Author: Kathrin

Erststimme

Bald ist wieder Bundestagswahl. In der aktuellen parteipolitischen Lage ist das für mich und viele in meinem Umfeld ein schwieriges Thema. Die SPD und die Grünen haben es sich lange verscherzt (Hartz 4, Netzsperren, die Koalition mit der von Beust-CDU in Hamburg), Schwarz-Gelb ist eine Horrorvorstellung, die Linke findet auch niemand uneingeschränkt gut und ein linkes Bündnis scheint ohnehin nicht in Sicht. Es wird wieder viel über strategisches Wählen geredet, über kleinere Übel, den Sinn und Unsinn von Kleinstparteien und Wahlkämpfe für oder gegen bestimmte Personen. In Diskussionen mit Freund_innen ist mir aufgefallen, dass die Sache mit den Erst- und Zweitstimmen manchen unklar ist, und weil ich in den nächsten Wochen vielleicht ein bisschen über die Wahlen schreiben werden, gibt es zunächst einmal einen kleinen Servicetext zur Auffrischung.

Bei der Wahl zum Deutschen Bundestag haben alle Wähler_innen eine Erst- und eine Zweitstimme zu vergeben. Mit der Zweitstimme wird nach dem Verhältnisprinzip die Sitzverteilung im Bundestag bestimmt, d.h., wie viele Abgeordnete eine Partei stellt. Um welche Personen es sich dabei handelt, entscheiden die Parteien durch die Aufstellung von Landeslisten. Mit der Erststimme wird ein_e Direktkandidat_in für den Wahlkreis gewählt. Hier gilt das Prinzip der relativen Mehrheit (the winner takes it all). Hat beispielsweise eine Kandidatin 30 Prozent der Stimmen enthalten, drei andere Kandidaten haben jeweils 20 Prozent und eine fünfte Kandidatin hat 10 Prozent, so zieht die Kandidatin mit den 30 Prozent in den Bundestag ein.

Die Erststimme bestimmt also im Gegensatz zur Zweitstimme “nicht direkt die Stärke einer Fraktion, sondern tauscht nur einen Kandidaten von der Liste gegen den derzeitigen Wahlkreiskandidaten. Wenn mehr Kandidaten einer Partei durch die Erststimme in das Parlament gewählt werden, als der Partei prozentual durch die Zweitstimmen zustünden, entstehen zusätzliche Mandate, die Überhangmandate” (wikipedia). Das mit den Überhangmandate ist ein spannendes Thema für Wahlnerds – dazu empfehle ich Chaosradio Express 128 über Wahlrecht und Wahlsysteme.

Aber lassen wir die Überhangmandate mal außen vor und schauen uns an, welche Rolle die Erststimme für den oder die Wähler_in spielt:

Schon im Politikunterricht in der Schule wurde davor gewarnt, die Erststimme zu verschenken: In den allermeisten Wahlkreisen stellen die SPD und die CDU bzw. CSU die Direktkandidaten, weil sie als so genannte Volksparteien bei einer relativen Mehrheitswahl einfach die besten Chancen haben. Das wirkt sich, wenn wir die Überhangmandate an dieser Stelle ignorieren, nicht auf die Sitzverteilung im Bundestag und damit auf die Chancen zur Regierungsbildung aus, da diese ja über die Zweitstimme entschieden werden. Insofern ist es meiner Meinung nach auch keine große Schande, dem Prinzip des Stimme-Nicht-Verschenken-Wollens zu folgen und sich für die Direktkandidatur der CDU oder SPD zu entscheiden. Und vielleicht lässt sich ja auch innerhalb dieses Systems durch gezieltes, strategisches Wählen etwas machen …

Die Direktkandidaten der Parteien sind zum Teil auf der Landesliste auf aussichtsreichen oberen Plätzen vertreten – sie kommen also wahrscheinlich sowieso in den Bundestag. Manche Direktkandidat_innen verzichten darauf, weil sie ziemlich sicher sein können, dass sie über die Erststimme in den Bundestag einziehen (man denke an den klassischen CSU Kandidaten in einem ländlichen bayrischen Wahlkreis). Wenn sich genügend Wähler_innen aber dagegen entscheiden, das Erststimmenkreuz bei dieser Person zu machen, wird es leider nichts mit dem Bundestag.

