Author: Kathrin

Geschichte wird gemacht (CRE 196)

CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der größten Reichweite gehört, hat sich dem Thema Feminismus (CRE 196) angenommen. Zu Gast in der über drei Stunden langen Sendung war Katrin Rönicke, die im Gespräch mit Tim Pritlove über ihren feministischen Werdegang, die Geschichte der Frauenbewegung und verschiedene geschlechterpolitische Fragen Auskunft gab. Wie zu erwarten war, gab es nicht nur die üblichen feminismuskritischen Wortmeldungen, sondern auch kritische Anmerkungen aus der (pro-)feministischen Bubble. Sofakissen hat sich in seiner Raummaschine schon darüber ausgelassen, dass er den Feminismus-CRE als sehr männerkompatibel und flauschig wahrgenommen hat, was er daran festmacht, dass zum Beispiel das Thema Gewalt ausgeklammert wird.

Das ist mir beim Hören auch aufgefallen. Es gab aber noch eine andere große Leerstelle, auf die hinzuweisen ich wichtig finde. Die Debatten, die unter Stichworten wie “Differenzen zwischen Frauen” oder “Intersektionalität” bekannt sind, werden in der Sendung nämlich völlig ausblendet. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Katrin Rönicke ihr Verständnis der “dritten Welle” beschreibt. Was im Podcast rüber kommt: Eine jüngere Generation stellt fest, dass die alten Probleme noch immer nicht (alle) gelöst sind: Sexismus, Vereinbarkeit, Karriere. Also wird Feminismus neu aufgerollt, ein paar Sachen müssen aber über Bord geworfen werden (z.B. die Ablehnung von Pornographie und BDSM, die Männerfeindlichkeit). Die Feministinnen der dritten Welle sind “kooperativer” als die der Zweiten. Das ist durchaus eine verbreitete Deutung von zeitgenössischem Feminismus, unterschlägt aber mindestens zwei Punkte.

Zum einen: Intersektionalität kommt nicht vor. Die Diskussion um Mehrfachunterdrückung, sich überschneidende Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen sozialen Positionierungen fehlt. Gut, Intersektionalität ist ein ziemlich akademisches Wort, eine Analysemethode. Aber ist kein Thema, mit dem sich nur im Elfenbeinturm beschäftigt wird. Feministische Aktivist_innen beschäftigen sich heute mit Themen wie Mehrfachpositionierung. Im Policybereich, z.B. bei den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen geht es schon lange um das Verhältnis von Race, Gender und Class. Viele Konflikte wurden geführt und es waren vor allem marginalisierte Frauen*, die darum gekämpft haben, dass eine weiße, nicht von Behinderung betroffene, bürgerliche Perspektive nicht alles sein kann und dass auch diese Perspektive etwas mit rassistischen Strukturen, Kapitalismus, Gesundheitsdiskursen usw. zu tun hat. Das ist auch alles nicht neu: In der ersten Frauenbewegung gab es neben den bürgerlichen auch sozialistische Feministinnen, die Feminismus und Klassenkampf zusammengedacht haben. Für die Diskussion um Intersektionalität sind Texte von amerikanischen Women of Color (das Combahee River Collective Statement (1977) zum Beispiel) besonders einschlägig. Es ist auch nicht so, als sei das eine US-Debatte, die mit den hiesigen Verhältnissen nichts zu tun hat. Schaut euch mal die Interventionen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen an, zum Beispiel den Text Wir, die Seiltänzerinnen (1994) von FeMigra. Oder die Auseinandersetzungen um doppelte Diskriminierung von Frauen mit Behinderung (Texte von Swantje Köbsell: 1, 2). Das sind nur die bekanntesten Beispiele, von denen ich weiß, dass sie immer wieder aufgeführt werden, um wenigstens zu sagen: Hier schaut, das gibt es alles! Nehmt es wahr!

Ein zweiter Punkt ist die Kritik an der binären Zweigeschlechtlichkeit (d.h.: es gibt nur Männer und Frauen und die sind im Normalfall in ihrem Begehren aufeinander bezogen) und der Ausgrenzung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen können oder wollen, auch aus feministischen Räumen. Über das Verhältnis von Feminismus und Queeren Politiken (Woltersdorf: Queer Theory und Queer Politics, 2003) wird im CRE nicht gesprochen. Tim Pritlove versucht das, wenn ich es richtig rausgehört habe, an einer Stelle einzubringen, Katrin Rönicke lenkt das Thema auf ihre Erfahrungen mit (heterosexueller) Mutterschaft. Nicht, dass das kein wichtiges Thema wäre. Der Gesprächsverlauf an der Stelle zeigt aber gut, wie aus einer bestimmten Position heraus Themen gesetzt und andere unsichtbar gemacht werden.

