Category: DigitalLife

Re:publica 09: Donnerstag 2 – Feministische Netzkultur

Mit Spannung erwartet hatte ich selbstverständlich den Workshop zu “Feministischer Netzkultur” mit Katrin Rönicke und zwei anderen Frauen von der Mädchenmannschaft. Katrin stellte zunächst das amerikanische Blog feministing und das britische Blog the f-word vor, und erzählte dann was über das Genderblog, das Mädchenblog und schließlich die Mädchenmannschaft. Sie gab Einblicke in die Arbeit der Mädchenmannschaft und in das, was sie noch vorhaben. Außerdem riß sie die Frage an, warum Frauen so wenig politisch bloggen, und was mensch tun könne, um sie dazu zu bringen. Es wurde viel über Vernetzung geredet, ohne konkret was zu planen. Ich meldete mich per Zwischenruf zu Wort und forderte ein (queer?)-feministisches BarCamp, was – soweit ich das einschätzen kann – nicht das selbe ist, wie ein FrauenBarCamp oder Girl Geek Dinner. Es geht mir zumindest nicht darum, mich mit Frauen aus dem Technikbereich zu vernetzen, sondern mit Feminist_innen über queere und feministische Netzkultur zu sprechen und über mögliche gemeinsame Projekte nachzudenken.

Gut fand ich auch die kurze Diskussion über den Begriff des Schutzraumes für die Kommentarpolitiken in feministischen Blogs. Die meiner Meinung nach notwendige Praxis, Kommentare unter der Gürtellinie und die ewig gleichen antifemnistischen und vor allem die feministischen Argumente und Forderungen notorisch falsch verstehenden Diskussionen nicht zuzulassen, wurde als Schaffen von Schutzräumen im Netz bezeichnet. Schutzräume sollen eine Atmosphäre schaffen, in der sich jede_r traut, ihre_seine Meinung zu sagen und sich an Gesprächen zu beteiligen. Ob der Begriff des Schutzraumes dafür angebracht ist, wurde durch eine Plenumsteilnehmer_in in Frage gestellt. Damit werde die weibliche Opferrolle reproduziert. Ich halte ein selbstbewusstes “this is my party” übrigens auch für die klügere Haltung in dieser Frage.

In der Session war für meinen Geschmack zu viel von “den Frauen” die Rede, und Konflikte oder Heterogenität wurden nicht sichtbar, außer bei dem Verweis von Julia Seelinger auf den medial hochgespielten Konflikt zwischen dem “neuen Feminismus” à la “Wir Alphamädchen” und dem “alten Feminismus” à la Emma. Es gibt so viel mehr, und ein weitergehender Austausch wäre sicher nicht reibungslos, aber interessant. Ich bin gespannt, was von der Mädchenmannschaft in diesem Jahr noch kommt, und freue mich darüber, verschiedenen Namen aus der feministischen Ecke der Blogosphäre und von Twitter jetzt Gesichtern zuordnen zu können.

Re:publica 09: Donnerstag 1 – Identität im digitalen Leben

Zweiter Tag der re:publica 09. Nach dem der erste Tag etwas uninspirierend begonnen hatte, hatte ich absolut nicht die Hoffnung verloren, und sie wurde auch nicht enttäuscht. Shift happened. Den sicherlich sehr hörenswerten Vortrag vom Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar zum aktuellen Stand des Datenschutzs in Deutschland habe ich zu Gunsten von Brötchen und Kaffee verpasst. Der Tag begann für mich erst Mittags mit Rishab Aiyer Goshs Vortrag über “Collaborative Creativity and the Test of Time”. Es ging um Zeitverläufe in Wirtschaftsprozessen, Patente und Open Source, aber ich war nicht ganz bei der Sache, und ähnlich ging es mir nach dem Umzug in die Kalkscheune bei Peter Glasers feulletonistischem Beitrag zu “Internet und Ethik”: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?. Ich musste ja den Text über gestern noch online stellen, solange das Internet funktionierte.

