Category: Feminismus

Über “Wir Alphamädchen”


Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl, die zusammen auch bei der mädchenmannschaft bloggen, erklären in “Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das leben schöner macht”, warum Frauen Feministinnen sein sollten und wozu das überhaupt (noch) nötig ist. Für mich, die ich einige queer-feministische Genderseminare mehr auf dem Buckel habe, als es für das neue Gender-Kompetenz-Zertifikat meiner Uni nötig ist, gab das Buch zwar nicht viele neue Erkenntnisse her, war aber trotzdem eine interessante Lektüre, denn die öffentliche Diskussion über Feminismus wird in den letzten Wochen von vermeintlichen “Generationenkonflikt” zwischen dem “alten” Feminismus á la Alice Schwarzer und einem jungen Feminismus der “Alphamädchen” und “Neuen Deutschen Mädchen” bestimmt. Das wollte ich mir genauer ansehen.

Das Buch “Neue Deutsche Mädchen” von Elisabeth Reather und Jana Hensel habe ich aufgrund des wirklich abschreckenden Titels bisher noch nicht in die Hand genommen. Darum bezieht sich dieser Text auch nur auf das Alphamädchen-Buch, das – soviel vorweg – einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Autorinnen beschäftigen sich mit allerlei wichtigen Themen wie Sex, Verhütung und Abtreibung, das Frauenbild in den Medien, die Demographiedebatte, Erwerbsarbeit oder politische Partizipation. Stil und Sprache von “Wir Alphamädchen” sind verständlich, differenziert, Stellung beziehend und nicht pauschalisierend. Die Autorinnen sind Journalistinnen, und vermutlich gelingt es ihnen vor diesem Grund besser als den meisten akademischen Feministinnen, ihre Standpunkte zu vermitteln. Ich würde das Buch denjenigen empfehlen, die sich auf einer grundlegenden Ebene für Feminismus interessieren. Da es mit Verve und Wut geschrieben wurde, und ziemlich überzeugend ist, funktioniert es bestimmt als feministischer Appetizer, nicht nur für junge Frauen.

In der aktuellen Debatte, die sich über dieser und anderen Veröffentlochungen entzündet hat, wird “Wir Alphamädchen” meiner Meinung nach zu Recht vorgeworfen, Ausschlüsse zu machen. Diese gründen auf der Konzentration auf “Themen, die einen Großteil der jungen Frauen, die heute in Deutschland leben, betreffen”. Das die spezifischen Perspektiven von beispielsweise Lesben oder Migrantinnen nicht aufgenommen wurde, macht das erste Kapitel zumindest transparent. Trotzdem stößt die durchgängig verwendete Wir-Form auf, denn der Feminismus blickt auf einige Jahrzehnte der Auseinandersetzung und Reflexion des problematischen Versuches, Politik für “alle” Frauen zu machen, und diese unter einem gemeinsamen “wir” zu fassen. Ich finde, diese mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte macht eine solche Klarstellung zu Anfang eines Buches nicht wett. Stattdessen reproduziert die Selbstpositionierung zu Anfang des Buches eine problematische Trennung zwischen Theorie und Praxis, wenn Haaf/Klinger/Streidl schreiben

Keine von uns hat Genderwissenschaften studiert oder war in der links-alternativen Szene aktiv. Im feministischen Establisment wird man uns nicht kennen. Unser Feminismus ist aus dem Alltag entstanden und aus unsere journalistischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tendenzen und Debatten.

Leute, die aus den Gender Studies, der linken Szene oder dem feministischen Establisment kommen, haben auch Alltagserfahrungen, und dazu ganz häufig ein Wissen über die Geschichte feministischer Praxen und Diskussionen, und über die Komplexität von Geschlecht und Sexualität. Dieses Wissen macht das Schreiben und Nachdenken über Feminismus zugegeben manchmal etwas kompliziert. Ich will damit nicht sagen, dass die Autorinnen sich nicht mit diesen Dingen auseinandergesetzt hätten, oder gar ein solches Buch gar nicht hätten schreiben dürfen, aber etwas mehr Vielschichtigkeit, und etwas weniger “wir” hätte ich mir schon gewünscht.

