Author: Kathrin

Das Ende des Neoliberalismus

Auf das Fragezeichen in der Überschrift verzichte ich, obwohl ich meine These für gewagt halte. Die Gelegenheit für solche Visionen ist aber günstig, wenn sogar in der FAZ zumindest im Feuilleton von der Zeit “nach dem Neoliberalismus” die Rede ist (via mspro).

Während sich krisenbewusste Marxist_innen auf das Ende des Kapitalismus freuen, nistet sich bei mir der Gedanke ein, dass wir an einer gouvernementalen Zeitenwende stehen könnten. Die Finanzmarktkrise ist nicht das eine, große, singuläre Ereignis, dass diese bewirken könnte, und ich glaube auch nicht an einen schnellen Wandel, bei dem ein homogenes Altes sauber von einem ebensolchen Neuen abgelöst wird. Regierungsrationalität sind widersprüchlich und vielfältig. Trotzdem: Die Zeit des scheinbaren, aber sehr wirkmächtigen neoliberalen Konsens’ scheint abgelaufen zu sein.

Es setzt sich schneller als ich es erwartet hätte die Erkenntnis durch, dass die Deregulierungspolitik der letzten Jahre nicht so schlau gewesen ist. Ein anderes Beispiel ist die Energieversorgung. Auch hier fragen sich nicht nur Leute in Privathaushalten, ob Privatisierung wirklich ein cleverer Move war. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Monaten nicht nur einiges an längst überfälliger Regulierung angeleiert wird, sondern dass sich auch die Einstellung gegenüber der Kraft von Märkten und ökonomischer Rationalität sich ändern wird.

Mittelfristig könnte ein solcher Wandel nicht nur den Finanzmarkt oder die Wirtschaft betreffen, denn die Martlogik und der Homo Öconomicus spielen mittlerweile in vielen Bereichen des Lebens eine große Rolle. Neoliberale Gouvernementalität bedeutet, dass sich Begriffe, Vorstellungen und Normen aus dem Bereich der Wirtschaft auf andere Bereiche der Gesellschaft ausdehnen. Das Schaffen von Märkten gilt als innovatives Steuerungsinstrument in verschiedenen Politikfeldern, und soziale Beziehungen werden nach ökonomischen Kriterien beurteilt. Das Menschenbild verändert sich: Individuen sind “Humankapital”. Die neoliberale Regierungsrationalität regt Subjekte dazu an, das zu werden, was sie im Sinne dieser Subjektvorstellung längst sind: freie, nutzenmaximierende und verantwortliche Unternehmer_innen ihrer Selbst – auch unter widrigen Umständen.

Es scheint, als ergeben sich gerade an zentralen Stellen dieses Diskurses, der in den letzten Jahren so dicht verwoben und machtvoll war, große Risse, die geschlossen werden müssen, und dabei wird zwangsläufig etwas Neues entstehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gelingen wird, diese Krise als Fehler von beispielsweise zu faulen Häuslebauer_innen oder durchgeknallten Manager_innen darzustellen, auch wenn welche das versuchen.

Aber was heißt das jetzt für “die Gesellschaft”? Die letzten Jahre haben trotz des Versprechen, mit dem entsprechenden Einsatz sei alles zu schaffen, nicht gerade Glück, Freiheit und Wohlstand für alle gebrachten, im Gegenteil: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander und immer mehr Menschen sind von Prekarisierung betroffen. Ich fürchte leider, dass sich daran so bald nichts ändern wird. Schließlich scheinen wir eine massive Wirtschaftskrise vor uns zu haben, und staatliche Interventionen werden sich erst mal auf die Finanzmärkte und Banken konzentrieren, und weniger konsumseitig eingesetzt werden (in den USA gibt es allerdings solche Pläne). Ich will auch nicht sagen, dass letzteres besser wäre. Für Einschätzung dieser Art sollte man Leute fragen, die mehr Ahnung haben, und alles weitere an dieser Stelle wäre Glaskugelschreiben. Auf Schwankungen und Veränderungen nicht nur an den Börsen, sondern auch im Diskurs, können wir uns aber gefasst machen, und vielleicht verändern sich im Zuge der Ereignisse auch wieder Regierungstechnologien und Menschenbilder. Uns stehen diskursiv-politisch spannende Zeiten bevor.