Bei den beiden Vorträgen zu “Internet und Identität” von Tina Guenther und Christiane Link war ich dann aber geistig am Start. Leider ging es nicht direkt – wie der Untertitel der Session versprach – darum, “was facebook und co. mit französischer Philosophie verbindet”. Stattdessen gab es zuerst einen sehr soziologischen Beitrag von Tina Guenther über Vertrauen im Netz. Sie erwähnte jede Menge Soziologieklassiker von Simmel bis Parsons und hatte jede Menge vollgeschriebener Folien, die sie in Eile vorstellte. Etwas weniger Referatsatmosphäre verbreitete die Journalistin Christiane Link im Anschluss. Ihr Argument war ein ähnliches wie das von Guenther: Eine digitale Identität ist meist nicht etwas ganz anderes als die Identität, die mensch sonst so mit sich rumträgt, sondern eine Ergänzung dazu. Im besten Fallen baut das Subjekt sich seine digitale Identität im Laufe der Zeit auf. Es managed sie. Angst haben muss mensch vor dieser Entwicklung nicht zwangsläufig. Ich würde theoretisch da sicherlich anders rangehen (mehr französische Philosophie), aber mir gefällt, dass sich die Diskussion um Identität und Subjektivität in der digitalen Welt entspannt, weg von einem “Bleib bloß so anonym wie es nur geht, sonst kriegst du nie wieder einen Job!!”, hin zu einem bewusstem, alltäglichem Umgang mit dieser Seite des Lebens.

Re:publica 09: Der Mittwoch

Warum, so schießt es mir mitten in der Nacht durch den Kopf, wurde am ersten Tag der re:publica 2009 nicht ein Thema wie Netzzensur und das EU Telekom Paket diskutiert? Ein Thema, dass aktuell ist, die Anwesenden betrifft und interessiert und zu dem Expert_innen etwas zu sagen haben, dass das interessierte Publikum nicht schon seit Jahren in Blogs, auf Twitter, in Zeitungen und im Freundeskreis diskutiert.

Statt dessen war der erste Konferenztag geprägt von Diskussionen, die irgendwie keine waren, und Themen, die 2007 vielleicht noch jemanden hinter dem Ofen oder Laptop hervor gelockt hätten. Nach langweiliger Standort-Werbung von Petra Müller einer ganz guten Keynote von Johnny Häusler von Spreeblick und einem wirklich interessanten Vortrag von John Kelly, der in “Mapping The Global Blogosphere” die Forschungsarbeit von Morningside-Analytics vorgestellt hatte, ging es um “Blogs in Deutschland. Status Quo und Ausblick”. Stefan Niggemeier, Markus Beckedahl, Robert Basic und Sascha Pallenberg auf dem Podium redeten darüber, ob die deutschsprachige Blogosphäre zu langweilig ist, zu wenig content produziert wird, fragten sich, wo die Nachwuchsblogger (_innen?) sind, ob wir Presseausweise brauchen oder vielleicht einen Bloggerverband. Tessa hat aufgeschrieben, was es dazu zu sagen gibt.

Später ging es um die “Medien im Wandel”. Was gibt es dazu im Jahr 2009 eigentlich mehr zu sagen als “Joa, wandelt sich, es ist unverkennbar.”? Der Herr von Radio Fritz hatte eh keine Lust mehr auf Gerede über Medien, Der Freitag-Chefredakteur Jakob Augstein findet, dass die klassischen Medien von Bedeutung sind, weil sie Institutionen sind (das sind Blogs im streng soziologischen Sinne allerdings auch), die anderen redeten andere Sachen und Moderator Johnny Häusler merkte schnell, dass das da vorne gerade nicht besonders gut läuft und auch nicht interessant ist, dazu brauchte es die Kritik auf der Twitter/SMS-Wall im Hintergrund gar nicht. Ich fand es gut, dass er das Publikum dazu aufgefordert hat, sich schnell einzumischen.

Neben diesen beiden Panels gab es noch den Vorträge zu Hypmachine/Musikblogs (nicht gesehen), die von moot von 4chan, der unterhaltsam vortrug, aber mich inhaltlich nicht umhaute, und einen Panel mit Max Winde, Marco Kaiser und Cem Basman als Moderator über Mobiles Microblogging. Auch hier wurde mir mal wieder nicht ganz klar, was der Sinn der Übung ist. Das Twitter super ist und auch von unterwegs Spaß macht, wissen diejenigen, die es benutzen.

