Author: Kathrin

Geschlechterdifferenz, Gehirn, Mario Barth … und trotzdem keine Katastrophe

Es ist mal wieder Zeit für einen kurzen Kommentar zu Spiegel-Online. Der Print-Spiegel hat mich vergangene Woche schon zu einem Gang zum Zeitschriftenhändler verführt, und den Artikel über Kinderbetreuung habe ich ganz gerne gelesen. Die Kritik im Genderblog ist zwar berechtigt, aber die Aussage des Artikels klar und deutlich: Krippenbetreuung ist wünschenswert und sollte noch viel besser werden.

Online gab es heute einen Artikel über Frauen, Männer, und Gehirne, der Teil des Spiegel Specials “Das starke Geschlecht – Was Frauen erfolgreich macht” ist: “Das gewollte Klischee” von Rafaela von Bredo.

Überraschenderweise wird dieses Mal gar nicht die alte Geschichte der biologischen Differenz verbreitet, sie sich mal hormonell, mal genetisch und in letzter Zeit besonders gerne entwicklungsphysiologisch qua Gehirn manifestierte. Es geht darum, dass das Quatsch ist. Es gebe keine nennenswerten Forschungsergebnisse, die Unterschiede in Hinblick auf kognitive Leistung und Fähigkeiten zwischen dem Mann und der Frau begründet nachweisen. Von Bredo argumentiert überzeugend, dass wahrgenommene Verhaltensunterschiede sozial konstruiert und sozialisationsbedingt sind. Hört hört! Vom Spiegel war ich anderes gewohnt.

Beispielsweise werden in diesem Artikel “die Biologisten” mit John Money in Verbindung gebracht, während es in den Anti-Gender Artikel des Spiegels und anderer Medien immer wieder hieß, Judith Butler und ihre Anhänger aus dem Gender Mainstreaming-Lager (sic!), würden die Arbeiten des Psychologen als Beleg für ihre Thesen anbringen.

Im Übrigen: Ist es nicht eine gute Nachricht aus den Labors der Hirnforscher, dass vor allem soziale Prägung den Menschen zum Mann macht oder zur Frau? Wer ist schon gern fremdgesteuert? Gegen die Natur lässt sich schwerlich angehen, aber gegen Stereotype schon – der Weg wäre frei, die tatsächlichen Ursachen der zementierten Rollenverteilung der Geschlechter zu klären.

Ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Autorin sieht das aber leider anders und schließt ihren Artikel mit folgenden Sätzen:

Angst vor feministischer Gleichmacherei? Vor schwindender Lebenswürze? Keine Sorge: Noch lange werden sich Vertreter des einen Geschlechts dabei beobachten lassen, wie sie stumm einen ganzen Sonntagvormittag lang vom Sofa aus dröhnende Boliden im Kreis fahren sehen, während die anderen Dauergespräche über swarowskiglitzernde Handys führen, um die bedeutende Frage zu klären, warum ER nicht zurückgerufen hat?!

Daher werden auch Mario Barth oder die Literatur zur Geschlechterdichotomie nicht verschwinden, sondern weiterhin erklären wollen, warum Männer mit Porsches protzen und Spinnen töten, während Frauen in High Heels stöckeln und Cremes in Fältchen spachteln. Denn in einer Sache wird der Mensch sich wohl niemals losreißen wollen von der Leine seiner Hormone: bei allem, was ihn sexy macht.

Meine Vorstellung von “sexy” ist das nicht. Oder ist hat sie das jetzt ironisch gemeint?

In den Einkaufskorb

Sex jenseits des Patriarchats – geht das? testcard stellt die alte Frage nach einem besseren Sex für eine bessere Gesellschaft neu.

testcard. Beiträge zur Popgeschichte – testcard #17: Sex

Das Missy Magazine kommt!

Glückwunsch! Ich freu mich drauf!

(Via mädchenblog.) Die Mädchenmannschaft hat ein Interview mit Sonja Eismann.

4096 bit

Ich freue mich über mein (nicht schrankenloses) Grundrecht “auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme” und habe mir zur Feier des Tages endlich eine PGP-Verschlüsselung für Mail zusammengebastelt. Eine richtig gute Anleitung für Apple Mail hat Dirk Einecke auf seinem Blog veröffentlicht.

Nachtrag: Die Pressemittelung des CCC.