Vielleicht ist es eine vermeintliche Mehrheit der jungen Frauen, mit dem sich “Wir Alphamädchen” beschäftigt. Das Buch ist an weißen, heterosexuellen, karriereorientierten Frauen ausgerichtet. Ines Kappert stellt in ihrem taz-Artikel über die Auseinandersetzungen zwischen Alice Schwarzer und jüngeren Feministinnen, zu denen auch die Alphamädchen-Autorinnen gehören, fest:

“Der blinde Fleck der “Alphamädchen” liegt in ihrem bestenfalls naiven Anspruch, Elite sein zu wollen. Er liegt in ihrem Mangel an Interesse, einen Begriff von Gesellschaft zu entwickeln, mithin über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken”

Ob das Buch dadurch neoliberal und elitär ist? Jedenfalls entspricht es dem zurzeit hegemonialen Feminismusverständnis. In erster Linie werden dabei die Gleichstellung von Männern und Frauen im Erwerbsleben sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Blick genommen. Das proklamierte “Wir” will das, was “die Männer” schon haben. Dabei wird die Lohnarbeitsgesellschaft in ihrer heutigen Form nicht hinterfragt, bzw. in einer familien- und frauenfreundlicheren Spielart gefordert.

Mich nervt darüber hinaus auch der ständige Versuch, Feminismus zu branden. Erst die “F-Klasse” von Thea Dorn, jetzt die “Alpha-Mädchen”. Bücher brauchen griffige, bestenfalls vermarktbare Titel. Aber muss es immer ein Schlagwort sein, das zugleich als Markenname eines vermeintlich neuen Feminismus herhalten soll? Und was impliziert es eigentlich, dabei einen Begriff zu verwenden, der Assoziationen zu hierarchischen Konzepten wie dem “Alphatier” aufruft? Wer sind die “Omega-Mädchen”? Vermutlich ist das mal wieder Augenzwinkernder gemeint, als es bei mir ankommt. Der Titel des Buches hat jedoch Unbehagen bei mir geweckt, und hätte ich nicht schon einige wohlwollende Rezensionen und nicht zuletzt den Blog der mädchenmannschaft gerne gelesen, hätte ich das Buch vermutlich nicht gekauft.

Trotz alledem ist es Autorinnen wie Haaf, Klinger und Streidl anzurechnen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Zeiten des so genannten “Frauen haben alles erreicht”–Postfeminismus jetzt erstmal vorbei zu sein scheinen. Die Diskussion über “alte” vs. “junge” Feminismen, zu der jetzt eine zweite Ebene von “akademischem” und “journalistischem” Feminismus zu treten scheint, verdient es jedoch, kritisch betrachtet und vor dem Hintergrund vielfältiger feministischen politischen Praxen gegengelesen zu werden. Dazu dann demnächst mehr an dieser Stelle.

Das Recht, das heteronormative

Das Bundesverfassungsgericht hat, wie die taz berichtet, die Klage eines verpartnerten Beamten abgeweisen, der keinen Verheiratetenzuschuss erhält. Ein solcher Zuschuss steht jeder/m verheirateten Beamten/in automatisch zu. “Für Beamte in einer eingetragenen Partnerschaft ist dies nur vorgesehen, wenn sie den Partner tatsächlich unterhalten müssen, weil ihm weniger als rund 600 Euro pro Monat zur Verfügung stehen”, so die taz. Durch das Urteil wird, wie urmila feststellt, deutlich, dass das BVerfG von der klassischen Versorgerehe ausgeht, bei der ein Partner für den Familienunterhalt zuständig ist, und der andere das betreuende Elternteil darstellt sowie die meisten anfallenden Arbeiten rund um das gemeinsame Heim verrichtet.

Das Urteil zeigt nicht nur, dass die eingetragene Lebenspartnerschaft weiterhin gegenüber der Ehe benachteiligt wird, sondern auch, dass die Institution der Ehe im Zusammenhang mit der Institution des Rechtes auf Prämissen beruht, die nicht von einer egalitären Arbeitsteilung in heterosexuellen Paarbeziehungen ausgeht. Sie gehört meiner Meinung nach abgeschafft, und wenn das zu utopisch ist, so sollten doch zumindest diese Versorgergeschichten raus aus der Sozial- und Steuergesetzgebung, sowie den verschiedenen anderen Bereichen, die davon betroffen sind.