Merkwürdig, dass die Veranstalter_innen der re:publica 09 nicht mehr Mut hatten, am ersten Tag neue Themen zu setzen, aktuelle Themen aufzugreifen und RednerInnen zu finden, die eine Debatte anregen können, die die Konferenz über die nächsten Tage begleitet. Vielleicht haben sie den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen, vielleicht war das Programm am ersten Tag aber auch absichtlich so gestaltet, dass man nichts verpasst, wenn man erstmal in Ruhe ankommt und “Hallo” sagt, und bei dem die Presse bereits bekannte Themen aufgreifen und in “Blogger diskutieren in Berlin über Zukunft der Medien” Headlines verarbeiten kann. Ich hatte leider nicht das Gefühl, dass die Besucher_innen den ersten Tag besonders spannend fanden. Trotzdem bin ich extrem zuversichtlich, dass es heute Nachmittag in der Kalkscheune gut wird. Es ist ja nicht so, dass die deutschen Blogger_innen immer nur schlecht gelaunt sind und meckern. Bei “Deutschland sucht…” hatten wir spätestens bei den literal Videos auch viel Spaß.

Ada Lovelace Day: Wenn das mal so einfach wäre

Über The Electronic Monk bin ich auf den Ada Lovelace Day aufmerksam geworden. Ich finde sehr sympathisch, dass sich Martin über Sexismus Gedanken macht. Bei Bits und so hat er auch von der Aktion erzählt. Ich war gespannt auf seinen Beitrag zum #ALD09. Doch schreibt er leider nur, dass er viele Ideen hatte, sich jedoch dafür entschieden hat, über niemanden im Speziellen zu schreiben. Er finde es “creepy”, eine Person herauszupicken, weil sie eine Frau ist, und schließt mit den Worten:

In the end it comes down to a simple point I want to make: If you found something that you like, that you are passionate about, that is “you” – cling to it with all your strength and heart and against all conventions and disapproval. It will make you happy.

Aber ist das nicht gerade der Punkt? Wenn Frauen bzw. Mädchen mangels Rollenvorbilder und Anregungen durch Lehrer_innen oder andere Personen in ihrem Umfeld gar nicht auf die Idee kommen, dass die Beschäftigung mit Informatik und Technologie ihre persönliche Leidenschaft und Stärke sein könnte, wie sollen sie dann dabei bleiben, auch gegen alle Widerstände?

Ada Lovelace Day: Christiane Floyd

Ich habe Prof. Christiane Floyd einmal persönlich erlebt. Das war 2003 oder 2004. In einer Sitzung des Gemeinsamen Ausschusses Gender Studies an der Uni Hamburg wurde damals über die Aufgaben der beteiligten Fachbereiche verhandelt. Frau Floyd war als Vertreterin der Informatik dabei. Ich fand ihre Art sympatisch und habe mir ihren Namen gemerkt. Ein paar Jahre später fiel bei einem Gespräch mit Informatikstudent_innen auf einer Party ihr Name. Einer erzählte, dass Frau Floyd mit mehreren wichtigen Informatikern verheiratet gewesen sei.

Sympatisch und mit wichtigen Männern verheiratet? Der Ada Lovelace Day kommt mir gerade Recht, um mein Wissen über diese Frau endlich zu erweitern.

Die in Wien geborene Christiane Riedl studierte ab 1961 an der Universität Wien Informatik. Bei einem Studienaufenthalt in München hatte sie einen Ferienjob als Programmiererin bei Siemens, wo sie ab 1966 – nach ihrer Promotion zur Dr. phil in Wien – im Zentrallabor an der Entwicklung eines Algol-60-Compilers arbeitete. Sie ging 1968 für fünf Jahre in die USA und war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stanford University. Zurück in München war sie von 1973 bis 1977 Leiterin des Bereichs Methodenentwicklung bei Softlab und arbeitet mit Harald Wieler an der weltweit erste Entwicklungsumgebung Maestro I.

Christiane Floyd wurde die erste Informatikprofessorin im deutschsprachigen Raum. 1978 erhielt sie eine Professur an der TU Berlin, und ab 1991 war sie an der Universität Hamburg Leiterin der Fachgruppe Software-Technik (SWT) am Fachbereich Informatik. Sie ist 2008 erimitiert.