Die CRE-Folge ist also ein hervorragendes Beispiel dafür für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht. Ich halte es nicht für falsch, sich zum Beispiel über die Rollenverteilung von heterosexuellen Eltern zu unterhalten, um bestimmte Punkte zu vermitteln. Mit dem Thema können vermutlich viele CRE-Hörer_innen etwas anfangen und es gibt Anstoß, über eigene Erfahrungen nachzudenken (auf eine angenehmere Art, als wenn ich mich fragen muss, wo ich eigentlich in letzter Zeit männliches Dominanzverhalten an den Tag gelegt habe). Ich halte es aber für falsch, intersektionale und heteronormativitätskritische Perspektiven in einem dreistündigen Gespräch, das offensichtlich den Anspruch hat, über die Geschichte des Feminismus etwas zu vermitteln, komplett auszublenden und über 30 Jahre feministische Auseinandersetzung zu übergehen.

Der “pragmatische Feminismus” von Katrin kommt gut an, das merke ich an den Reaktionen auf Twitter. Und so wünschenswert ich es finde, dass viele Leute ein Verständnis für Feminismus entwickeln, so frage ich mich doch: Geht das nur um den Preis, sich gegenüber denjenigen abzugrenzen, die mit dem Malestream nicht kompatibel sein wollen? Diese Form von “pragmatische Feminismus” hat den Effekt, gerade bei den “irgendwann ist mal gut”-Apologet_innen gut anzukommen und erweist so den Vertreter_innen der aktuellen Diskurse einen ErklärBärendienst. Die intersektionalen Ansätze gelten dann en passant als “zu kompliziert, zu radikal”. Sie sind aber State of the Art (seit 30 Jahren!), nehmt sie ernst. They are the stories … that need to be told. sab_culture hat das viel besser formuliert: “they are told, but more often ignored, not acknowledged, over heard, over voiced …”

Die Wortspielcredits für den Erklärbärendienst gehen an Philip Steffan.

hatr.org – Wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Leah, Nadine und ich haben zusammen einen Artikel geschrieben, in dem wir uns mit Kommentarpolitiken auf Blogs mit gesellschaftskritischem und emanzipatorischen Anspruch und insbesondere auf queer-/feministischen Blogs auseinandersetzen und das Projekt Hatr vorstellen. Wir möchten mit dem Artikel außerdem weitere Blogs und Projekte ermutigen, sich bei Hatr anzumelden und damit andere Projekte zu unterstützen. Der Text ist in einem von Andreas Kemper herausgegebenen Sammelband mit dem Titel “Die Maskulisten” erschienen, der kürzlich bei Unrast veröffentlicht wurde.

hatr.org – wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Inhalt:
Kackscheiße im Netz
Das Projekt Hatr
Die Resonanz auf Hatr

Wer die Seite Hatr.org im Browser aufruft wird sich wundern. Auf der Startseite finden sich unter der Überschrift “Das Letzte” eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Kommentaren von “Leon”, “Horst” oder “Antigenderwahnbeauftragter”. Manche Einträge sind kurze, drastische Beschimpfungen, bei anderen handelt es sich um längere Texte, die zum Teil nicht zu verstehen sind, ohne zu wissen, worauf sie sich beziehen. Ab und zu taucht der hervorgehobene Name “Xena” in den Texten auf. Oben rechts auf der Seite ist ein “Trollcounter”, der die Zahl der bereits geposteten Kommentare anzeigt. Darunter ein Flattrbutton ((Flattr.com ist eine Internetdienst, der es ermöglicht, frei verfügbare Inhalte im Netz durch Mikrospenden zu unterstützen. Ein Teil der Einnahmen von Hatr kommt über diesen Dienst zusammen.)) und für diejenigen, die in ihrem Browser keinen Werbeblocker installiert haben, sichtbare Google Anzeigen. Das Logo von Hatr ist ein pinkfarbenes Herz mit meinem geschwungenen “h”. Read more

Andere Seiten (1. bis 7. August 2012)

Ich habe wieder Links für euch gesammelt. Aber vorab noch eine Frage: Bei zwei selfhostet WordPress-Blogs bekomme ich seit einigen Wochen keine Emailbenachrichtung über eingehende Kommentare mehr. Kennt jemand das Problem? Über Hinweise würde ich mich freuen!