Fünfte Feministische Werkstatt im Kölibri

Do, 5. Juni 2008, 19 – 21 Uhr

Feministische Werkstatt: Feminismen in Aktion

Feminismus ist wieder en vogue – doch was heißt das für konkrete politische Strategien, für Widerstandsformen, Aktionen und Protest? In der Werkstatt diskutieren wir mit unterschiedlichen politischen Gruppen (rapidas, Ragazza e.V., amnesty international for women und einer queeren Filmgruppe) darüber, inwiefern sie sich als feministisch verstehen, wie und warum sie sich auf den Begriff beziehen, was sie erreichen wollen und welche Angriffsziele sie haben. Besonders möchten wir uns über die unterschiedlichen Strategien, Widerstands- und Aktionsformen und die Erfahrungen damit austauschen.

Wo? Kölibri, Hein-Köllisch-Platz, St.Pauli
Alle Infos auch unter:
http://www.feministisches-institut.de/aktuelles.html

Sehr interessantes Thema! Nach den ganzen Alpha-Emma-Omega Diskussionen ist es Zeit, mal wieder zu schauen, was Feminist_innen eigentlich so machen.

Queer-Feministische-Tage 2008 in Wien

Im Spätsommer finden wieder die Queer-Feministischen-Tage statt. Vom 11. bis 14. September treffen sich queere-/feministische Aktivist_innen in Wien.

call for action! – Wien hat ihre queer-feministischen Tage!
11.-14. September 2008

Mach’s (dir) selbst:
Workshops, open stage, Verque(e)rungen, Spaß & Austausch, Lesungen, Filme, Antirassismus, queer-feministische Raumnahme, Ausstellungen, genderfuck, Vernetzung, Konzerte, Aktionismus, Diskussionen, Sexparty, Hirnwichserei, Interventionen, Aufräumen, Drag, Auflegerei, Handwerken & Basteln, Party, Schlafplätze, Kunst, dyke march, Volxküche, spoken-word-Performances, Subversion, Technix, (Straßen-) Theater,…

DIE Gelegenheit, das alles und noch viel mehr zu machen, hast du von 11.-14. September 2008 in Wien. Dort finden nämlich, wie auch schon in hamburg, freiburg, marburg und berlin die queer-feministischen Tage statt.

Wenn du Lust hast zum Programm beizutragen (mit Workshop, Konzert, Lesung,…) schreib eine Mail an qft{a}queerfemtagesind(dot)org. Es wäre toll wenn du uns erste Ideen bis Ende Mai mitteilen könntest.

Außerdem bist du herzlich eingeladen bei den offenen Vorbereitungsplena vorbeizuschauen! Termine findest du auf unserer Homepage: www.queerfemtagesind.org

Ich freue mich jedes Jahr darüber, die Ankündigung für diese Veranstaltung zu lesen, auch wenn ich in den letzten beiden Jahre nicht dabei sein konnte/wollte. Die Geschichte der Queer-Feministischen-Tage begann nämlich 2004 in Hamburg. Der Fachschaftsrat Gender und Queer Studies, dem ich damals angehörte, veranstaltete eine erste Bundesfachschaftstagung Gender Studies, zu der wir alle Gender Fachschaften des deutschsprachigen Raumes eingeladen hatten. Im nächsten Jahr fand ein weiteres Treffen in Freiburg statt. Dort war klar, dass sich die Veranstaltung in aktivistische Richtung bewegen würde, und es wurde ihr ein neuer Namen verpasst. Wer sich bei der Auseinandersetzung darüber, ob die Queer-Feministischen-Tage am Besten QuFeTa oder QuFTaTuft (???) abkürzen lassen, letztlich gewonnen hat, frag ich mich bis heute … Vielleicht habe ich ja dieses Jahr die Gelegenheit, mich vor Ort kundig zu machen.