Aussichtslose Direktkandidat_innen, die keinen Platz auf der Landesliste haben, sind vermutlich solche, die innerhalb ihrer Partei noch nicht die für ein Bundestagsmandat in Frage kommen, oder sie sind Landespolitiker_innen, die ihre Bekanntheit im Bundeswahlkampf für ihre Partei nutzen wollen. Wählen die Wähler_innen aber überraschenderweise nicht die als aussichtsreich geltende Person in einem Wahlkreis, kann es sein, dass solche Direktkandidaturen erfolgreich sind. So könnte etwa ein junger, unbekannter CDU Kandidat in einem klassischen SPD Wahlkreis gewinnen, wenn sich viele Wähler_innen vom SPD Mann abwenden und ihre Erststimme nicht an diesen vergeben.

Kaffee und kolonialrassistische Kontinuität

Dass bei mancher Edeka-Filiale kein Gespür für Eurozentrismus und Rassismus vorhanden zu sein scheint, wissen geneigte Leser_innen dieses Blogs schon seit Alibabas Ananasshow (dieser Artikel bringt im übrigens immer viele Leute über das Suchergebnis zu “Ananas schneiden” auf die Seite). Im Edeka hier in der Nähe gibt es seit längerem Kaffeespezialitäten von Becking Kaffee. Die Hamburger Firma schmückt ihre Verpackungen mit einem klassisch kolonialrassitischen Motiv: Einem dienenden Schwarzen Jungen. ((Ich habe mich dagegen entschieden, das Foto direkt in den Text zu posten.))

Ich hatte vor einiger Zeit eine Email an Becking Kaffee geschrieben, die bis heute leider unbeantwortet blieb.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Beim Einkaufen im Supermarkt bin ich auf Ihre Kaffeeprodukte aufmerksam geworden und habe mich über das Motiv auf dem Etikett geärgert.

Meines Erachtens reproduzieren sie damit das kolonialrassistische Stereotyp des unterwürfigen, dienen Schwarzen Jungen/Sklaven. Ich finde es höchst problematisch, solche Motive zu verwenden, gerade wenn man selbst eine privilegierte weißen und europäischen Position inne hat und in einem Land wie Deutschland ansässig ist, das selbst eine imperialistische und kolonialistische Vergangenheit hat.

Eine solche Abbildung mag “romantisch” wirken und an die gute alte Zeit und Kaffeetradition erinnern. Doch letztlich ist dies ein äußerst verklärendes Bild auf eine Zeit, in der europäische Staaten Menschen im “Rest der Welt” unterwarfen, unterdrückten und ausbeuteten – all dies vor dem Hintergrund einer Ideologie, welche diese Politik als “Zivilisierung” scheinbar rückständiger “Wilder” legitimierte. Bis heute wirkt sich dieses Denken auf die Machtverhältnisse innerhalb von Gesellschaften und in der ganzen Welt aus.

Ich bin der Meinung, dass ein Motiv, wie ich es auf Ihren Kaffeepackungen sehe, nicht nur an diese Zeit erinnert, sondern Stereotype aufrechterhält, die zu einer rassistischen Weltauffassung beitragen. Sie werden vermutlich erwidern, dass diese rassistische Konnotation von ihnen nicht intendiert war, und ich glaube Ihnen das auch. Die Wirkung von Bildern und Äußerungen hängt jedoch nicht von der Intention derjenigen ab, die sie verbreiten.

Ich finde den Gedanken daran, dass Schwarze Kinder in unserer Gesellschaft Menschen, die ihnen in Bezug auf die Hautfarbe ähnlich sehen, lediglich auf Plakaten von Hilfsorganisationen, oder auf Kaffeeverpackungen als unterwürfige Diener sehen, erschreckend und beschämend.