Die Muslime von New York
Die Reportage von Charlotte Wiedemann, die sanczny verlinkt hat, kam wie gerufen, nachdem ich neulich mal wieder Spike Lees "Malcom X" gesehen hatte und neugierig war, etwas über den afroamerikanischen Islam heute zu erfahren.

Kein Abitur – Der Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart
Der Maturatraum – Ein beliebtes Genre des bürgerlichen Unterbewusstseins mit Hochschulzugangsberechtigung. Ein Traumtagebuch von Kathrin Passig

Über die „Kampagne zur Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland“
Sehr interessantes Interview mit Nele Tabler über die Diskurse um Kaiserschnitte. "Es ist wie immer: Anstatt, dass Frauen und ihre Selbstbestimmungs­rechte gestärkt werden, macht man ihnen Vorwürfe und baut Druck auf. Als wäre eine schwangere Frau nicht sowieso schon allen möglichen „Rat­schlägen“ ausgesetzt, was sie tun und lassen soll und alle meinen, ihr etwas vorschreiben und ihr Verhalten bewerten zu dürfen. Am Ende kann sie es nur falsch machen."

Unter Linken: Kipping und Schlömer suchen vergeblich nach Gemeinsamkeiten — CARTA
Politikverständnis, you're doing it wrong. Der Piratenvorsitzende Bernd Schlömer will durch neue Prozesse und Transparenz den Wechsel herbeiführen, aber keine Aussagen darüber machen, in welche Richtung der gehen soll. Vielleicht soll das die Spannung bewahren, man weiß es nicht.

Rezension: Die Maskulisten « sanczny
Sanczny hat "Die Maskulisten" gelesen, ein neuer Sammelband von Andreas Kemper, in dem auch ein Text über Hatr von Leah Bretz, Nadine Lantzsch und mir zu finden ist.

Die freundliche Empfehlung (25. bis 26. Juli 2012)

Qualitätsfernsehen aus Sicht politischer Theorie
Eine Besprechung der Reihe "booklet" mit einigen Anmerkungen zu The Wire und The West Wing aus perspektive der politischen Theorie.

Stefan Meretz: Selbstentfaltung — keimform.de
Über Zwang, der sich als als Motivation tarnt, und den Unterschied zwischen Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung

Raum Zelik: Automatisierung von Beteiligung – taz.de
Ein Text, in dem es erstaunlich wenig um die Piraten geht. Zelik liest Protestbewegungen in verschiedenen Teilen der Welt als Proteste, bei denen sich die Kritik am politischen System mit der Opposition gegen Neoliberalismus verzahnt und spekuliert: "Die Krise der Repräsentation, aus linksradikaler Perspektive betrachtet: Liquid Democracy könnte das Rätemodell von morgen sein."

Forderungspapier zur Reform des Transsexuellenrechts

Crosspost von agqueerstudies.de

In Sachen Transsexuellengesetz (TSG) kommt die Politik seit Jahren nicht voran, obwohl das Bundesverfassungsgericht mehr als deutlich gemacht hat, dass die derzeitigen Regelungen mit der Würde und Selbstbestimmung von Trans*Menschen nicht vereinbar und in der Praxis äußerst diskriminierungsanfällig sind. Der bundesweite Arbeitskreis TSG-Reform, an dem über 30 Trans*- und Inter*-Gruppen sowie Einzelpersonen beteiligt waren, hat darum jetzt ein Forderungspapier veröffentlicht. “Die selbstgestellte Aufgabe bestand darin, sich auf gemeinsame, zentrale Forderungen aus den trans* und inter* Communities zur Reform des Transsexuellenrechtes zu verständigen und diese auszuformulieren.”
Gefordert werden die Verwirklichung? des? Selbstbestimmungsrechtes? von? Trans*?Personen? durch? Abschaffung? der? Begutachtung? und? des? gerichtlichen? Verfahrens?, die Aufhebung? des? TSG? als? Sondergesetz? und? Integration? notwendiger? Regelungen? in? bestehendes? Recht, die Möglichkeit der Vornamensänderung und der Änderung des Personenstandes ohne Gerichtsverfahren, ein Ausbau des Offenbarungsverbotes und die rechtliche Absicherung der Leistungspflicht der Krankenkasse. Diese wichtigen Forderungen kann mensch auf der Website der Initiative nachlasen und mit einer Unterschrift auch unterstützen.