Neben den Kontaktdaten im oben zitierten Call For Action gibt es auch eine Mailingliste, die seit ein paar Jahren besteht und über die Infos zu den Queer Feministischen Tagen und weitere interessante Sachen zu queer-feministischem Aktivismus und Wissenschaft verschickt werden. Abonniert werden kann diese Liste per Mail an QueerFeministischeTage-subscribe{at}yahoogroups.de

Neuer Frauenrat an der Uni Hamburg

Was ist da wieder los in Hamburg? Das teilautonome Frauenreferat des AStAs an der Uni wurde neu gewählt. Bisher war es üblich, dass sich alle, die auch aktiv werden wollten, der bestehenden Gruppe angeschlossen haben, und dass gemeinsam gearbeitet wurde. Dieses Mal gab es eine Gegenliste, die ohne Programm und inhaltliche Aussagen antrat, und gewählt wurde. Mehr dazu schreibt die taz: Weggeputschter Frauenrat kritisiert AStA

Das bisherige Frauenrat-Team, das LesBISchwulTranSM polymorph-perverse Referat und die Interessengemeinschaft behinderter und chronisch kranker Studierender schreibt in einem Flyer zu diesen Vorkommnissen:

In seiner ersten Sitzung beschloss der neu gewählte AStA den teilautonomen Referent_Innen das Stimmrecht auf seinen Sitzungen zu entziehen. Diesen Entschluss mussten sie allerdings auf Grund rechtlicher Probleme kurze Zeit später wieder zurücknehmen. Im Haushalt plant der AStA eine Kürzung unserer Gelder um über 20.000 Euro (ein Drittel der Mittel die uns derzeit zur Verfügung stehen). Gleichzeitig genehmigte der AStA-Vorstand sich und seinen Publikationen 19.000 Euro mehr. Im Gespräch machten die AStA- Mitglieder zudem deutlich, dass sie sich in die Arbeit der Teilautonomen einmischen wollen und Kritik an unserer Arbeit haben (welche wollten sie uns aber nicht verraten). Wir wollen aber unsere unabhängige Arbeit fortsetzen und uns nicht in ein Einheitsschema pressen lassen, wie es der AStA gerne hätte. Bei den Wahlen zum Frauenreferat am 24.4. kam es zu Unregelmäßigkeiten. Zwei Frauen unternahmen den Versuch das Referat zu übernehmen. Bei der Vorstellung war ihre einzige inhaltliche Aussage zu ihrer zukünftigen Arbeit, dass sie eine AStA-freundliche Politik anstreben würden. Hiermit gefährden sie Projekte wie die queer-feministische Hochschulwoche, die vom 9-13. Juni auf dem Campus stattfinden soll und unterschiedliche Veranstaltungen und Aktionen zu feministischen Themen anbieten will.

Für den 21. Mai 2008 wurde eine Vollversammlung aller teilautonomer Referate angekündigt, die um 14 Uhr in der T-Stube (Pferdestall, Allende-Platz 1) stattfindet.

Feministische Werkstatt: Grundeinkommen… und ein whine über den Diskurs

Nächsten Donnerstag findet wieder die Feministische Werkstatt im Kölibri statt. Thema dieses Mal ist ein absolutes Lieblingsthema von mir *räusper*: Das bedingungslose Grundeinkommen.

Das bedingungslose Grundeinkommen –
eine feministische Perspektive?!

Derzeit gewinnt die Forderung nach einem Grundeinkommen in der politischen Arena an Bedeutung. Allerdings ist auffallend, dass sich FeministInnen nur selten und zögerlich dazu äußern. In der Werkstatt geht es darum, aus feministischen Perspektiven eigene Positionen zu einem bedingungslosen existenzsichernden Grundeinkommen zu finden.
Gabriele Winker vom Feministischen Institut diskutiert gemeinsam mit VertreterInnen des Netzwerk Grundeinkommen die Frage, wie FeministInnen die Debatte für ein bedingungsloses Grundeinkommen erweitern und vertiefen können.

Wo? Kölibri, Hein-Köllisch-Platz, St.Pauli
Alle Infos auch unter:
http://www.feministisches-institut.de/aktuelles.html

Bei der Avanti-Veranstaltung zu Feminismus und Familienpolitik vor ein paar Wochen, die ansonsten sehr gut war, war das Grundeinkommen ja auch schon Thema. Es wurde ins Gespräch gebracht, als die Frage nach konkreten, emanzipatorischen Forderungen gestellt wurde, die in die Debatte um unbezahlte (Familien-)Arbeit eingebracht werden könnten. Aus dem Publikum wurde an dieser Stelle wie immer die berechtigte Frage gestellt, was die Bedingungen für den Bezug des bedingungslosen Grundeinkommen sein sollten: Staatsbürgerschaft oder Aufenthalt in Deutschland? Selbstverständlich, so die Verfechter_Innen der Grundeinkommensidee auf dem Podium, sollte es nicht an Staatsbürgerschaft gebunden sein. Daraufhin wurde die Frage gestellt, wie dieses Konzept in Hinblick auf Migration und die scharfen, mörderischen Kontrollen an europäischen Außengrenzen denkbar sei. Und an dieser Stelle gab es – wie so oft – einen Turn in der Argumentation der Befürworter_innen: Es ginge gar nicht um einen konkreten, realpolitischen Vorschlag. Niemand wolle das Grundeinkommen wirklich einführen, sondern es solle in erster Linie eine Perspektive darstellen, um einen Diskussion zu eröffnen, in der eben auch Nationalstaatlichkeit und vor allem der Arbeitsbegriff neu verhandelt werden könnten.