Aus den oben dargelegten Gründen möchte ich Sie dazu auffordern, über ein Neudesign Ihrer Verpackungen nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen,

Kathrin Ganz

Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt. Mein Schreiben sowie Ihre Antwort werde ich zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

Apropos Kaffee: Der Chaosradio Express Podcast #119 zum Thema ist wirklich hörenswert.

Leuchtstifte

Die Wolfseule hat ein Video aufgenommen. Psychdelischer Gender Trouble. Eine Tragödie.

Links vom 3. bis 22. Juli 2009

Decluttering. Alle Links der letzten Tage nach dem Klick.
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Queer Flora Party

queer_flora

Am 8. August findet anlässlich des, aber nicht zum CSD die alljährliche Queer Soliparty in der Roten Flora (Achidi-John-Platz 1, Schanzenviertel) statt. Ab 23 Uhr legen das Café Bukarest, Martha Hari von Mis-Shapes, matt3000, filou, dj am pult, dj if, bosie m. und Bibibeatgrid auf.

Christopher Streets Kochshow
(Dauerwerbesendung)

Auch im 40. Jahr nach Stonewall serviert die große CSD-Kantine wieder nur Einheitsbrei. Was gibt’s denn dieses Jahr im Angebot? Oh, wieder die gleiche Pampe aus der Dose – produziert vom Hamburg Pride e.V. und seinen Sponsoren, verpackt in einer durchgestylten Werbekampagne – diesmal mit dem Anliegen, den Artikel 3 des Grundgesetzes zu erweitern.
Der „Gleichheitsartikel“ soll um den Zusatz „sexuelle Identität“ ergänzt werden. Das würde uns wohl schmecken, aber weitere Zutaten der offiziellen Hamburg Pride sehen fade aus aus: (Steuer-)rechtliche Gleichstellung und Adoptionsrecht „für Homosexuelle“ und „die Einhaltung der Menschenrechte für Homosexuelle in allen Ländern der EU“ – diese Forderungen gehen uns nicht weit genug, weil sie an Ländergrenzen haltmachen, anstatt uneingeschränkt für Menschenrechte einzutreten.
An der Tafel platznehmen und mitessen darf, wer einen Clubausweis zum großen Speisesaal der Festung Europa hat und brav aus dem erweitertem Standardmenü wählt – schwul, lesbisch, bisexuell, transsexuell, intersexuell. Für Überraschungsgäste mit queeren Gelüsten gibt es nicht einmal den Katzentisch.
Wir löffeln da nicht mit, uns ist der Appetit in der CSD-Kantine schon lange vergangen. Wir wollen uns nicht dem heterosexuellen Normalfall anpassen und uns gleichmachen lassen zu einer attraktiven Zielgruppe für Sponsor_innen – queer ist kein Lifestyle!
Wir wollen auch nicht das schillernde „Andere“ sein und uns während der „politischen Parade“ der Hamburg Pride von Tourist_innen fotografieren lassen. Kein Kommentar zu unseren Leben!
Für alle, die von Einheitsbrei nicht satt werden und ihrem queeren Heißhunger nachgeben wollen, machen wir eine gepfefferte alternative CSD-Party in der Roten Flora – nicht kommerziell, improvisiert, selbstorganisiert und solidarisch. Guten Appetit!

Die Erlöse des Abends spenden wir der Organisation „Coming Out“. Sie leistet in Russland unter extrem schwierigen Bedingungen Basisarbeit. Weitere Informationen gibt es unter http://piter.lgbtnet.ru und bei der Party.

Zwei schöne Projekte

Ein paar Klicks bzw. ein bisschen Reinfuchsen, und schon entstehen zwei schöne neue Projekte, die ich diese Woche an den Start bringen konnte. Die AG Queer Studies hat jetzt neben ihrem neuen Blog auch einen Podcast. Dort dokumentieren wir – wie schon bei Radio FSK – die Vorträge aus unserer Reihe “Jenseits der Geschlechtergrenzen”. Einige Referent_innen haben uns freundlicherweise das Recht eingeräumt, ihre Vorträge als Podcast zur Verfügung zu stellen. Alle zwei Wochen werden wir einen Vortrag posten. Zur Premiere gibt es einen Vortrag von Do. Gerbig zur “Widerstänigkeit des prozessual-strategischen Subjekts”. Es gibt den Podcast jetzt auch schon im iTunes Store Podcast Verzeichnis. Alle weiteren Infos dazu direkt im AG Queer Studies Blog.

