dann anstehenden Diskussionen werden zeigen, ob sich die hier dargestellte Entwicklung zum normativen Bild der erwerbstätigen Mutter bis dahin weiter verfestigt haben.” Gut in Erinnerung habe ich vor allem noch den CSU Abgeordneten Singhammer, der in der erste Beratung des Gesetzes zur Einführung des Elterngeldes im Bundestag dafür eintritt, dass Frauen, die das in den Nachkriegsjahren vorherrschende Familienkonzept leben, nicht benachteiligt werden:

wir werden es nicht zulassen, dass Frauen und Mütter, die sich für eine bestimmte Zeit ausschließlich der Kindererziehung widmen, als spießig oder verzopft dargestellt werden. Und wir werden es nicht zulassen, dass Frauen, die den Großteil ihres Lebens für die Kindererziehung eingebracht haben, im Nachhinein mitleidig belächelt werden und dass gesagt wird, sie hätten eine falsche Lebensentscheidung getroffen.

Worum geht’s in der Arbeit? Anhand von verschiedenen Dokumenten (Gesetzentwurf, Bundestagsdebatten, Koalitionsvertrag, Wahlprogramm der CDU) habe ich die im familienpolitischen Diskurs der großen Koalition vorherrschenden, normativ vertretenen und in Form des Elterngeldes auch institutionalisierten Bilder von Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft untersucht. Dabei bin ich diskursanalytisch vorgegangen. Theoretisch verortet ist das ganze irgendwo bei Foucault, Laclau und Mouffe, also in einer Diskurstheorie des Politischen. Die Arbeit zeigt, wie ökonomisierte Elternschaft als hegemoniale Familienform artikuliert wird, was dabei umkämpft bleibt, wie darin Geschlechterverhältnisse zum Tragen kommen und welche Formen der Elternschaft auf der Strecke bleiben. Eine Zusammenfassung meiner Ergebnisse findet sich im Text Familienpolitik: Welche Formen der Elternschaft sind erwünscht? beim Feministischen Institut, die Langform gibt es jetzt hier:
Die Konstruktion von Elternschaft, Vaterschaft und Mutterschaft im familienpolitischen Diskurs, Hamburg 2008, CC 3.0 nc-nd-sa (PDF)

Der Computer kann alles, Oktober 2011

Benannt nach einem Juliane Werding Song – wobei wir uns immer noch nicht sicher sind, ob die Sendung jetzt “Der Computer kann alles”, “weiß alles” oder “Die Computer kann was” heißen wird – ist ein neues netzpolitisches Magazin unter meiner Mitwirkung im Freien Sender Kombinat. Am zweiten Mittwoch im Monat zwischen 17 und 19 Uhr behandeln wir darin aktuelle netzpolitische Diskussionen. Ich habe die zweite Folge vom 12. Oktober heute mal von Musik befreit auf Soundcloud gestellt. Das Hauptthema war der Bundestrojaner, außerdem ging es um die Piratenpartei und ein bisschen auch um Steve Jobs. Beim Trojaner habe ich schon gehört, dass meine Erklärung des Reverse Engineering nicht ganz treffend war. Dafür sind Heinos grundrechtliche Ausführungen um so hörenswerter und ich hoffe, dass wir das Thema in seiner Brisanz insgesamt verständlich gemacht haben. Die nächste Sendung läuft dann am 9. November.

Der Computer kann alles Oktober 2011 by ihdl

Keine Bären auf dem Ponyhof

Der Erklärbär. Ein Wesen, dass Leute an die Hand nimmt, die kritische Interventionen in Sachen Rassismus, Sexismus, Transphobie, Abelism und co. nicht auf Anhieb verstehen, weil sie zu voraussetzungreich formuliert sind und/oder die eigenen Abwehrmechanismen den Weg versperren. Der Erklärbär ist kuschelig, verbreitet Harmonie, ist geduldig und kann gut erklären, ohne unbekannte Begriffe und komplizierte Sätze. Der Erklärbar hat diese guten Eigenschaften, weil er von struktureller Dominanz nicht betroffen ist. Er ist ja ein Bär. (Die kleine Antispezizistin in mir ruft: “As if!”) Ich muss euch was erzählen: Es gibt diesen Bären gar nicht. Wir sind alle im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, durch die wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Es gibt darum keinen neutralen Standpunkt, der von oben auf das Geschehen schauen kann, es gibt nur die unbekümmerte Ignoranz des Unmarkierten.

Jetzt wird es wieder heißen: “Unmarkiert? Was issn das für ein überheblicher Akademikersprech?”

Um etwas benennen zu kennen braucht es Sprache und Wissen. Auch das ist nicht neutral, sondern von diesen Machtverhältnissen, um die es gerade geht, geprägt. Einige PoC, Frauen, Queere Leute, Menschen mit Behinderung (diese Kategorien schließen sich alle nicht gegenseitig aus und die aufgezählten Kategorien können auch nicht vollständig sein) haben sich in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeit erkämpft, in bestimmten gesellschaftlichen Räume wie der Wissenschaft oder den Medien Positionen einzunehmen. Sie mussten sich dieser Institutionen bemächtigen, um ihre Belange überhaupt artikulieren zu können und gehört zu werden. Daraus jetzt einen Strick zu drehen ist eine harte Nummer.

Sich mit struktureller Dominanz, Privilegien und dem, was das mit mir selbst macht zu beschäftigen ist kein Ponyhof. Das Leben auf der anderen Seite der Hegemonie aber erst recht nicht. Wenn es um Gerechtigkeit gehen soll, müssen wir den Ponyhof verlassen. Dabei sind Abwehrreaktionen an der Tagesordnung. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, wo ich versuche, Gründe dafür zu finden, warum mein Verhalten oder meine Gefühle rational sind und nichts mit der Dominanz meiner Position zu tun haben. Ich ertappe mich dabei, die Irrationalität auf der anderen Seite zu suchen. Ich erkenne nicht immer sofort an, dass andere mehr Erfahrungen haben, die Welt wirklich anders erleben müssen und entsprechend Strategien entwickeln, die ich erstmal merkwürdig finde. Ich bin froh, Leute in meinem Umfeld zu haben, mit denen ich mich zu solchen Themen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen kann. Aber was mir auch hilft ist der innere Dialog zwischen mir und dem Anderen. Das können politische Haltungen oder konkrete Personen aus meinem Umfeld sein. Die wissen das gar nicht. Ich habe meinen inneren Scheiterhaufen, meine innere Do., meine innere Lantzschi, die innere Antideutsche und noch ganz viele mehr. Mit denen kann ich mich auch auseinandersetzen, ohne konkreten Personen mit meinen halbdurchdachten Abwehrreflexen auf die Nerven zu gehen. Ich wünsche mir, dass Leute sich auch mal im inneren Dialog üben, statt wütig über den Ponyhof zu rennen, um sich einen Erklärbären zu fangen.