Beckedahl/Lüke: Die Digitale Gesellschaft

Falk Lüke und Markus Beckedahl haben ein informatives Sachbuch über Die Digitale Gesellschaft geschrieben. Wieder so eins, dass man zum Beispiel den Eltern™ oder Freund_innen, die mit Netzpolitik nicht so viel am Hut haben, schenken kann, um ihnen zu zeigen, was wir den ganzen Tag im Internet so machen, was uns bewegt und wie die Welt sich verändert.

Das Buch informiert über Datenschutz, Urheberrecht, Wikileaks, Open Data, Jugendschutz, Verbraucherschutz, Killerspiele-Debatten, Sicherheitspolitik, Suchmaschinen, Wikipedia und viele weitere Themen. Die zahlreichen Abschnitte des Buches machten auf mich manchmal den Eindruck einer langen Assoziationskette. Für diejenigen, die die behandelten Diskurse schon kennen, gibt es wenig Neues. Die Lektüre macht zwar klar, dass das alles irgendwie mit Macht und Bürgerrechten zu tun hat, die Komplexität und Historizität der dahinterstehenden Fragen lassen sich nur erahnen. Anregungen zum Weiterlesen fehlen leider.

Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion von Bildung im digitalen Zeitalter, die ohne Bezüge zu aktuellen medienpädagogischen Entwicklungen auszukommen sucht und stattdessen ein stereotypes Bild zeichnet von unzeitgemäßen Lehrer_innen und Bildungseinrichtungen, die sich einer neuen Generation gegenüber sehen, die ganz ander Skills benötigt und schon heute ganz anders mit Wissen umgeht. Das Internet macht einfach alles ganz anders, oder?

Um die netzpolitischen Themen und Stories, die uns in den letzten Jahren bewegt haben, noch mal gebündelt zwischen zwei Buchdeckeln (oder als ebook) greifbar zu haben taugt das Buch; eine aussagekräftigere Gliederung hätte das noch unterstrichen. Gut gefallen haben mir die eingestreuten Anekdoten, mit denen Falk und Markus von ihren Erfahrungen als Vertreter der Zivilgesellschaft berichten. Da bekommt man einen Einblick, wie das so läuft, wenn das Bundeswirtschaftsministerium versuchen muss, alle Stakeholder einzubinden, mit den Buddies aus der Wirtschaft aber eben doch enger vernetzt ist. Damit verdeutlicht das Buch auch, warum sich die beiden Autoren zusammen mit anderen dazu entschlossen haben, eine Organisation wie die Digiges e.V. zu initiieren, die professionellere Kampagnenarbeit machen will. Es geht um die Mobilisierung von Ressourcen, die es ermöglichen, zusammen mit anderen Organisationen auch auf der schwierigen europäischen Ebene etwas zu bewirken.

Aber nicht alle Interessenwidersprüche und politischen Konflikte lassen sich durch mehr Sachkompetenz und durch das Einbinden der Zivilgesellschaft lösen. Hier bleibt es idealistisch: Die Autoren bekennen sich zur Marktwirtschaft, wollen aber nicht, dass IT-Branche und Politik zu eng “kuscheln”, den “am Ende steht als Dummer der Bürger und Steuerzahler da” (S. 207). Hartz-IV-Empfänger_innen sollen halt nicht daran gehindert werden, sich Vorlesungen von Harvard und Yale online zu verfolgen (S. 214). Wenn wir alle gemeinsam einen Konsens für die freie digitale Gesellschaft gefunden haben, können wir “alle gemeinsam davon profitieren” (S. 219). Ein Denken, dass für die Netzszene nicht untypisch ist und das auch dieses Buch (Leseprobe) nicht hinterfragt.