Also was jetzt? Konkrete Forderung oder Gedankenspiel? Das Grundeinkommen wird je nach dem, was gerade passt, entweder so oder so in die Diskussion gebracht. Über andere Interventionsmöglichkeiten oder alternative Konzepte wird dann kaum noch gesprochen. Denn was kann schon besser sein als die Vorstellung, den Kapitalismus von innen zu zerstören, in dem jede_r jeden Monat ein erquickliches Sümmchen erhält?! Das Grundeinkommen ist letztlich, wenn ich das mal so grob diskurstheoretisch ausdrücken darf, eine umfassende Forderung, durch die das Allgemeine repräsentiert werden soll. Dieses merkwürdige, unfassbare Ding, nach dem wir uns alle in einer Gesellschaft sehen. Deswegen gehen nach solchen Diskussionen immer viele Leute mit guter Laune zum Bier oder Wein über, und träumen von den guten Zeiten. Man steht nicht mehr ratlos dar, und hat ein wirklich nettes Ziel vor Augen. Verbleibende Widersprüche wurden weg-artikuliert.

Ich bin wirklich gespannt, ob es am Donnerstag anders laufen wird. Aber wenn ich ehrlich bin, ist meine Hoffnung klein.

Edit: Jetzt war ich am Ende gar nicht da.

Thresengespräch statt Stammtischparolen

Avanti – Projekt undogmatische Linke veranstaltet am kommenden Mittwoch, dem 12. März eine Diskussionveranstaltung zum Thema Schöner neuer Feminismus? Emanzipative oder neoliberale Familienpolitik? Für mich ist das ein Pflichttermin, den ich äußerst gerne wahrnehme.

Kaum zu glauben: Mit Ursula von der Leyen propagiert eine konservative Familienministerin, dass Männer »Mitverantwortung für die Familienarbeit« leisten und »Mütter den Zugang zum Arbeitsmarkt« erhalten sollen. Erleben wir den endgültigen Siegeszug der feministischen Bewegung?

Wohl kaum. Die politische Bühne vollzieht zur Zeit eher eine ökonomische Entwicklung nach, die
die Vorzeichen von Arbeitsteilung seit den 70er Jahren verschoben hat.

Der Familienlohn, der früher – zumindest für große Teile der Lohnabhängigen – die starke Stellung des patriachalen Ernährers manifestierte, ist zu teuer geworden. »Die Rolle des Alleinernährers […] bricht zunehmend weg« (von der Leyen).

Stetige Reallohnsenkungen und der Ab- und Umbau der staatlichen Sicherungssysteme haben längst den universellen Zwang einer/eines jeden, sich als LohnsarbeiterIn ausbeuten zu lassen, manifestiert. Das beste Beispiel dafür ist Hartz IV.

Doch an der Verteilung der Reproduktionsarbeit hat sich real wenig geändert. Für den überwiegenden Teil Frauen bedeutet der »Zugang zum Arbeitsmarkt« Doppelbelastung und prekäre Arbeitsplätze.

Allemal die Bessergestellten haben im Zuge ihrer Integration einen deutlichen Prestige-Gewinn erfahren und können nun ihre Reproduktionsaufgaben auf eine (oft Migrantische und unterbezahlte) HausarbeiterIn verlagern. Genau solche Frauen sind gemeint, wenn es um Elterngeld oder Kita-Plätze geht.

Während den Ärmeren und damit den meisten Alleinerziehenden die Hälfte der Bezugsdauer gestrichen wurde, können gut verdienende Eltern kräftig profitieren.