In ihren zahlreichen Veröffentlichungen beschäftigt sie sich mit so interessanten Themen wie den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Software Entwicklung, Konstruktivismus (“In software development, we construct the problem as well as the solution.”), Verantwortung und Ethik. Im Rahmen des STEPS Projekt wurde eine Methode zur Softwareentwicklung entwickelt, bei der die letztlichen Nutzer_innen einbezogen werden.

Floyd war mehrmals Dozentin bei der informatica Feminale in Bremen und an der Internationalen Frauenuniversität ifu beteiligt. Im Rahmen der ifu entstand der Band “Feminist Challenges in the Information Age“, den sie zusammen mit Govind Kelkar, Silvie Klein-Franke, Cheris Kramarae und Cirilia Limpangog bei Leske und Budrich herausgegeben hat.

Christiane Floyd ist also keineswegs nur die Ex-Frau von Pionieren der Informatik, sondern selbst eine Pionierin. Dass sich Informatik nicht auf die Arbeit mit Computern reduzieren lässt, scheint ein zentrales Thema bei Floyd zu sein, die einmal sagte: “Als Informatikerin bin ich damit befasst, Wechselwirkungen zwischen lebendigen Prozessen und trivialen Maschinen zu gestalten” (aus einem Tondokument Seminar Ethik & Informatik (1994), via beat.doebe.li).

Ada Lovelace Day?

Am 24. März schreiben Blogger_innen über faszinierende und bewundernswerte Frauen aus Technologie und Informatik. 1663 Leute haben sich bereit erklärt, an der Aktion teilzunehmen. Auf ada.pint.org.uk findet ihr eine Liste und eine Kartenvisualisierung aller Ada-Lovelace-Day Posts.

Wikileaks beim Küchenradio. What about Privacy?

Die Podcaster_innen vom Küchenradio feierten letzte Woche ihre 200. Folge. Zu Gast war Daniel Schmitt von Wikileaks, einem Projekt, das der Veröffentlichung von geheimen Informationen und Analysen dienen soll. Wikileaks bietet eine gut durchdachte, sichere Infrastruktur, die den Schutz der Informat_innen gewährleisten und Zensur verhindern soll. Dadurch können beispielsweise Ex-Sekten-Mitglieder, chinesische Dissidenten oder Insider bei bösen Chemiekonzernen Informationen verbreiten, die von der Presse aufgenommen werden können.

Im Küchenradio (ca. ab Minute 31:30) entspannte sich eine meiner Meinung nach extrem wichtige Diskussion über die Frage, ob ein Projekt wie Wikileaks dafür verantwortlich ist, ethische Kriterien zu entwickeln, nach denen entschieden wird, was veröffentlicht wird. Laut Daniel Schmitt überprüft das Team bei Wikileaks die eingereichten Dokumente darauf, ob sie zuvor schon veröffentlicht worden sind, und ob es sich um authentische Dokumente handelt. Die Dokumente sollen relevant sein, aber dies zu beurteilen obliegt den Informant_innen, die etwas bei Wikileaks hochladen.

Cindy vom Küchenradio fragte Daniel Schmitt, ob Wikileaks denn eine Liste von Mitgliedern eines schwulen Chatportals mitsamt Namen, Adresse und Angaben über Sexvorlieben veröffentlichen würde. Schmitt meinte, dass so ein Dokument, sofern es bisher unveröffentlicht und keine Fälschung ist, bei Wikileaks veröffentlicht werden würde. Das Recht auf Privatheit spielt offensichtlich keine Rolle, egal ob es sich um Mitglieder der British National Party, Leute, die ihr Geld auf den Cayman Islands angelegt haben, oder eben schwule Chatter handelt. Und es leuchtet ein: Ein internationales Projekt, an dem viele Leute dezentral mitarbeiten, würde sich schwer tun, Dokumente aus vielen verschiedenen Ländern nach ethischen oder politischen Kriterien zu beurteilen.

Ich habe für diesen Blogpost nicht eingehend recherchiert und meine Überlegungen basieren nur auf der Küchenradiofolge. Vielleicht gibt es bei Wikileaks Diskussionen darüber, aber auf die Schnelle habe ich zum Thema “Privacy” nichts Aussagekräftiges auf der Seite gefunden. Ich glaube, ein Projekt wie Wikileaks hat eine wichtige Aufgabe. Allerdings frage ich mich, ob die Tragweite dessen, was dort geschieht, allen beteiligten bewusst ist, oder ob die Begeisterung dafür, mit den eigenen technischen Kenntnissen einen wichtigen Beitrag leisten zu können, so groß ist, dass man die Schattenseiten und Gefahren übersieht oder auf die leichte Schulter nimmt. Die Idee, Informationen über das private Verhalten von irgendwelche Personen auf einer solchen Seite zu finden finde ich erschreckend, gerade weil es bestimmt jemanden gibt, der an diesen Informationen großes Interesse hat.