#dcka im Juni 2012: Transparenz, Schufa & Hackerspaces

Unser netzpolitisches Magazin “Der Computer kann alles” läuft ja nun seit einiger Zeit monatlich bei FSK. Im Juni haben Heino und ich wieder eine Sendung gemacht, diesmal topaktuell zum neuen Transparenzgesetz, das am selben Tag in Hamburg verabschiedet wurde. Wir beschäftigen uns recht ausführlich mit dem Gesetz, aber auch mit der Frage, warum Transparenz gerade en vogue ist und wie sich diese Forderung zum Politischen verhält. Das zweite Thema der Sendung waren die – mittlerweile eingestampften – Pläne der Schufa, gemeinsam mit dem Hasso Plattner Institut zu erforschen, wie sich soziale Netzwerke für die Bewertung der Kreditwürdigkeit und Zahlungsmoral von Personen nutzen lassen. ((Zum Hintergrund und in der Sendung erwähnte Texte zum Thema: Schufa will Facebook-Nutzer durchleuchten (SpOn), Facebook und die Schufa (tante), Kredit auf Daten (Frank Rieger/FAZ)) Zum Schluss ging es noch um Hackerspaces und die Diskussion über die Offenheit der Szene. ((Stephan Urbach und tiefpunkt: Eigentlich mag ich Hackersapces, tante: What the Frak are Hackerspaces anyways?, Pylon: Gäste in Hackerspaces)). Wenn euch die Themen der letzten Sendungen interessieren klickt ihr einfach unten.

  • Juni 2012: Transparenz, Schufa, Hackerspaces
  • Mai 2012: Re:publica, freies Wlan, gekaufte Follower, Urheberrecht
  • April 2012: Piraten Partei, Urheberrecht, Stille SMS

Die Sendung gibt es wie gewohnt bei freie-radios.net zum Runterladen und per RSS-Feed auch für den Podcastclient der Wahl. Falls ihr “Der Computer kann alles” in einem anderen freien Radio als Austauschsendung senden möchtet könnt ihr gerne Kontakt mit mir aufnehmen. Dazu könnte ich auch die insgesamt zweistündige Sendung mitsamt Musik über freie Radios zur Verfügung stellen.

Aufmerksamkeitsökonomie und die allwissende Müllhalde im Seminarraum

Mit ganz frischen Eindrücken von einem Blockseminar bin ich neulich über eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk Lükes Buch “Digitale Gesellschaft” gestolpert. Die Studierenden, heißt es dort, hätten durch das Internet die Möglichkeit, live in der Vorlesung zu überprüfen, ob das, was die Dozentin vorne erzählt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: “Früher hätte man dafür in Bibliotheken gehen, sich Bücher bestellen und Fachzeitschriften durchblättern müssen. Heute ist zumindest eine oberflächliche Gegenprüfung binnen weniger Sekunden möglich” (ebd. S. 79). Dieses Beispiel soll illustrieren, welche Chancen das Netz im Bereich der höheren Bildung bietet. Ich habe zwar keinen Hang zu medienpessimistischen Einstellungen, frage mich aber, ob die Autoren den Fragen, vor die Studierende und Lehrende gerade gestellt werden, damit gerecht werden. Reicht es aus, die Fakten zu überprüfen, die man vorgesetzt bekommt? Welche Probleme stellt die hochgelobte “unmittelbare Verfügbarkeit von Wissen” uns im Lehrbetrieb?

Konzentration und Anerkennung
Meiner Erfahrung nach nutzen viele Studierenden ihre Laptops nicht (nur) für Liverecherchen und Mitschriften, sondern sind bei facebook, chatten und machen allgemeine Lebensverwaltung. Das darunter die Konzentration eingeschränkt wird liegt eigentlich auf der Hand. Dass die meisten, auch wenn sie anderes behaupten, an die Grenzen der eigenen Multitaskingfähigkeit stoßen, zeigt sich anhand der Qualität der Seminardiskussionen. Ich kenne das ja von mir, denn bei Netzkonferenzen ist es ja eh sozial akzeptiert, während eines Vortrages auf einen Display zu schauen. Dann schreibt eine mal schnell einen Tweet zum Thema oder liest eine DM und schwupp ist sie weg, die Aufmerksamkeit.

Für die Menschen, die Vorne stehen und etwas erzählen bedeutet das natürlich auch etwas. Gegen eine Wand zu sprechen ist keine schöne Erfahrung. Wenn Studierende Referate halten müssen sie auf aufmerksame Blicke und Signale des Verständnisses verzichten. Manchen gelingt es, Teile des Publikums zu fesseln, andere, zum Bespiel ein trockeneres Thema erwischt haben oder deren Sprache nicht gut verständlich ist (Akzent, Lautstärke, starke Aufregung usw. – auch hier werden Machtverhältnisse reproduziert) haben ein höheres Risiko, dass keine/r zuhört. Das hilft natürlich nicht dabei, den eigenen Vortragsstil zu verbessern und entspannter an Referate ranzugehen. Es entsteht außerdem eine Situation, wo die Studierenden denken müssen, dass sie diese Referate nur als Zeitfüller und für die Dozentin halten.