Umverteilung von unten nach oben. Denn: Die Eliten-Reproduktion ist in Gefahr. Weil der unverminderte Kinderreichtum der Sozialblocks durch unser Bildungssystem außen vor bleibt, müssen die Fachkräfte halt von den Fachkräften gezeugt werden.

Beim Tresengespräch wollen wir uns darüber unterhalten, wie die familienpolitische Debatte interpretiert und emanzipativ reagiert werden kann:

Welche Interessen werden bedient? Was ist das überhaupt, „Familie“? Warum kann von der Leyen ihre Positionen durchsetzen?

Welche Forderungen sind in Anbetracht der unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen von ReproduktionsarbeiterInnen formulierbar?

Es diskutieren: Hilde Hoherz (Historikerin), Jonas (Avanti)

12. März, 19.00 Uhr, Werkstatt 3 (Saal), Nernstweg 32, Hamburg-Altona; Eintritt frei

Geschlechterdifferenz, Gehirn, Mario Barth … und trotzdem keine Katastrophe

Es ist mal wieder Zeit für einen kurzen Kommentar zu Spiegel-Online. Der Print-Spiegel hat mich vergangene Woche schon zu einem Gang zum Zeitschriftenhändler verführt, und den Artikel über Kinderbetreuung habe ich ganz gerne gelesen. Die Kritik im Genderblog ist zwar berechtigt, aber die Aussage des Artikels klar und deutlich: Krippenbetreuung ist wünschenswert und sollte noch viel besser werden.

Online gab es heute einen Artikel über Frauen, Männer, und Gehirne, der Teil des Spiegel Specials “Das starke Geschlecht – Was Frauen erfolgreich macht” ist: “Das gewollte Klischee” von Rafaela von Bredo.

Überraschenderweise wird dieses Mal gar nicht die alte Geschichte der biologischen Differenz verbreitet, sie sich mal hormonell, mal genetisch und in letzter Zeit besonders gerne entwicklungsphysiologisch qua Gehirn manifestierte. Es geht darum, dass das Quatsch ist. Es gebe keine nennenswerten Forschungsergebnisse, die Unterschiede in Hinblick auf kognitive Leistung und Fähigkeiten zwischen dem Mann und der Frau begründet nachweisen. Von Bredo argumentiert überzeugend, dass wahrgenommene Verhaltensunterschiede sozial konstruiert und sozialisationsbedingt sind. Hört hört! Vom Spiegel war ich anderes gewohnt.

Beispielsweise werden in diesem Artikel “die Biologisten” mit John Money in Verbindung gebracht, während es in den Anti-Gender Artikel des Spiegels und anderer Medien immer wieder hieß, Judith Butler und ihre Anhänger aus dem Gender Mainstreaming-Lager (sic!), würden die Arbeiten des Psychologen als Beleg für ihre Thesen anbringen.

Im Übrigen: Ist es nicht eine gute Nachricht aus den Labors der Hirnforscher, dass vor allem soziale Prägung den Menschen zum Mann macht oder zur Frau? Wer ist schon gern fremdgesteuert? Gegen die Natur lässt sich schwerlich angehen, aber gegen Stereotype schon – der Weg wäre frei, die tatsächlichen Ursachen der zementierten Rollenverteilung der Geschlechter zu klären.

Ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Autorin sieht das aber leider anders und schließt ihren Artikel mit folgenden Sätzen:

Angst vor feministischer Gleichmacherei? Vor schwindender Lebenswürze? Keine Sorge: Noch lange werden sich Vertreter des einen Geschlechts dabei beobachten lassen, wie sie stumm einen ganzen Sonntagvormittag lang vom Sofa aus dröhnende Boliden im Kreis fahren sehen, während die anderen Dauergespräche über swarowskiglitzernde Handys führen, um die bedeutende Frage zu klären, warum ER nicht zurückgerufen hat?!

Daher werden auch Mario Barth oder die Literatur zur Geschlechterdichotomie nicht verschwinden, sondern weiterhin erklären wollen, warum Männer mit Porsches protzen und Spinnen töten, während Frauen in High Heels stöckeln und Cremes in Fältchen spachteln. Denn in einer Sache wird der Mensch sich wohl niemals losreißen wollen von der Leine seiner Hormone: bei allem, was ihn sexy macht.

Meine Vorstellung von “sexy” ist das nicht. Oder ist hat sie das jetzt ironisch gemeint?