Rena Tangens beim FSKolleg

Heute Abend also kein Tatort, sondern Rena Tangens zu Datenschutz im Golden Pudel Salon, präsentiert vom FSK Kolleg. Leider habe ich mir nicht den geänderten Titel ihres Vortrages notiert, in dem neben vielen Einblicken in die Problematik Überwachung und Datensammlung vor allem um diskursive Strategien zur Verschärfung von Überwachung ging. Rena Tangens, die u.a. mit dem FoeBuD die Deutschen Big Brother Awards verleiht, zeigte hauptsächlich am Beispiel der Begründung von Kameraüberwachung im öffentlichen Raum, aber auch der Gesundheitskarte oder des Toll Collect LKW-Maut Systems, wie einzelne Kriminalfälle, Skandale und natürlich Terrorismus dazu genutzt werden, lange gehegte Vorhaben und Begehrlichkeiten zu legitimieren, und wie die meisten Medien dabei mitmachen. Legitimierungsstrategien sind beispielsweise Behauptungen wie

  • “Das was kommt ist im vergleich zu Sachen die nicht kommen (der Nacktscanner) harmlos.”
  • “Es wird nur ganz selten zum Einsatz kommen.”
  • “In einer Diktatur wäre das gefährlich, aber im Rechtsstaat sind wir alle vor Missbrauch geschützt.”
  • “In der Praxis wird das längst so gemacht und wir regeln jetzt nur eine rechtliche Grauzone.”

sowie natürlich das Diffamieren von Kritiker_innen als paranoide Bedenkenträger_innen. Das informationelle Selbstbestimmungsrecht wird dadurch immer weiter ausgehöhlt.

Auch in der Diskussion wurden viele spannende Fragen angeschnitten, wie z.B. die nach den Gründen für das Begehren, Überwachung im Namen der Sicherheit weiter auszuweiten und weniger Demokratie zu wagen. Nach einem, meiner Meinung nach etwas zu ausführlichen Exkurs zu Wolfgang Schäubles Psyche nannte Rena Tangens privatwirtschaftliches Profitinteresse und die Profilierungsmöglichkeiten für Politiker_innen als wichtige Motive hinter dieser Entwicklung. Auf die Frage danach, ob sich das Konzept von Privatheit zurzeit nicht grundsätzlich ändere, habe ich die Antwort von Tangens als ein “Nein, es fehlt nur an Aufklärung” verstanden. Das würde ich bezweifeln. Ein dritter erwähnenswerter Diskussionsbeitrag war der Verweis darauf, dass nicht nur – wie von Rena Tangens angemerkt – die Gefahr der Widerkehr von Diktaturen in Europa Anlass dafür sein sollte, sich kritisch mit der Sammlung von Daten zu beschäftigen, sondern dass die damit verbundene Normalisierung und Disziplinierung für die Aufrechterhaltung von Herrschaft in der heutigen Gesellschaft essenziell ist.

Datensammlungen auch von privatwirtschaftlicher Seite, zum Beispiel durch Rabatt-Karten, führen dazu, dass Wissen über Individuen und Gruppen gesammelt wird, und daraus Schlüsse auf das Verhalten dieser gezogen werden, die widerum die Handlungsfreiheit einschränken. Für alle, die sich dem bei dieser Veranstaltung ausgesprochenen Plädoyer nach Datenaskese anschließen und diese praktisch üben möchten, bietet sich am Dienstag, dem 24. Februar 2009 eine Gelegenheit. Dann sprechen ebenfalls im Golden Pudel Salon Constanze Kurz und Frank Rieger vom CCC über Möglichkeiten zur Identitätsverschleierung.

Datensicherheit im Pudel

Update: Hier gehts zur Nachberichterstattung zur Veranstaltung mit Rena Tangens.