Im schlimmsten Fall ist die Seminarsitzung dann für die Katz, denn ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ergeben sich auch keine kritischen Nachfragen, aus denen gute, kontroverse und weiterführende Diskussionen entstehen können. Es bleibt bei einer oberflächlichen und frontalen Vermittlung von Wissen, solange keine disziplinarischen und didaktischen Geschütze aufgefahren werden.

Die Unordnung des Wissens
Ein weiteres Problem, dass mir aufgefallen ist, ist der zum Teil oberflächliche Umgang mit Wissen, der durch den ständig verfügbaren Zugang zum Netz hervorgerufen wird. Ich hatte in meinem letzten Seminar eine Aufgabe gestellt, die die Studierenden in Gruppen bearbeiten sollten. Es ging darum, Argumente für und gegen ein politisches Konzept zusammenzutragen und anschließend im Plenum vorzustellen. Ich erhoffte mir, dass die Studierenden in der kleineren Gruppe das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten und hoffte, dass die unterschiedlichen Argumentationen eine weiterführende Diskussion anregen würden. Zuvor hatte ich eine Einführung in das Thema gegeben sowie Lektüre zur Verfügung gestellt. Ich beobachtete den Verlauf der Gruppenarbeit einer Gruppe und stellte fest, dass die Studierenden sich zunächst mit individueller Recherche an ihren Rechnern beschäftigten, um dann einige Punkte zusammenzutragen, sich darüber aber auch nicht weiter auszutauschen, und sich schließlich wieder dem Netz zu widmen. Es fand keine Diskussion statt, kein Durchdenken der Frage und des politischen Konzeptes, keine eigenständige Strukturierung und Abwägung von Argumenten. Mir wurde klar, dass sie diesen Arbeitsauftrag als Rechercheauftrag verstanden hatten und nicht als Anregung, sich mit einem Gegenstand der Sitzung selbstständig auseinander zu setzen.

Dadurch kommt es auch vor, dass die Studierenden mit Stichwörtern um sich werfen, ohne sie sinnvoll einzuordnen. Gegenüber meiner Erfahrung an der Uni ist das eine andere Haltung gegenüber Wissen, bei der es um das Abrufen von Fakten aus der allwissenden Müllhalde Internet (google + wikipedia) geht, nicht aber um das Durchdenken von Problemen, der Entwicklung von Forschungsfragen entlang von Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten und Lösungsvorschlägen.

Lessons Learned?
Ich habe mir vorgenommen, diese Frage in zukünftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion darüber zu führen, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verknüpfen und was Wissen für sie im Kontext des Seminares bedeutet. Ich muss mir noch überlegen, wie das genau von statten gehen kann, aber es wird nichts schaden.

Unsicher bin ich mir noch, wie ich mit der Nutzung von Laptops im Seminar umgehe. Die Entwicklung, die Uni als verlängerte Schule anzugehen und sie zu einer Anstalt der Disziplin umzubauen, finde ich nicht gut. Dazu tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel die Klassenstruktur, die durch die Jahrgänge und Module im BA/MA-System oft entsteht und die den Bruch zwischen Schule und Uni verwischt. Ich halte auch nichts von Anwesenheitspflicht und Semesterobergrenzen. Wenn Leute keine Zeit, Lust oder an dem Tag nicht die Nerven dazu haben, ein Seminar zu besuchen, sollen sie lieber was anderes machen statt die Zeit abzusitzen. Im Seminarraum wünsche ich mir aber Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Interesse und Diskussionsfreude. Es gibt gute Methoden, um zum Beispiel das Niveau der Vorbereitung zu verbessern. Aber muss ich Aufmerksamkeit letztlich durch Verbote erzwingen? Einerseits wäre das im Interesse eines besseren Lernklimas, das für alle Seiten am Ende des Tages befriedigender ist. Andererseits sind das erwachsene Menschen, die selbst wissen bzw. lernen sollten, ob es ihnen was bringt, Seminare an sich vorbeirauschen zu lassen.

Während das Problem in meiner Studienzeit und auch in Seminaren, die ich seit dem gegeben habe, nicht aufgekommen ist, hat diese neue Erfahrung mir zu Denken gegeben und mich interessiert brennend, wie das anderswo gehandhabt wird und wie andere Studierende und Lehrende darüber denken. Ich bin auf der Suche nach Austausch und Anregungen.