Obama – wirklich eine sichere Sache?

Malte von Spreeblick hat nicht die ganze zweite US-Präsidentenkandidatendebatte heute Nacht durchgehalten (und damit immer noch mehr gesehen als ich), aber ist sich jetzt sicher, dass Barack Obama gewinnen wird. Ich hoffe darauf und drücke die Daumen, doch mich stimmt eine Sache skeptisch, von der ich neulich im Addicted to Race Podcast gehört habe: Der Bradley Effekt.

The term Bradley effect, less commonly called the Wilder effect, refers to a frequently observed discrepancy between voter opinion polls and election outcomes in American political campaigns when a white candidate and a non-white candidate run against each other. Named for Tom Bradley, an African-American who lost the 1982 California governor’s race despite being ahead in voter polls, the Bradley effect refers to a tendency on the part of voters — black as well as white — to tell pollsters that they are undecided or likely to vote for a Black candidate, and yet, on election day, vote for his/her white opponent. (wikipedia)

Sozial erwünschtes Verhalten nennt man das in der empirischen Sozialforschung. Befragte geben an, was ihrer Meinung nach die erwünschte Antwort ist. In der Sprache der rationalen Wahl lautet die Annahme: Je heikler das Thema, desto höher sind die Kosten der Angabe der wahren Antwort, und daraus entsteht eine systematische Verzerrung. Geht es um US-amerikanische Wahlen und die “Rasse” des Kandidaten, wird vom Bradley Effekt gesprochen.

Der Effekt ist nicht unumstritten. In den Vorwahlen wurde manchen Staaten sogar ein “reverse” Bradley Effekt beobachtet:

On average, Obama received three percentage points more support in the actual primaries and caucuses than he did during polling; however, he also had a strong ground campaign, and many polls do not question voters with cellphones, who are predominantly young. (wikipedia)

Umfragen kurz vor den Vorwahlen tendierten dazu, Obama in Staaten mit einer schwarzen Bevölkerungsanteil von unter acht Prozent zu überschätzen, ihn aber in Staaten mit einer schwarzen Bevölkerungsanteil von über 25 Prozent zu unterschätzen. Es wird vermutet, dass schwarze Wähler_innen entweder in den Umfragen unterrepräsentiert waren, oder aber ihre Unterstützung für Obama nicht bekannt geben wollten. Es kommt also darauf an, wer zur Wahl geht, und wer mit welchen Mitteln befragt wird. Und überhaupt: Da sind ja noch die Swing States, auf die es eigentlich ankommt. Vor dem 5. November werde ich wohl kein Sicherheitsgefühl entwickeln können.

Links vom 22. September bis 7. Oktober 2008

Alle Links der vergangenen Tage nach dem Klick.
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Warum Beckstein jetzt bleiben sollte

SpOn vermeldet Chaostage bei den Christsozialen, und ausgerechnet jetzt wirft Beckstein den Hut?

Im Bundestagswahlkampf 2002 kam ich zufällig bei einer Veranstaltung des Harburger CDU Direktkandidaten und ehemaligen Verteidigungsminister Volker Rühe vorbei. Günther Beckstein war damals Innenminister Bayerns und als Redner zum Thema innere Sicherheit mit von der Partie. Er erzählte eine Geschichte aus München. Dort hatten sich im selben Jahr Punks angekündigt, um Chaostage zu veranstalten. Becksteins erfolgreiche Strategie sah vor, die jugendlichen Chaoten schon am Bahnhof von der Polizei abzufang und zu fragen, was sie in der Landeshauptstadt wollten. Großmütter besuchen, sei die Antwort gewesen. Zu ihren Omas hätte die Polizei die Jugendlichen sehr gerne gefahren. Schließlich ist Familie sehr wichtig. Nunja, die Chaoten sind dann lieber zurück gefahren, und die Chaostage fanden nicht statt – so die Erzählung Becksteins vor dem applaudierenden Harburger Marktplatz. Beckstein ist ein Chaosmanager par excellence, und auf diesen Mann will die CSU jetzt verzichten?