Auf das die Männer immer neuer werden

Bei Spiegel Online gibt es heute ein Interview mit Lisa Ortgies zum Thema Elternzeit und Vätermonate: “Die Frauen müssen die Machtfrage stellen”.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Väter im Kinderzimmer so wichtig?

Ortgies: Nur so wird sich das Rollenverhalten langfristig ändern. Solange es nach wie vor Frauen sind, die das ganze Pflegerische und Fürsorgliche in der Familie übernehmen, werden die Kinder sich das abgucken. Wenn aber kleine Kinder künftig ihre Väter regelmäßig am Wickeltisch und hinter dem Herd erleben, dann werden kleine Jungs bald auch öfter mit Puppen spielen. Dieser unsinnige Biologismus, die Mär, dass das Rollenverhalten angeboren ist, all das wird sich in Luft auflösen.

Urteil im Prozess von Christiane V.

Diese Meldung vom 6. Februar ist bis eben total an mir vorbei gegangen: Klägerin siegt im “Zwitterprozess” (WDR). Dabei war der Fall von Christiane V., die den Arzt auf Schadensersatz verklagte, der ihr 30 Jahre zuvor ohne ihr Wissen und Einverständnis die völlig gesunden weiblichen Geschlechtsorgane entfernt hat, vor einiger Zeit durchaus in den Medien aufgetaucht.

Thx, transmission!

Koloniale Schattenseiten: Frappant wird Christiansquartier

Bei Blackprint wird ein Offener Brief von Jokinen dokumentiert, der sich dagegen ausspricht, den Frappant Komplex in Altona-Altstadt (aka “größte Bausünde der Stadt”) im Zuge seiner Umgestaltung in Chrisitans-Quartier umzubenennen. In der Pressemitteilung schreibt der Investor k-werkstatt

Das von k-werkstatt jetzt konzipierte Christians-Quartier soll zukünftig mit einer Verbindung von Kultur, Konsum und Wohnen die Altonaer Altstadt neu beleben. Der Name wurde in Anlehnung an die Blütezeit Altonas unter der Regierung des dänischen KönigsChristian VI. im 18. Jahrhundert gewählt.
Das Christians-Quartier wird ein freundliches, zeitgemäßes Objekt, das deutlich kleiner ist als der bisher die Große Bergstraße erdrückende Komplex. (christians-quartier.de)

Besonders freundlich und zeitgemäß ist der gewählte Name aber nicht. Schließlich würde er einen weiteren unkritischen Marker der hamburgischen Kolonialgeschichte darstellen. Jokinen schreibt dazu:

Christian VI war Hauptaktionär der „Dänisch-Westindisch-Guinesischen Kompanie“ und damit einer der größten Sklavenhändler und -halter im transatlantischen Dreieckshandel. Seine Vorgänger Christian V und Frederik IV hatten den globalisierten Sklavenhandel zwischen Kopenhagen, Guineischer Küste in Afrika und den Jungferninseln in der Karibik angeschoben. Sein Nachfolger Frederik V perfektionierte das perfide System des Menschenhandels, der zur Haupteinnahmequelle des Königs wurde und wesentlich zum Reichtum des dänischen Staates beitrug.

In Altona profitierten vom dänischen Sklavenhandel unter vielen anderen auch Emile Nölting, der sein Geld auf der dänischen Karibik-Insel St. Thomas machte und der Reeder von (van) der Smissen, der Sklavenschiffe chartete – beide werden in Altona mit Straßennamen geehrt.

Den ganzen offenen Brief könnt ihr bei Blackprint lesen: Wird ein weiterer Sklavenhändler in Hamburg geehrt?.

Žižek hat Hamburg-Harburg vergessen

Der ist wohl ein heimlicher Anhänger der POP-Partei. Und gibt es nicht im Osten Hamburgs einen weiteren Fernbahnhof, an dem manche Züge halten? Die Frage stellt sich, weil Lysis etwas putziges von Žižek gelesen hat:

Warum Revolution und Deutschland nicht zusammengeht:

Warum hat Hamburg drei verschiedene Fernbahnhöfe, die alle an derselben Strecke liegen (Hauptbahnhof, Dammtor und Altona)? Der Unterschied zwischen den beiden ersten, die scheinbar ‘irrationale’ Tatsache, daß unweit des Hauptbahnhofs ein weiterer Bahnhof (Dammtor) liegt, läßt sich leicht erklären. Die herrschende Schicht wünschte einen Bahnhof, an dem sie den Zug unbehelligt vom ‘Pöbel’ besteigen konnte. Rätselhafter ist der dritte Bahnhof Altona. …”

(Via Lysis.)