Helena & Karl

Ich war heute in St. Wendel unterwegs. Meine Mutter machte mich im Vorbeifahren auf eine neue Statue aufmerksam, die in der Oberstadt bei der Stadtmauer aufgestellt wurde. Sie zeigt Helena Demuth, eine der wenigen bekannten Töchter der Kleinstadt. Schwanger steht die kleine Frau aus Bronze da, die eine Hand auf ihrem Buch, den Kopf etwas gesenkt und lächelnd auf ein Bild blickend, das sie in der anderen Hand hält.

Bronze-Statue von Helene Demuth, Seitenansicht

Diese Position regt die Betrachterin dazu an, Helena über die Schulter zu blicken. Auf dem Bild, das sie in der Hand hält, ist der Kopf eines sehr bärtigen Mannes abgebildet. Es ist eine der ganz klassischen Marx-Abbildungen. Ikonographisch.

Helena Demuth wurde am 31. Dezember 1820 in St. Wendel geboren. Mit 16 Jahren kam sie nach Trier und arbeitete bei den Eltern der späteren Jenny Marx als Hausmädchen. Später wurde sie Haushälterin bei Jenny und Karl Marx, zog mit ihnen von Brüssel nach Paris, lebte mit ihnen in Köln und landete zum Schluss in London. Es wird berichtet, dass sie mit Marx diskutiert und Schach gespielt habe. Nach Marx’ Tod wurde sie die Haushälterin von Engels.

Blick über die Schulter der Demuth-Statue mit Karl-Marx-Bild in der Hand

Nun wird sie als Schwangere porträtiert, mit der Marx-Abbildung in der Hand. Eine Frau, die in 70 Lebensjahren nur ein Kind, Harry Frederick Demuth, geboren hat. Die Geschichte dahinter ist Boulevard. Man sagt, dass Karl Marx Freddys Vater war. Freddy ist bei einer Pflegefamilie aufgewachsen und Stalin hat angeblich alle Hinweise auf Marx’ Fehltritt und das uneheliche Kind vernichten lassen. Der Bildhauer Kurt Tassotti hat sich dazu entschlossen, diese Szene aus ihrem Leben in den Vordergrund zu rücken, um den Bezug zu Marx so deutlich wie möglich herauszuarbeiten. Ohne ihre Anstellung bei der Familie Marx und ohne den Bezug zu diesem großen, weißen Mann (mit Bart) hätte St. Wendel keine 30 000 Euro ausgegeben, um eine einfache Haushälterin zu ehren. Dabei kann sie uns sicher auch etwas über Reproduktionsarbeit als Lohnarbeit und die Verpflechtung von Geschlechter- und Klassenverhältnissen erzählen. Man hätte Helene Demuth mit ihren Held_innen zeigen können: Dem größten Suppentopf und ihrer Kaffeekanne.

Reproduktionsarbeit: Vom Wieder-Herstellen

Auch in dieser Küche wird Reproduktionsarbeit geleistet

Ich wurde in letzter Zeit ein paar Mal mit der Frage konfrontiert, was ich eigentlich mit Reproduktionsarbeit meine. Ein Gespräch bei grünem Curry hat mir deutlich gemacht, wo das Verständnisproblem anfängt. Erklärbärmodus an.

Mit dem Begriff Reproduktion wird das “Vervielfältigen” verbunden. As in: “An meiner Wand hängt eine Reproduktion der Mona Lisa.” In Bezug auf Arbeit und Leben heißt das: Kinder machen. Neue Generationen produzieren. Es gibt jedoch eine zweite Begriffsbedeutung, die für das Verständnis von Reproduktionsarbeit entscheidend ist:

Als Reproduktion wird ein Vorgang bezeichnet, bei dem etwas vervielfältigt wird, sowie häufig auch die im Ergebnis dessen entstandene Kopie. Insbesondere im Zusammenhang mit sozialen Systemen wird unter Reproduktion neben der Neuerstellung auch die Aufrechterhaltung eines Zustandes verstanden. (Wikipedia: Reproduktion)

Wenn ich Reproduktionsarbeit sage meine ich also das Aufrechterhalten eines Zustandes – und zwar den geistig-körperlichen Zustand des arbeitenden Menschen.