Im Ernst: Ein Hardliner wie Schill, gut, dass er erstmal weg ist.

Missy am Kiosk oder im Briefkasten

Aufgrund eines Serverumzugs war i ♥ digital life diese Woche zwischenzeitlich off, und einige Links, die ich für euch bei delicious hinterlegt hatte, sind nicht durchgekommen. Ich möchte darum noch mal auf Jokerines exzellentes Post zur Kommentarpolitik auf feministischen Blogs hinweisen, den sie anlässlich der Schließung der Kommentare auf dem Genderblog geschrieben hat. Den Link zum Bereicht über die Smash §218 Kundgebung in Berlin habt ihr sicher in vielen anderen Blogs schon gefunden.

Last but not least: Der Erscheinungstag der ersten Missy-Ausgabe ist raus! Ich weiß ja, sie wollten die erste Nummer ganz bestimmt eigentlich an meinem Geburtstag bringen, aber weil der dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, mussten sie den Tag darauf nehmen … Checkt Missy am 20. Oktober am Kiosk aus, oder abonniert 4 Ausgaben für 18 Euro (Jahresabo Inland) oder 25 Euro (Ausland). Jede_r weiß: Beim Abo bleibt mehr Geld bei den Produzentinnen des Heftes, und die Aboprämien sind auch nicht von schlechten Eltern. Ich habe abonniert, und bin natürlich gespannt, ob das Heft meinen Erwartungen gerecht wird.

Zum Schluss noch ein Hinweis: Ich bin übers Wochenende in Berlin. Wenn jemand erstmalig kommentiert, muss ich das freischalten, und jetzt wisst ihr Bescheid, warum es zu Verzögerungen kommen könnte.

Finanzkrise verstehen mit NPR

Mitte Mai hatte ich auf die mittlerweile berühmte Folge von This American Life hingewiesen, in der es um die US-Immobilienkrise ging. Die Sendung schaffte es, dieses komplexe Ereignis relativ nachvollziehbar zu erklären. In Folge 355: The Giant Pool of Money illustiert die Immobilienkrise auf verschiedenen Ebenen und anhand verschiedener Akteure, ohne sie als das Produkt individueller Fehler darzustellen. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass es sich vielmehr um einen systemisch produzierten kollektiven Wahnsinn handelt.

Nicht zuletzt aufgrund des großen Erfolges dieser Folge gibt es bei National Public Radio jetzt eine neue Sendung von Adam Davidson, die sich mit dem Finanzsystem und den aktuellen Ereignissen beschäftigt. NPRs Planet Money erklärt, was es mit “naked short selling”, Fannie und Freddie auf sich hat, warum die USA so sehr von China abhängen, und beantwortete am morgen der Lehmann Brothers Pleite sogar Hörer_innenfragen. Die Sendung gibt es als Podcast mit jetzt 10 Sendungen à 10 bis 20 Minuten, und einen dazugehörigen Blog. Mein Tipp, um das alles ein bisschen besser zu verstehen und sich Gedanken darüber zu machen.

Zwei feministische Werkstätten und eine Veranstaltung zum Grundeinkommen

Nach der Sommerpause nimmt die Feministische Werkstatt in Hamburg wieder ihre zwei-monatliche Routine auf. Für Oktober und Dezember sind Veranstaltungen zu Arbeit/Arbeitszeitverkürzung und zum Aufbrechen heteronormativer Familienbilder geplant. Zwei sehr spannende Themen, und der Film “natürlich: kai“, der im Dezember gezeigt wird, ist wirklich toll! Im Oktober wird es außerdem eine weitere Veranstaltung zum bedingungslosen Grundeinkommen geben. Zeit, Ort und Details nach dem Klick!
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Computergeschichte: Mein erster Mac

Bei den Eltern gab es ca. 1990 den ersten PC. Spielen war mütterlicherseits ein bisschen verpönt. Sie nannte Tetris “Schiffe versenken”. Mein Vater hatte einen Kurs an der Volkshochschule gemacht, bei meinem späteren Physiklehrer. Nach DOS kam Windows 95 und 98, und dann bekam ich meinen ersten eigenen PC und damit hielt das Internet Einzug in die Familie. Ein paar Jahre zogen ins Land, mein PC hatte viele schwere Ausnahmefehler, erstaunlich wenig Virenprobleme, T-Online stellte seine ISDN Flat auf eine 90 Stunden/Monat pseudo-Flat um, und nach einem Umzug nach Hamburg, beim Installieren eines Super NES Emulators, ist das Teil komplett gecrashed. Ich bin auf Linux umgestiegen. Das war cool, aber umständlich.