Für diejenigen, die mehr über Datensicherheit, informationelle Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter und Identitätsverschleierung erfahren wollen, bieten sich in Hamburg demnächst zwei tolle Gelegenheiten. Rena Tangens, Frank Rieger und Constanze Kurz kommen am kommenden Sonntag und am Dienstag, den 24. Februar in den Golden Pudel Salon. Hier die Ankündigungen zu den beiden Veranstaltungen.

Rena Tangens:
Datensicherheit und informationelle Selbstbestimmung

Sonntag, 15. Februar, 20 Uhr
Golden Pudel Salon, St. Pauli Fischmarkt 27, Hamburg

Was bleibt vom Menschenrecht auf informationelle Selbstbestimmung, wenn eine Horde von Big Brothers uns auf allen Wegen durch Netz und Nachbarschaft über die Schulter sieht? Während gleichzeitig die Möglichkeiten und Versuche zunehmen, sich diese Daten gewinnbringend anzueignen? Rena Tangens gehört zu den PionierInnen der digitalen Kommunikation. Sie vereint in ihren Projekten Medienarbeit, Kunst und Politik in Theorie und Praxis. 1984 rief sie das Kunstprojekt Art d’Ameublement ins Leben, 1988 gründete sie die Haecksen mit, einen Zusammenschluss weiblicher Mitglieder des Chaos Computer Clubs. Ab 1989 arbeitete sie am Mailboxprogramm ZERBERUS und der BIONIC-MailBox mit. Sie ist Mitbegründerin und Vorsitzende des Bielefelder FoeBuD e. V., Kuratorin der monatlichen Kultur- und Technologie-Veranstaltungsreihe Public Domain und Mitorganisatorin der deutschen BigBrotherAwards, der einmal jährlich an die eifrigsten Datensammler und Überwachungsbefürworter vergeben wird.

Mit Rena Tangens eröffnet das Freie Sender Kolleg seine Vortragsreihe. Das Freie Sender Kolleg ist eine umfangreiche Veranstaltungsreihe mit Seminaren, Vorträgen und Workshops zur Diskussion und Vervielfältigung kritischer Radio- und Medienpraxis, veranstaltet vom FSK.

Do It Yourself: Identitätsverschleierung und Datensicherheit
Eine Veranstaltung mit Constanze Kurz und Frank Rieger

(Chaos Computer Club, CCC)

Welche Daten sind auf dem Chip im Reisepass gespeichert und was passiert, wenn der Pass in der Mikrowelle landet? Wie lässt sich die Datenspur im Internet verwischen? Und warum ist es in manchen
Situationen am besten, sein Handy wegzuwerfen?
Das Verschleudern von persönlichen Daten ist mittlerweile so normal, dass man sich nicht einmal mehr fragt, welche Räume man sich nimmt, wenn man die Türen offen lässt. Vom Online-Shopping bis zum Social Web, vom Zeitungsrätsel bis zum Abonnement, von der Gesundheitskarte bis zur Steuernummer – selten fühlt man sich bemüßigt, eingeforderte Daten oder deren Speicherung zu verweigern. Im Zweifel gewinnt der Rabatt gegen den Stress. Über diesen rasanten Verlust des Datensicherheitsbewusstseins freuen sich vor allem Wirtschaft und Regierung.
Am 24. Februar erklären Constanze Kurz und Frank Rieger vom CCC, wie Datensicherheit auch vergnügen bereiten kann. Denn Wissen bedeutet Selbstermächtigung: Wer eine E-Mail verschicken kann, kann sie auch verschlüsseln. Wer im Internet surfen kann, kann die Spuren auch anonymisieren. Wer ein Handy nutzt, sollte wissen, was ein IMSI-Catcher ist und wie die Polizei ihn bei Großdemonstrationen einsetzt.
Die Veranstaltung im Salon mit Elbblick informiert darüber, was mit den Daten passiert, welche Entscheidungen man treffen und wie man einfache Maßnahmen gegen die technische Überwachung ergreifen kann.

Datum: Dienstag, 24. Februar 2009, 20:00 Uhr
Ort: Golden Pudel Salon, Am St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg, 1. OG
Eintritt: 3,– Euro

Veranstaltet vom re[h]tro-frauentag bei FSK und dem Republikanischen Anwältinnen und Anwälteverein [RAV]