Screenshot vom iTunes Store mit dem Podcast Jenseits der Geschlechtergrenzen

Das andere Projekt ist eine Gruppen bei Soup.io mit dem Namen digitalekulturresearch, die ich eingerichtet habe, um Material zur Analyse digitaler Kultur sammeln möchte. Das können zum Beispiel Bücher, Artikel oder Grafiken zur kultur- oder sozialwissenschaftlichen Bearbeitung des Forschungsfeldes Internet und Web 2.0 sein. Ich freue mich, wenn sich noch weitere Mitsammler_innen finden.

Screenshot der soup.io Seite digitalekulturresearch

Freiheit statt Angst

Für den 12. September ist in Berlin eine Großdemo geplant, bei der es um digitale Bürgerrechte gehen wird. Unter dem Motto “Freiheit statt Angst” werden hoffentlich viele Leute auf die Straße gehen, um gegen Überwachung und konkrete politische Entscheidungen wie die Vorratsdatenspeicherung oder das Zugangserschwerungsgesetz aka Zensurinfrastruktur zu protestieren. Alexander Svensson hat einen hervorragenden Trailer zur Demo produziert, der unter einer CC-by-nc-sa Lizenz steht.


Freiheit statt Angst – der Trailer auf Vimeo

Ich frage mich immer mal wieder, ob ich es problematisch finde, dass es in dieser Bewegung so gar nicht um strukturelle Machtverhältnisse geht. Einerseits wird mit Schlagwörtern wie Generation 64 ein heterogenes Wir konstruiert, dass sich nicht darum kümmert, von welcher Position aus Leute sprechen und wie sie gesellschaftlich verortet sind. Die Dringlichkeit des Kampfes um digitale Bürgerrechte mag sich relativieren, wenn man die Situation von strukturell depriviligierten Personen in den Blick nimmt. Andererseits ist es klar, dass es einer Demo immer um ein bestimmtes Thema geht – bei der Piratenpartei sehe ich die Fokussierung auf wenige, konsensfähige Themen wesentlich kritischer. Und schließlich geht es bei den netzpolitischen Kämpfen um das Verhältnis von Bürger_in und Staat entlang der Linien Sicherheit und Freiheit, und deshalb fände ich es spannend, wenn sich politisierten Digitalen auch anderen Themen zuwenden würden – mit der Diskussion um das Grundeinkommen vor einiger Zeit ist das ja schon in Ansätzen geschehen.

Feministisches Institut mit RSS und Kommentaren

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis: Die Website des Feministischen Institut Hamburg läuft jetzt auf WordPress. Endlich können die Beiträge kommentiert und per RSS abonniert werden. Verschiedene Autor_innen setzen sich auf der Seite aus feministischer Perspektive mit Themen aus Bereichen wie Arbeit, Bildung, Ökonomie, Sozialpolitik oder Technologie auseinander und geben dadurch Einblicke in aktuelle, facettenreiche feministische Wissensproduktion.

Forderungen stellen

graffiti tobinsteuer
gesehen in Marburg

Es ist wohl die Zeit gekommen, komplexe ökonomische Forderungen im öffentlichen Raum sichtbar werden zu lassen. Wie wär’s mit

Weg mit dem Ehegattensplitting!
Progressionsvorbehalt stoppen!

Verqueerte Verhältnisse live und in Farbe

Die AG Queer Studies präsentiert an diesem Wochenende den Sammelband “Verqueerte Verhältnisse” auf den Linken Buchtagen in Berlin (Samstag) und im Centro Sociale in Hamburg (Sonntag).