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Foto von Dana Sibera (Danamania), Wikimedia Commons
Lizenz: Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5

Mein erster Mac war ein 2003 schon längst veraltetes Powerbook – günstig von eBay – das ich in erster Linie als Schreibmaschine benutzt habe, um die ersten Hausarbeiten in der Bibliothek zu schreiben. Das ging ganz gut, aber ich habe bei OS 9 nie verstanden, was es mit dieser komischen Leiste auf sich hat, die da so in den Bildschirm reinragte, und dann ist mir die ständig verschwunden und ich habe sie nicht mehr aufgekriegt. Es soll ja Leute geben, die immer noch nicht von OS 9 loskommen, aber ich war kein Fan davon. Schließlich entschloss ich mich zum Kauf eines iBook G3, damals Auslaufmodell. Der PC wurde abgeschafft und ich zur überzeugten OS X/Mac Nutzerin.

Gästebücher: Twitter in den alten Zeiten?

Als ich mich letztens so an meine erste Zeit im Netz erinnerte, ist mir wieder eingefallen, dass damals viel in Gästebücher geschrieben wurde. Ihr erinnert euch: Diese virtuellen Anschlagbretter, auf denen man Grüße im Stil von “Hey, tolle Seite!” hinterlassen konnte. Wie das so ist mit technischen Artefakten: Die Menschen machen damit dies und das, wie sie gerade lustig sind.

Ich erinnere mich mindestens an zwei Gästebücher, die wie twitter benutzt worden sind, nämlich als asynchroner Chat von miteinander mehr oder weniger bekannten Leute, die relativ kurze Nachrichten hinterlassen haben. Eines davon scheint es noch zu geben, das andere ist vor Jahren dem Relaunch der Seite zum Opfer gefallen. Es scheint also ein Bedürfnis nach dieser Art von Kommunikation gegeben zu haben, bevor es twitter gab. Das twitter nicht nur für Statusmeldungen benutzt wird – was ja eigentlich der Grundgedanke war – wundert mich nicht, wenn ich an Gästebücher zurück denke.

Was zum Lesen: Ökonomie und Queer Theory

In den letzten Wochen durfte ich mich anlässlich einer Prüfung mal wieder verstärkt mit Poststrukturalismus, Queer und Ökonomiekritik befassen. Auf twitter hatte mich @signifikanten gebeten, eine Literaturliste zu erstellen. Ich nehme das zum Anlass, ein paar der Texte vorzustellen, die ich im Zuge der Prüfungsvorbereitung oder früher schon mal gelesen habe.

Ob man Produktions- und Klassenverhältnisse mit diesem postmodernen Zeichengedöns überhaupt zu fassen bekommt, wird ja immer wieder angezweifelt, und trotz Neo- und Postmarxismus wird der Kapitalismus häufig noch als letzte Instanz konzeptualisiert, und das ist mit dem Anti-Essentialismus von Poststrukturalismus und Queer schwer vereinbar. Eine lesenswerte Kritik von queeren Theorien und Politiken formuliert Rosemary Hennessy in “Profit and Pleasure“. Hennessy beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und sexuellen Identitäten. Für sie ist das kapitalistische Klassenverhältnis der “Kern menschlicher Beziehungen”, und insofern verwundert es auch nicht, dass der Kapitalismus seine Finger im Spiel hat, wenn es um die Formierung von sexuellen Identitäten und Lebensstilen geht. Hennessys Kritik kann ich in Teilen nachvollziehen, die Lektüre lässt mich aber theoretisch sowie in Hinblick auf die politische Perspektive unbefriedigt zurück.
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