L’homme nouveau

Über den Nextgenderation-Verteiler kam vor einigen Wochen ein französischer Aufruf zu einer profeministischen Woche, der von Daniel ins Englische übersetzt wurde. Wenn ich das richtig verstehe, wollen sich zwischen dem 22. und 30. März einige Leute in der Gegend von Haut-Diois treffen. Zweck der Übung ist es, sich darüber bewusst zu werden, dass Mann-Sein und/oder Weiß-Sein und/oder Hetero-Sein und oder der Mittelschicht (classe moyenne) anzugehören bedeutet, Privilegien zu haben.

Ich fand den Aufruf und die darin formulierten Überlegungen sehr interessant und möchte sie darum hier posten. Gerade jetzt, wo sich auch das Mädchenblog mit den Antifeministisch-Männerbewegten herumschlagen muss, wünsche ich mir doch, dass noch viele sich solche Gedanken machen.

It’s important to come to this event in a state of mind that leaves us open to self-reflexion and self-criticism. That is the basis for beginning to counter our habits of domination, including ways of acting and reacting that might seem banal and nothing to do with domination at first glance.

We also really really want these few days to be a true experience of collective living. We will share all tasks, from cooking to taking notes, we will organize ourselves with the aim of giving ourselves a set of rules that will allow to minimise hierarchies, especially those kinds that so often appear in all-male settings.

What we absolutely do not want is to re-create, under the pretext of profeminism, a kind of a solidarity among men that is directed against the interests of women as a class, and against feminist movements.

For example, we find it unacceptable and politically dangerous to claim that men who feel marginal or unhappy feel that way because they belong to the class of men. In other words, here we have this famous “suffering of men” that the media talk about so much and that is currently fashionable.

Certainly, there can be psychological discomfort related to our exercise of domination, a malaise, an unease, but this must not be mixed up with the very much harsher experience of being oppressed.

These male problems are “boomerang effects” for which only we ourselves are responsible.

Politically, it would be contrary to a profeminist stance to make these problems a central issue, or to use them to demand attention. That would be a bit like a capital owner complaining in front of his employees about how stressed he feels.

As a consequence of the set of patriarchal rules that discourage men from expressing their inner states, men may of course have trouble talking about their suffering – suffering that is due to other relations of domination: We may be oppressed as being immature, as nonwhite, as inexperienced, as non hetero, etc etc, but never because of the fact of our being a member of the class of men.

To think or claim otherwise implies the idea that we live in a world dominated by women or feminist movements. A delusion we leave to the masculinists.

You go, boys! Wer Interesse an Kontaktinformationen oder dem französischen Originaltext hat, meldet sich einfach bei mir.

Edit: Bitte um freundliche Beachtung von Teilnehmers Überlegungen: We ourselves are responsible?

Seminar zu Geschlechterverhältnissen im Web 2

Web Zwei nennt man das in Berlin also. Das habe ich am Donnerstag bei der Veranstaltung des Feministischen Instituts gelernt, und außerdem hat Tanja mir erzählt, dass es schon ein Weblog zu ihrem Seminar im Sommersemester gibt. Dort stehen auch weitere Infos. Hier als Teaser erstmal ein Ausschnitt aus der Seminarbeschreibung:

Inzwischen wird das Internet als „Web 2.0‘ diskutiert. Neue Webtechnologien und Angebote wie Weblogs, Wikis, Podcasting, Flickr, Youtube, Folksonomy und Social Tagging ermöglichen neue Formen kooperativer Datenbereitstellung und versprechen eine Stärkung der Partizipation der NutzerInnen. Hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse scheint das ‚neue’ Internet aber auf den ersten Blick seine Ambivalenz zu behalten: Neben verschiedenen queer-feministischen Angeboten sind Sexismus und Antifeminismus keine Seltenheit, und viele Web-Communities erfordern von ihren Mitgliedern eine eindeutige geschlechtliche Positionierung.
In dem Seminar sollen die Angebote des „Web 2.0‘ einer näheren Betrachtung aus Genderperspektiven unterzogen werden. Neben der Auseinandersetzung mit ersten Forschungsergebnissen zu Nutzungsweisen und Potenzialen von Weblogs, Wikis etc. werden eigene Recherchen und Forschungen im Netz im Mittelpunkt des Seminars stehen.

(Via Geschlechterverhaeltnisse im Web 2.0.)