Category: Wissenschaft

Schmunzeln über Hegemonietheorie

Als Orte der relativen Dauerhaftigkeit und Verläßlichkeit im diskursiven Rauschen bilden diskursive Institutionen gewissermaßen die ‘kleine Schwester’ der diskursiven Formation-Formierung. Als ‘Subformation-formierung’ stabilisieren diskursive Institutionen kleinere diskursive Zusammenhänge.

Aus Martin Nonhoff: Politischer Diskurs und Hegemonie. Das Prokekt “Soziale Marktwirtschaft” (transcript Verlag, Bielefeld, 2006, S. 180). Das ist ein wie ich finde sehr empfehlenswertes Buch, in dem die Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantall Mouffe sehr ausführlich erläutert, geordnet, durchdefiniert und auf die Analyse hegemonialer Projekte angewandt. Im Dezember erscheint ebenfalls bei transcript der von Nonhoff herausgegebene Sammelband “Diskurs – radikale Demokratie – Hegemonie. Zum politischen Denken von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe”, den ich mir auf jeden Fall ansehen will.

Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak: Sprache, Politik, Zugehörigkeit

Ein dünnes, 78-Seiten starkes Buch ist jetzt erschienen, über das Martin Saar in seiner Rezenssion für Literaturen schreibt:

Mit Lust an der Pointe und am Vervielfältigen der Standpunkte streiten Judith Butler und Gayatri Spivak in einer so turbulenten wie heiteren Podiumsdiskussion. Es geht darum, wer die Signatur der politischen Gegenwart besser entziffert.

Theoriepolitik für die Hosentasche. Werd ich lesen!

Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak: Sprache, Politik, Zugehörigkeit. Aus dem Englischen von Michael Heitz und Sabine Schulz, diaphanes, Berlin 2007, 78 S., 8 €

Dummheit in der Musik

Die “ästhetisch-politische Kategorie” der DiM wurde von HANS EISLER (1898-1962) geprägt, dem überragenden Komponisten der kommunistischen Arbeiterbewegung, der marxistische Theorie mit dem Komponieren zusammengebracht hat und dessen Schriften und Gespräche ihn als originellen und bedeutenden marxistischen Denker ausweisen. […] So ist das falsche Kollektiv zuletzt der zentrale Gehalt der DiM, und das Ringen um neue Formen von Solidarität ist der Sinn ihrer Kritik: die kollektive Formung politischer und musikalischer Intelligenz, die den Individuen geschichtlich neue Freiräume öffnet

Wolfgang Fritz Haug: Dummheit in der Musik, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 2: Bank – Dummheit in der Musik, 874-882.

Cruikshank: The Will to Empower

Heute habe ich endlich mal Barbara Cruikshanks Buch “The Will to Empower. Demokratic Citizens and Other Subjects” (1999) fertig gelesen. Sehr lohenend. Im Kern geht es um das Verhältnis von Demokratie und Gouvernementalität und um die Frage, wie demokratische citizens gemacht werden.

Cruikshank beschäftigt sich – nachdem sie die Frage, warum auf einmal Schlösser an den Mülltonnen waren, nicht beantworten konnte – mit verschiedenen Programmen und Diskursen des amerikanischen welfare Systems. Anhand des War on Poverty, des selfesteem movements und der Figur der welfare queen zeigt sie, wie in einer sehr diffusen, dezentralen Art Macht ausgeübt wird, in dem Subjekte im doppelten Sinne als Subjekt und subjected hervorgebracht werden. Dabei geht es auch um die Strategien des empowerment, durch die WohlfahrtsempfängerInnen zur Selbsthilfe ermächtigt werden sollen.

Subjekte verkörpern Machtverhältnisse und verfügen durch den Akt der Unterwerfung über die Macht, sich selbst zu führen. In Bezug auf Widerstand hat Curikshank deshalb Folgendes zu sagen

“[One] should call into question any form of resistance or critique that seperates [subjektivity and subjection]. Practices of governing and ruleing are not restricted to ‘the political’ or to one sphere, and so we must focus on how we are governed and by what practices, rather than by which people in which sphere” (p. 120).

Wenn Macht kein Gesicht hat und durch die Körper der BügerInnen hindurch verläuft, dann muss auf andere Weise über Demokratie nachgedacht werden. Aufschreibenswert fand ich in Bezug auf Demokratie auch folgenden Satz:

“What I value most about democracy is that it effects are contingent rather than permanent” (p. 124).

Und schließlich bin ich über einen Gedanken gestolpert, der seit einiger Zeit in meinem Kopf spukt: Was ist eigentlich ein “linkes” Verhältnis zu Gouvernementalität, zur Kunst des Regierens? Müssen eigene, andere Figurationen von citizenship erfunden werden, und welche könnten das sein? Oder geht es immer nur darum, nicht auf diese Weise regiert zu werden?

anderswo: Heute im Vergleich zu Gestern

Leider ist Frau Bunz’ Seite gerade nicht erreichbar. Ich bin im RSS-Reader über einen Satz gestolpert, über den ich kurz nachdenken will, wenn ich jetzt schon nicht sofort kommentieren kann.

Heute existiert man nicht mehr im Rahmen geltender Strukturen. Man muss alles selbst aktiv herstellen. Andauernd, auch beim Arbeiten.

Das dürfte nicht für alle gelten, klar. Aber auch für die anderen: Ist nicht das ‘selbst aktiv herstellen Müssen’ auch Struktur? Sind diese Subjekte nicht genauso hervorgebracht wie beispielsweise Arbeitersubjekte? Und von der anderen Seite betrachtet: Haben die Subjekte von gestern nicht auch selbst mitgearbeitet? Selbstverständlich änderte sich da was massiv, aber doch nicht auf dieser Meta-Ebene.

anderswo: Der linke Neoliberalismus wird konkreter

Spreeblick-Malte versucht den liNeoli zu konkretisieren. Im ersten Beitrag dieser losen Reihe wird mir klarer, warum mit dem Begriff “Neoliberalismus” gearbeitet wird. Na klar, es geht um einen Begriff der Freiheit, der über den der FDP hinaus geht. Voraussetzung von Freiheit sei ein klarer, kluger Kopf und darum solle Chancengleichheit in der Bildung oberstes Staatsziel sein. Klingt erstmal gut, aber geht Kapitalismus ohne hierarchisierte Differenz? Und welche Rolle spielt sowas für die Gouvernementalität der digibos?

Diskurspolitik

Mercedes Bunz nennt es linken Neoliberalismus, und meint damit Diskurspolitik.

Kurz zusammengefasst: Angst ist das neue Links. Das ist nicht gut. Der schwache Staat der Globalisierung ist ein Märchen. Diese Erzählung muss aufgedeckt werden. Der Kapitalismus hat sich verändert. Neoliberalismus ist aber nicht Anarcholiberalismus. Außerdem wird der Kapitalismus nicht in den nächsten Jahren überwunden sein. Widerstand ist trotzdem nötig. Der Staat soll eine neue Ordnung schaffen. Es müssen andere Erzählungen her.

Discuss.

Mir gefällt das mit der Diskurspolitik, die Kritik der Angst-Linken und auch die Einschätzung, dass es nötig ist, im Kapitalismus Politik zu machen. Aber warum “linker Neoliberalismus”? Und warum so Staatsfixiert?