Marx nimmt das mit der Reproduktion her, um das mit dem Arbeitslohn und dem Mehrwert zu verdeutlichen. Ganz kurz: Der Lohn entspricht dem, was zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendig ist. Ein einfaches Modell: Eine lohnabhängige Person arbeitet 8 Stunden am Tag und produziert Waren, die am Markt 80 Geldeinheiten (GE) erzielen. Zur Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft benötigt die Person 20 GE, die sie für Essen, Miete, Kinder, Hygiene usw. ausgeben muss. Da würden ja zwei Stunden Arbeit eigentlich reichen. Leider gibt es nur 2,5 GE Stundenlohn, so dass die Person 8 Stunden arbeiten muss, um auf ihre 20 GE zu kommen. Das Kapital freut sich: 60 GE werden als Mehrwert abgeschöpft. Wir nennen es Ausbeutung – ein Begriff, der tatsächlich nichts damit zu tun hat, ob der Lohn niedrig, hoch oder “gerecht” ist.

Dass dieses Modell sehr vereinfacht ist, liegt auf der Hand. Das, was zur Reproduktion als notwendig erachtet wird, ist erstens das Ergebnis sozialer Kämpfe, bei denen es zweitens auch darum geht, dass Lohnabhängige als Konsument_innen ebenfalls auf dem Markt agieren. Will sagen: Ob wir Penne mit Nordsee-Scampi und Parmesan aus Italien oder Brot mit Wurst aus Hausschlachtung essen, zur Erholung einen großen Fernseher und drei Konsolen brauchen und regelmäßig zur Kur fahren können geht aus dem Modell nicht hervor. Auch wer die Reproduktionsarbeit leistet und in welcher Beziehung Leute dabei zueinander stehen ist nicht festgelegt, also ob sie im Rahmen einer heterosexullen Kernfamilie von der Hausfrau übernommen wird, Personen sie selbst erledigen, andere dafür einstellen oder sie sich mit anderen Erwerbstätigen teilen. Schließlich wäre da noch die Frage, wie Reproduktionsarbeit subventioniert wird, zum Beispiel durch einen Familienernährerlohn, Kindergeld, Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, steuerlche Absetzbarkeit haushaltsnaher Dienstleistungen, Familienzuschlag. Auch das verändert sich im Laufe der Zeit und der politischen Konflikte um Arbeit – Who cares? ist eine Frage, über die es sich nachzulesen und nachzudenken lohnt.

Klar ist aber: Es wird gefuttert, geputzt, gekümmert, Kinder werden aufgezogen. Reproduktionsarbeit (auch genannt: Carework, Haus-, Familien- oder Sorgearbeit) spielt für das Wohl der Menschen und für das Funktionieren des Systems eine Rolle. Sie wird traditionell mit Frauen und dem privaten Lebensbereich in Verbindung gebracht, ist im Gegensatz zur Lohn-/Erwerbsarbeit weniger theoretisch unterfüttert und erforscht. Sie wird oft vergessen. Wenn ich dich frage: “Was arbeitest du?” wirst du mir eher von deinem Job erzählen als davon, wann du zuletzt den Boden gewischt hast. Reproduktionsarbeit ist das markierte Andere zur “normalen Arbeit”. Reproduktionsarbeit wird strukturell abgewertet. Daraus ergeben sich für mich einige Punkte, über die es sich nachzudenken lohnt:

Erstens: Diejenigen, die eine als höher angesehene Bildung genießen, lernen, was die Brownsche Mollekularbewegung ist, aber müssen sich in öffentlichen Bildungsinstitutionen weder theoretisches noch praktisches Wissen über Reproduktionsarbeit aneignen. Lediglich meinen Mathelehrer war es ein Anliegen, dass die Mädchen in der Klasse bei all der Polynomdivision nicht vergessen, dass sie auch in der Lage sein müssen, einen Braten zu kochen. Rezepte gab’s trotzdem keine. Es wird davon ausgegangen, dass Leute das irgendwie geregelt kriegen. Wir reden auch kaum darüber. Ich frage mich, ob die Überforderungen, die für einige Erwachsene in diesem Lebensbereich entsteht und die in Diskursen um Verpeilung und Prokrastination zum Vorschein kommt, etwas mit der Abwertung dieser Arbeit zusammenhängt.

Zweitens: Steile Thesen zum Wandel der Arbeit taugen nichts, wenn sie Reproduktionsarbeit nicht mitdenken bzw. davon ausgehen, dass sich das bisschen Haushalt wie gewohnt von allein macht. Dabei geht es nicht ohne intersektionale Perspektive, denn Reproduktionsarbeit lässt sich nicht ohne Klasse, Geschlechterverhältnisse und die Verlagerung von Reproduktionsarbeiten auf Mirgrant_innen analysieren.